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Marianne Hubmer. Meine Familie bedeutet mir alles


Ich wurde am 19. Mai 1938 in Marchtrenk geboren. Mein Vater Johann Wiener (1901 – 1945) war Buchhalter in der Sternmühle Marchtrenk (Besitzer: Leopold und Franz Köllerer), meine Mutter: Anna Wiener, geb. Reiter, war Hausfrau (1912 – 1990). Wir wohnten in einer Betriebswohnung der Sternmühle: 3 Zimmer, Küche mit fließendem Wasser und WC im Halbstock. Meine jüngere Schwester Gertrude, geboren im Jänner 1941, starb noch im selben Jahr an Kehlkopfdiphterie. Mein Bruder Rudolf (1943 – 2001) machte die Familie komplett. Den 20. September 1944 werde ich nie vergessen – mein Vater musste „einrücken“, wie man das damals nannte. Er war herzkrank, aber in den letzten Kriegsjahren nahm man darauf keine Rücksicht.

Papa legte seinen Koffer auf mein kleines Leiterwagerl und nun gingen wir, Mama mit meinem Bruder im Kinderwagen, Papa vor mir, von der Sternmühle zum Bahnhof. Bevor er in den Zug stieg, umarmte er uns noch und winkte noch lange. Es war ein sehr trauriger Abschied, obwohl wir noch nicht wussten, dass es ein Abschied für immer sein sollte. Aus den Briefen meines Vaters an seinen Bruder weiß ich viel über seine Kriegszeit. Von Wien über Tschechien nach Calau in Dresden. Am 8. Jänner 1945 schrieb er: „Die baldige Heimkehr ist sicher! Alle ab Jahrgang 1906! (Er war Jahrgang 1901). Ich freue mich schon sehr auf meine Familie! Überhaupt kann ich von einem außerordentlichen Glück sprechen, dass mich hoffentlich auch in Zukunft nicht verlässt!“ Leider war das nicht der Fall. Der Krieg war zu Ende, aber mein Vater kam nicht heim. Bei jedem Heimkehrerzug hofften wir: „dieses Mal ist bestimmt auch unser Papa dabei!“ Diese Enttäuschungen immer und immer wieder zu erleben, waren unbeschreiblich traurig und schmerzlich! Meine Mutter aber gab die Hoffnung nicht auf, bis sich ein Kriegskamerad meines Vaters meldete. Erst 1957 erfuhren wir die traurige Wahrheit: In Calau wurden alle österreichischen Soldaten in einen Zug gesteckt, der direkt in die Heimat fahren wird. Das Ziel dieses Zuges aber war Kursk in Russland! Dieser Kamerad sah im Gefangenenlager in Kursk am 4. Oktober 1945 meinen Vater an Herzschwäche und Ruhr sterben.

Meine Mutter musste mit sehr wenig Geld 2 Kinder großziehen. Kriegswitwen hatten es schon immer schwer. Nachdem unser Papa in den Krieg musste, war alles anders. Ich fühlte mich von meinem Papa sehr geliebt. Mama war nun allein mit meinem Bruder Rudi und mir. Mama war streng. Verwandte und Bekannte sagten zu mir: „Du musste brav sein, deine Mutter hat viele Sorgen!“ Und ich – ich war immer brav.

September 1944: ich besuchte die 1. Klasse Volksschule. Wir hatten nur wenige Monate Unterricht, denn beim Heulen der Sirenen mussten wir heimlaufen. Alle Hausbewohner versammelten sich im sogenannten Luftschutzkeller – und alle hatten Angst, nur mein kleiner Bruder Rudolf nicht, der verschlief noch alles. September 1945: Wieder begann die 1. Klasse. Wer die Erlaubnis der Lehrerin hatte, durfte im September 1946 in die 3. Klasse „aufsteigen“ – also die 2. Klasse überspringen. Ich bekam diese Erlaubnis.

Meine Mutter war oft krank und so war das Erste, was ich nach dem nachhause kommen von der Schule tat: Essen kochen. Meine ersten Kochkünste durfte mein Bruder Rudi bewerten. Da Papa „nur“ vermisst war, bekam Mama keine Witwenrente, sondern nur 100,- Schilling im Monat von der Gemeinde Marchtrenk. Durch die Großherzigkeit der Brüder Köllerer durften wir in der Betriebswohnung bleiben.

Erst Jahre später wurde Mama informiert, dass Papa schon im Oktober 1945 im Kriegsgefangenenlager in Kursk, Russland, gestorben ist. Die Schwester und der Bruder meines Papas, Postbeamtin bzw. Bankdirektor, beide ledig, unterstützten Mama sehr – und auch wir Kinder wurden immer wieder beschenkt.

