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Die Zukunft des Handels


Neue Vertriebsformen, neue Kommunikationssysteme und der internationale Wettbewerb stellen f√ľr den Handel enorme Herausforderungen dar, die durch unternehmerische Leistung und Entwicklung neuer Strategien bew√§ltigt werden m√ľssen.

Die Konzentration im Handel wird weiter fortschreiten, einerseits, weil die Konsumenten eine immer gr√∂√üere Auswahl wollen und die Warenf√ľlle zunimmt, andererseits, weil immer mehr Kapital in den Handel dr√§ngt.

Der Verkehr pr√§gt den Handel: Es hei√üt noch immer ‚Äěeinkaufen gehen‚Äú. Aber das moderne Verkehrswesen hat den Handel so ver√§ndert, dass man vom ‚ÄěEinkaufenfahren‚Äú sprechen muss. Fachm√§rkte sind das dynamischste Element in der Einzelhandelsszene, sowohl in daf√ľr geplanten und bestehenden Einkaufszentren, den Fachmarktzentren, als auch als Leitbetriebe von einkaufszentren- und gesch√§ftsstra√üenartigen Agglomerationen.

Die Bedeutung der Stadtr√§nder als Standorte des Handels wird noch weiter zunehmen, dies als Folge der Konzentration und der immer gr√∂√üer werdenden Anspr√ľche an die Verkaufsfl√§chen, aber auch der Standortkosten in den zentralen Lagen, der Verkehrssysteme und insbesondere der Parkprobleme.

Die Folge ist eine sich noch weiter steigernde Umstrukturierung der Standorte, die sich einerseits in der Erschließung neuer Standorte im städtischen Außenbereich, andererseits in der Reorganisation der Standorte im Innenbereich der Siedlungen, insbesondere der Städte, und der damit verbundenen Nahversorgung äußert.

Die Probleme der Nahversorger, nicht nur des Lebensmittel- und Gemischtwarenhandels, sondern auch der Poststellen, der kleinen Bankfilialen und anderer Dienstleister wird zu neuen Kombinationen f√ľhren: Tankstellen-Shops, verbunden mit Lebensmittelhandel, Tabaktrafiken, Postamts- und Bankdienstleistungen k√∂nnen zu neuen Zentren der Nahversorgung werden. Die Nahversorger werden durch ‚ÄěMultifunktionalit√§t‚Äú wieder Aufwind bekommen, indem sich die Fixkosten auf mehrere Bereiche der Nahversorgung und der Dienstleistungen verteilen und die Bev√∂lkerung weiterhin fl√§chendeckend versorgt werden kann.

Die Direktvermarktung, die immer eine gewisse Bedeutung hatte, wird durch das Internet weiter erleichtert. Der Direktvertrieb profitiert von den neuen Kommunikationsm√∂glichkeiten und macht sich neue Techniken der Verkaufsf√∂rderung zunutze. Mag sein, dass damit in manchen Bereichen, wo die Ware (wie etwa im Buchhandel) sehr standardisiert ist oder das Produkt (wie bei Automobilen) bereits jetzt auf Bestellung produziert wird, der traditionelle Handel mehr und mehr unterlaufen wird und neue Funktionen hinzunehmen muss. Das Ausw√§hlen und Bestellen √ľber den Computer wird in bestimmten Segmenten des Handels den bisherigen Gesch√§ftsverkehr teilweise ersetzen. Im Gro√ühandel und im Verkehr mit den Lieferanten wird die elektronische Kommunikation und Abwicklung zweifellos zu gewaltigen Umstrukturierungen f√ľhren. Im Bankwesen, im Handel mit Informationen und im Reiseb√ľrogesch√§ft werden sich zahlreiche Vermittlungst√§tigkeiten er√ľbrigen. In allen Branchen wirkt das Internet wie ein √ľberdimensionierter Versandhauskatalog, mit dem Vorteil, dass er viel umfassender ist und viel leichter aktualisierbar ist.

Im Bereich der Lebensmittel wird vermehrt der direkte Bezug beim Produzenten oder zumindest die genaue Herkunftsangabe der Ware zu einem Siegel f√ľr naturnahe Versorgung werden. Dennoch kann der Handel als Vermittler kaum ersetzt werden und wird der Direktbezug ein Nischenprodukt bleiben.

