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Evangelische Musik in Oberösterreich


Linz als oberösterreichische Landeshauptstadt hatte sich der Reformation bald geöffnet. Dem kam zugute, dass einerseits der Handel große Bedeutung hatte und Luthers Schriften ĂŒber die BuchfĂŒhrer auf die Linzer Messen gebracht wurden, anderseits hatten Handelsreisende und BĂŒrger auf dem Weg zu Messen und zu Treffen nach Frankfurt, NĂŒrnberg oder Breslau Gelegenheit, mit der Lehre Luthers bekannt zu werden. So bereitete sich schnell der Boden dafĂŒr, dass sich in Linz die LandstĂ€nde (Landschaft genannt, Vertreter der PrĂ€laten, Herren, Ritter und BĂŒrger) im Jahre 1566 von Maximilian II. die baulichen Voraussetzungen zur Errichtung einer Schule in Teilen des ehemaligen Minoritenklosters zur Errichtung einer Schule schufen. Deren GebĂ€ude konnten 1574 in Linz bezogen werden. Als der am 5. MĂ€rz 1600 von Rudolf II. erlassene Befehl zur Abschaffung der evangelischen Predigt und Schule gĂŒltig wurde, hatte das zunĂ€chst die Demission der Prediger zur Folge, schließlich kam aber doch auch spĂ€testens 1603 das evangelische Schulwesen zum endgĂŒltigen Erliegen.

BlĂŒte und RĂŒckschlag im 16. Jahrhundert
Man darf nĂŒchtern feststellen, dass an den Evangelischen Lateinschulen die Musikpflege eine einzigartige BlĂŒtezeit erlebte, die Schulchöre gehörten zu den vornehmsten TrĂ€gern der örtlichen Musikkultur. Der Musik wurden tĂ€glich mindestens eine Stunde Unterrichtszeit in allen Klassen gewidmet. Rektor, Conrektor und Praeceptoren hatten dem Kantor (dem die Leitung der musikalischen Ausbildung oblag und der an dritter Stelle nach dem Conrektor rangierte) auch bei der AusĂŒbung der Kirchenmusik an der Landhauskirche zur Seite zu stehen. An Namen im Kantorenamt sind ĂŒberliefert Georg Poppius, Nicolaus Rosthius, Wolfgang Rauch und der Schlesier Johannes Linck. Bis zur vorlĂ€ufigen Schließung der Landschaftsschule war Leonhard Prenner Kantor – er wurde 1602 mit einer Verehrung und einem vollen Jahresgehalt abgefertigt. Der Instrumentalunterrricht lag in HĂ€nden der „deutschen Modisten“, gleichzeitig hatten diese sich bis 1600 auch um das Organistenamt der Landhauskirche gekĂŒmmert. Gottesdienste waren höchstwahrscheinlich im heutigen Steinernen Saal des Landhauses abgehalten worden – die Kirche der Minoriten ging ja nicht in die HĂ€nde der LandstĂ€nde ĂŒber.

Nun ergeben die Quellen, dass der vorlĂ€ufige Sieg der Gegenreformation im Jahre 1600 die Schließung der Landschaftsschule zur Folge hatte, was eine empfindliche Einbuße fĂŒr das Linzer Musikleben darstellte. Zu beobachten ist zudem, dass die Verantwortlichen ihr Musikpersonal nur zögernd entließen. Auch 1603 musste der nun katholische Landeshauptmann erneut nachdrĂŒcklich anordnen, dass das Singen bei geheimen evangelischen Andachten zu unterbleiben habe.

