Forum OÖ Geschichte

Brucknerhaus


Das Brucknerhaus, am rechten Donauufer im Linzer Zentrum gelegen, wurde am 23. MĂ€rz 1974 eröffnet. AufgefĂŒhrt wurden Anton Bruckners Siebte Symphonie von den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Herbert von Karajan. Zudem brachte das Bruckner Orchester unter Kurt Wöss Bruckners Te Deum, u. a. mit Agnes Baltsa als Solistin, sowie die UrauffĂŒhrung von Gottfried von Einems Bruckner-Dialog, op. 39 zu Gehör. Bereits bis 1976 gastierten hier viele prominente Orchester und Dirigenten:

Orchester und Dirigenten

Bamberger Symphoniker, BBC Symphonie Orchestra London, Boston Symphonie Orchestra, Chicago Symphonie Orchestra, Cleveland Orchestra, Concertgebouworkest Amsterdam, Leningrader Philharmonie, Los Angeles Philharmonic Orchestra, MĂŒncher Philharmoniker, New Philharmonia Orchestra London, New Yorker Philharmoniker, Staatskapelle Dresden, Sydney Symphonie Orchestra, Tschechische Philharmonie, Wiener Philharmoniker, Wiener Symphoniker

Claudio Abbado, Leonard Bernstein, Karl Böhm, Pierre Boulez, Carlo Maria Guilini, Bernard Haitink, Eugen Jochum, Herbert von Karajan, Rudolf Kempe, Rafael Kubelik, Erich Leinsdorf, Lorin Maazel, Zubin Mehta, Riccardo Muti, Vaclav Neumann, Seiji Ozawa, Georg Solti

Langer Weg zum Konzerthaus
Schon seit den 1930er Jahren bestand der Bedarf nach einem neuen Konzerthaus, den vor allem die Linzer Konzertfreunde in der Öffentlichkeit formulierten. Zu dieser Zeit wurde u. a. das Linzer Vereinshaus fĂŒr Konzerte genutzt, dessen RĂ€umlichkeiten allerdings zu klein waren. Adolf Hitler hatte bekanntlich vor, Linz als Kultur- und FĂŒhrerstadt auszubauen. Albert Speers PlĂ€ne sahen auch eine „Brucknerhalle“ vor, die jedoch nie gebaut wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg forderten u. a. das StĂ€dtische Symphonieorchester und die heimischen Chöre (Frohsinn, der David-Chor und der Domchor) sowie die Freunde Anton Bruckners, die den Brucknerhaus-Verein ins Leben gerufen hatten, eine neue AuffĂŒhrungsstĂ€tte. Prominente Linzer schlossen sich der Forderung an: Fritz Rauch, Gerhard Schröder, Horst Stadlmayr und der Linzer Domkapellmeister Joseph Kronsteiner. Spendenaktionen, Benefiz-Konzerte (u. a. mit Herbert von Karajan in der Diesterwegschule oder Wilhelm FurtwĂ€ngler in der ESG-Remise) und eine breite UnterstĂŒtzung durch die lokale Presse lancierten das Thema in der oberösterreichischen Bevölkerung.

Neubau an der Donau
Ende der 1950er Jahre schließlich stand der Entschluss der Stadt Linz fest und es wurde ein Wettbewerb fĂŒr die Errichtung einer Konzert- und Mehrzweckhalle ausgeschrieben. 1961 erhielt der finnische Architekt Heikki SirĂ©n den Auftrag. Als Standort wĂ€hlte man das Areal zwischen Nibelungen- und EisenbahnbrĂŒcke, das nach der Überschwemmung von 1954 als Hochwasserdamm aufgeschĂŒttet worden war.

Am 16. Mai 1969 fand durch BundesprĂ€sident Franz Jonas und den damaligen BĂŒrgermeister von Linz, Theodor Grill, der offizielle Akt der Grundsteinlegung fĂŒr das Brucknerhaus statt. Gebaut wurde von 1969 bis 1973. Im Herbst 1973 nahm die Belegschaft den Probebetrieb auf. Knapp einen Monat nach der Eröffnung des Brucknerhauses wurde die von Alois Forer konzipierte und in ihrem Bau betreute Flentrop-Orgel im Großen Saal eingeweiht.

