Forum O√Ė Geschichte

Bruckner Orchester Linz

 
Unter den gro√üen symphonischen Klangk√∂rpern √Ėsterreichs mag das Bruckner Orchester Linz (BOL) fraglos zu den j√ľngsten z√§hlen ‚Äď doch freilich nur offiziell und unter diesem Namen, den es seit einer grundlegenden Neuorganisation im Jahr 1967 f√ľhrt. Seit damals ist seine, den Wiener Philharmonikern √§hnliche, Doppelfunktion als Theater- und Konzertorchester festgelegt. Tats√§chlich wurde das Orchester aber bereits 1803 als Hausorchester f√ľr das neu errichtete Landst√§ndische Theater etabliert, sozusagen der Urahn des heutigen Bruckner Orchesters.

Landestheaterorchester Linz
Dieser erste Vorl√§ufer des heutigen Bruckner Orchesters Linz bestand aus nur etwa 15 Musikern, doch schon drei Jahre sp√§ter wurde es durch Theaterdirektor Franz Graf F√ľger zum Landestheaterorchester Linz ausgebaut. Als solches rasch auf 30 Mitglieder angewachsen, gab das Ensemble neben der regelm√§√üigen Arbeit am Theater bald auch eigene Konzerte oder verst√§rkte diverse Liebhaberorchester der Region, etwa die Gesellschaft der Musikfreunde oder den sp√§teren Linzer Konzertverein. Dennoch bestand die Hauptaufgabe dieses Klangk√∂rpers √ľber die Jahrzehnte hinweg in der Theaterarbeit.

Städtisches Symphonieorchester
1940 √ľbernahm die Stadt Linz das Landestheaterorchester, erh√∂hte die Mitgliederzahl von 26 auf 93 und √ľbertrug diesem neuen St√§dtischen Symphonieorchester unter der Leitung von Georg Ludwig Jochum neben den Aufgaben am Theater auch eigene Konzertdienste. Diese Doppelfunktion stellte sich w√§hrend der Kriegsjahre bald als unrealistisch heraus, so dass bereits 1941 wieder ein eigenes Landestheaterorchester ausgegliedert und dem Gau Oberdonau unterstellt wurde.

Die Trennung von St√§dtischem und Theaterorchester im Jahr 1941 wurde allerdings bald wieder r√ľckg√§ngig gemacht, was bei Kapellmeister Theodor Peyrl, dem Oberspielleiter und Stellvertreter von Intendant Ignaz Brantner, auf wenig Begeisterung stie√ü, da sich in der Praxis grundlegende Auffassungsunterschiede zwischen den beiden Klangapparaten auftaten. Aus den erhaltenen Akten im ober√∂sterreichischen Landesarchiv geht aus zahlreichen Briefen und Dokumenten hervor, wie schwierig es f√ľr die k√ľnstlerischen Leiter war, die f√ľr die Aufrechterhaltung des Betriebs n√∂tigen Musikerinnen und Musiker beisammenzuhalten.

‚ÄěBei der Stellungnahme der derzeitigen Leitung des st√§dt. Symph. Orchesters meinem Ressort gegen√ľber kann ich die Verantwortung f√ľr die Einhaltung der k√ľnstlerischen Qualit√§t auf musikalischem Gebiete in der Operette nicht mehr tragen. Ein Theater ohne eigenes Orchester ist ein Unding.‚Äú

Auch die Einf√ľhrung des ‚ÄěRolldiensts‚Äú, der nicht garantiert, dass immer dieselben Musikerinnen und Musiker in denselben St√ľcken spielen, wurde diskutiert, sp√§ter auch umgesetzt. So schien das musikalische Niveau immer tiefer zu sinken.

Etwa zur selben Zeit forcierte Hitler im Rahmen seiner Pl√§ne, Linz als kulturelles Zentrum Europas auszubauen, die Gr√ľndung eines dritten Orchesters: des ‚ÄěLinzer Reichsbrucknerorchesters‚Äú. Dieses wurde 1942 auf pers√∂nlichen Wunsch des Diktators als Rundfunkorchester f√ľr den neu gegr√ľndeten Reichssender St. Florian installiert. Es stand ebenfalls unter der Leitung Jochums und pr√§sentierte sich nach einer einj√§hrigen Einspielphase am 20. April 1943 (Hitlers Geburtstag) erstmals der √Ėffentlichkeit.

F√ľr seine Etablierung hatten die Nazis keine Kosten und M√ľhen gescheut: So wurden daf√ľr Musiker aus verschiedenen deutschen Rundfunkorchestern abgezogen, denen in der Folge zum Teil nur noch die Aufl√∂sung blieb. Mit Kriegsende 1945 wurde das ‚ÄěLinzer Reichsbrucknerorchester‚Äú umgehend von der amerikanischen Besatzungsmacht aufgel√∂st.

