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Ehr- und Schandstrafen

Und ich habe die Schuld auf meiner Seele (‚Ķ) Was da lastet, das ist etwas ganz anderes ‚Äď Angst, Todesangst und die ewige Furcht: Es kommt doch am Ende noch an den Tag. Und dann au√üer der Angst‚Ķ Scham. Ich sch√§me mich. Aber wie ich nicht die rechte Reue habe, so hab ich auch nicht die rechte Scham.
(Theodor Fontane, Effi Briest)


Die Furcht soll die Menschen vom Verbrechen abhalten, doch Zwangsarbeit und lebenslängliche Schande schrecken mehr ab als der Galgen.
(François-Marie Voltaire, Der Mann mit den vierzig Talern)


Der Fehltritt soll nicht bestraft werden, denn das heisst, noch einen Fehler begehen. Der Uebeltäter soll gebessert werden; belehrt werden, um seiner selbst willen den Fehltritt nicht wieder zu begehen.
(Zitiert nach: August Strindberg, Der Sohn einer Magd - verdeutscht von Emil Schering, 8. Auflage 1916)


Die Schande besteht nicht in der Strafe, sondern in dem Verbrechen.
(Johann Gottfried Herder, Palmblätter)


Wo keine Strafe verhängt wird, ist die Bosheit schnell am Werk.
(Altes Testament, Kohelet 8,11)


Ehr- und Schandstrafen

Strafen sollten Menschen davor zur√ľckschrecken lassen, Verbrechen zu begehen. Au√üerdem sollten sie den Frieden im Land garantieren. Im mittelalterlichen Strafwesen unterschied man drei Arten von Strafen: die Ehrenstrafen, die Leibesstrafen und die Lebensstrafen. Das Ausma√ü des Verbrechens bestimmte die H√∂he der Strafe. Kleinere Vergehen wurden mit Ehren- und Schandstrafen geahndet: die Vergehen der Delinquenten / der Delinquentinnen wurden √∂ffentlich gemacht und diese selbst der √Ėffentlichkeit preisgegeben. Danach erhielten sie aber eine neue Chance, wenngleich sich ihr Leben durch die Schandstrafe sicherlich schwieriger gestaltete als zuvor. Die Landgerichtsordnung f√ľr √Ėsterreich ob der Enns von 1677 verzeichnet sechs Stufen des Strafausma√ües:

1) die Delinquentin / der Delinquent musste in Eisen den Kranken im Spital aufwarten
2) am Pranger stehen
3) öffentliche Ausstellung in Band und Eisen
4) Tragen des Halseisens
5) die Delinquenten / die Delinquentinnen wurden mit der Rute in der Hand außerhalb des Friedhofes in die Prech(e)l gestellt.
6) das Verbrechen wurde auf einen Zettel geschrieben und der Delinquentin / dem Delinquenten umgehängt, danach wurde der Delinquent an das Kreuz gespannt.

Der Strafzweck von Ehr- und Schandstrafen

Ehr- und Schandstrafen waren abh√§ngig vom Ort und Zeitpunkt ihrer Ausf√ľhrung. Markt- und Kirchpl√§tze galten zur Kirchgangszeit daher als bevorzugt. Wurde kein exakter Ort gew√§hlt, wurden die Delinquenten von einem Stadttor zum anderen gef√ľhrt. Aufgezwungene Handlungen und schimpfliche Kleidung bestimmten die teils originell entwickelten Ehrenstrafen. Ziel war es, den Delinquenten / die Delinquentin dadurch, dass sie der √Ėffentlichkeit ausgesetzt wurden und aufgezwungene Handlungen durchzuf√ľhren oder schimpfliche Kleidung zu tragen hatten, zu dem√ľtigen oder l√§cherlich zu machen. Mitunter erreichte man die Aufmerksamkeit der Bev√∂lkerung durch bewusst eingesetzten L√§rm.

Marchtrenker Wiege des Johann Kötzinger

Der Marchtrenker Richter K√∂tzinger gab die "Wiege der Alten" in Auftrag, um z√§nkische Eheleute zu strafen. Die Art der Strafe ist r√§tselhaft. Eine Theorie sagt, dass die Eheleute wie "Fatschenkinder" gewickelt in die Wiege gelegt, zueinander gedreht und an √∂ffentlicher Stelle aufgestellt wurden. Das Schaukeln der Wiege durch schadenfrohe Zaung√§ste sollte Teil der Schand- und Ehrenstrafe sein. Eine andere Theorie meint, dass die Wiege im Gasthaus aufgestellt und mit Puppen als Symbole der Frevelnden ausgestattet wurde. Durch die Bezahlung einer "Wirtshausrunde" konnten die Schandstrafe beseitigt werden. F√ľr diese Theorie spricht, dass Marktrichter zur damaligen Zeit keine neuen Ger√§te des Strafvollzugs erfinden durften.

Autorin: Ute Streitt


Ratschen, Klatschen und Lauschen - Kindertext

Schlechtes Verhalten, wie etwa Klatschen, Ratschen oder Lauschen, wurde fr√ľher bestraft. Die Strafe war recht unterschiedlich: man musste eine Schandmaske tragen, am Pranger stehen oder wurde in eine Schandgeige gespannt. Da alle Mitbewohner die Bestrafung sehen konnten, wurde man auch verspottet oder sogar mit Obst und Eiern beworfen. Die Strafe sollte daf√ľr sorgen, dass man sich so sch√§mte, dass man nie wieder Ratschen, Klatschen oder Lauschen wollte. Wenn man die Strafe verb√ľ√üt hatte, wurde man wieder in der Gemeinschaft aufgenommen. Hast Du schon einmal in der Ecke stehen m√ľssen?

Autorin: Ute Streitt


Schande, Folter, Hinrichtung. Forschungen zu Rechtsprechung und Strafvollzug in Ober√∂sterreich. Ausstellung der O√∂. Landesmuseen im Schlossmuseum Linz und M√ľhlviertler Schlossmuseum Freistadt vom 8. Juni-2. November 2011

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