Drei SĂ€le und neue Orte
Das Brucknerhaus wurde als vielseitiges Veranstaltungszentrum geplant: Konzerte, Konferenzen, BÀlle etc. sollten dort stattfinden können. Drei SÀle können bespielt werden:

Saal

Fassungsvermögen

Nutzung

Großer Saal

max. 1420 SitzplÀtze (Parkett und Galerie), 150 StehplÀtze

Konzerorgel auf der großen BĂŒhne; Einrichtung fĂŒr Konzerte, BĂ€lle und Konferenzen

Mittlerer Saal

max. 352 SitzplÀtze, 40 StehplÀtze

Einrichung fĂŒr Konzerte und BĂ€lle;

hier findet sich ein 6 x 7 m großer handgewebter Wandteppich aus dem Grundmaterial Sisal und dem Obermaterial Seide der koreanischen KĂŒnstlerin Anne Terdjan, die dafĂŒr 350 kg Textil verarbeitete.

Kleiner Saal

100–150 SitzplĂ€tze, dreifach unterteilbar

geeignet fĂŒr Tagungen, Symposien, Kabarett und Kleinkunst, Puppentheater und Kinderveranstaltungen oder EmpfĂ€nge

In den vergangenen Jahren wurden von der LIVA sukzessive auch neue SpielstÀtten erschlossen: Konzerte im Schlosspark, Serenaden im Arkadenhof des Linzer Landhauses, Veranstaltungen auf Schloss Tillysburg bei St. Florian und in der Stiftskirche St. Wilhering.

Die Architektur
Der finnische Architekt Heikki SirĂ©n arbeitete regelmĂ€ĂŸig mit seiner Frau Kaija zusammen. Auch in Linz setzten sie auf die erprobte Arbeitsteilung: Er ĂŒbernahm die Projektleitung und sie brachte sich vor allem in der Innengestaltung ein. Im Folgenden eine Beschreibung des Baus von Friedrich Achleitner aus dem JubilĂ€umsband 20 Jahre Brucknerhaus:

„Die Sirens haben im Anschluss an die Linzer Altstadt und die relativ integrierten BrĂŒckenkopfbauten einen Bau konzipiert, der sich in der Höhenentwicklung der Gipfellinie der AubĂ€ume unterordnet. Das ganze rĂ€umliche und stĂ€dtebauliche Konzept ist von der Uferlage, der Beziehung von Standort und Umraum bestimmt. Das Brucknerhaus ist wohl einer der letzten Vertreter jenes ,skandinavischen Klassizismus’, der in den dreißiger Jahren eine Synthese mit dem Funktionalismus einging und sich durch eine einfache rĂ€umliche Disposition, Bescheidenheit in den formalen Mitteln und besondere Gediegenheit in Detail und MaterialitĂ€t auszeichnet. Die Grundform des Kreissegments erlaubt im konkreten Fall sowohl die Zuordnung der SĂ€le als auch ein großes, zweigeschoßiges Foyer, das seine Attraktion von dem Kontakt zur Szenerie der Linzer Stadtlandschaft bezieht [
] Bestimmend fĂŒr die AtmosphĂ€re der InnenrĂ€ume ist die ausschließliche Verwendung von hellem Holz und von Orange bei den StĂŒhlen. Die ĂŒbrigen Töne auf der Braun-Beige-Skala schaffen eine ,gedĂ€mpfte Vornehmheit’, die weder steif noch lĂ€ssig wirkt.“

Der Architekt des Brucknerhauses, Heikki SirĂ©n, erhielt 30 Jahre nach der Eröffnung des Brucknerhauses den Ehrenring der Stadt Linz von BĂŒrgermeister Franz Dobusch.Im Jahr 2000 wurde die Foyerzone nach PlĂ€nen von Roland Ertl saniert.

LIVA
Die 1971 gegrĂŒndete LIVA, die Linzer Veranstaltungsgesellschaft m. b. H., wurde in das Brucknerhaus eingegliedert.