Nach der Volksschule durfte ich die Hauptschule in Wels besuchen – Mama musste allerdings für den Autobus zahlen. In der Hauptschule ein Schock: ich war „Armenschülerin“. Alle, deren Väter im Krieg gefallen oder vermisst waren, bekamen Hefte und Bücher von der Schule: Hefte mit kleinen Holzsplittern, worauf die Tinte oft zerrann. In der 2. Klasse Hauptschule bekam ich eine Füllfeder – aber erst, als ich „Füllfeder“ richtig schreiben konnte – es gelang mir! Nach der 4. Klasse Hauptschule war ich kaufmännischer Lehrling in einem Lebensmittelgeschäft in Wels – und meine Mutter brauchte nun kein Geld mehr für mich auszugeben. Die Lehrzeit dauerte 3 Jahre und schloss mit einer Prüfung ab. Jetzt war ich „ausgelernt“. Als Lehrling hatte ich 4 Wochen Urlaub; ich aber habe 2 Wochen davon gearbeitet – da erhielt ich zusätzlich 100,- Schilling; das war viel Geld für mich.

Mit 19 Jahren heiratete ich im Mai 1957 Franz Hubmer (*1935), im selben Jahr wurde unser Sohn Gerhard geboren, ein Jahr später Franz und als jüngstes Kind 1961 Rudolf. 1957 zogen wir in eine kleine Wohnung in der Bahnhofstraße, hinter der heutigen Sparkasse; dieses Haus existiert nicht mehr. Im September 1962 konnten wir eine Gemeinde-Wohnung in der Heimstättenstr. 1 beziehen, in der ich mit meinem Mann noch immer wohne. Hier fühlten wir uns richtig wohl. Die Kinder besuchten der Reihe nach Kindergarten und Volksschule in Marchtrenk und das Gymnasium in Wels. Anschließend entschlossen sich die Söhne für unterschiedliche Studien an den Universitäten in Linz und Salzburg: Physik, Publizistik und Politikwissenschaft bzw. Mathematik.

Um unseren Söhnen das Gymnasium und später das Studium zu ermöglichen, hieß es „Sparen, sparen und nochmals sparen“ – zur damaligen Zeit gab es noch keine Gratis-Schulbücher und die Studentenzimmer waren auch nicht billig. Dazu kam noch, dass ich Hausfrau blieb, weil ich einerseits voll und ganz bei meinen Kindern sein wollte; andererseits brauchte meine Mutter wegen ihrer Krankheit ständige Hilfe: Körperpflege, Besorgungen aller Art, Wäsche waschen und bügeln, putzen, einkaufen, …

Mein Mann war in der VÖEST beschäftigt und – um Überstunden zu machen – arbeitete er alle 14 Tage Samstag und Sonntag von 6–18 Uhr. Zeitweise fuhr er bei Wind und Wetter, auch im Winter, mit dem Moped in die Arbeit nach Linz. Ich möchte aber auch erwähnen, dass mein Bruder Rudi Wiener – und nach seiner Heirat auch seine Frau – zu unseren Kindern immer sehr großzügig waren. Trotz der vielen Entbehrungen, die mein Mann und ich für unsere Kinder auf uns genommen haben, schauen wir auf sehr viele schöne Zeiten zurück. Unser Familienleben haben wir stets hoch gehalten und es ist uns sogar gelungen, schöne Familienurlaube zu verbringen. Als die Kinder schon außer Haus waren, war es uns beschieden, verschiedenste Ecken der Welt zu besichtigen.

Am glücklichsten aber bin ich darüber, dass alle unsere Kinder einen universitären Abschluss machen konnten und jetzt Ihr Wissen in großen Konzernen einbringen. Sie konnten sich eine solide Lebensgrundlage schaffen und in guten Familien stets auch sozial engagiert leben. Ganz besonders freue ich mich auch über meine 5 Enkelkinder, die nun schon alle erwachsen und auf gutem Wege sind.

Ich kann auf ein reich erfüllte Leben zurückblicken, das mir stets aufs Neue große und kleine Freuden beschert. Alle mir verbleibenden Tage will ich in großer Dankbarkeit leben und meinem Schöpfer danken.
 

Text: Marianne Hubmer
 


"Marchtrenker Frauen" - Dokumentation einer Ausstellung des Museumsvereins Marchtrenk - Welser Heide im Rahmen des Tags des Denkmals 2017 unter dem Motto "Heimat großer Töchter" in der Alten Pfarrkirche Marchtrenk.

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