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Erna Hengster. Eine Bettlerin, ausgegrenzt ein Leben lang


Es handelt sich bei dieser ErzĂ€hlung um das Leben einer Frau, die das Überleben ihrer Familie eigentlich nur durch Betteln bewerkstelligen konnte. Ich denke, sie hatte keinerlei Altersversorgung und war somit auf das MitgefĂŒhl der Mitmenschen angewiesen. Dies war allerdings fĂŒr sie nicht leicht, da sie durch ihre provozierende Art von vielen abgewiesen wurde. Woher sie kamen, wusste eigentlich niemand genau. Sie, das waren drei Personen die als eine Familie zusammenlebten. Die „Auprinzessin“ hieß eigentlich Erna Hengsler, wurde laut Auskunft des Gemeindeamts Marchtrenk am 24. 04. 1903 geboren und war staatenlos, dann ihr LebensgefĂ€hrte, der hieß Johann Frank und ihr Ziehsohn mit dem Namen Josef Valenta. Die „Auprinzessin“ selber erzĂ€hlte öfter, dass sie in ihrer Jugend in Triest als Polizeiköchin beschĂ€ftigt war.

In den FĂŒnfzigerjahren kamen die zwei Alten alle paar Wochen in unsere Gegend um zu betteln. Angeblich wohnten sie damals in einer HĂŒtte in einer Schottergrube am Stadtrand von Wels. Sie bekamen von der Mutter meist einige Eier oder andere Lebensmittel aus der eigenen Landwirtschaft. Dann, so Mitte der FĂŒnfzigerjahre, hieß es, dass ein Nachbar ein kleines GrundstĂŒck, das am Feibach der SchiffermĂŒhle gelegen ist, an eine HĂ€uslbauerfamilie verkauft hĂ€tte. Es dauerte nicht lange, da wurde auch schon ein Betonfundament fĂŒr eine Baracke errichtet. Noch am selben Abend hatten damals wir Lausbuben nichts anderes zu tun, als die Schrauben, die in das frische Fundament einbetoniert waren, durch hin und her bewegen zu lockern. Diese Schrauben dienten fĂŒr die Befestigung der darauf zu errichtenden Baracke. Die Arbeiter die diese Bauarbeiten ausfĂŒhrten waren angeblich schwedische Studenten und das ganze Projekt wurde durch die Schwedenhilfe finanziert. Nachdem nach einigen Wochen die Holzbaracke aufgestellt war und runderum ein Zaun gezogen wurde, staunten wir nicht schlecht, als die uns schon gut bekannte Bettlerfamilie in die HĂŒtte einzog. Denn es hieß allgemein sie seien Zigeuner.

Besonders auffĂ€llig war die Aufmachung der „Auprinzessin“. Sie trug meist auch im Sommer einen dicken Mantel mit Pelzkragen, ihre StrĂŒmpfe hingen meist lose herunter und am auffĂ€lligsten waren ihre Ohrlapperl, die waren ganz ausgefranst und vernarbt. Wir vermuteten, dass dies von Raufereien stammte, bei denen ihr das OhrgehĂ€nge öfter heruntergerissen wurde.

Nun wurde es fĂŒr uns Lausbuben in der Nachbarschaft zum Zeitvertreib die „Auprinzessin, Auhex oder Zigeunerin“, wie sie nach Bedarf genannt wurde, zu sekkieren. Aber auch SchĂŒler vom ĂŒbrigen Ort machten es sich zur Gewohnheit, des Öfteren bei ihr vorbeizuschauen. Sie hatte ja ein gutes Mundwerk und war mit Schimpfwörtern in italienisch und deutsch gut beschlagen, sodass es fĂŒr uns schier ein Muss war, sie zu hĂ€nseln. Wir waren ebenfalls gleich bemĂŒht italienische Schimpfwörter zu erlernen, die uns mein Bruder Franz, der am Gymnasium Italienisch lernte, beibrachte. Man brauchte auch gar nicht viel zu unternehmen, um sie aus der Reserve zu locken. Es genĂŒgte mit dem Fahrrad beim Zaun vorbeizufahren und dabei "Auhex" zu rufen, schon bekam man ihren Nachtscherm, den sie immer griffbereit hatte, hinterher geschĂŒttet, garniert mit einigen deftigen AusdrĂŒcken.

Einmal waren wir mit Stoppelrevolvern unterwegs. Ein Teil unserer Gruppe watete durch den Feibach und kam somit von der Nordseite zu ihrer HĂŒtte. Als sie diesen nachlief kamen die anderen von der SĂŒdseite und begannen mit den Revolvern genau vor ihrer HĂŒtte zu knallen, was sie natĂŒrlich sehr in Rage brachte. Als mir einmal fad war, kam ich auf eine ganz besondere Idee, um sie zu reizen. Ich kletterte auf das Dach unserer SilohĂŒtte. Da nahe an der HĂŒtte ein Nussbaum stand war dies leicht möglich. Mitgenommen hatte ich den Rasierspiegel meines Vaters. Es war ein strahlender Sommertag und ich lenkte mit Hilfe des Spiegels die Sonnenstrahlen zu dem etwa dreihundert Meter entferntem GrundstĂŒck der Auprinzessin.