LIVA-Direktoren

Funktionsperiode

Name

 

1/1971–2/1987

Generalmanager Dr. Horst Stadlmayr

GeschĂ€ftsfĂŒhrer der LIVA

1/1971–8/1984

Vorstandsdirektor Dr. Ernst Kubin

GeschĂ€ftsfĂŒhrer der LIVA

1/1972–3/1987

Musikdirektorin Dr. Margareta Wöss

 

8/1984–8/1997

Vorstandsdirektor Prof. Karl Gerbel

GeschĂ€ftsfĂŒhrer der LIVA

2/1987–12/1989

Musikdirektor Univ. Prof. Dr. Reinhard Kannonier

 

3/1990–12/1998

Musikdirektor Dr. Thomas Daniel Schlee

 

8/1997–2/1998

Kulturdirektor Mag. Siegbert Janko

GeschĂ€ftsfĂŒhrer der LIVA

seit 3/1998

Vorstandsdirektor Ing. Mag. Wolfgang Lehner

KaufmÀnnischer Leiter der LIVA

seit 3/1998

Vorstandsdirektor Wolfgang Winkler

KĂŒnstlerischer Leiter der LIVA

Programmatische Gestaltung
Von Beginn an sollte das Brucknerhaus sowohl internationalen als auch regionalen KĂŒnstlerinnen und KĂŒnstlern ein Podium bieten. Zeitgenössische Werke finden im musikalischen Programm in Form von Schwerpunkten zu einzelnen Komponistinnen und Komponisten oder KompositionsauftrĂ€gen ebenso Platz. UrauffĂŒhrungen von (ober)österreichischen Komponistinnen und Komponisten wie Peter Androsch, Roland Batik, Christoph Cech, Fridolin Dallinger, Johanna Doderer, Thomas Doss, Heinrich Gattermeyer, Helmut Eder, Erich Eder de Lastra, Gottfried von Einem, Sabina Hank, Rudolf Jungwirth, GĂŒnter Kahowez, Richard Kittler, Augustinus Franz Kropfreiter, Gerd KĂŒhr, Ernst Ludwig Leitner, Thomas Pernes, Alfred Peschek, GĂŒnther Rabl, Kurt Rapf, Helmut Rogl, Gerhard Schedl, Heinrich Schiff, Thomas Daniel Schlee, Axel Seidelmann, RenĂ© Staar, Alexander Stankowski, Balduin Sulzer, Wolfgang Suppan, Gunter Waldek, Peter Wolf, Joe Zawinul und internationalen wie Michael Gielen, Walter Haupt, Hans Werner Henze, Toshio Hosokawa, Mauricio Kagel, Terje Rypdal, Mikis Theodorakis wurden im Brucknerhaus prĂ€sentiert.

Konzerte fĂŒr Kinder und Jugendliche, Kabarettabende und Crossover-Projekte sprechen neben den klassischen Konzertbesucherinnen und -besuchern auch neues Publikum an. In den 1980er und 1990er Jahren brachten Persönlichkeiten wie Marcel Prawy mit seinen Musical- und Operetten-Shows oder Herbert Prikopa mit seiner moderierten Konzertreihe „FĂŒr Kinder und Kenner“ neue publikumstrĂ€chtige Formate an das Haus. Der Cellist Heinrich Schiff, der Pianist Friedrich Gulda und der Linzer Dirigent Franz Welser-Möst zĂ€hlen zu den herausragenden KĂŒnstlerpersönlichkeiten, die dem Brucknerhaus ĂŒber Jahrzehnte verbunden waren und sind.

Artists in Residence
Seit der Saison 1999/2000 gestalten jeweils fĂŒr zwei Jahre Artists in Residence den Spielplan des Brucknerhauses mit. Den Anfang machte der Komponist und Musiker Christian Muthspiel, ihm folgte der niederlĂ€ndische Pianist und Komponist Wim van Zutphen (2001-2003). In den beiden darauf folgenden Saisonen war Christoph Cech, Komponist und Leiter der Jazzabteilung an der Anton Bruckner PrivatuniversitĂ€t, Artist in Residence. 2005 bis 2007 setzte der Wiener Komponist Thomas Pernes seine kĂŒnstlerischen Ideen am Brucknerhaus um. Seit der Saison 2007/08 ist nun die Linzer Sopranistin Anna Maria Pammer mit dieser Aufgabe betraut.

Aktuelle Daten

 

