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Volksmusik in Oberösterreich


„Volksmusik“
Der Begriff ,Volkslied’ bzw. in weiterer Folge ,Volksmusik’ wurde erst im 19. Jahrhundert von Johann Gottfried Herder (1744–1803) geprĂ€gt; im Volk selbst hatte diese Bezeichnung dagegen noch lange keine GĂŒltigkeit. Sie soll hier aber dennoch, der besseren VerstĂ€ndlichkeit wegen, auch fĂŒr die Zeit vor 1800 angewendet werden.

„Lutherische Musik“
Sieht man - wie viele es tun - geistliche GesĂ€nge, die wĂ€hrend des Gottesdienstes von der Gemeinde gesungen wurden, als Volkslieder an, so ist Volksmusik schon im 15. Jahrhundert greifbar, vor allem dann, als durch den aufkommenden Protestantismus FlugblĂ€tter und GesangsbĂŒcher mit deutschsprachigen Kirchenliedern verstĂ€rkt in Umlauf gebracht wurden. Gerade im 16. Jahrhundert erwies sich gerade Oberösterreich als fruchtbarer Boden des lutherischen Kirchengesangs und Linz sowie Steyr galten in der Herstellung solcher Druckwerke als fĂŒhrend. Zum eigentlichen Musizieren am Lande außerhalb des Kirchenraumes ist aus jener Zeit – bis auf wenige archivalische Quellen, die allerdings keine Musik enthalten – nichts auf uns gekommen. Solche Archivalien nennen etwa das Auftreten von Spielleuten und Musikanten zu bestimmten AnlĂ€ssen oder es handelt sich dabei um Verordnungen, die das Tanzen in der Bevölkerung einschrĂ€nken bzw. zu bestimmten Zeiten ganz verbieten. Das wohl bedeutendste Dokument dieser Art ist ein Musik-Impost von 1724, der EintrĂ€ge aus ganz Oberösterreich enthĂ€lt. Darin werden AnlĂ€sse genannt, zu denen (Tanz-)Musik produziert wurde. In vielen FĂ€llen wurde dabei sogar die Besetzung, in der musiziert wurde, angegeben.

Verwendete Instrumente
Waren es bis ins 17. Jahrhundert vor allem Dudelsack und Drehleier, die zur dörflichen Tanzunterhaltung eingesetzt wurden, etablierte sich danach, von Italien kommend, die Violine. Bald hatte das Instrument Einzug in Hofmusik- und Adelskapellen gefunden. In der Folge ĂŒbernahm sie auch das Landvolk, dem ,Hochkultur’ schon immer als nachahmenswertes Vorbild galt. Welcher Art die im 17. und frĂŒhen 18. Jahrhundert v. a. bei Hochzeiten, Kirtagen und dergleichen, gespielten TĂ€nze waren, ist nicht ersichtlich. Vermutlich dĂŒrfte es sich bei ihnen aber um Landler – neben Gstanzln (Vierzeiler) und Jodler die einzigen authentischen volksmusikalischen Schöpfungen – gehandelt haben. Interessante Einblicke in den TĂ€tigkeitsbereich damaliger Musikanten erlaubt das GeschĂ€ftsbuch eines MĂŒhlviertler Spielmannes namens Stelzl, der im Durchschnitt 14-mal jĂ€hrlich allein oder mit Kollegen zum Tanz aufspielte. Seine ab 1790 gefĂŒhrten Aufzeichnungen geben detaillierte Auskunft ĂŒber die SpielanlĂ€sse, schweigen aber in puncto Repertoire.

Quellematerial
Das erste erhaltene Notenmaterial zu LÀndlertÀnzen befindet sich heute im Oberösterreichischen Landesmuseum. Es sind dies die so genannten Viechtwenger TÀnze aus Viechtwang bei Scharnstein, die im Jahre 1764 aufgeschrieben wurden. Sie sind somit die ersten klingenden Zeugnisse oberösterreichischer Volksmusik.
Das Ă€lteste erhaltene Liedmaterial des Landes stellt die Wesenauer Handschrift aus dem Salzkammergut (vermutlich aus Hallstatt) dar. Diese enthĂ€lt Texte – keine Noten! – von vorrangig geistlichen Liedern, die zum praktischen Gebrauch von Cajetan Wesenauer im Jahre 1787 niedergeschrieben wurden. Der Band ist heute im Besitz des Oberösterreichischen Volksliedarchivs.