Aufschwung und Niedergang im 17. Jahrhundert
Das so genannte Horner StĂ€dte-BĂŒndnis von 1608 ermöglichte schließlich die Neueröffnung der Schule in Linz samt einer Praedicatur am Sonntag nach 28. August 1608. 140 SchĂŒler brachten Musik in Kirche und Schule zurĂŒck. Die Suche nach einem profilierten Kantor begann – er sollte auch ein „guter Komponist“ sein. Aus einem Zweier-Vorschlag wurde schließlich Johannes Brassicanus (Kraut) aus Regensburg nach Linz berufen. Brassicanus wurde 1570 in Murau in der Steiermark geboren, ging dort auch in die Evangelische Lateinschule, wo er bis 1600 selbst als Lehrer wirkte. In Linz traf er im September 1609 ein und wurde als Kantor neben dem Klassenunterricht angehalten, auch „in der Kirchen, mit Psalmen singen, sich nach dem Ministerio richten, alle Sonn- und Feyrtag singen ...“. Als Zeugnis kompositorischer TĂ€tigkeit ist die Vertonung eines Klageliedes auf den Tod des Herrenstands-Verordneten Johann Christoph Freiherr von Gera, gestorben 1609, ĂŒberliefert. Durch die Gegenreformation vertrieben, kehrte Brassicanus schließlich nach Regensburg zurĂŒck, wo er bis 1627 Aufseher am Gymnasium war und 1634 verstarb.

Mit dem WĂŒrttemberger Theologen Daniel Hizler tritt eine weitere bedeutende Persönlichkeit in die Geschichte der Evangelischen Kirchenmusik Oberösterreichs im 17. Jahrhundert. Hizler, der u. a. als stellvertretender Hofprediger in Stuttgart und als Stadtpfarrer in Freudenberg wirkte, traf 1611 in Linz ein und wirkte nun als Oberprediger mitsamt zwei Diakonen als Assistenz. Politische UmstĂ€nde um den böhmischen König Friedrich V. von der Pfalz waren es, die am 1. Juli 1621 zur Verhaftung Hizlers fĂŒhrten und die ihn ĂŒber 30 Wochen festhielten. Seine Freilassung erfolgte jedoch 1622 – zurĂŒckgezogen von der Öffentlichkeit widmete er sich jetzt wieder musiktheoretischen Fragen und brachte 1623 den Extract aus der Newen Musica im neuen Druck heraus, dem ein Manuskript aus dem Jahre 1615 zugrunde liegt. Ebenfalls unterstĂŒtze er den in Not geratenen Kantor Brassicanus tatkrĂ€ftig. Das Ferdinandeische Reformationspatent von 1624 beendete jedoch Hizlers Wirken im Dienste der Evangelischen LandstĂ€nde in Linz plötzlich – er musste die Landeshauptstadt innerhalb von acht Tagen verlassen und trat den Weg eines Exulanten in seine wĂŒrttembergische Heimat an. Nach einem Aufenthalt in diversen wĂŒrttembergischen StĂ€dten musste er 1634 nach Straßburg fliehen und verstarb dort 1635.

Man muss festhalten, dass Hizlers musiktheoretische Arbeiten immer bei großen Musikschriftstellern wie Johann Mattheson oder Jakob Adlung erwĂ€hnt und beschrieben sind und bekannt waren. Es handelt sich dabei vor allem um eine in Linz neu entwickelte gesangspĂ€dagogische Methode, die er Bebisation nennt und die Guidonische Solmisation vereinfachen möchte. Zwei GesangbĂŒcher von ihm enthalten Textsammlungen, darunter einige von Hizler selber; im zweite Band sind auch mit Noten versehene SĂ€tze und vielleicht auch Melodien von Brassicanus, Hans Ulrich Steigleder, Hans Leo Hassler, Michael Praetorius und Melchior Vulpius zu finden.

Nicht unerwĂ€hnt fĂŒr die Musikpflege der Landschaftsschule darf der Stand der Trompeter bleiben. Seit 1594 sind dazu Namen ĂŒberliefert – sie hatten sich neben AnkĂŒndigungen von Freunden und Feinden auch bei der Kirchenmusik verwenden zu lassen.

Es kann nicht genug betont werden, wie hoch der Stand des Linzer Musiklebens durch die Evangelische Landschaftsschule eingeschĂ€tzt werden muss. Widmungen ortsfremder Komponisten an die LandstĂ€nde sind dafĂŒr die besten Zeugnisse, so z. B. Motteten von Valentin Haussmann oder 1609 gar von Michael Praetorius. Als am 4. Oktober 1624 Ferdinand II. die Abschaffung aller Praedicanten verfĂŒgte, war damit auch die Schließung der Evangelischen Landschaftsschule gegeben. Einen internationalen Maßstab gerecht werdende Ära der Musikpflege evangelischer PrĂ€gung ging damit zu Ende.

