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Mensch & Pferd - Kult und Leidenschaft | OÖ Landesausstellung 2016


Die Große Bibliothek

Der auffĂ€llig niedrige Große Bibliothekssaal, der ursprĂŒnglich offenbar ĂŒber zwei Geschoße hinweg geplant war, ist ĂŒber die ganze Decke hinweg mit teils in Freskotechnik (Melchior Steidl), teils in Ölfarben (Michael Wenzel Halbax nahestehend) gemalten Bildern gestaltet. Pferde gehören zum Genius loci des Saales, dessen Ausbau von Abt Severin Blaß (1651-1703) betrieben wurde. An der Westseite des Bibliothekssaales wie an zahlreichen anderen Monumenten (Hauptportal, Barockbrunnen im Innenhof, Taufbecken in der Stiftskirche) ist sein Pferdewappen angebracht. Eine beachtenswerte Kunsttischlerarbeit ist das mit prĂ€chtigen Einlegearbeiten geschmĂŒckte BĂŒcher-Drehpult, das als Unterbau einen Schreibtisch hat. Es ist ein Unikat aus 1730 und trĂ€gt das Stifts-, Konvent- und Personalwappen des Abtes Gotthard I. Haslinger (1725-1735).


Dichtung und Musik

Pferd und Reiter sind ein unerschöpfliches Thema von Dichtung und Musik, auch in Oberösterreich: Von der mittelhochdeutschen Versnovelle Meier Helmbrecht, der mit einem Pferd zum Raubritter wird, ĂŒber Adalbert Stifters Witiko, wo der Held und sein Pferd das eigentliche Thema sind, bis zu Richard Billingers „Rosse“, wo die Hauptfigur, der „Pferdeknecht Franz“ am unaufhaltsamen Schwinden der bĂ€uerlichen Welt zerbricht.

Die Masse der Pferdegeschichten sind Gebrauchsware. In den Romanen und Reiseschilderungen Karl Mays spielen Araberpferde und Mustangs eine zentrale Rolle: Rih, Iltschi (jeweils „Wind“) und Hatatitla („Blitz“) sind die berĂŒhmten Namen. Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf mit dem namenloser Apfelschimmel wurde weltberĂŒhmt. Wenige Jahre nach Lindgrens Pippi erscheint der erste Band der dann weiter gefĂŒhrten Gulla-Serie. Mit Fury, also mit den frĂŒhen 1960er-Jahren, beginnt die Konjunktur des eigentlichen Pferdebuches, wie es heute ganze Regale in Buchhandlungen und LeihbĂŒchereien fĂŒllt.

Chris Pichler liest eine kleine Auswahl berĂŒhmter Pferdetexte, in einem Wurlitzer werden Pferde-MusikwĂŒnsche erfĂŒllt.


Pferdebibliotheken

Die mit prĂ€chtigen Reitersiegeln beglaubigten Urkunden erinnern an die bis in die Zeit der Babenberger und frĂŒhen Habsburger zurĂŒckreichende Stifts-, Markt- und Landesgeschichte. Hippologische BĂŒcher sind ein Schatz jeder Bibliothek. Neben anatomischen und reitkundlichen LehrbĂŒchern aus dem Bestand der Bibliothek der VeterinĂ€rmedizinischen UniversitĂ€t Wien, die 1765 als Lehrschule zur Heilung von MilitĂ€rpferden begrĂŒndet wurde, sowie einigen graphischen Zimelien aus dem Benediktinerstift Sankt Paul im Lavanttal wird ein Querschnitt aus der hauseigenen Pferdeliteratur und Pferdegraphik des Benediktinerstiftes Lambach prĂ€sentiert: Neben biblischen Illustrationen sind vor allem GraphikbĂ€nde zu nennen, die dem Bestand der Zeichenschule im Benediktinerstift Lambach angehören, die von Pater Koloman Fellner (1750-1818), einem SchĂŒler des Kremser Schmidt und Verbreiter der lithographischen Technik Alois Senefelders, gegrĂŒndet wurde. Pferde spielen auch im graphischen Werk von Alfred Kubin eine ganz besondere Rolle.


Reitersiegel

Reitersiegel, die den zum FĂŒhren des betreffenden Siegels Berechtigten als Reiter zu Pferde abbilden bzw. darstellen, sind seit dem 11. Jahrhundert bekannt; zuerst in Frankreich und England, bald auch innerhalb des römisch-deutschen Reiches. Im österreichischen Raum sind die Siegel des Herzogs Heinrich III. von KĂ€rnten von 1103 und des Markgrafen Leopold III. von Österreich von 1115 frĂŒhe erhaltene Beispiele.
Besonders die Reitersiegel des österreichischen Herzogs Rudolf  IV. (1358–1365) erreichten eine QualitĂ€t, die sie zu Gipfelleistungen nicht nur „in der heimatlichen Reitersiegelkunst, gewiss was die Lebendigkeit der gotischen Darstellung eines sprengenden Pferdes betrifft“.


Autor: Roman Sandgruber, 2016


Mensch & Pferd - Kult und Leidenschaft. Dokumentation zur OÖ Landesausstellung 2016, 29. April bis 6. November 2016 im Stift Lambach.

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