Drei Orchester in Linz
W√§hrend des Zweiten Weltkriegs war es also zu der absurd anmutenden Situation gekommen, dass Linz f√ľr einige Jahre √ľber drei Orchester verf√ľgte; die Situation der Musiker freilich hatte sich dadurch deutlich verschlechtert und so versuchte der Intendant des Theaters, Ignaz Brantner, in einem Brief vom 26. M√§rz 1942 an das St√§dtische Wirtschaftsamt, zumindest eine bessere Entlohnung f√ľr die Musiker herauszuschlagen:  

‚Äě [...] Begr√ľndet wird dieses Ansuchen durch die Tatsache, da√ü das Orchestermitglied oft w√∂chentlich 50 Stunden und noch mehr Dienst leisten mu√ü und durch die Art des Betriebes selten in der Lage ist, zur normalen Zeit die Mahlzeiten einzunehmen, da die Proben oft bis zu 14 Uhr und noch l√§nger dauern und bei musikalischen Vorstellungen selten vor 11 Uhr nachts den Betrieb verlassen kann, bei Gastspielreisen aber vor 1 Uhr morgens kaum sein Heim betreten kann. [‚Ķ] Indem die Intendanz des Landestheaters noch bemerkt, dass der Orchesterstand derzeit 40 Mitglieder betr√§gt, bittet sie diesem Gesuche Rechnung tragen zu wollen und zeichnet mit Heil Hitler!‚Äú (O√Ė. Landesarchiv, Karton Landestheater)

Schlie√ülich setzte Gauleiter Eigruber in einem Brief an den Oberb√ľrgermeister von Linz am 22. Februar 1944 folgende Richtlinien f√ľr die Orchester auf:

‚ÄěDas Bruckner-Orchester des Gro√üdeutschen Rundfunks ist ein Reichsorchester, welches seinen Sitz in St. Florian bezw. derzeit in Linz hat und keinesfalls als st√§dtisches oder Gauorchester anzusprechen ist.

Das Bruckner-Orchester wird als zuk√ľnftige Aufgabe die Bestreitung der synphonischen [!] Musik des Gro√üdeutschen Rundfunks √ľbertragen erhalten, dann die Brucknerfeste bestreiten und als Orchester des Reiches eine gr√∂√üere Anzahl von Gastkonzerten im In- und Ausland geben und nur fallweise der Stadt Linz als Synphonieorchester [!] zur Verf√ľgung stehen.

Die Stadt Linz kann daher mit diesem Orchester keinesfalls das Auslangen finden.

Aus Punkt 1) ergibt sich, dass der Bestand des Synphonieorchesters der Stadt Linz unbedingt erforderlich ist und dass dieses Orchester einen weiteren Ausbau erf√§hrt. Das Synphonieorchester der Stadt Linz verbleibt beim Oberb√ľrgermeister und hat die Aufgabe den musikalischen Bed√ľrfnissen der Stadt Linz voll und ganz Rechnung zu tragen.

Das Orchester wird zu Gastspielreisen im Gau, insbesondere in den Sommermonaten an den Fremdenverkehrsorten, herangezogen.

Das St√§dtische Synphonieorchester bespielt gleichzeitig das Landestheater Linz f√ľr alle Opern und Operetten. Es ist das Einvernehmen mit dem Intendanten √ľber den Spielplan zu pflegen. Ein eigenes Theater-Orchester wird nicht errichtet.

Das St√§dtische Synphonieorchester hat sich schon deswegen zu vergr√∂√üern und in der instrumentalen Leistung zu verbessern, weil es einmal den Grundstock f√ľr die neue Oper in Linz als Opernorchester bilden wird. Die endg√ľltige Regelung wird zu einem sp√§teren Zeitpunkt erfolgen.‚Äú

Orchester des Theaterpächters
Das St√§dtische Symphonieorchester, das gegen Ende des Krieges von 104 Mitgliedern w√§hrend der NS-Zeit auf 39 geschrumpft war, sollte Linz nach dem Zweiten Weltkrieg musikalisch versorgen. Die Stadt Linz verpflichtete sich, das Orchester mit mindestens 24 Musikerinnen und Musikern und einem Dirigenten sowohl f√ľr Dienste im Theater als auch in den Konzerts√§len zu unterhalten. Somit begann nach dem Zweiten Weltkrieg das heutige Bruckner Orchester Linz wieder als Orchester des Theaterp√§chters. In dieser Phase mussten sowohl die Tr√§gerschaft als auch die Subventionierung von Theater und Orchester zwischen dem Land Ober√∂sterreich, der Stadt Linz und dem privaten Theaterp√§chter gekl√§rt werden. Gleichzeitig wurden auch die ‚Äď zum Teil bis heute bestehenden ‚Äď grunds√§tzlichen Probleme des Orchesters evident: die qualitativen und organisatorischen Schwierigkeiten im Rahmen der Doppelfunktion von Theater- und Konzertorchester sowie die Diskussion, ob es nicht √ľberhaupt als reines Theaterorchester weitergef√ľhrt werden sollte. Dazu kam das Fehlen eines ad√§quaten Konzertsaals.