Musikpflege in Steyr
In Steyr war ebenfalls auf Beschluss des Rates 1559 eine Lateinschule errichtet worden, die ein Ă€hnliches Schicksal erlebte: 1599 beschlossen, konnte sie von 1608 bis 1624 wieder der Bildung dienen. An ihr wirkte der bedeutende Organist, Orgelbauer, Komponist und Musiklehrer Paul Peuerl, der fĂŒr die der Schule zugehörige Kirche eine Orgel gebaut hatte. Er kam 1611 nach Steyr und verstarb wahrscheinlich 1625. Peuerl gilt als Schöpfer der Deutschen Variationssuite und wirkte wohl im Sinne eines humanistischen Universalmenschen und Renaissancedenkers.

Die Musikpflege im anschließenden Geheimprotestantismus beschrĂ€nkte sich vor allem auf die Verwendung heimlicher herbeigeschaffter GesangbĂŒcher, die vor allem in Augsburg und NĂŒrnberg gedruckt waren.

Neue GesangsbĂŒcher im 18. Jahrhundert
Durch das Toleranzpatent Kaiser Franz Josephs II. im Jahre 1781 wurde dem Singen im Gottesdienst wieder TĂŒr und Tor geöffnet, sodass die Entstehung eigener GesangbĂŒcher fĂŒr Österreich, schließlich auch fĂŒr Oberösterreich, ungehindert voranschreiten konnte. Zur erwĂ€hnen sei hier der Komponist Johann Beer, geboren 1655 in der KhevenhĂŒllerschen Herrschaft in St. Georgen im Attergau. Er wurde, obwohl Protestant, am Benediktinergymnasium in Lambach ausgebildet, spĂ€ter in Regensburg und schließlich an der Theologischen FakultĂ€t in Leipzig. Wir finden ihn ab 1676 am Hofe des Herzogs von Halle-Weißenfels–Qerfurt - am Schluss seiner Laufbahn immerhin mit einer Konzertmeisterstelle.

Individuelle Musikpflege im 19. Jahrhundert
Die zweite HÀlfte des 19. Jahrhunderts brachte in Oberösterreich an manchem Ort eine individuelle Pflege evangelischer Musik mit sich, geprÀgt von markanten Persönlichkeiten, die teils aus kreativer Liebhaberei, teils aus gediegener Grundlagenkenntnis ihr Können in die Kirche einbrachten. Hier seien erwÀhnt:

   

Traugott Fettinger (1836-1913):

 

Organist und Chorleiter in Thening, ausgezeichnet mit dem Goldenen Verdienstkreuz seiner MajestÀt Kaiser Franz Josephs, Komponist geistlicher und weltlicher Chormusik

 

Josef Nadler (1869-1950):

 

Leiter der Evangelischen Schule Wels, MusikpĂ€dagoge am Gymnasiunm Wels, Chorleiter und Organist, Komponist, GrĂŒnder des Evangelischen Chorvereins Wels und des ersten oberösterreichischen Chormeisterverbandes

 

Wilhelm Hess (1889-1957):

 

Lehrer, Organist und Kirchenchorleiter in Thening

 

Markante Persönlichkeiten im 20. Jahrhundert
Ohne Zweifel ist mit der Person von Johann Nepomuk David eine große Musikerpersönlichkeit des 20. Jahrhundert in Zusammenhang mit der evangelischen Kirche Oberösterreichs zu nennen. Selbst nicht evangelisch getauft, hat er sich mit einer Vielzahl an evangelisch praktizierbaren Kirchenkompositionen eingestellt, daneben darf hier seine weltweite Bedeutung der linearen Polyphonie als hinlĂ€nglich bekannt vorausgesetzt werden.

Johann Nepomuk David

geboren 1895 in Eferding, Professor fĂŒr Komposition an der Musikhochschule in Stuttgart, gestorben am 22. Dezember 1977. Er zeigte stets seine besondere Verbundenheit zu Oberösterreich durch Widmung von Werken.

