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Musikvereine


BĂŒrgerliches SelbstverstĂ€ndnis
Im deutlichen Gegensatz zur frĂŒher fest verankerten Zugehörigkeit zu korporativen VerbĂ€nden und StĂ€nden wurde im bĂŒrgerlichen Zeitalter des 19. Jahrhunderts die freiwillige Teilnahme an Vereinen unter RĂŒcksicht auf spezifische Interessen und BedĂŒrfnisse möglich. Gerade in den zahlreichen Musikvereinen – Konzertgesellschaften, Liedertafeln, Musikkapellen u. Ä. – konnten erfolgreich bĂŒrgerliches SelbstverstĂ€ndnis und (am Adel orientierte) Bildungsideale demonstriert werden. So fanden sich musikalische AusĂŒbung, Teilhabe an der öffentlichen Musikkultur und gehobene Unterhaltung im Gleichgewicht. Damit wurden diese Vereine auch zu essentiellen TrĂ€gern des öffentlichen Konzertlebens. Überdies zeigte sich die Vereinskultur sozial durchlĂ€ssig, indem ReprĂ€sentanten unterschiedlicher StĂ€nde zusammenwirkten.

AktivitÀten der Musikvereine
Sieht man die Statuten durch, wurde – besonders bei den Gesellschaften von Musikfreunden – die Förderung des musikalischen Geschmackes, d. h. die Pflege gediegener „klassischer“ Werke als Hauptziel angegeben. Damit war also auch eine aufs Publikum gerichtete erzieherische Wirkung angestrebt. So heißt es etwa 1869 von der Gesellschaft der Musikfreunde in Gmunden: Den Mitgliedern sei besonders die „AusfĂŒhrung von Kammer- und Orchesterwerken zur Erweckung und Ausbildung des Geschmackes fĂŒr klassische Musik 
“ ein Anliegen. Bei den MĂ€nnergesangsvereinen standen natĂŒrlich die „Pflege des deutschen MĂ€nnergesangs und Förderung der Geselligkeit“ (SĂ€ngerbund Rohrbach, 1862) im Vordergrund.

Die Mitgliederzahl schwankte betrĂ€chtlich; so konnte ein MĂ€nnerchor auch aus nur zehn bis zwölf Herren bestehen. Umgekehrt zĂ€hlte die Steyrer Liedertafel â€“ neben weiteren Vereinen – nach 25 Jahren mehr als 300 Mitglieder.
Ein nicht zu unterschĂ€tzendes Movens fĂŒr die Mitgliedschaft in derartigen Gemeinschaften war das Gesellschaftsleben, zu dem neben regelmĂ€ĂŸigen Proben und Auftritten auch Feiern (FaschingskrĂ€nzchen, GrĂŒndungsjubilĂ€um) und beliebte Reisen (SĂ€ngerfahrten) gehörten. Eine soziale Aufgabe der Musikvereine ergab sich durch zahlreiche WohltĂ€tigkeitsveranstaltungen.

Der Protektor war in der Regel eine hoch gestellte Persönlichkeit aus Kreisen des Kultus oder Adels, das soziale Spektrum der aktiven und passiven Mitglieder reichte vom Adel bis hin zu kleinbĂŒrgerlichen Schichten. Überregionale Kontakte ergaben sich durch Reisen, Einladungen externer Musiker und die Verleihung von Ehrenmitgliedschaften an namhafte KĂŒnstler.

Gesellschaft der Musikfreunde
Der erste Musikverein in Oberösterreich war die Gesellschaft der Musikfreunde in Linz (1821, spĂ€ter Linzer Musikverein benannt). Zwei Ziele wurden von ihr angestrebt: durch „Vereinigung der bisher getrennten Musikfreunde“ die „AuffĂŒhrung grĂ¶ĂŸerer MusikstĂŒcke“ zu ermöglichen und einen Fonds fĂŒr eine gediegene Musikausbildung zu schaffen. Sowohl die KonzerttĂ€tigkeit in den frĂŒhen Jahren als auch die wenig spĂ€ter eröffnete Musikschule belegen die Erreichung der in den Statuten angefĂŒhrten Ziele.

Im vorliegenden Rahmen können nur einige wichtige Vereine in Oberösterreich aus dem VormÀrz aufgelistet werden:

   

Gesangsverein Haslach (1833)

 

Musikverein Micheldorf an der Krems (1833)

 

Gesellschaft der Musikfreunde Steyr (1838; 1872 Neukonstitution)

 

Musikverein Bad Ischl (1838)

 

MĂ€nnergesangsverein SĂ€ngerlust Steyr (1844)

 

MĂ€nnergesangsverein Traunkirchen (1844)

 

MĂ€nnergesangsverein Bad Ischl (1845)

 

MĂ€nnergesangverein Linz (1845, seit 1849 die berĂŒhmte Liedertafel Frohsinn)

 

MĂ€nnergesangsverein Gmunden (1846)

 

Liedertafel Ried (1846?)

