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Österreich als Kulturnation


Die junge Republik führt unter großen Anstrengungen die kaiserlichen Institutionen weiter. Man tröstet sich: Österreich sei nun zwar klein und arm, aber es erhebe sich über andere als „Kulturnation“. Kritische Geister wie Musil und Scharang haben sich über dieses Selbstbild lustig gemacht. Ein Denkmalschutzgesetz bremst seit 1923 den Ausverkauf mobiler Kulturgüter. In der Kulturpolitik prallen seit den Zwanzigerjahren bürgerlich-repräsentative und proletarischemanzipative Vorstöße aufeinander. Die „Kulturnation“ als Österreich-Identifikation überlebt den Zweiten Weltkrieg im Exil. Nach 1945 wird sie erneut für den Wiederaufbau der Staatsideologie gebraucht.

Bildende Kunst
Im 20. Jahrhundert sind die Werke der bildenden Kunst nur mehr zu einem geringen Teil Illustrationen von politisch-historischen Fakten. Künstler vermitteln in der ihnen eigenen Sprache Anschauungen, Erwartungen und Wünsche der Menschen, die zumeist in Worte nicht zu fassen sind. Die Deutung dieser Werke macht ein intensiveres Verstehen der Zeit möglich. Wie kaum ein anderes Bild steht Egon Schieles unvollendetes „Familienbildnis 1918“ für den Zusammenbruch jener Welt, aus der die Republik Österreich hervorgeht. Wie völlig anders die Welt geworden ist, wie grundsätzlich verschieden die Fragen sind, die wir heute stellen, zeigen die Werke von Elke Krystufek oder Ilse Haider.

Architektur
Österreichische Architektur – als Baukunst verstanden – befindet sich auf weltweit hohem Niveau. Österreichs Architekten bauen im Wechselspiel zwischen zitathaftem Rückgriff und riskantem Vorgriff, um Raum zu gewinnen. Auch wenn sie sich wiederholt den klassischen Grenzen der Architektur entziehen, so lassen sie sich dennoch an Vitruv, einem römischen Architekten der Antike, messen. Dieser forderte von der Baukunst, sie müsse den Ansprüchen nach „utilitas“ (Zweckmäßigkeit), „firmitas“ (Stabilität) und „venustas“ (Schönheit) gerecht werden.

Musik und Theater
Musik und Theater übertreffen an Anteilnahme bei weitem die Buchkultur, was als Erbschaft barocker Sinnesfreude erklärt wird. Staats- und Landestheater sowie die Salzburger Festspiele sichern sich ihre künstlerische Kontinuität und ihre Budgets über die historischen Brüche von 1927, 1933, 1934, 1938 und 1945 hinweg. Theaterdichter und Komponisten stehen im Schatten der berühmten Schauspieler, Sänger und Dirigenten. Neue Literatur und neue Musik haben zu kämpfen und provozieren Skandale. Erst mit der Gründung des „steirischen herbstes“ 1968 bekommt die Theater- und Musik-Avantgarde eine erste Heimat. In vielen neuen Sommerfestivals in ganz Österreich sichert sich das traditionelle Rollenspiel ein immer größeres Publikum.

Autoren: Stefan Karner und Lorenz Mikoletzky, 2008 (wissenschaftliche Ausstellungsleitung)


Der Rest ist Österreich. Geschichte der Republik. Dokumentation zur Ausstellung im Nordico. Museum der Stadt Linz vom 3. Februar-18. April 2010

 

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