Diese stand natĂŒrlich vor ihrer HĂŒtte und wurde von meinen Spiegeleien immer wieder geblendet. Es dauerte nicht lange und ich sah sie schon mit einem Stock bewaffnet auf unser Haus zulaufen. Da bekam ich es natĂŒrlich mit der Angst zu tun, ich kletterte rasch vom Dach herunter und lief Richtung unserer Au, um mich im GebĂŒsch zu verstecken. An meine Mutter hatte ich natĂŒrlich nicht gedacht. Die arbeitete nĂ€mlich im Hausgarten und musste sich dann ihre Schimpftiraden und FlĂŒche ĂŒber den unerzogenen Sohn anhören. Dieses Blenden mit einem Spiegel wurde allmĂ€hlich zum Hobby mehrerer ihrer Nachbarn, die dies vom Balkon oder von ihrem Garten aus betrieben, um sie zu Ă€rgern. Ihr Gegenmittel war, dass sie vor ihrer HĂŒtte einige Spiegel auf HolzpfĂ€hlen aufstellte. Sie wollte damit unsere Sonnenstrahlen zurĂŒckblenden, was ihr aber nicht gelang, da sie mit ihren Spiegeln nicht so genau zielte, wie wir mit unseren.

Ein eigenes Kapitel war ihr LebensgefĂ€hrte Johann, den man nur zu sehen bekam, wenn sie mit ihm zum Betteln unterwegs war. Er war meist unrasiert mit einem wilden Stoppelbart. Man erzĂ€hlte sich, sie habe ihn aus Eifersucht zu Hause mit einer Kette am Tisch angehĂ€ngt. Wehe eine Frau wagte es sie anzusprechen, dass sie so einen feschen Mann habe, oder es genĂŒgte auch schon, wenn eine Frau zu langsam bei ihrer HĂŒtte vorbeiging. Da war die Meldung: „Du Hure – schaust nur nach fremden MĂ€nnern“ noch eine der harmlosesten.

Die grĂ¶ĂŸten Probleme hatte mit ihr unser BrieftrĂ€ger Isidor Gruber. Der konnte es ihr einfach ĂŒberhaupt nicht recht machen. Denn wenn ihre Spinne im Haus an einer bestimmten Stelle saß, musste sie Post bekommen und wenn das nicht der Fall war, dann hat die Post der Isidor unterschlagen. Sie beschwerte sich andauernd beim Postmeister, dass ihr der BrieftrĂ€ger keine Post bringe und es eskalierte schließlich so weit, dass er von ihr und von ihrem Johann vom Fahrrad heruntergerissen und tĂ€tlich angegriffen wurde. Ich glaube, es kam daraufhin sogar zu einer Gerichtsverhandlung und sie musste sich dann die Post selber am Postamt abholen. Ein tragisches Detail war dann noch, dass der BrieftrĂ€ger Isidor Gruber Mitte der Sechzigerjahre einige Meter nach ihrem Haus im Dienst einen Herzinfarkt hatte und tot vom Fahrrad stĂŒrzte.

Im Ort war sie natĂŒrlich ĂŒberall bekannt und hatte auch ihre HĂ€user in die sie regelmĂ€ĂŸig betteln ging. Ein Stammgast war sie immer wieder im Pfarrhof, wo sie von Maria Schachner, der Schwester von Dechant Josef Schachner meist bewirtet wurde. Wenn sie aber nur ĂŒber ihre Mitmenschen schimpfte und ihre Schimpftiraden losließ, bekam sie des Öfteren ein Hausverbot im Pfarrhof.

Mit ihrem Ziehsohn Josef, allgemein als „Zigeuner-Sepp“ bekannt, hatten wir auch manchmal unsere Auseinandersetzungen. Sie drohte uns oft mit den Worten: „Wartet nur, wenn mein Sohn kommt auf dem Motor!“ damit meinte sie das Moped das er besaß. Einmal waren an einem Sonntagnachmittag einige Burschen der katholischen Jugend bei uns im Garten vorbeigekommen. „Zigeuner-Sepp“ fĂŒhlte sich von ihnen provoziert und kam mit seinem Moped angerast mit einer Pistole in der Hand. Er zitterte vor Aufregung und drohte uns, wenn er noch einmal kommen muss „dann krachtÂŽs“!

Mit den Jahren wurde das VerhĂ€ltnis zur Auprinzessin allmĂ€hlich ruhiger. Ihr Ziehsohn hatte eine Frau gefunden die ihm zwei Töchter gebar. Diese wurden als sie zur Schule gingen, meist von meinem Bruder mit seiner eigenen Tochter auch mit in die Schule mitgefĂŒhrt.

Als ich im Jahr 1973 heiratete kam sie vorbei und sang uns ein italienisches HochzeitstĂ€ndchen. In den letzten Jahren ihres Lebens, ihr Johann war da schon verstorben, stand sie oft schon um sechs Uhr am Morgen vor unserem Schlafzimmerfenster und schrie: „Leo, lieber Leo“, dass meine Frau beinahe eifersĂŒchtig wurde. Ich sollte sie dann meist mit dem Auto in den Ort mitnehmen oder ihr Sachen von einem GeschĂ€ft mitbringen. Oder wenn sie im Ortszentrum mein Auto stehen sah, dann wartete sie bis ich hinkam und bat mich sie heimzufĂŒhren. In den letzten Lebensjahren bestand ihre Medizin meist aus Rotwein und Wunderlich Magenbitter, die aber nur vom Gasthaus Oberlaber sein durften, denn sie war der Meinung, dass nur der eine gute QualitĂ€t habe! Dass sie in einem KaufgeschĂ€ft dafĂŒr viel weniger zu bezahlen gehabt hĂ€tte, war ihr da egal.

Am 29. September 1980 verstarb sie im Krankenhaus Wels im 78. Lebensjahr und am 1. Oktober 1980 fand unter der Teilnahme nur einiger TrauergÀste im Waldfriedhof Marchtrenk das BegrÀbnis statt.


Text: Leo Weber
 


"Marchtrenker Frauen" - Dokumentation einer Ausstellung des Museumsvereins Marchtrenk - Welser Heide im Rahmen des Tags des Denkmals 2017 unter dem Motto "Heimat großer Töchter" in der Alten Pfarrkirche Marchtrenk.

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