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Der Venedigerhandel


Kaufleute aus Linz, Enns, Steyr und Wels sowie aus Wien, Wiener Neustadt, Ybbs, Judenburg und den kärntnerischen Städten Friesach und Villach trieben in Venedig Handel.
Gehandelt und transportiert wurde vielerlei: Den traditionellen Massengütern, unter denen neben Salz, Eisen, Wein, Getreide, Schmalz, Häuten, Honig, Wachs, Tuchen und Leinwand auch Holz und Vieh anzuführen sind, stand eine Gruppe von wertvollen Luxusgütern gegenüber, die in der Regel unter der Bezeichnung „Venediger Waren“ zusammengefasst erscheinen: Griechenweine, Olivenöl, Südfrüchte, Zucker, Safran, Rosinen, Pfeffer, Ingwer, Muskat, Zimt, Galgant, Gewürznelken, Weihrauch und verschiedene Farbstoffe, Baumwolle, Seidenstoffe, Glas, Seife. Zum Teil wurden diese Waren in Venedig selbst hergestellt, zum Teil über Venedig aus dem Orient importiert.

Im 12. Jahrhundert, als Wien immer wichtiger wurde, verlor die Pyhrnroute an Bedeutung. Ein neuerlicher Aufschwung des als „Venedigerhandel“ bekannten Fernhandels über Oberösterreich nach Italien folgte im 13. und vor allem frühen 14. Jahrhundert. Das Aufblühen der Wirtschaft Böhmens zusammen mit Straßenprojekten Karls IV., die Prag über Oberösterreich eine bessere Anbindung an Italien verschaffen sollten, wurde für Wien zu einer so ernsthaften Konkurrenz, dass 1351 Herzog Albrecht II. über Betreiben der Stadt Wien die Erlaubnis zum Handel mit Italienwaren auf der Tauern-Pyhrn-Straße auf die fünf landesfürstlichen Städte des Landes ob der Enns einschränkte. Nach der Mitte des 14. Jahrhunderts ging die Bedeutung der Handelstätigkeit über den Pyhrnpass rasch zurück.

Die wahren Herren der Eisenwurzen waren die Handelsleute, lag doch das wirkliche Geschäft, früher noch viel mehr als heute, nicht in der Produktion, sondern in dem durch Privilegien abgesicherten Handel. Handel treiben durften einst nur die Bürger der Städte und Märkte. Einzelne Städte wie Steyr oder Leoben waren zusätzlich durch spezifische Privilegien aus der Gesamtheit der bürgerlichen Orte herausgehoben. Die Händler waren es, die nicht nur die weitreichenden geschäftlichen und familiären Verbindungen, sondern auch das Geld hatten, etwas vom Glanz der weiten Welt in die engen Täler der Eisenwurzen zu bringen. Sie kamen selbst viel herum, zogen aber auch immer wieder Gäste an, nicht nur Geschäftspartner und Kapitalisten, sondern auch Regenten, Höflinge und Würdenträger und natürlich bildende Künstler, Literaten, Musiker und Wissenschafter.

Die Möglichkeiten, Handel zu treiben, ergaben sich einerseits aus der Verkehrslage. Die Wege vom Erzberg zur Donau waren zahlreich: über Steyr durch das Ennstal, über Waidhofen durch das Ybbstal und über Scheibbs durch das Erlauftal, eventuell auch weiter westlich über den Pyhrn nach Windischgarsten und über Kirchdorf durch das Kremstal ins Alpenvorland. Nach Süden beherrschten Trofaiach und Leoben die Zugänge zum Erzberg, in weiterer Entfernung Judenburg und Bruck.

Das meiste Geld ließ sich im „Venedigerhandel“ machen, dem Handel mit den begehrten Waren des Orients und des Mittelmeerraums, die über Vermittlung Venedigs nach Mittel- und Nordeuropa gelangten. Dem Pyhrnpass kam seit dem Frühmittelalter eine wichtige Rolle in diesem Italienhandel zu. Vor allem war es Steyr, das vom Venedigerhandel profitierte. Steyr hatte zusammen mit den anderen landesfürstlichen Städten Oberösterreichs das Privileg für den Handel mit Italienwaren auf der Tauern-Pyhrn-Straße. Die Steyrer benutzten aber auch den Weg durch das Ennstal bis Altenmarkt und von dort über den Buchauer Sattel zur Umgehung des Gesäuses nach Admont oder überhaupt über den Präbichl. Bereits 1372 ist auch die Anwesenheit von Waidhofener Kaufleuten in Venedig belegt, neben Augsburger, Nürnberger und Ulmer Kaufleuten, als „illustri et ricchi messere e mercanti di Vidhofenia in Austria“.

Den Steyrer Eisenhändlern standen am Canale Grande im Fondaco dei Tedeschi eigene Räume („Kammern“) zur Abwicklung der Handelsgeschäfte zur Verfügung. Sie saßen dort an der Schwabentafel und hatten eine sehr angesehene Stellung. „Sonderlich aber hat“, so bemerkte schon der Steyrer Geschichtsschreiber Valentin Preuenhuber zu Anfang des 17. Jahrhunderts, „die Venedigische Kaufmannschaft viel Gelds und Reichtum den Steyerischen Bürgern vor Jahren zu- und eingetragen“.

Importiert wurden aus Venedig Luxusgüter wie Samt, Seide, Goldbrokat, Baumwolle, Elfenbein, Perlen und Korallen, Mittelmeerprodukte wie Öl, Süßwein, Feigen, Mandeln, Weinbeeren, Johannesbrot, Maroni, Oliven, Zitronen, Orangen und Zucker, orientalische Gewürze, Pfeffer, Ingwer, Gewürznelken, Zimt, Muskat und Kardamom und venezianische Industrieerzeugnisse wie Bücher, Seife, Alaun, Theriak, Brillen, Glas und Spiegel. Im Gegenzug lieferten die Steyrer Messer und andere Eisenwaren, aber auch Leinwand, Wachs und Quecksilber. Das 1587 in Nürnberg gedruckte Rechenbuch des Schulmeisters Kaspar Thierfelder, der von 1567 bis 1594 in Steyr tätig war, bringt verschiedene Kalkulationsbeispiele für den Handel Steyr–Venedig.


Kurzfassung (2007) aus: Sandgruber/Katzinger/Pisecky/Kerschbaummayr: Der Handel in Oberösterreich. Tradition und Zukunft. Linz 2002.

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