Das wichtigste und umfassendste Dokument lĂ€ndlichen Musikzierens stellt aber die Sonnleithner-Sammlung dar. Sie wurde 1819 vom SekretĂ€r der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, Joseph Sonnleithner, angeregt und in Ă€hnlicher Art in allen KronlĂ€ndern zusammengetragen: Musikbegeisterte und Schullehrer in allen Teilen des Landes wurden aufgefordert, Lieder und TĂ€nze zu sammeln und nach Wien zu senden. In nahezu allen Teilen Oberösterreichs kam man dem Aufruf Sonnleithners nach. So enthĂ€lt die Kollektion nicht nur vokale und instrumentale Formen aus der dörflichen Musiktradition, sondern auch Werke der bĂŒrgerlichen und kirchlichen Welt, denen ein ebenso hoher Anteil zukommt. Diese Materialien stellen einen ausgezeichneten Querschnitt des Musizierens in Oberösterreich um 1800 dar. Das dadurch entstehende Bild bestĂ€tigt, dass dörfliches Musizieren nicht nur aus dem bestand, was heute unter ,Volksmusik’ verstanden wird. Vielmehr wurden Formen der ,Kunstmusik’ – allen voran modische Lieder und TĂ€nze – den UmstĂ€nden entsprechend adaptiert. An VolkstĂ€nzen birgt die Sammlung vor allem Landler aus dem Salzkammergut, zu denen auch vereinzelt Hinweise auf ihre AusfĂŒhrung beigegeben sind.

Jodler
Der im 19. Jahrhundert einsetzenden wissenschaftlichen BeschĂ€ftigung mit Volksmusik ist es zu verdanken, dass Quellenmaterial gesammelt und gesichert werden konnte, das sonst womöglich fĂŒr immer verloren gegangen wĂ€re. Ein Pionier dieser Zeit war Anton Ritter von Spaun (1790–1849), der 1844 eine auf seine umfangreichen Erhebungen beruhende Publikation mit dem Titel Oesterreichische Volksweisen herausgab. FĂŒr diese hatte er Lieder und TĂ€nze aus der Gegend um KremsmĂŒnster und dem Salzkammergut zusammengetragen. Dabei handelt es sich in erster Line um in Noten gesetzte Vierzeiler, der Zeit entsprechend mit Klavierbegleitung versehen. Der Band enthĂ€lt aber auch erstmalig Jodler (von Spaun „Almer“ genannt), die in Oberösterreich aufgezeichnet wurden. Spaun verzichtet bei ihrer Wiedergabe jedoch auf die Silben, da er sie lediglich fĂŒr Klavier bearbeitet hatte. Dennoch sind diese StĂŒcke einzigartig, denn Jodler waren bisher lediglich aus der Literatur – vor allem aus Reiseberichten – bekannt, wo sie gewöhnlich als alpenlĂ€ndisches Spezifikum beschrieben wurden. Notenmaterial dazu war bisher aber noch nicht ĂŒberliefert worden.

Weihnachtslieder
Der neben Spaun bedeutendste Sammler von Volksmusik war der Florianer Chorherr Wilhelm Pailler (1838–1895). Dieser veröffentliche in den Jahren 1881 bis 1883 ein zweibĂ€ndiges Werk Weihnachtslieder und Krippenspiele aus Oberösterreich und Tirol. Es enthĂ€lt EintrĂ€ge aus beinah allen oberösterreichischen Landschaften und ist bis heute an Materialreichtum unĂŒbertroffen. Im Prinzip bestĂ€tigt Pailler darin die schon fĂŒr die Sonnleithner-Sammlung geltenden Kriterien, in diesem Fall natĂŒrlich rein auf den kirchlichen Bereich bezogen. Das heißt, die meisten der aufgezeichneten und oft noch bis heute gesungenen Weihnachtslieder waren ursprĂŒnglich, mit kleiner Instrumentalbegeleitung und Orgel versehen, als Offertorien Bestandteil des Gottesdienstes. In vielen FĂ€llen lassen sich sogar noch deren Komponisten eruieren. GegenwĂ€rtig werden solche Lieder, allerdings in vereinfachter Form, vor allem im Salzkammergut gesungen, wo sie im Rahmen des dortigen Krippenbrauchtums einen fixen Platz haben.

Die ebenfalls zum „Klassiker“ gewordene Weihnachtsliedersammlung Ferdinand Schallers aus Ebensee (in Gmunden um 1918 erschienen), bestĂ€tigt eine ununterbrochene Gesangstradition dieser Lieder.

Wald- und WildschĂŒtzenlieder
In der Zeit des Biedermeier entstanden, bedingt durch ein verĂ€ndertes romantisch verklĂ€rtes Naturempfinden, neue weltliche Liedformen. Diese heute als Alm- und WildschĂŒtzenlieder bekannten und beliebten GesĂ€nge, gehen großteils auf jene Zeit zurĂŒck. Zu nennen wĂ€ren hier etwa die Lieder des in Losenstein geborenen Anton Schosser (1801–1848), aus dessen Feder ebenso der spĂ€ter zur steirischen Landeshymne gewordene Erzherzog-Johann-Jodler als auch das populĂ€re Almsee-Echo stammt. Aber auch die lĂ€ndliche Tanzmusik erhielt erheblichen Materialzuwachs. An die Seite der alten ĂŒberlieferten TĂ€nzen der LĂ€ndler-Familie (Landler, Steirer und Schleuniger) traten jetzt moderne Schöpfungen wie Polka, Walzer, Schottischer etc., die durch Franz Schubert und Johann Strauß Vater ungeheure PopularitĂ€t erlangten und weit ĂŒber Wien hinaus beliebt waren. Von dörflichen Spielleuten adaptiert und deren Möglichkeiten angepasst, wurden diese TĂ€nze bald zum Volksgut.

