Forum OÖ Geschichte

NS-Gewaltherrschaft


Der Druck der Ereignisse im MĂ€rz 1938 ĂŒberrollte die geschockte KirchenfĂŒhrung. Als Hitler die nicht mehr mehrheitlich legitimierte österreichische Kabinettspolitik durch die „Politik der Straße“ in wenigen Tagen und Stunden 1938 stĂŒrzen konnte, war der inzwischen alternde Bischof Gföllner persönlich zutiefst erschĂŒttert. Auf die sofort einsetzenden restriktiven Maßnahmen des NS-Regimes vermochte er, innerlich gebrochen, nur mehr schablonenhaft zu reagieren.

Praktisch in letzter Stunde konnte der todkranke Bischof Gföllner die Ernennung von Joseph Cal. Fließer zum Weihbischof (1941–1946 Kapitelvikar und Weihbischof, 1946–1955 Bischof von Linz) erwirken und seine Amtsnachfolge in die Wege leiten und ihm noch selbst die Bischofsweihe erteilen.

Die strukturelle Bedrohung der katholischen Kirche durch das NS-Regime war „allgegenwĂ€rtig“ und umfassend. Der Liquidation des weitverzweigten katholischen Vereinswesens, der kirchlichen Medien (Katholischer Pressverein), der zahlreichen kirchlichen Privatschulen und Internate folgten die Enteignung fast aller Stifte und Klöster in Oberösterreich sowie die Überwachung (u. a. der Predigten), das Schulverbot ( Religionsunterricht) und die Verhaftung kirchlicher AmtstrĂ€ger.

Mit der Einstellung der staatlichen Finanzleistungen fĂŒr das kirchliche Personal (aus dem Religionsfonds), der Geldmittel fĂŒr Pfarren öffentlichen Patronates sowie der Errichtung der öffentlichen StandesĂ€mter wurde das josephinische Kirchenkonzept liquidiert. Die Leistung des (neuen) Kirchenbeitrages (ab 1939) wurde wider Erwarten (vor allem der NS-Machthaber) zu einem Parameter der Kirchenbindung und der indirekten Regimekritik. Mit der Ablieferung fast aller Kirchenglocken sei ein Aspekt der kulturellen Verluste im Weltkrieg angedeutet.

Zeit der BewÀhrung
Bischof Gföllner war ein frĂŒher Warner. FĂŒr ihn war bereits 1933 klar, dass es unmöglich sei, „gleichzeitig guter Katholik und wirklicher Nationalsozialist zu sein“.
Die Bedrohung durch die NS-Diktatur bewirkte aber auch innerkirchliche AufbrĂŒche. Von Ă€ußeren Machtmitteln entblĂ¶ĂŸt, wurden KrĂ€fte fĂŒr einen neuen Zugang zum Mitmenschen in Diakonie und Liturgie frei.
Vor allem Weihbischof Fließer suchte fĂŒr das kirchlich-religiöse Leben in seiner Diözese den schmalen Freiraum zu erhalten, wie zahlreiche Eingaben an die damaligen Machthaber zeigen. Beachtenswert war u. a. sein energischer Protest gegen die VerfĂŒgung der Gestapo (1941), wonach kirchliche Jugendarbeit nur mehr „in den zum allgemeinen Gottesdienst benĂŒtzten RĂ€umen“ stattfinden dĂŒrfe. In liturgischer Hinsicht gab Fließer moderne Impulse, „sein“ Diözesangebet- und gesangbuch „Vater unser“ wurde zu einem „Volksgebetbuch“. In einem weit grĂ¶ĂŸeren Ausmaß als sein VorgĂ€nger Gföllner wagte es Fließer so genannte „geschĂŒtzte Seelsorgeposten“ (Pfarren, Kaplaneien) zu schaffen, deren Inhaber nicht zum MilitĂ€rdienst einberufen wurden.

