Forum OÖ Geschichte

Bewirtschaftung


Drei Tage vor Kriegsbeginn wurde die EinfĂŒhrung der Bezugsscheinpflicht fĂŒr lebenswichtige Nahrungsmittel bekannt gemacht. Eine Reihe von VerbrauchsgĂŒtern wie Fleisch, Milch, Zucker, aber auch Seife, Textilien oder Kohlen waren nur mehr mit sogenannten „Reichskarten“ erhĂ€ltlich. Die bereits von langer Hand vorbereiteten Lebensmittel- und Kleiderkarten wurden sofort zur Ausgabe gebracht. Die Kaufleute wurden aufgefordert, Bestandsaufnahmen vorzunehmen und Kundenlisten anzulegen. Aus den Kaufleuten wurden BĂŒrokraten: Das laufend komplizierter werdende Marken- und Bezugsscheinwesen, das Anlegen der langen Listen, das AusfĂŒllen der zahlreichen AntrĂ€ge um Kontingente, die zeitraubende Abrechnung, das Einkleben der Marken in die Kontrollbögen, die unzĂ€hligen Arten von Bezugsscheinen, der Kampf um die Ware ... ganz abgesehen von dem aufreibenden Verkehr mit den unzufriedenen Kunden, deren WĂŒnsche nur ganz unzureichend gedeckt werden konnten, das alles bedeutete eine Unmenge neuer Arbeit, die nach dem EinrĂŒcken der wehrfĂ€higen MĂ€nner fast ausschließlich von den Frauen bewĂ€ltigt werden musste.

Im Einzelnen funktionierte das System folgendermaßen: Der BĂŒrger begab sich in das zustĂ€ndige Gemeindeamt, um sich dort seine Lebensmittelkarte, seine Karte fĂŒr Textilien, fĂŒr Eisenwaren oder Treibstoffe mit den entsprechenden Punkten zu holen. In den Zeitungen oder im Rundfunk wurden die einzelnen Punkte dann „aufgerufen“, d. h. es wurde bekannt gegeben, welche Waren es fĂŒr die Punkte oder Marken konkret zu kaufen gab, etwa 1/4 kg Butter fĂŒr 10 Fettpunkte oder 1 m BettwĂ€schestoff fĂŒr 10 Textilpunkte. Die Punkte waren die Berechtigung, die Ware zu kaufen.

SelbstverstĂ€ndlich mussten die gekauften Waren bezahlt werden. Das Geld war aber das kleinere Problem, denn davon hatten die Leute im Grunde genug oder zuviel, da es viel zu wenig Waren gab und die Kaufleute die Nachfrage der Konsumenten keineswegs decken konnten. Die Kunden waren beim Einkaufen nicht an bestimmte GeschĂ€fte gebunden. Die Abschnitte und Marken wurden vom Kaufmann gesammelt und gebĂŒndelt oder mit Mehlkleister auf alte Zeitungen aufgeklebt. DafĂŒr brauchte man oft bis zu zwei Stunden pro Tag. Entsprechend diesen Zusammenstellungen bekam der Kaufmann einen Bezugsschein, mit dem er bei seinem Lieferanten wieder neue Waren kaufen konnte.


Kurzfassung (2007) aus: Sandgruber/Katzinger/Pisecky/Kerschbaummayr: Der Handel in Oberösterreich. Tradition und Zukunft. Linz 2002.

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