Der Direktvertrieb wird aber auch in anderer Beziehung weiter steigen: Immer mehr Hausfrauen, aber auch andere Berufsgruppen werden zu Verk√§ufern, welche Produkte durch direkte Ansprache von Freunden und Bekannten, meist auf speziellen Parties und in Produkt-Promotions, an den Konsumenten bringen. Dies geschieht vermehrt ohne Schaur√§ume, ohne gr√∂√üere Lager oder fixe Standorte f√ľr Verk√§ufe.

F√ľr viele Markenartikel suchen sich die Produzenten mit Factory Outlets eine neue Vertriebsschiene zu schaffen, wo sie am Handelsgewinn teilhaben k√∂nnen. In Wirklichkeit vermischen sich hier Produktion und Handel bzw. werden viele Produzenten zu H√§ndlern, die wesentliche Bestandteile ihrer Produkte zukaufen und fremd produzieren lassen.

Durch die zunehmende Globalisierung und Reisetätigkeit gewinnt der Touristenimport bzw. auch der Direktimport aus dem Ausland immer mehr an Bedeutung.

Einerseits werden die Konsumenten immer weitere Wege in gro√üe Einkaufszentren in Kauf nehmen wollen und m√ľssen. Andererseits er√∂ffnet das allerdings neue Chancen und Bed√ľrfnisse f√ľr Nahversorgung und Hauszustellung (Einkaufsk√∂rbe, K√ľhlschr√§nke, die von au√üen regelm√§√üig aufgef√ľllt werden k√∂nnen ...).

Dem Verkauf √ľber Automaten mit √ľberdimensionalen, an verkehrsreichen Pl√§tzen aufgestellten Ger√§ten, die Bargeld wechseln und Karten akzeptieren, und mit Robotern, die aus riesigen Hochregallagern die ganze F√ľlle der Warenwelt selbstt√§tig bereitstellen k√∂nnen, werden auf die Konsumenten zukommen. Der elektronische Butler, der die Haushaltsarbeit √ľbernimmt, kann auch das Einkaufen automatisieren. Das multimediale Fernsehger√§t wird das Teleshopping genauso wie den Museumsbesuch zu einem virtuellen Erlebnis machen.

Zukunftsszenarien, die dem Handel angesichts zunehmender Möglichkeiten des e-Business eine abnehmende oder zunehmend nur mehr virtuelle Bedeutung vorhersagen oder den Menschen weitgehend aus dem Tauschvorgang verbannen und durch Roboter ersetzen, werden sich in nächster Zeit aber kaum bewahrheiten.

Der Trend geht zwar dahin, dass der Konsument sehr viel mehr T√§tigkeiten der Verteilung selbst erledigt: Selbstbedienung, Selbstabholung, Selbstberatung etc. Andererseits will der Konsument auch immer mehr Erlebnis: das Einkaufserlebnis, seine Verbindung mit Essensm√∂glichkeiten, mit ganzen Ess- und Gourmetstra√üen, mit Unterhaltungsangeboten f√ľr Kinder und Erwachsene, vom Ringelspiel bis zur Hochschaubahn, mit Kinos, Tanzlokalen und Museen und Ausstellungsangeboten.

Dass der Handel der menschenbezogenste Bereich des Wirtschaftslebens ist, das Verhandeln und Aushandeln zwischen gleichberechtigten und aktiven Partnern den Wesenszug darstellt, mit dem damit verbundenen Erlebnis- und Kommunikationswert, sichert dem Handel auch f√ľr die Zukunft seinen Stellenwert.

Gefahren f√ľr die Zukunft liegen aber darin, dass durch die Globalisierung die Vielfalt der Handelslandschaft immer mehr eingegrenzt wird. Die St√§dte werden ‚Äď wie heute schon in den USA feststellbar ‚Äď immer mehr ein uniformiertes Angebot bieten durch ein gro√ües Ausma√ü von Filialisten oder Franchise-Betrieben. Frische Produkte werden auf der einen Seite vermehrt angeboten werden, andererseits ist gerade auf dem Molkereiproduktesektor zu bef√ľrchten, dass Frischprodukte immer mehr durch industrielle Haltbarartikel ersetzt werden. Dies k√∂nnte aber wiederum eine Chance f√ľr die Urproduktion, das hei√üt f√ľr die Bauern, sein, ihre Erzeugnisse direkt an den Konsumenten zu bringen.


Kurzfassung (2007) aus: Sandgruber/Katzinger/Pisecky/Kerschbaummayr: Der Handel in Oberösterreich. Tradition und Zukunft. Linz 2002.

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