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Maria Baumgartner. Ein Vorbild zĂ€her Ausdauer und unermĂŒdlichen Fleißes


„Wer einmal das Wasser der Welser Heide getrunken hat, der will nicht wieder hier weg“, sagte Maria Baumgartner gerne. 1924 war sie mit 21 Jahren nach Marchtrenk gezogen, um gemeinsam mit ihrem Ehemann Josef auf dem ehemaligen Areal des Kriegsgefangenenlagers sesshaft zu werden. Als Maria Pfarl war sie am 21. Dezember 1903 in Edt bei Lambach als zweites von fĂŒnf Kindern geboren worden. Der Vater arbeitete im Kohlebergwerk, man zog nach Neukirchen, der Nachwuchs sollte schon in frĂŒhen Jahren Geld dazu verdienen. Bereits mit zehn Jahren musste die kleine Mitzi bei einem Bauern frĂŒhmorgens den Kuhstall ausmisten und im Anschluss die Schulbank drĂŒcken, oft blieb nur Zeit fĂŒr den Besuch der Sonntagsschule. Als 1914 die MĂ€nner des Ortes zum Kriegsdienst einrĂŒckten, hatten die Frauen, die zurĂŒck geblieben waren, noch hĂ€rtere TĂ€tigkeiten zu verrichten. Einmal sah sie den Kaiser, als dieser auf seiner Reise nach Bad Ischl mit dem Zug durchfuhr.

Zu MariĂ€ Lichtmess am 2. Februar wechselte man damals die Stelle. Maria war einem hohen Beamten und dessen Ehefrau als DienstmĂ€dchen empfohlen worden und so ĂŒbersiedelte sie mit 17 Jahren nach Wien, wo sie in der Mollardgasse im sechsten Bezirk einen Abstellraum ohne Fenster bewohnte. Es sollte nur eine kurze Episode bleiben. Das Heimweh ĂŒberwog, Maria kehrte nach Neukirchen zurĂŒck. Wieder arbeitete sie bei einem Landwirt. Katzen sollte sie ihr ganzes Leben nicht mögen: Der Bauer ließ die „Stubentiger“ die Suppenteller auslecken, bevor das Gesinde daraus essen durfte.

Beim „Hoagartn“ lernte die 19-JĂ€hrige ihren kĂŒnftigen Ehemann kennen. Es war ein damals noch ĂŒbliches Treffen bei Bauern, wo regelmĂ€ĂŸig musiziert und getanzt wurde und man Geschichten erzĂ€hlte. Josef war sieben Jahre Ă€lter: der Zimmerlehrling half, die Bundesstraße von Lambach bis Neubau zu beschottern. „Er hat dabei den Tipp bekommen, dass in Marchtrenk Grund billig zu kaufen ist“, erzĂ€hlte Maria Baumgartner spĂ€ter. Das junge Paar erwarb um vier Millionen Kronen am 1. Mai 1924 ein GrundstĂŒck. Die noch herumliegenden Reste des Kriegsgefangenenlagers wurden verwendet, um ein neues Haus zu bauen. Marchtrenk 136 lautete die Adresse in der damals 2400 Einwohner zĂ€hlenden Gemeinde, heute ist es Roseggerstraße 25.

Kurz zuvor war Tochter Berta im MĂ€rz auf die Welt gekommen, man lebte im Rohbau, das kleine Kind zum Teil bei den Großeltern. Erst am 5. April 1926 wurde geheiratet. In all den Jahren mĂŒhten sich Maria und ihr Mann. Er arbeitete als Zimmermeister und baute ein SĂ€gewerk auf, Maria half bei Bauern aus, um Lebensmittel zu verdienen. Als das Haus endlich fertig gebaut war, wurden drei Wohnungen an andere Parteien vermietet, in dem großen GebĂ€ude bewohnte die kleine Familie nur wenige RĂ€ume selbst.

Es war ein Leben voller Arbeit und Entbehrungen. Im RĂŒckblick waren das Schlimmste fĂŒr Maria Baumgartner nicht die zwei Weltkriege, sondern die Weltwirtschaftskrise. Das Geld, das ihr Mann mit dem Bau von DachstĂŒhlen und dem Verkauf von Holz verdient hatte, war von einem Tag auf den anderen nichts mehr wert. Kunden beglichen offene Rechnungen mit einer WĂ€hrung die durch die Inflation bedeutungslos geworden war. Die Familie musste mehrere Parzellen an der Roseggerstraße wieder verkaufen.

Hunger wollte Maria nie mehr leiden: Im Garten wurden Kartoffeln, Zwiebeln, Kraut angepflanzt, sie hielt eine Sau, drei Ziegen, sieben HĂŒhner, zwei Hasen. Von den Bauern hatte sie um die Geheimnisse der Natur gelernt. Misteln, Tausendguldenkraut, Scharfgarbe, Johanniskraut und Arnika wurden als HeilkrĂ€uter verwendet. Im SĂ€gewerk lernte Maria Baumgartner rasch die Arbeit mit dem Holz, konnte SĂ€geblĂ€tter schleifen, die KreissĂ€ge benĂŒtzen. Am 25. Juni 1941 sollte sie wieder Mutter werden. Ein Mitbewohner rannte zur Hebamme, als die Wehen einsetzen. Die 37-JĂ€hrige war allein als sie im Bett ihre Tochter Maria zur Welt brachte. „Ich habe noch so ein Rumpeln gespĂŒrt“, erzĂ€hlte sie von damals. Erst da sei ihr klar geworden, dass noch ein zweites Baby im Bauch sei. Ultraschall gab es damals noch nicht. Kurz darauf kam Sohn Josef zur Welt. Die Hebamme war erst gekommen, als Maria beide Kinder lĂ€ngst in den Armen hielt.