 

Liedertafel SchÀrding (1846/47)

 

MĂ€nnergesangsverein Wels (1847)

 

Liedertafel Braunau (1847)

 

Nach dem Vereinsgesetz (1867) florierte die Vereinskultur mit zahlreichen NeugrĂŒndungen und es kam zu einer weiteren Öffnung, so dass in grĂ¶ĂŸeren StĂ€dten mehrere sozial gestaffelte Musikinstitutionen existierten und bei besonderen Festen auch gemeinsam auftraten (z. B. am Ende des 19. Jahrhunderts in Steyr: Gesellschaft der Musikfreunde, Steyrer Liedertafel, MĂ€nnergesangsverein KrĂ€nzchen, A-capella-Chor SĂ€ngerlust und ArbeitersĂ€ngerbund Stahlklang).

Auf Grund des Interesses breiter Publikumsschichten kam es aber nicht selten zu Problemen, die kĂŒnstlerischen Anspruch, technische AusfĂŒhrbarkeit, aber ebenso Geschmacksdifferenzen betrafen. So standen Konzerte im großen symphonischen Stil neben seichter Unterhaltungsmusik.

Welche beachtlichen Leistungen zustande kommen konnten, zeigen AuffĂŒhrungen von Bruckners Dritter und Vierter Symphonie mit dem Linzer Musikverein unter Adalbert Schreyer. Beispiele fĂŒr weitere engagierte Persönlichkeiten sind Franz Xaver Bayer in Steyr und August Göllerich in Linz, die um 1900 gehaltvolle Programme in hoher kĂŒnstlerischer QualitĂ€t forcierten.

Nach dem Tod Göllerichs (1923) verlor der Linzer Musikverein an Bedeutung. Er wurde stillgelegt, konstituierte sich in den frĂŒhen 1930er Jahren neu; unter den verĂ€nderten kulturpolitischen Bedingungen – so existierte seit 1925 der Linzer Konzertverein – konnte aber nicht mehr an die frĂŒhere erfolgreiche TĂ€tigkeit angeschlossen werden. Die Konsequenz war letztlich die Auflösung im Jahre 1941.

Nachhaltige Musikerziehung
Die bĂŒrgerlichen Musikvereine grĂŒndeten auch Schulen – VorlĂ€ufer der heutigen Landesmusikschulen – und waren somit die Ersten, die wirklich nachhaltig in der Musikerziehung wirkten. Neben der Nachwuchsförderung als Hauptmotiv wurde auch ein breitflĂ€chigeres MusikverstĂ€ndnis in der Bevölkerung angestrebt. Waren naturgemĂ€ĂŸ Gesang, Geige und Klavier zunĂ€chst die HauptfĂ€cher, konnten an manchen Orten in der zweiten JahrhunderthĂ€lfte nahezu alle gĂ€ngigen Instrumente studiert werden, etwa in Linz („Kaiser-Franz-Josef-JubilĂ€ums-Musikschule des Linzer Musikvereins“). Damit leisteten diese Schulen auch einen wichtigen Beitrag zum öffentlichen Konzertleben.

In anderen Gruppierungen – Musikkapellen, Liedertafeln – spielte nach wie vor die persönliche Unterweisung durch Ältere, Erfahrene eine tragende Rolle, ebenso im Bereich der Kirchenmusik. Als dafĂŒr typische Persönlichkeit sei Leopold von Zenetti (1805-1892) in Enns genannt: Er wirkte als Regens chori und Organist an der Stadtpfarrkirche, zugleich als Geiger, Cellist, Komponist und Kopist. Als Privatmusiklehrer unterrichtete er jahrelang den jungen Bruckner in Musiktheorie, Klavier und Orgel.

In Linz eröffnete die Gesellschaft der Musikfreunde im Jahre 1823 eine Musikschule mit dem Fach Gesang, dem bald der Geigenunterricht nachfolgte. „Knaben und MĂ€dchen minder vermöglicher Aeltern, in so fern sie in den ersten 6 Wochen des mit ihnen begonnenen Unterrichts versprechende Anlage zur Musik verrathen“, wurde die Unterweisung kostenlos erteilt. Vor der Jahrhundertwende konnten rund 500 SchĂŒler verzeichnet werden. Unter der Direktion von August Göllerich (ab 1896) erhielt die Schule sowohl vom Ausbildungsniveau als auch von ihren AktivitĂ€ten her im Linzer Kulturleben einen wichtigen Platz. 1932 wurde sie in „Brucknerkonservatorium“ unbenannt.

1846 kam es in Steyr durch die dortige Gesellschaft der Musikfreunde zur Eröffnung einer Schule, ursprĂŒnglich aber nur fĂŒr Kinder von Vereinsmitgliedern. 1881 folgte die Gesellschaft der Musikfreunde in Wels mit einer eigenen Institution nach. Die meisten SchulgrĂŒndungen fanden aber erst im 20. Jahrhundert statt (schon frĂŒh etwa in Bad Ischl, 1906).

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