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Die wichtigsten Stationen seines Lebens:
geboren 1895 in Eferding, Ausbildung bei den St. Florianer SĂ€ngerknaben und am Stiftsgymnasium KremsmĂŒnster, Lehrer, Studien bei Josef Marx in der Wiener Musikakademie, Leiter des Bachchores Wels, Lehrer am Konservatorium in Leipzig, Direktor des Konservatoriums in Salzburg, Professor fĂŒr Komposition an der Musikhochschule in Stuttgart, gestorben am 22. Dezember 1977. Er zeigte stets seine besondere Verbundenheit zu Oberösterreich durch Widmung von Werken.

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Zeit des Nationalsozialismus
Nach dem Anschluss Österreichs an den NS-Staat im MĂ€rz 1938 wurde das kirchenmusikalische Leben in den evangelischen Pfarrgemeinden Oberösterreichs fĂŒr die folgenden Jahre von den entsprechenden „reichsdeutschen“ Gremien wie dem „Reichsverband Evangelischer Kirchenmusiker Deutschlands“ beeinflusst. „Linientreue“ Chor- und Orgelliteratur fand den Weg auf Notenpulte und in Chorproben, oft Werke der kirchenmusikalischen „Erneuerungsbewegung“ mit ihren Hinwendungen zur alten Musik; Unliebsames (beispielsweise Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy, der als „entartet“ galt) verschwand.

Nach 1945
Nach 1945 begann das BemĂŒhen, in Österreich auch fĂŒr die Evangelische Kirchenmusik ein unabhĂ€ngiges System aufzubauen. FĂŒr Oberösterreich darf hier Paula Schlachter nicht unerwĂ€hnt bleiben, die hohe Verdienste durch Abschriften, VervielfĂ€ltigung und Vermittlung alter Musik und einfacher SĂ€tze in der Chorarbeit erwarb.

Von je her nahm die Pflege der Kirchenmusik an der Martin-Luther-Kirche in Linz eine besondere Stellung ein. Als Kirchenmusiker aus dem 19. Jahrhundert seien hier Josef Hoffmann und seine Tochter Berta Hoffmann, aus dem 20. Jahrhundert Herr Dr. Hellmuth MĂŒllner erwĂ€hnt.
Seit den 50er Jahren des 20. Jahrhundert ist das Wirken der Evangelischen Kantorei Linz weder als Vorbildwirkung fĂŒr Evangelische Musikpflege einerseits noch als Faktor fĂŒr das Linzer Konzertleben andererseits wegzudenken.

Nach der GrĂŒndung 1951 durch Gerhard Holzner war dieser aus einem Jugendchor hervorgegangene Klangkörper aufs Engste mit der Person von Prof. Erich Posch verknĂŒpft. Ihm ist nicht nur die kontinuierliche Pflege der Passionsmusik in Linz zu verdanken (mitsamt denkwĂŒrdiger AuffĂŒhrungen der Johannes- und MatthĂ€uspassion von Johann Sebastian Bach) - als Neffe von Johann Nepomuk David hat er sich vor allem auch um zeitgenössische evangelische Musik gekĂŒmmert und den Chor auf beachtliches Niveau gefĂŒhrt.

Erich Posch

geboren 1929 in Eferding, von 1975–2001 auch erster Organist der Martin-Luther-Kirche in Linz

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Stationen seines Lebens:
geboren 1929 in Eferding, Studium am Linzer Brucknerkonservatorium, ab 1960 dort Professor fĂŒr Orgel und Theorie sowie Bibliothekar, von 1975–2001 auch erster Organist der Martin-Luther-Kirche in Linz, unterstĂŒtzt von Waltraud Krajatsch. Erich Posch verstarb am 11. Mai 2006.

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Seit 2001 wird der Chor nunmehr vom neu bestellten Kantor und Diözesanmusikreferenten Mag. Kristian Schneider geleitet, der auch fĂŒr den Orgeldienst verantwortlich ist.

Schließlich darf auch die kirchenmusikalische Arbeit der zahlreichen Kirchenchöre evangelischer Gemeinden in Oberösterreich und auch der Posaunenchöre nicht unerwĂ€hnt bleiben. Sie alle sorgen dafĂŒr, dass Musik in der Kirche des Reformators in Oberösterreichs lebt und dass „Glaube klingt“.

Autor: Kristian Schneider

(basierend auf: Frieberger, Rupert Gottfried: Evangelische Musik in Oberösterreich. Steinbach a. d. Steyr 2003.)

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