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Mensch & Pferd - Kult und Leidenschaft | OÖ Landesausstellung 2016


Weg der Symbole

Zaum und ZĂŒgel
ZĂ€ume sind die Ă€ltesten und wichtigsten Hilfen, um ein Pferd zu steuern und zu lenken. Seit etwa 6000 Jahren sind sie anhand von Scheuerspuren an PferdeschĂ€deln und ZĂ€hnen nachweisbar. Das deutsche „Zaum“ und das englische „team“ haben dieselbe sprachliche Wurzel. Mensch und Tier werden mit deren Hilfe quasi zu einem Team. „Im Zaum halten“ und „die ZĂŒgel fĂŒhren“ sind schon seit der Antike allgemein gebrĂ€uchliche Metaphern der Herrschaftslehre. Welche Bedeutung Zaum und ZĂŒgeln zugemessen wird, wird auch aus der Vielfalt der sprichwörtlichen Verwendungen deutlich: Man fasst das Pferd beim ZĂŒgel, den Mann beim Wort. Und man soll das Pferd nicht von hinten aufzĂ€umen, sonst wird man bald abgehalftert.

Sattel
Die Ägypter und Griechen verwendeten nur Satteldecken, die Römer Decken mit eingearbeiteten StĂŒtzhörnern. SĂ€ttel kamen ursprĂŒnglich als PacksĂ€ttel im Gebrauch. Die ReitsĂ€ttel wurden von den Steppenvölkern erfunden. Die Einheit aus einem durch einen Sattelbaum verstĂ€rkten Sattel mit den SteigbĂŒgeln war die Voraussetzung fĂŒr die Entstehung der europĂ€ischen Panzerreiter und ihrer militĂ€rischen Erfolge. Welch hohe symbolische Bedeutung der Sattel erlangte, belegt der sprichwörtliche Gebrauch: vom fest im Sattel sitzen, jemandem in den Sattel helfen und sattelfest sein bis zu mit allen SĂ€tteln zurechtkommen, aber auch umsatteln oder gar aus dem Sattel geworfen werden.

Sporen
Wer kennt es nicht aus den Westernfilmen: das Klirren der Sporen, wenn die bestiefelten Revolverhelden in die Bar stapfen und nach einem Whisky verlangen? Klimpern gehört eben zum Handwerk wie der Sporn zum Reiter. Sporen sind ein Mittel der Macht. Sie sollen dem Pferd die Richtung vorgeben und ihm den Willen des Reiters spĂŒren lassen. Neben dem Schwert waren sie das wichtigste Attribut des adeligen Reiters. Man verdiente sich die ersten Sporen. FrĂŒher konnte man als Auszeichnung goldene und silberne Sporen ĂŒberreicht bekommen. Heute reicht auch eine blecherne Medaille oder eine papierene Urkunde.

Hufeisen

„Ein Nagel kann ein Hufeisen retten“, heißt es, „ein Hufeisen ein Pferd, ein Pferd einen Reiter und ein Reiter ein Land.“ Erst die Hufeisen haben die Pferde zu wirklich effizienten Zug- und Reittieren gemacht. Genagelte Hufeisen, wie sie heute verwendet werden, sind seit dem 5. Jahrhundert nach Christus zweifelsfrei nachweisbar. Die Grundform hat sich seither nicht viel verĂ€ndert. Hufeisen gelten als GlĂŒcksbringer. Warum? Das weiß man nicht wirklich. Wegen ihrer Form? Wegen des Werts ihrer TrĂ€ger. Man muss sie allerdings finden und darf sie nicht suchen. Und man darf auf keinen Fall daran vorbei gehen. Doch die Chance, heute irgendwo auf der Straße ein Hufeisen zu finden, dĂŒrfte recht gering sein.

Stegreif und SteigbĂŒgel
Die SteigbĂŒgel sind eine der wichtigsten reit- und militĂ€rtechnischen Innovationen des FrĂŒhmittelalters. Die Römer kannten sie noch nicht. Sie wurden wahrscheinlich in Ostasien erfunden und durch die Awaren nach Europa gebracht. Seit der Karolingerzeit gehörte der Stegreif oder SteigbĂŒgel fix zur AusrĂŒstung des reitenden Mannes und wurde wegen seiner wehr- und reittechnischen Bedeutung rasch zum wichtigen Rechtssymbol. Jemandem den SteigbĂŒgel zu halten, konnte Ehrerbietung oder Unterwerfung bedeuten. Aber als SteigbĂŒgelhalter benutzt zu werden, ist nicht gerade ehrenhaft. Ein Ritter vom Stegreif lebte einst von StraßenrĂ€uberei. Aber aus dem Stegreif spielen und reden kann sehr erfrischend sein.

