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Niederlage und Stapelrecht


Handel treiben durften in der mittelalterlichen Gesellschaft nur die BĂŒrger der StĂ€dte und MĂ€rkte. „Im GĂ€u“, außerhalb der festgelegten MĂ€rkte, sollte der Handel streng verboten sein.
Zu diesen besonderen Rechten zĂ€hlte jenes der Niederlage im Sinne des „Niederlegens“ der Ware. Dies bedeutete, dass ein durchreisender Kaufmann seine mitgebrachte Ware auspacken und der BĂŒrgerschaft drei Tage lang zum Kauf anbieten musste. Erst dann konnte er weiter ziehen.

Rigoroser noch als das Niederlagsrecht, aber ebenso bequem war das Stapelrecht. Dieses Recht war jeweils gleichbedeutend mit dem Ende einer GeschĂ€ftsreise, denn der Kaufmann musste im Falle des Stapelrechtes die Ware Jahr und Tag liegen lassen, stapeln und auf einen Kaufmann aus der Gegenrichtung warten, der sie ĂŒbernehmen konnte.

Das Stapelrecht unterbrach den Warenverkehr zugunsten eines bĂŒrgerlichen Abnahmemonopols; das bedeutendste Beispiel im Donauraum stellt das 1221 fĂŒr Wien eingerichtete Niederlagsrecht dar, das der stĂ€dtischen Kaufmannschaft eine einzigartige wirtschaftliche Sonderstellung einrĂ€umte, die ihren Reichtum begrĂŒndete. In der Regel hatten jedoch Niederlagsprivilegien eine viel geringere Bedeutung. Niederlags- und Stapelrechte besaßen viele StĂ€dte: Freistadt erlangte 1277 das Stapelrecht fĂŒr alle nach Böhmen gehenden Waren, Steyr 1287 eines fĂŒr Eisen und Holz und Wels 1372 fĂŒr Holz. Manche Niederlagspatente sahen nur einen Übernachtungszwang oder einen Haltezwang in dem privilegierten Ort vor.

Niederlags- und Stapelrechte waren dann besonders erfolgreich, wenn die jeweils berechtigte Stadt nicht umgangen werden konnte. Was bei der Schiffahrt vorgegeben war, konnte bei Landstraßen bisweilen nur schwer durchgesetzt werden. Um den Straßenzwang und die Etablierung einer Bannmeile, das heißt die Unterbindung von Handel und Gewerbe in einem bestimmten Umkreis um die Stadt, was etwa Aschbach vor 1230, Enns 1244 oder Linz 1362 gewĂ€hrt wurde, kam es daher zu besonders langwierigen Auseinandersetzungen.

Die Handelsvorrechte der StadtbĂŒrger kamen in mehrfacher Hinsicht zum Ausdruck: Nur BĂŒrgern sollte es erlaubt sein, mit Waren innerhalb und außerhalb des Landes Handel zu treiben. Die in das Land kommenden fremden HĂ€ndler, als GĂ€ste bezeichnet, durften nur in den StĂ€dten kaufen und verkaufen und nur mit bĂŒrgerlicher Vermittlung untereinander Handel treiben. Schließlich sollten alle auf dem Lande produzierten und nicht zum Selbstverbrauch bestimmten Waren auf die stĂ€dtischen MĂ€rkte gebracht werden. Auf dem Land durfte der Handel lediglich auf befreiten JahrmĂ€rkten und Kirchtagen vorĂŒbergehend ausgeĂŒbt werden. Der direkte Einkauf beim lĂ€ndlichen Produzenten, der „FĂŒrkauf“, und der „GĂ€uhandel“, der Handel außerhalb der bezeichneten MĂ€rkte im sogenannten „GĂ€u“, waren weder dem inlĂ€ndischen Verbraucher noch dem in- und auslĂ€ndischen HĂ€ndler erlaubt.

FĂŒrkaufs- und GĂ€uhandelsverbote, das heißt, die Verbote des Handels außerhalb der privilegierten MĂ€rkte und Markttage, waren Teil der vielfĂ€ltigen Maßnahmen zum Schutz des bĂŒrgerlichen Erwerbs und standen in einem engen Konnex mit Bannmeilen, innerhalb derer nur die BĂŒrger das Recht zum Betreiben von Handel und Gewerbe oder zum Ausschank von Wein und Bier besaßen. Die StĂ€dte und MĂ€rkte konnten aber die fĂŒr sie so vorteilhaften Bannmeilenrechte gegen die Grundherren, Bauern und Gewerbetreibenden des Umlands nie in vollem Umfang durchsetzen. Aus den FĂŒrkaufsverboten und Bannmeilen, die in der nĂ€heren Umgebung und im Einzugsbereich der Bergbaudistrikte besonders frĂŒh und besonders strikt ausgesprochen und kontrolliert wurden, um Teuerungen in diesen sensiblen Bereichen zu verhindern, entwickelte sich seit Friedrich III. das System der Proviantordnungen und Widmungsbezirke.


Kurzfassung (2007) aus: Sandgruber/Katzinger/Pisecky/Kerschbaummayr: Der Handel in Oberösterreich. Tradition und Zukunft. Linz 2002.

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