Forum O√Ė Geschichte

Mobiler Handel: Hausierer, Wanderhandel, Marktgeherinnen


Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren neben den st√§dtischen Handelsleuten die Hausier- und Wanderh√§ndler die Pioniere der Konsum- und Informationsgesellschaft: Genussmittel, Textilien, Metallwaren, Tabak, Branntwein, popul√§re Lesestoffe, Kalender, Hinterglasbilder und √Ėldrucke, aber auch billige Brillen, dubiose Drogen und volksmedizinische Pharmazeutika wurden von wandernden H√§ndlern verbreitet und vertrieben.

Hausierer
Die Hausierer hatten in der Regel eine feste Route, die sie in regelm√§√üigen Intervallen bereisten. Obwohl ein Fremder, konnte der Hausierer so zum Vertrauten werden, der seine Kunden nicht nur mit Konsumg√ľtern, sondern auch mit Informationen, Ratschl√§gen und manchmal sogar mit Heiratspartnern versorgte. Es ergaben sich recht stabile Kundenbeziehungen und damit auch eine entsprechende Qualit√§tssicherung. Auch der Hausierer hatte einen Ruf zu verlieren.

Gegen√ľber dem sesshaften Kleinhandel besa√ü der Wanderhandel zwei Vorteile: erstens ersparte er der Kundschaft Wege und erm√∂glichte ihr, trotz wenig Freizeit und langer Wegzeiten in die zentralen Orte zu Waren zu kommen. Weil der Wanderhandel zweitens gezwungen war sein Sortiment gering zu halten, ergab sich von selbst ein schneller Umschlag der mitgef√ľhrten Waren. Damit waren nicht nur die Kosten der Lagerhaltung niedrig, sondern konnte der Wanderhandel auf neue Produkte rasch reagieren und sie auch rasch verbreiten.

Neben ethnischen Minderheiten wie Juden, Armeniern und Zigeunern bet√§tigten sich im Wanderhandel vor allem Leute aus landwirtschaftlich marginalisierten Regionen: die Zillertaler, Defreggentaler, Gr√∂dnertaler, Gottscheer, Kroaten, Bosniaken oder auch die Leute aus dem M√ľhlviertler Ort Sandl, die Sandler, die mit ihren in Serie gefertigten Hinterglasbildern den gesamten Bereich der Habsburgermonarchie durchzogen, von Tirol bis Siebenb√ľrgen und von Kroatien bis Nordb√∂hmen.

Marktgeherinnen
Marktgeherinnen aus dem Eferdinger Becken und der sonstigen Umgebung, aus Wilhering und Leonding, Altenberg, Katzbach und Steyregg kamen mit vollen Milchkannen, mit K√∂rben voll Gem√ľse, Kirschen und Zwetschken oder mit einem gro√üen Eierkorb, oft auch mit allerlei Gefl√ľgel, Most, Kraut und Blumen; das kleine W√§gelchen zog ein Hund, und wenn das nicht reichte, auch die Marktgeherin selber.

Noch um die Jahrhundertwende wurden in der Nähe von Linz etwa 70 Prozent der Milcherzeugung direkt vermarktet:
‚ÄěNoch zu nachtschlafener Zeit ging es von daheim fort zu all den Milchkundschaften in der Stadt, in dieser oder jener Gasse, treppauf, treppab, zwei Liter im dritten Stock da und drei Liter im Parterre dort [...] Auf meinem Wagen lagen meist auch noch die kleineren und gr√∂√üeren Mostf√§sser, standen die √ľbervollen Apfelk√∂rbe und waren manchmal meterdick die Krauth√§upl geschichtet‚Äú, erz√§hlt M. Kirchmayr, der alte Niedermayr in Jetzing bei Leonding.

‚ÄěEtwas nicht angebracht und unverkauft nach Hause bringen zu m√ľssen, war gegen die Ehre einer rechten Marktgeherin und war schlimmer als alles Fu√üweh und alle Dem√ľtigung.‚Äú
Leer allerdings ging man nicht nach Hause. Es gab immer etwas aus der Stadt mitzunehmen: Zucker, Malzkaffee, Gew√ľrze, Salz, Zwirn, N√§gel, manchmal auch einen wei√üen Viererwecken oder ein paar Semmeln.

Die letzten Marktgeherinnen, die, unterst√ľtzt von einem unerm√ľdlichen Zughund, die Erzeugnisse ihres Bauernhofes auf einem kleinen, besonders gebauten vierr√§drigen Wagen mit doppelter H√∂rnerdeichsel, auf den Markt brachten, verschwanden erst nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Linzer Stra√üenbild.

Mobiler Handel
Die Multinationalit√§t der Habsburgermonarchie spiegelte sich in den Stra√üen von Linz: Bosniaken in ihren farbenfrohen Nationaltrachten und ‚ÄěGottscheberer‚Äú aus der damals noch existenten deutschen Sprachinsel Gottschee stellten ihre Sch√§tze in gro√üen K√∂rben oder vor die Brust gebundenen Tragbrettern als wandernde L√§den zur Schau: Feigen, Datteln, Sardinen, Orangen, Schokolade, Zuckerln und andere s√ľdl√§ndische K√∂stlichkeiten lockten. Hadern- und Fetzensammler gingen von T√ľr zu T√ľr und √ľbernahmen alles, was irgendwie verwertbar schien: Altkleider, Papier, Flaschen, Metall, Knochen und sonstiger Abf√§lle. Die Lavendelverk√§uferinnen sa√üen an den Stra√üenecken. Von weitem h√∂rte man den Sprechgesang, mit dem sie ihre Waren anpriesen.

Noch wichtiger als in der Stadt war die Rolle der Bandelkramer, Gr√∂dnertaler, Oberkrainer, Zillertaler, Defreggentaler und sonstigen Hausierer auf dem Land. Sie verkauften Kaffee, Tee, Tabak, Rohrzucker, Gew√ľrze, Textilien, Kalender, billige √Ėldrucke, Holzspielzeuge, Holzwerkzeug, Siebe, K√∂rbe und sonstiges N√ľtzliches wie Unn√ľtzes. Mit ihren Kraxen zogen sie von Haus zu Haus. Die Bauern unterhielten sich mit ihnen nicht ungern, und dies scheinbar umso besser, je weniger diese der deutschen Sprache m√§chtig waren.


Kurzfassung (2007) aus: Sandgruber/Katzinger/Pisecky/Kerschbaummayr: Der Handel in Oberösterreich. Tradition und Zukunft. Linz 2002.

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