FĂŒr Oberösterreich von Bedeutung war Johann Baptist Schiedermayr (1779–1840), der als Linzer Domkapellmeister mehrere Tanzsammlungen fĂŒr die stĂ€dtischen RedoutensĂ€le komponierte. Viele seiner Schöpfungen spielte man bald auf den lĂ€ndlichen Tanzböden.

Dazu kam, dass das volksmusikalische Instrumentarium vor allem um BlĂ€ser erweitert wurde: Erstmals werden Klarinetten und Trompeten genannt, die aus der Harmonie- und MilitĂ€rmusik ĂŒbernommen wurden.

Gesangsvereine und Blasmusikgruppen
Eine erhebliche ZĂ€sur im lĂ€ndlichen Musizieren entstand durch die Folgen des Revolutionsjahres 1848. Ein neu geschaffenes Vereinsgesetz erlaubte die GrĂŒndung von Körperschaften, die auch musikalischen Aspekten verpflichtet waren. Vor allem SĂ€ngerbĂŒnde und Blasmusikformationen prĂ€gten nun sowohl das dörfliche als auch das bĂŒrgerliche Milieu. Von diesen Gruppierungen wurde vor allem das im Biedermeier neu entstandene Repertoire gepflegt. Dazu kam im Laufe der Jahre der aufkommende Nationalismus – nicht zuletzt eine Folge der Emanzipation des BĂŒrgertums –, der die Grundlage fĂŒr das Interesse am ,Deutschen Volkslied’ bereitete, das mit dem alpenlĂ€ndischen Volkslied jedoch nicht verwechselt werden sollte. So entstand bald – wenn auch unter völlig anderen Voraussetzungen – eine zweite Schicht ,gepflegter’ Volksmusik, die unabhĂ€ngig neben den tradierten Jodlern, Gstanzln und TĂ€nzen existierte.

Diese Form der Pflege war es, die im Prinzip bis zum Zweiten Weltkrieg, und oft auch noch danach, in mehr oder minder abgewandelter Form praktiziert wurde.

Freude am Musizieren
Kennzeichnend fĂŒr die Volksmusik des 20. Jahrhunderts sind unzĂ€hlige Volksmusikgruppen, die, ihre VorlĂ€ufer wohl in den Spielleuten vergangener Tage habend, gegenwĂ€rtig die Szene prĂ€gen. Zu den bekanntesten Formationen zĂ€hlen bzw. zĂ€hlten wohl die Solinger und die Geschwister Simböck aus dem Innvierte, oder die Simon-Geigenmusi und Lois Neuper mit seinem Goiserer Viergesang aus dem Salzkammergut. „Volksmusikgeschichte“ schrieben auch die KremsmĂŒnsterer Bock- und Leiermusik um Rudolf Lughofer, da sie sich verstĂ€rkt um die Wiederbelebung der Burduninstrumente Verdienste erwarben. DarĂŒber hinaus muss wohl Volker Derschmidt aus Gunskirchen zu den wichtigsten aktiven Musikanten gerechnet werden. Nicht zuletzt, weil auf seine Initiative hin unzĂ€hlige Volksmusikgruppen ins Leben gerufen wurden, die der traditionell ĂŒberlieferten oberösterreichischen Volksmusik verpflichtet sind. Diese wenigen Genannten mögen exemplarisch fĂŒr viele Gruppen und Personen stehen, die sich in beispielhafter Weise um die Überlieferung und Vermittlung heimischer Traditionen bemĂŒhen. Daneben bereichern nach wie vor Menschen die volkskulturelle Landschaft, die ohne allem finanziellem Interesse rein aus persönlicher Freude dem Singen und Musizieren nachgehen. In ihrem Repertoire verschmilzt sentimentales Liedgut mit dem des Alpenlandes, VolkstĂŒmliches mit Traditionellem und prĂ€gt so den gegenwĂ€rtigen Stil, ohne direkt von kommerzieller Inszenierung geprĂ€gt zu sein.

VolkstĂŒmliche Musik
Anders verhĂ€lt es sich mit der „organisierten“ Volkskultur: Schon im 19., vehement allerdings im 20. Jahrhundert rĂŒckte Volkskultur mehr und mehr in den TĂ€tigkeitsbereich lokaler und regionaler Vereine. Ihr Drang zur öffentlichen und in letzter Zeit auch medialen PrĂ€senz blieb auch fĂŒr die Volksmusik nicht ohne Auswirkungen. So spielt sich fĂŒr viele das musikalische Leben nur noch vor und fĂŒr das Publikum ab, ein Umstand, der zuvor nur wenig Bedeutung hatte. Gerade der Tourismus und seine eklatante Wichtignahme, in dem viele Musiker und Musikanten ein neues und finanziell lukratives BetĂ€tigungsfeld sehen, zerstört aber die gewachsene kulturelle Struktur (Stichwort ,VolkstĂŒmliche Musik’). Es wird also verstĂ€rkt nötig sein, in Zukunft auch mit der eigenen Volkskultur einen sensiblen Umgang zu pflegen.

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