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Die Hohe Gerichtsbarkeit (oder auch Blutgerichtsbarkeit, Jus Gladii)

GegenstĂ€nde der hohen Gerichtsbarkeit waren seit dem 12. Jahrhundert Freiheits- und Liegenschaftsstreitigkeiten sowie Friedensbruch. Die hohe Gerichtsbarkeit konzentrierte sich langsam auf jene Delikte, auf die Leibes- oder Lebensstrafen standen (Blutgerichtsbarkeit). Die Befugnis, das Jus Gladii oder die Blutgerichtsbarkeit auszuĂŒben, wurde vom LandesfĂŒrst an die Inhaber der dafĂŒr zustĂ€ndigen Landgerichte (Blutbannleihe) ĂŒbertragen. Seit dem Beginn des 16. Jahrhunderts bis 1848 gibt es zusĂ€tzlich noch den landesfĂŒrstlichen Bannrichter, der eine gewisse Kontrollfunktion in diesen Blutsachen ausĂŒbte. Die Blutgerichtsbarkeit fĂŒr die adeligen LandstĂ€nde wurde von einem speziellen Landgericht („Adeliches Criminal-Judicium“) unter dem Vorsitz des Landeshauptmannes ausgeĂŒbt.

Der Zentralraum Linz, Wels, Steyr

Linz und seine stÀdtische Verwaltung
Der LandesfĂŒrst war seit dem hohen Mittelalter der oberste Inhaber der Gerichtsgewalt, die er weiter delegierte. GemĂ€ĂŸ einer Urkunde von 1242 wurde ein eigener Stadtrichter mit zivil- und strafrechtlichen (Niedergerichtsbarkeit) sowie administrativen Aufgaben eingesetzt. Der territoriale Wirkungsbereich des Stadtgerichtes wurde von „BurgfriedsĂ€ulen“ markiert und „Frieden“ genannt. Seit 1426 durfte der Stadtrichter von den BĂŒrgern gewĂ€hlt werden und 1453 wurde ihm auch die hohe Gerichtsbarkeit (Blutgerichtsbarkeit) ĂŒbertragen. Ab 1490 war der Stadtrichter, durch die EinfĂŒhrung des BĂŒrgermeisteramtes, auf die Zivil- und Strafsachen beschrĂ€nkt.

Autor: Gernot Kocher

Wußten Sie?

Der sogenannte "Wasserturm" in Linz war das GefÀngnis des ehemaligen K. K. Landgerichtes "Donauthal". Gleichzeitig diente es als Wohnung des Scharfrichters, weshalb der Wasserturm oft auch Henkerturm oder Freimannstöckel genannt wurde. In der HÀuserchronik 1771 gibt es zum "Wasserturm" den Vermerk "Sieh Dich vor!".


Wels und seine stÀdtische Verwaltung
Seit dem 16. Jahrhundert besaß Wels einen Stadtrichter, dem acht RĂ€te zur Seite standen. Kaiser Ferdinand erhöhte 1568 die Anzahl der RĂ€te auf zwölf. Am katholischen Feiertag des Heiligen Thomas (3. Juli) fand die Neuwahl der RĂ€te und alle zwei bis vier Jahre die Wahl des Stadtrichters aus diesem Kreis statt (seit der Gegenreformation gab es lĂ€ngere Amtsperioden). Alle Mitglieder wurden auf den LandesfĂŒrsten und die stĂ€dtischen Statuten eingeschworen. Danach musste der Stadtrichter nach Wien reisen um sich Acht und Bann, also die volle richterliche Gewalt ĂŒber Leben und Tod, zu holen. Obwohl die Ausdehnung des Rates eine Verbesserung der stĂ€dtischen Verwaltung bedeutete, war die Schaffung eines BĂŒrgermeisteramtes nach dem Vorbild von Linz und Steyr Ziel. 1559 gewĂ€hrte Kaiser Maximilian II. die jĂ€hrliche Wahl eines BĂŒrgermeisters. Diese Regelung blieb bis 1785 in Geltung.

Wussten Sie?

Die Reise des Stadtrichters fand mit einer Zille (Schiffstyp) auf dem Wasserweg ĂŒber Traun und Donau statt. Zumeist wurden Edelfische aus der Traun als Ehrengeschenke fĂŒr Wiener Beamte erworben. Traunfische galten im 16. Jahrhundert als besondere Gaben.


Steyr und seine stÀdtische Verwaltung
Bei Kriegsgefahr oder Ratswahlen kam ursprĂŒnglich die gesamte BĂŒrgerschaft Steyrs zusammen. Mit der Zeit wurde ein eigener Rat notwendig, der sich um die VerwaltungsgeschĂ€fte der Stadt kĂŒmmern sollte. Dieser alte oder innere Rat bestand aus sechs „Genannten“. Seit 1180 wurde der Stadtrichter vom LandesfĂŒrst als sein Vertreter eingesetzt, ab 1287 durfte die BĂŒrgerschaft den Richter direkt ins Amt wĂ€hlen. Bis 1523 war er vor allem mit FĂ€llen der niederen Gerichtsbarkeit betraut. Seit dem spĂ€ten 14. Jahrhundert war Steyr aber nicht mehr von der Blutgerichtsbarkeit des Burggrafen abhĂ€ngig, sondern galt als landesfĂŒrstliche Stadt, die nicht mehr dem Burggrafen, sondern dem Landeshauptmann ob der Enns unterstellt war. Seit 1523 durfte auch die Blutgerichtsbarkeit ausgeĂŒbt werden. An der Stadtgrenze befand sich der Richtplatz mit dem Galgen, dem Hochgericht und einer KreuzsĂ€ule. 1785 verlor sie alle Privilegien.

Wussten Sie?

Die Gerichtsakten des ehemaligen Stadtgerichtes Steyr sind aus der Zeit von 1494 bis 1778 fast vollstĂ€ndig erhalten und stellen damit eine besondere archivalische Sammlung dar, die umfangreiche AufschlĂŒsse ĂŒber die Geschichte der Eisenstadt Steyr vermitteln.


Autorin: Ute Streitt


Schande, Folter, Hinrichtung. Forschungen zu Rechtsprechung und Strafvollzug in Oberösterreich. Ausstellung der Oö. Landesmuseen im Schlossmuseum Linz und MĂŒhlviertler Schlossmuseum Freistadt vom 8. Juni-2. November 2011

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