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Wernher der Gartenaere: „Helmbrecht“


Eine der bekanntesten Verserzählungen des 13. Jahrhunderts – entstanden wohl zwischen 1250 und 1280 – ist der Helmbrecht, dessen Handlung im heute oberösterreichischen Raum angesiedelt ist.

Vom Bauernsohn zum Raubritter

Berichtet wird vom jungen Bauernsohn Helmbrecht, der trotz seiner Herkunft die harte Arbeit scheut und stattdessen Ritter werden will. Seine Mutter und seine Schwester bestärken ihn in seinem Wunsch. Schließlich verlässt Helmbrecht allen Versuchen seines Vaters zum Trotz, ihn am Hof zu halten, das bäuerliche Anwesen – alle ständischen Grenzen missachtend mit langem Haar sowie mit Rüstung und Schwert ausgestattet – und zieht mit seinen Kumpanen als Raubritter plündern und mordend durch die Gegend. Bei einem Besuch im elterlichen Haus berichtet Helmbrecht von seinem ausschweifenden Leben und überredet schließlich auch seine Schwester Gotelind, sich ihm und seiner ‚ritterlichen’ Gesellschaft anzuschließen. Gotelind folgt Helmbrecht und heiratet einen seiner Spießgesellen mit dem sprechenden Namen Lemberslint (Lämmerverschlinger). Doch bei dem Fest werden die Raubritter von Schergen überwältigt und getötet. Helmbrecht selbst bleibt als Einziger am Leben, wird aber arg verstümmelt. Als Krüppel kehrt er zu seinem Vater heim, dieser nimmt ihn allerdings nicht auf, sondern verstößt ihn. Helmbrecht irrt umher, bis er von aufgebrachten Bauern, die er früher drangsaliert hatte, gefunden wird. Diese rächen sich an Helmbrecht und erhängen ihn.

Helmbrechts Kappe

Als ein Zeichen der völlig maßlosen Lebensweise Helmbrechts ist seine von einer ehemaligen Nonne gefertigte Kappe anzusehen, die Wernher detailliert beschreibt. Diese ist mit zahlreichen Motiven aus der griechischen und germanischen Sagenwelt geschmückt und wohl so überdimensioniert, dass ein beinahe groteskes Bild des Protagonisten entsteht. Die Haube ist auch ein Zeichen für die Maßlosigkeit Helmbrechts.

Beschreibung der Haube Helmbrechts (Vers 28–109)

waz ûf der hûben wære
wunders erziuget

(daz mære iuch niht betriuget;
ich sage ez niht nâch wâne):

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waz ûf der hûben wære
wunders erziuget

(daz mære iuch niht betriuget;
ich sage ez niht nâch wâne):
hinden von dem spâne
nâch der scheitel gegen dem schopfe,
reht enmitten ûf dem kopfe,

der lîm mit vogelen was bezogen,
reht als si wæren dar geflogen
ûz dem Spehtharte.
ûf gebûren swarte
kom nie bezzer houbetdach,

dan man ûf Helmbrehte sach.
dem selben geutôren
was gegen dem zeswen ôren
ûf die hûben genât
(welt ir nû hœren waz dâ stât?)

wie Troye wart besezzen,
dô Pârîs der vermezzen
dem künege ûz Kriechen nam sin wîp,
diu im was liep alsam sîn lîp,
und wie man Troye gewan

und Ênêas von danne entran
ûf daz mer in den kielen,
und wie die türne vielen
und manec steinmûre.
owê daz ie gebûre

solhe hûben solde tragen
dâ von sô vil ist ze sagen.

Welt ir nû hœren mê
waz anderhalp dar ûf stê
mit sîden erfüllet?

daz mære iuch niht betrüllet:

ez stuont gegen der winstern hant,
wie künec Karle und Ruolant,
Turpîn und Oliviere,
die nôtgestalden viere,

waz die wunders mit ir kraft
worhten gegen der heidenschaft:
Prôvenz und Arle
betwanc der künec Karle
mit manheit und mit witzen,

er betwanc daz lant Galitzen;
daz wâren allez heiden ê.
welt ir nû hœren waz hie stê
von ener nestel her an dise
(ez ist wâr daz ich iu lise)

zwischen den ôren hinden?
von frouwen Helchen kinden,
wie die wîlen vor Raben
den lîp in sturme verloren haben,
dô si sluoc her Witege,

der küene und der unsitege,
und Diethern von Berne.
noch mügt ihr hœren gerne
waz der narre und der gouch
truoc ûf sîner hûben ouch.