Landestheater-Orchester
Ab 1. J√§nner 1957 wurde das Orchester als Orchester des Landestheaters gef√ľhrt. Mit der √úberleitung des Landestheaters Linz vom Status eines Privatunternehmens in einen Betrieb des Landes Ober√∂sterreich wurde das Orchester zu sechs Konzerten inklusive der dazugeh√∂rigen Proben verpflichtet; daf√ľr belie√ü die Stadt Linz die seit 1948 bestehende Grundsubvention an das Landestheater bei der Summe von 1.500.000,‚Äď Schilling (‚ā¨ 109.000,‚Äď).

Um eine weitere Verbesserung des Orchesters zu erreichen, musste die Anzahl der Mitglieder erh√∂ht werden, dazu wurden unterschiedliche Pl√§ne entwickelt. Einer dieser Pl√§ne aus dem Jahr 1958/59 sah beispielsweise vor, das Orchester mit der Philharmonia Hungarica zusammenzuf√ľhren und somit zu vergr√∂√üern. Dieser Plan scheiterte jedoch.

Bruckner Orchester Linz
1967 schlie√ülich gilt als das eigentliche Geburtsjahr des heutigen Bruckner Orchesters Linz. Es wurde aus der Betriebsf√ľhrung des Theaters herausgenommen und als eigene Landesinstitution mit eigener k√ľnstlerischer und administrativer Leitung weitergef√ľhrt. Die Rechtstr√§gerschaft behielt sich das Land Ober√∂sterreich vor, Land und Stadt stellten jedoch eine Arbeitsgemeinschaft zur Betriebsf√ľhrung zusammen und teilten sich den finanziellen Abgang. Gemeinsames Organ war der sich aus je drei Mitgliedern von Stadt und Land zusammensetzende Orchesterausschuss. Das Konzertmanagement √ľbernahm die Stadt Linz. Das heutige Bruckner Orchester hat also ‚Äď der weitverbreiteten Meinung entgegengesetzt ‚Äď mit dem so genannten Linzer Reichbrucknerorchester nichts zu tun und ist nicht dessen Nachfolger!

K√ľnstlerische Schwerpunkte
Trotz der st√§ndigen Spielverpflichtungen am Landestheater und der regen Konzertt√§tigkeit gelingt es dem Bruckner Orchester immer noch, mit zahlreichen zus√§tzlichen Aktivit√§ten sein k√ľnstlerisches Profil zu sch√§rfen ‚Äď angesichts der Vielfalt in der internationalen Orchesterlandschaft geradezu eine Notwendigkeit. So stellt dabei neben der Vermittlungsarbeit und internationalen Konzerttourneen auch die Arbeit im Tonstudio einen Schwerpunkt dar. Die gro√üe Aufgabe, die gesamten Brucknersymphonien einzuspielen, wurde 1995 abgeschlossen; das Orchester produzierte aber auch Aufnahmen mit Werken von Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Schubert, Franz Schmidt, Erich Wolfgang Korngold, Gustav Holst oder Siegfried Matthus.

Sein Repertoire erweitert das Bruckner Orchester st√§ndig in zwei Richtungen: einerseits mit Werken aus dem 20. und 21. Jahrhundert (u. a. Ur- und Erstauff√ľhrungen von Miguel Kertsman, Robert Beaser, Christoph Cech, Leif Segerstam, Symphonie Nr. 3 des ober√∂sterreichischen Komponisten Augustinus Franz Kropfreiter, posthum) und andererseits in der Zusammenarbeit mit erfolgreichen Crossover-K√ľnstlern wie Ennio Morricone, Karl Jenkins, Mikis Theodorakis oder Christian Kolonovits. Mit dem Chefdirigenten Dennis Russell Davies zog auch die amerikanische Moderne, etwa Philip Glass, in den Spielplan des Bruckner Orchesters ein.
Eine neue Kooperation besteht zwischen Orchester und Ars Electronica Center. So fand beim Brucknerfest 2004 eine konzertante Auff√ľhrungen von Richard Wagners Das Rheingold in einem virtuellen Cave-B√ľhnenbild (in der k√ľnstlerischen Gestaltung von Johannes Deutsch) statt. 