Kummet
Das Kummet oder Kumt hat dem Pferd die Kraft gegeben. Es war die wichtigste Neuerung im mittelalterlichen Transportwesen. Es ermöglichte eine Steigerung der Zugkraft des Pferdes auf das Vier- bis FĂŒnffache. In China oder Zentralasien entwickelt hat es sich in Europa seit dem Ende des 1. Jahrtausends nach Christus durchgesetzt. Die Fortschritte der mittelalterlichen Agrar- und Verkehrsentwicklung sind damit eng verknĂŒpft. Jemandem das Kummet umhĂ€ngen, bedeutet, ihm schwere Lasten und Arbeit auferlegen. Und andererseits: Hast du das Kummet aufgenommen, sagt das Sprichwort, dann sage nicht, dass du zu schwach bist.

Peitsche
Die Mensch-Pferd-Beziehung ist auch eine Geschichte der Leiden, eine Geschichte von Herrschaft und Einhegung: in Koppeln und Boxen, mit Zaumzeug, Kandare, Sporen und Peitsche. Wie kein anderes Accessoire der Pferdehaltung und Pferdenutzung ist die Peitsche auch ein Zeugnis der Gewalt gegen Tiere. Als Symbol der Unbarmherzigkeit gegen das Tier und seiner bisweilen sehr rĂŒcksichtslosen Indienstnahme. Schön gestaltete Peitschen und Gerten sind Statussymbole. Doch es gehört zum Ehrenkodex von Reiter und Fahrer, sie richtig zu nutzen und ein Tier nicht durch SchlĂ€ge zu mehr Leistung oder GefĂŒgigkeit antreiben zu wollen. Das geschundene Pferd muss der Geschichte angehören.

Stiefel

Der Stiefel ist eng mit der Reiterei und dem militĂ€rischen Bereich verbunden. Und doch leitet sich das Wort aus dem friedlichen Bereich der Geistlichkeit her, vom lateinischen „aestivale“, dem „Sommerschuh“ der Mönche. Bis ins 20. Jahrhundert kennzeichneten die Stiefel die adelig-militĂ€risch geprĂ€gten MĂ€nnergesellschaften: GenerĂ€le, Cowboys, Landsknechte und Studenten. Adolf Loos erwartete 1899 fĂŒr das 20. Jahrhundert eine neue, demokratischere Gesellschaft, in welcher der SchnĂŒrschuh den Reitstiefel ersetzen werde, ohne zu ahnen, wie sehr der "Kamerad SchnĂŒrschuh" in zwei Weltkriegen das Gesicht Europas bestimmen sollte. Inzwischen hat der Stiefel ein anderes Gesicht bekommen: als Fußkleidung fĂŒr Frauen und friedliche Reiter.

Hose

Kein KleidungsstĂŒck ist so sehr zum Zeichen mĂ€nnlicher Überlegenheit und gleichzeitig Signal weiblicher Emanzipation geworden wie die Hose. Die Hosen gelten als Erfindung der Reitervölker. Zum Statussymbol wurden sie durch die fast auf den Leib geschmiedeten RĂŒstungen mittelalterlicher Panzerreiter. Frauen ritten im Seitsitz. Der Kampf um die Hose wurde zum Leitbild der im 19. Jahrhundert einsetzenden Frauenemanzipation, sowohl im Sport wie im Gesellschaftsleben. Heute ist die Reithose wie die Hose ganz generell zu einem formvollendeten und auch unumstrittenen weiblichen KleidungsstĂŒck geworden. Doch wer die Hose anhat, dem wird noch immer viel Einfluss zugeschrieben.

Scheuklappen
Pferde sind Fluchttiere. Mit ihrem fast vollstĂ€ndigen Rundblick von nehmen sie alles wahr, was sich von der Seite oder von schrĂ€g hinten nĂ€hert. Geblendete Rossstirnen und Scheuklappen sollten schon seit dem Mittelalter verhindern, dass die Pferde von der Seite oder von hinten abgelenkt oder aufgescheucht werden. Die Menschen haben ein viel kleineres Gesichtsfeld. Das ist der Grund, dass schon frĂŒh der fehlende geistige Horizont mancher Menschen mit Scheuklappen gleichgesetzt wurde, weil Menschen bisweilen viel weniger sehen als ihre Pferde.

