Forum O├ľ Geschichte

Katharina Mahr. Ein beschwerliches, aber zufriedenes Leben


Meine Oma v├Ąterlicherseits (geborene Klug, 22.6.1915 bis 26.11.1990, Geburtsort und Eheschlie├čung in Sch├Ândorf, rum├Ąnischer Banat am 20.5.1932) steht stellvertretend f├╝r viele Frauen und M├╝tter in harten und schwierigen Zeiten, wobei Menschlichkeit und Familiensinn immer im Lebensmittelpunkt standen.

In dem seinerzeit 150 Jahre alten donauschw├Ąbischen Dorf Sch├Ândorf zur Welt gekommen, einen Bruder und zwei Schwestern hatte sie, besucht sie die ├Ârtliche deutsche Volksschule und bereits vor dem 17. Geburtstag begann der Ernst des Lebens. Vermutlich aus Schwangerschaftsgr├╝nden heiratete sie meinen Opa Paul Mahr, geb. 1908, und betrieben wie viele eine kleine Landwirtschaft mit gr├Â├čeren Weiden und verschiedenen Nutztieren ÔÇô zwei Pferde waren der ganze Stolz.

1942 wurde Opa in den Krieg eingezogen und sie war mit 4 Kindern auf sich alleine gestellt ÔÇô in Sch├Ândorf half noch die Familie. Im September 1944 trat sie mit den vier Kindern Franz (10), Paul (7), Johann (4) und Ewald (2) die Flucht an. Die 12 Kilometer zum Bahnhof Arad wurden zu Fu├č mit der Schwester und den Kindern unter dem n├Ąher kommenden Frontl├Ąrm zur├╝ckgelegt. Im letzten Zug ├╝ber die Marosch-Br├╝cke, die danach gesprengt wurde, ging es in Viehwaggons mit einigen Habseligkeiten in Leint├╝cher gewickelt, durch Ungarn Richtung Westen. Die Verteilung der Fl├╝chtlinge regelten die deutschen Beh├Ârden und so war in Sch├Ąrding Endstation.

In M├╝nzkirchen 104 wurden sie in einem Zimmer und einem Vorraum einquartiert. Kurz vor Kriegsende kam Opa leicht verletzt am Bein aus der russischen Zone nach Information des Roten Kreuzes zu ihnen. Die Versorgung war in den ersten Jahren sehr schwierig. Die Kinder suchten Pilze und Beeren und Opa half Bauern mit Korbflechten und bei Arbeiten. Oma verkaufte am Markt in Sch├Ąrding, meist zu Fu├č mit K├Ârben die 10 Kilometer Wegstrecke zur├╝ckgelegt, teils Sachen und so konnten Hasenjungen erstanden und gro├č gezogen werden ÔÇô unser erstes regelm├Ą├čiges Fleisch. Auch Erd├Ąpfel, N├╝sse und ├äpfel wurden organisiert und waren f├╝r die Verpflegung wichtig. In den ersten Wintern mussten sie Tannenzapfen zum Heizen sammeln und ein angew├Ąrmter Ziegelstein diente im Kinderbett zum Erw├Ąrmen.

Die Gro├čfamilie wuchs in M├╝nzkirchen um den n├Ąchsten Buben Anton (1945) und das erste M├Ądchen Katharina (1946) auf schon 8 Personen. Die zw├Âlf Jahre in M├╝nzkirchen waren voller H├Âhen und Tiefen und trotzdem sind sehr viele sch├Âne Erinnerungen geblieben und ├╝berliefert. Dennoch gab es auch das Thema ÔÇ×Auswanderung nach Deutschland, Amerika oder Kanada und auch der Elsa├č in Frankreich, zur├╝ck zu den Wurzeln, war im Gespr├ĄchÔÇť und viele Heimatvertriebene packten nach und nach ihre Sachen. Durch den Arbeitskollegen Hans Loch von Opa, der die gesamte Woche ausw├Ąrts auf Baustellen war, kamen wir nach Marchtrenk.

Ein ausgewanderter Volksdeutscher in der Brucknerstra├če 5 hatte eine gro├če Holzbaracke sowie einen begonnenen Hauskeller auf dem 1.000 qm gro├čen Grund angeboten. F├╝r den Kauf um ca. 16.000,- Schilling musste ein befreundeter Gro├čbauer aus M├╝nzkirchen als B├╝rge einstehen. Im letzten Jahr 1956 vor dem Umzug kamen noch die Zwillinge Elisabeth und Andreas und das letzte Kind Adam kam bereits in Marchtrenk 1958 zur Welt.