Der Kirchenaustritt wurde vom Regime zwar sehr begĂŒnstigt, dennoch sanken die Austrittzahlen (1939: 16.023, 1940: 5472, 1942: 3880, 1943: 1636) im Verlauf der Kriegsjahre und die Zahl der Wiedereintritte nahm zu. Die Hinweise wie „den Glauben lassen wir uns auf keinen Fall nehmen“ (Gendarmeriebericht Wartberg an der Krems vom 26. Juli 1938) oder dass nach dem Lagebericht von GrĂŒnburg an der Steyr (24. september 1938) beim Kirchenbesuch „eine Verminderung nicht wahrzunehmen“ sei, lassen vielerorts auf einen „Widerstand durch Kirchentreue“ schließen, der wohl nach der Wende im Kriegsverlauf (Stalingrad 1943) noch anwuchs. Ähnlich verhielt es sich mit der Bereitschaft, den Kirchenbeitrag (ab 1939) zu leisten. Über die Fronleichnamsprozession in Wels bemerkt ein Sicherheitsdienst-Bericht vom 30. Juni 1943: „Es fiel auf, dass viele Teilnehmer an der Prozession gewissermaßen stolz darauf waren, gesehen zu werden.“

Die u. a. in Linz (Dompfarre, Stadtpfarre Urfahr, an der Jesuitenkirche) und Wels sehr aktive Jugendarbeit musste vielfach im Untergrund agieren. Der Zerschlagung des weit verĂ€stelten kirchlichen Vereinswesens, dem behinderten Religionsunterricht, der wachsenden Priesternot wurden Glaubensstunden, verstĂ€rkte Einbindung von Laien und nicht zuletzt das 1939 gegrĂŒndete Seelsorgeamt entgegengesetzt, das u. a. die pfarrbezogene Standesseelsorge aufbaute – wie man ĂŒberhaupt fĂŒr jede EinschrĂ€nkung des kirchlichen Lebens einen „Ausgleich“ zu finden suchte.

Die Diözese Linz betreute auch sĂŒdböhmische Pfarren, wurde doch im Auftrag des Apostolischen Stuhles das „Generalvikariat Hohenfurt“ (Dekanate Hohenfurt, Kaplitz, Krumau und Oberplan) ab 1. JĂ€nner 1940 von der Diözese Linz kirchlich verwaltet. Am 1. JĂ€nner 1942 kam mit Gratzen ein weiteres sĂŒdböhmisches Dekanat dazu. Diese Gebiete wurden mit 1. JĂ€nner 1946 wieder der Diözese Budweis eingegliedert.

Mit den oben angefĂŒhrten Beobachtungen soll nicht der Eindruck erweckt werden, dass sich die katholische Kirche in der NS-Zeit in jeder Hinsicht bewĂ€hrt habe. Es gab sogar im Klerus einige Sympathisanten mit dem Regime. Auch gelang nicht immer „die Unterscheidung der Geister und die Balance zwischen Klugheit und Tapferkeit“, bilanzierte einmal der damalige Jugendseelsorger und spĂ€tere Pastoralprofessor Ferdinand Klostermann.

Insgesamt hat die Kirche aber einen Reinigungsprozess durchlaufen und ist, alles in allem, eher gestÀrkt aus dem Kirchenkampf hervorgegangen.

Blutzeugen des Glaubens
Oberösterreich hatte statistisch gesehen die grĂ¶ĂŸte Dichte der KZ-Einrichtungen im Deutschen Reich (Mauthausen, Gusen, Ebensee mit zahlreichen Nebenlagern und die Tötungsanstalt Hartheim). In Oberösterreich ist die Liste der verfolgten Priester und Christen auch besonders lang.

Nachweisliche Glaubenszeugen, die vom NS-Regime ermordet wurden, verbinden wir u. a. mit den Namen Camilla Estermann [Dokument: 81 KB], Franz JÀgerstÀtter [Dokument: 32 KB], Matthias Spanlang [Dokument: 90 KB], Marcel Callo und Johann Gruber [Dokument: 89 KB].

Neben ihnen gibt es noch eine ganze Reihe von Blutzeugen des Glaubens [Dokument: 68 KB].

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