Veranstaltungen pro Jahr

ca. 200

Eigenveranstaltungen pro Jahr

ca. 120

Gastveranstaltungen pro Jahr

ca. 80

Besucher/innen pro Jahr

180.000

Das Internationale Brucknerfest
Nach der Eröffnung des Brucknerhauses 1974 lag die GrĂŒndung eines eigenen Musikfestes nahe, noch dazu fiel das Jahr 1974 mit dem 150. Geburtstag Anton Bruckners zusammen. Bereits 1932 fand erstmals aus Anlass der Einweihung der wiederhergestellten Brucknerorgel in St. Florian statt. Weitere Brucknerfeste gab es in Linz 1935 und 1936.
Das Konzept des Internationalen Brucknerfestes sah eine Positionierung zwischen den Wiener Festwochen und den Salzburger Festspielen vor. Daher wurde das Internationale Brucknerfest im September als Musikfestival mit dem Werk Anton Bruckners als inhaltlicher Basis angesiedelt. Seit 1980 begibt sich das Brucknerfest mit seinen Veranstaltungen auch aufs Land, WirkungsstÀtten Bruckners wie St. Forian werden dramaturgisch eingebunden.
Schließlich ergĂ€nzten Dr. Horst Stadlmayr und Dr. Hannes Leopoldseder 1979 das Brucknerfest durch die Ars Electronica und die klassische Klangwolke. Erst die Verbindung zwischen „Zukunft und Tradition“ gab dem Brucknerfest und damit Linz ein unverwechselbares Image. Seit 1985 gibt es ein Klangwolken-Wochenende, das mit einer Visualisierung von „Best of Pink Floyd“ gestartet wurde. Eine Kinder-Klangwolke ergĂ€nzt das Beschallungs-Wochenende.

Die Festreden zur Eröffnung des Brucknerfestes 1977–2007

Jahr

Redner/-in

Thema

1977

Friedrich Heer

„Kunst ist Konservation und Revolution“

1978

Gerhard Klingenberg

„Die Kultur in der Leistungsgesellschaft“

1979

Werner Hofmann

„Phantasie aus der Retorte?“

1980

Ernst Krenek

„Elektro – Ton und SphĂ€renklang“

1981

Anton Neumayr

„Musica et humanitas“

1982

Rolf Liebermann

„Zur Tradierung kultureller Werte“

1983

Fritz HochwÀlder

„Der Preis der Kunst“

1984

Erwin Ringel

„Die Bedeutung der Stimme und Musik fĂŒr unsere Welt“

1985

Werner Schneyder

„Gegen die Umarmung von unpolitischer Kultur und kulturloser Politik“

1986

Hilmar Hoffmann

„Kultur fĂŒr morgen?“

1987

Erich Fried

„Klarheit oder Gewöhnung – Gedanken zur Kultur, Politik, Psychologie“

1988

Milo Dor

„Die österreichische Schizophrenie oder Die Pflicht zum Widerstand“

1989

Eric J. Hobsbawm

„Mitteleuropa, Kultur und Politik“

1990

Kardinal Franz König

„Bruckners Musik und das Ewige im Menschen“

1991

Axel Corti

„Sonntagsrede – Unterhaltliches betreffend“

1992

Franz Welser-Möst

„Ich schreite kaum, doch wĂ€hn’ ich mich schon weit“

1993

Eduard GoldstĂŒcker

„Pandoras Wiederkunft?“

1994

Peter Turrini

„Wie verdĂ€chtig ist der Mensch?“

1995

Erika Weinzierl

„Vertrieben Vernunft – RĂŒckkehr unerwĂŒnscht?“

1996

Klaus Maria Brandauer

„
 in die Welt, und zurĂŒck“

1997

Hildegard Hamm-BrĂŒcher

„Zeitwenden – woher und wohin“

1998

Horst-Eberhard Richter

„Lernziel SolidaritĂ€t zur Jahrtausendwende“

1999

Erika Pluhar

„Kunst. Zeit. Gesellschaft“

2000

Karlheinz Böhm

„Menschen fĂŒr Menschen“

2001

Theo Sommer

„Das Blei im Kiel des Gemeinwesens“

2002

Said

„ein kind auf der suche nach europa“

2003

Peter Huemer

„Nachdenken mĂŒssen die Menschen schon selber“

2004

Anna Mitgutsch

„Die Welt ist voller Bilder, und in welche Bilder wir geraten, entscheidet unser Leben (Elias Canetti)“

2005

Anton Zeilinger

„Wie das Neue in die Welt kommt“

2006

Ari Rath

„Die Ewigkeit der Sprache der Musik“

2007

Konrad Paul Liessmann

„Hier wird’s Ereignis! Kunst im Zeitalter der Eventkultur“

2008

Renan Demirkan

„Utopie mit Respekt“

2009

Robert Menasse

„Kritik der Sonntagsrede“

2010

Elfriede Hammerl

„Kevin ist eine Diagnose oder die Angst vor Gleichheit“

     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     

Autorin: Marie-Therese Rudolph

 

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