Die MĂ€r, dass die Leute damals nichts von den GrĂ€ueltaten des Hitlerregimes mitbekommen haben, wollte Maria Baumgartner nie erzĂ€hlen. In der Tötungsanstalt Hartheim war ihr Bruder ermordet worden. Ein ranghoher Nazi nahm der Familie den Traktor ab. Sie lehnte es ab, den "Hitlergruß" zu sagen. „Mein Gruß ist GrĂŒĂŸ Gott“, antwortete sie stets und wĂ€re dafĂŒr fast ins GefĂ€ngnis gekommen. Ihr Gatte wurde 1944 als bald FĂŒnfzigjĂ€hriger noch einmal eingezogen und nach Köln geschickt. Dort half er den Dom einzurĂŒsten um ihn vor KriegsschĂ€den zu bewahren. In Marchtrenk wurde er – nachdem der Kirchturm 1940 abgebrannt war – wegen des ungenehmigten Wiederaufbaus gemeinsam mit dem Pfarrer zu einer sechswöchigen bedingten Haftstrafe verurteilt.

Als das Ehepaar die Silberne Hochzeit mit einem Festgottesdienst feierte, stand in der Zeitung zu lesen: „Zimmermeister Baumgartner ist der Erbauer unseres Kirchturms; er ist samt seiner Frau ein Vorbild zĂ€her Ausdauer und unermĂŒdlichen Fleißes.“

Berta kĂŒmmerte sich um ihre kleineren Geschwister, die Mutter ging regelmĂ€ĂŸig ins SĂ€gewerk, um ihrem Mann zu helfen. Gegönnt hat sie sich kaum etwas. Die Tochter kaufte den ersten Fernseher. Lange noch wurde die WĂ€sche ausgekocht und von Hand gewaschen, bevor die Familie eine Waschmaschine erwarb. Das Ehepaar bewohnte nur zwei kleine Zimmer: Ein Schlafraum mit NĂ€hmaschine und eine KĂŒche mit Esstisch, Couch und Fernseher. Gekocht wurde mit einem Ofen, der zuvor angeheizt wurde und die Stube wĂ€rmte. Die Kinder teilten sich zwei Zimmer im Stock darĂŒber. Kein Vergleich zu den heute ĂŒblichen WohnflĂ€chen.

1969 starb Marias Ehemann, der Sohn ĂŒbernahm das SĂ€gewerk, in dem sie weiter tĂ€glich mitarbeitete. Am spĂ€ten Vormittag radelte sie von der Arbeit retour, um fĂŒr Josef und dessen Familie zu kochen. Sonntags gab es nach dem Kirchgang Schnitzel. Sie wusch fĂŒr den siebenköpfigen Haushalt die WĂ€sche, bĂŒgelte und stopfte Socken. Die Jahre der Entbehrung hatten sie geprĂ€gt. Nichts wurde weggeschmissen, alles wurde repariert, bis es wirklich nicht mehr zu benutzen war. Selbst durchgelegene Bettlaken wurden am Schluss noch als Putzfetzen verwendet. Hartes Brot wurde in den Kaffee getunkt, bis es aufgebraucht war. Der einzige Luxus, den sich die fleißige Marchtrenkerin gönnte, war ein Abo der Welser Rundschau und der Neuen Post, um ĂŒber die Nachbarn und die AdelshĂ€user informiert zu sein. Bei der Klassenlotterie wurde das GlĂŒck versucht. Ab und zu konnte ihre Tochter Berta sie zu Reisen ĂŒberreden. Erst im hohen Alter fuhr Maria Baumgartner außerhalb der Landesgrenzen nach Slowenien und Italien auf Urlaub.

Mit 80 Jahren hörte Maria Baumgartner gĂ€nzlich auf, noch ab und zu in die „Sog“, wie sie das SĂ€gewerk stets nannte, zu fahren. „So gut wie jetzt ist es mir nie gegangen. Endlich habe ich keine Geldsorgen mehr und muss nicht mehr arbeiten“, erzĂ€hlte sie damals. In all den Jahren hatte sie sich auch liebevoll um die Enkelkinder gekĂŒmmert, mit ihnen gespielt und sie bekocht. Immer freute sie sich darĂŒber, in einem Familienverband zu leben.

Als 1995 ihre Tochter Berta starb, wurde das Leben etwas einsamer, die Freunde waren lĂ€ngst nicht mehr auf der Welt. Oft saß Maria neben dem Haus auf einer Bank und sinnierte mit jedem, der es hören wollte, ĂŒber das Leben. Ihre Tochter Maria, die nebenan wohnte, kochte ihr in den letzten 7 Lebensjahren jeden Tag das Mittagessen und betreute die Mutter auch so.

Zum 100. Geburtstag kam der damalige Seniorenbundobmann Josef Ratzenböck und ehrte die mehrfache Uroma. Sie war eines der Ă€ltesten Seniorenbundmitglieder Oberösterreichs, wie der Laudator launig berichtete. Mit 104 Jahren verstarb Maria Baumgartner am 28. JĂ€nner 2007 nach einem Schlaganfall. Zu MariĂ€ Lichtmess wurde sie begraben. Wie sie ein solch hohes Alter erreicht hat? „Man muss immer in Bewegung bleiben“, sagte sie stets. Das sei das Geheimnis eines langen Lebens. Aber auch ihr tiefer Glaube gab ihr stets Halt in ihrem langen, langen Leben.

Text: Annette Bauer-Gantner, Enkelin


"Marchtrenker Frauen" - Dokumentation einer Ausstellung des Museumsvereins Marchtrenk - Welser Heide im Rahmen des Tags des Denkmals 2017 unter dem Motto "Heimat großer Töchter" in der Alten Pfarrkirche Marchtrenk.

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