Das gro├če Elternhaus mit nunmehr 9 Kindern wurde von Opa samt erwachsenen S├Âhnen, alle in brauchbaren Fachberufen als Tischler, Elektriker und Spengler rasch errichtet. Teilweise wurden die L├Âhne zum Bau eingebracht und mein Vater musste aus Kostengr├╝nden die HTL in Steyr abbrechen. Die Versorgung war dank des sehr gro├čen Gem├╝segartens, um den sich Oma mit den Kindern k├╝mmerte, wesentlich besser. Opa zog diverse Tiere, zuerst Schweine, dann sehr viele Kleintiere wie Hasen, Meerschweinchen, Enten, H├╝hner und sogar Pfaue gro├č und somit war auch f├╝r eine gute Fleischversorgung der Familie gesorgt.

Oma Katharina war eine flei├čige und geduldige Frau. Als Gro├čk├Âchin f├╝r viele Kinder waren Mohnstrudel, ausgezogener Apfelstrudel, in St├╝cke geschnitten, Apfelringe in Schmalz herausgebacken, Schmerkipferl und diverse Suppen (Gem├╝se und Hasen), gebackener Polenta (Mais) ihre Lieblingsgerichte. Auch Zuckerbrot (Schwarzbrot in Wasser befeuchtet und in die Zuckerdose getaucht) war sehr beliebt. Eigene Wurst und Speck ÔÇô am Dachboden aufgeh├Ąngt ÔÇô aus den eigenen Schweinen halfen bei der Ern├Ąhrung bei der starken Arbeit. ÔÇ×MetzlsuppÔÇť gab es nur beim Schweineschlachten und schmeckte allen einmal im Jahr kurz vor Weihnachten. Die Banater Bratwurst wurde immer so lange gew├╝rzt, bis Oma sagte ÔÇ×jetzt is sie guatÔÇť. Der Gem├╝segarten brachte dank Oma das ganze Jahr Abwechslung ÔÇô alles wurde angebaut und verwertet. Die Kinder wurden auch zum Arbeiten herangezogen und eingeteilt z.B. Krauteintreten im Fass, Erd├Ąpfelklauben. Essiggurken, gef├╝llte Paprika und Kraut wurden von ihr f├╝r den Winter in gro├čen Mengen eingelegt und auch die Nachbarschaft versorgt. Sonntag kochte sie f├╝r die gr├Â├čer werdende Familie immer gerne auf und bediente f├╝rsorglich alle Hungrigen. Dabei nahm sie immer zuletzt ihr Essen und knabberte mit einem spitzen Messer die abgenagten Knochen nochmals ab. Beim Lebensmittelgesch├Ąft Flam in derselben Stra├če konnte auch angeschrieben werden. Ende des Monats erhielten die M├Ąnner den Lohn ausbezahlt und Oma ging Schulden, die den ganzen Monat angeschrieben wurden, begleichen ÔÇô die Kinder erhielten immer S├╝├čigkeiten. Blaue und gr├╝ne (mit Nuss) Ein-Schilling-Schokoladen waren hei├č begehrt und zu Weihnachten mit der Alufolie sogar am Christbaum.

Oma war immer ruhig und nahm auch bei Problemen viel auf sich ÔÇô Opa war kein leichter Ehepartner, aber ein t├╝chtiger Arbeits- und Familienmensch. Sie war nach Wissen aller Kinder nur einmal krank und im Krankenhaus Wels, sonst war sie immer zu Hause. Beide hatten nie ein Auto, Oma konnte auch nicht Rad fahren, Zeit f├╝r die Kirche war kaum da, aber sie besuchte diese nach M├Âglichkeit mit ihren Kindern. Elisabeth und Schwiegertochter Marina (Frau von Adam) waren in den letzten Jahren Oma eine gro├če St├╝tze und Hilfe. Die letzte Hinglsupp (H├╝hnersuppe), die ihr wunderbar geschmeckt hat, hat ihre Tochter Kathi am letzten Wochenende vor ihrem Ableben gekocht ÔÇ×so ah guate Supp hot si scho lang nimma ghabtÔÇť, waren ihre zufriedenen Worte.

Einen Tag nach ihrem Namenstag Katharina am 25.11., hat Oma im Kreise ihrer Familie, nach den Folgen eines Schlaganfalles, ihre Augen geschlossen.


Text: Paul Mahr, Enkel (B├╝rgermeister von Marchtrenk seit 2013)
 

Literaturhinweis: In den Mitteilungen der Landsmannschaft der Donauschwaben in Ober├Âsterreich, Jahrgang 50 (2017), Nr. 3, ist der hier gek├╝rzt wiedergegebene Text zur Biografie von Kahtarina Mahr in vollem Umfang nachzulesen.


"Marchtrenker Frauen" - Dokumentation einer Ausstellung des Museumsvereins Marchtrenk - Welser Heide im Rahmen des Tags des Denkmals 2017 unter dem Motto "Heimat gro├čer T├Âchter" in der Alten Pfarrkirche Marchtrenk.

┬ę 2018