Pferdefuß
Das Pferd ist ein Zehenspitzengeher. Sein Fuß ist ein Wunderwerk der Natur. Doch der Pferdefuß ist zum Kennzeichen des Teufels geworden. Dass sagenhaften und geheimnisvollen Schmieden wie DĂ€dalus oder Wieland Gehbehinderungen zugeschrieben wurden, mag vielleicht auch mit Berufskrankheiten erklĂ€rt werden. Hinkende Zauberer und Schamanen, die ĂŒbernatĂŒrliche KrĂ€fte besitzen und meist mit Bocks- oder PferdefĂŒĂŸen dargestellt werden, sind im ganzen eurasischen Kulturkreis verbreitet. Auch unser Teufel gehört in diesen Kontext. Er kann in noch so schönen Verkleidungen auftreten. Der Pferdefuß entlarvt ihn. Aus dem Repertoire der Theologie ist er inzwischen tunlichst verbannt. Nicht einmal mehr im Brauchtum darf er auftreten. Aber einen Pferdefuß möchte man immer noch lieber nicht in seinen Akten und Projekten finden.

Amtsschimmel
Jeder glaubt ihm schon einmal begegnet zu sein, dem Amtsschimmel, auch wenn dieser nicht, wie das Wort vermuten ließe, tatsĂ€chlich ein Pferd ist, sondern sich vom lateinischen „Simile“, dem Muster oder Formular, herleitet. Der "Amtsschimmel" hat also nichts mit verschimmelten Akten, weißen Pferden oder berittenen Boten gemeinsam. Der Schimmelbrief machte den Amtsschimmel: Mit Hilfe von Standard-Vordrucken und Formularen ließen sich auch in einem Zeitalter, das noch nicht von Kopierern und digitalen Akten, sondern von hand- und maschinschriftlichen BĂŒros geprĂ€gt war, Ă€hnlich lautende Anliegen schematisch und zĂŒgig erledigen. Im Zeitalter von „copy and paste“ ist das „Simile“ Geschichte. Aber der Amtsschimmel wiehert immer noch.

Steckenpferd
Als Kinderspielzeug waren Steckenpferde bereits im Mittelalter gebrĂ€uchlich: Sie hatten damals eine Ă€hnliche Bedeutung wie hernach diverses Kriegsspielzeug oder heute Spielzeugautos. Das 19. Jahrhundert war die große Zeit der Steckenpferde. Seit dem 18. Jahrhundert ist der Begriff „Steckenpferd“ auch zum Ausdruck fĂŒr mehr oder weniger teure und zeitaufwendige Hobbies und FreizeitbeschĂ€ftigungen geworden. Als Kinderspielzeug sind Steckenpferde lĂ€ngst unmodern geworden. Sie sind durch Tretroller, DreirĂ€der und Buggies verdrĂ€ngt. Aber irgendwelche Steckenpferde hat fast jeder Mensch. Und das ist gut so.

Schaukelpferd

Schaukeln gehört zu den Ă€ltesten Erfahrungen des Menschen. Generationen von Schaukelpferden sind durch die Kinderzimmer galoppiert. Hölzerne Pferde auf RĂ€dern zum Nachziehen oder Aufsitzen gab es als Kinderspielzeug schon im antiken Rom und Athen. Auf Kufen montierte Schaukelpferde dĂŒrften allerdings frĂŒhestens im 17. Jahrhundert in Gebrauch gekommen sein. Die Zeit ihrer grĂ¶ĂŸten Faszination war das 19. Jahrhundert. Da zierten sie die Gabentische reicher Adels- und BĂŒrgerhaushalte. Erloschen ist der Reiz des Schaukelns auch heute nicht. Schaukeln kann beruhigen und in Sicherheit wiegen, aber auch zum "Verschaukeln" fĂŒhren.

Autor: Roman Sandgruber, 2016


Mensch & Pferd - Kult und Leidenschaft. Dokumentation zur OÖ Landesausstellung 2016, 29. April bis 6. November 2016 im Pferdezentrum Stadl Paura.

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