Brucknerpflege
Die Werke Anton Bruckners sind in den letzten Jahrzehnten vermehrt auf den internationalen Spielplänen zu finden.
Doch noch im Jahr 1972 schrieb Karl Grebe in seiner Bruckner-Monografie √ľber dessen Musik auf Schallplatte: ‚ÄěDer Kreis der Dirigenten, die sich f√ľr Werke Bruckners einsetzen, blieb begrenzt.‚Äú Insofern stellt die Gesamteinspielung aller Brucknersymphonien, begonnen von Kurt Eichhorn 1990, beendet von Martin Sieghart im Jahr 1995, eine sp√§te, aber notwendige Referenz an den prominenten Namensgeber dar.


1996 j√§hrte sich der Todestag des Komponisten zum 100. Mal, das Orchester trat daher in den ‚ÄěBruckner-St√§dten‚Äú Steyr, Linz, St. Florian und Wien auf und gab auf einer Deutschland-Tournee Bruckners Sechste und Siebte Symphonie sowie in Japan und China Bruckners Vierte, Siebte, Neunte und das Te Deum. Dem Jubil√§um entsprechend widmete Martin Sieghart die ganze Saison 1995/96 Anton Bruckner. Dass das Orchester die Sprache Bruckners versteht, ist an den begeisterten Kritiken nachzuvollziehen.
Zum 40-jährigen Bestandsjubiläum 2007 gab das Bruckner Orchester eine CD-Box mit allen Brucknersymphonien heraus. Mit seinem Chefdirigenten Dennis Russell Davies arbeitet das Orchester derzeit an einer neuen Gesamteinspielung des symphonischen Werks von Anton Bruckner.

Chefdirigenten und Gastdirigenten

Chefdirigent

Dauer der Tätigkeit

Kurt Wöss

1967‚Äď1975

Theodor Guschlbauer

1975‚Äď1983

Roman Zeilinger

1983‚Äď1985

Manfred Mayrhofer

1985‚Äď1992

Martin Sieghart

1992‚Äď2000

Ingo Ingensand

2000‚Äď2002 (interimistische Leitung)

Dennis Russel Davies

ab der Saison 2002/03

Kammermusik
Die Musikerinnen und Musiker des Bruckner Orchesters treten nicht nur in der großen Formation auf, sondern haben sich in den letzten Jahren auch zu unterschiedlichen Ensembles zusammengeschlossen, die Kammermusik pflegen.

Ensemble

Besetzung

Repertoire

 

Daius Quintett

Holzbläser

   

Gernot Fresacher/Werner Karlinger

Klarinette und Harfe

österreichische Komponisten

 

Bruckner Quartett

Streichquartett

   

Quartett Ambassador

Streichquartett

   

Johann Strauß Ensemble

traditionelle Domayer-Besetzung

Johann Strauß

 

Festival Sinfonietta Linz

Mitglieder des Bruckner Orchesters, der Wiener Symphoniker und anderer namhafter Ensembles

 

klassische, romantische und zeitgenössische Werke.

French Connection

unterschiedliche Instrumente

franz√∂sische und deutsche Chansons von ‚ÄěKlassik bis Rock‚Äôn Blues‚Äú

 

Ensemble Octavian

acht Bläserinnen und Bläser

 

arrangieren Kompositionen aus den letzten 200 Jahren f√ľr ihre Besetzung

Ensemble Akzente

 

zeitgenössische Musik

 

open brass source - Blechbläserensembles

drei Blechbläsergruppen in unterschiedlichen Besetzungen

   

Vermittlungsarbeit
Die Mitglieder des Bruckner Orchesters und deren Chefdirigent Dennis Russell Davies bem√ľhen sich auch verst√§rkt um die Einbindung von Jugendlichen in das musikalische Programm. Seit der Saison 2001/02 laden das Orchester und das Brucknerhaus den Preistr√§ger bzw. die Preistr√§gerin des Jugendwettbewerbs Gradus ad Parnassum zu einem Konzert. In Kooperation mit Musik der Jugend bekommt auch der Preistr√§ger des Europ√§ischen Jugendmusikwettbewerbes 2003 die Gelegenheit zu einem gemeinsamen Konzert mit dem Orchester.
Mit dem im Herbst 2002 pr√§sentierten Programm move.on hat das Bruckner Orchester in √Ėsterreich eine Vorreiterrolle eingenommen. Am Zustandekommen dieser eigenen Musikvermittlungsschiene f√ľr Kinder und Jugendliche war auch der Verein Presto. Freunde des Bruckner Orchesters Linz beteiligt.

___________________________________________________

Hinweis: In diesem Beitrag wird die offizielle Schreibweise ‚ÄěBruckner Orchester Linz‚Äú (ohne Bindestrich) verwendet.

Autorin: Marie-Therese Rudolph

 

© 2018