ez hêt der gotes tumbe
vor an dem lîme al umbe
von dem zeswen ôren hin
unz an daz lenke (des ich bin
mit wârheit wol bewæret;

nû hœrt wie ez sich mæret),
man möht ez gerne schouwen,
von rittern und von frouwen,
ouch was dâ niht überhaben,
beide von meiden und von knaben

vor an dem lîme stuont ein tanz
genât mit sîden, diu was glanz.
ie zwischen zwein frouwen stuont,
als si noch bî tanze tuont,
ein ritter an ir hende;

dort an enem ende
ie zwischen zwein meiden gienc
ein knabe der ir hende vienc.
dâ stuonden fidelære bî.
Nû hœret wie diu hûbe sî

geprüefet Helmbrehte,
dem tumben ræzen knehte.
noch habt ir allez niht vernomen
wie diu hûbe her sî komen:
die nâte ein nunne gemeit.

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Der Dichter

Über Wernher den Gartenare, den Dichter der rund 1900 paargereimte Verse umfassenden Erzählung, ist so gut wie nichts bekannt, lediglich dass er in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts gelebt hat. Zudem sind außer dem Helmbrecht keine weiteren Werke Wernhers überliefert. Die ungefähre Lebenszeit Wernhers lässt sich aus dem Umstand schließen, dass im Helmbrecht der Tod des Dichters Neidhart beklagt wird und dieser verstarb in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Zudem wird im Seifried Helbing, einer Sammlung von 15 Gedichten eines unbekannten Dichters aus dem späten 13. Jahrhundert, der Helmbrecht erwähnt und als bekannt vorausgesetzt; tatsächlich dürfte das Werk bald nach seiner Entstehung im süddeutschen Raum ein Begriff gewesen sein.

Die Ãœberlieferung

Jene zwei (später entstandenen) Handschriften, welche den Helmbrecht überliefern – das so genannte Ambraser Heldenbuch (1504–1515 im Auftrag Maximilians I. entstanden) und die Berliner Handschrift aus dem frühen 15. Jahrhundert – geben geografische Anhaltspunkte zum Werk. So siedelt das Ambraser Heldenbuch die Handlung im Raum zwischen Passau und Salzburg an – ungefähr dem heutigen Innviertel bzw. dem bayerisch-oberösterreichischen Grenzraum entsprechend an; manche Forschungen sehen Gilgenberg am Weilhart als den authentischen Ort der Handlung. Die Berliner Handschrift lässt das Geschehen dagegen in der Gegend um Wels, im Traungau, ablaufen. Festmachen lässt sich allerdings nur ein in der Ambraser Handschrift genannter Ort, nämlich Wanghausen (Gemeinde Hochburg-Ach). Dieser liegt gegenüber der Burg Burghausen, die seit der Mitte des 13. Jahrhunderts den Herzögen von Niederbayern als Sitz gedient hat. Möglicherweise stand Wernher stand in deren Diensten.

Pervertierte Ordnung

Der Helmbrecht bringt – wie bei mittelalterlicher Literatur generell der Fall –, keine in der Realität sich genau so abspielende Handlung, auch wenn die Geschichte in die aktuelle Gegenwart geholt wird; vielmehr ist – so will es zumindest ein Interpretationsansatz – die primäre Intention des Werkes, moralisch zu belehren – dies geschieht v. a. in den Dialogen zwischen Vater und Sohn. Der Bauernsohn will aus der ordenunge, der gottgegeben Ordnung der Welt (ordo), ausbrechen. Das Verlassen des von Gott zugewiesenen Platzes führt am Ende aber auch zum Untergang. Der Vater steht für die geordnete, beständige Welt, der Adel dagegen, dem Helmbrecht letztlich angehören will, wird als moralisch verfallen, ja vielmehr pervertiert dargestellt, da die positiv besetzten ritterlichen Ideale sich ins längst ins Gegenteil gewendet haben und nur mehr Raub, Mord und Hurerei im Mittelpunkt stehen. All das wird sehr drastisch geschildert. Dies ist besonders in den Dialogen zwischen Vater und Sohn der Fall, die im Helmbrecht eine zentrale Stellung einnehmen, wobei in den Gesprächsszenen auch Mundartliches und Vulgäres einfließt – ganz im Gegenteil zu formalen Perfektion der Erzählblöcke im Werk.

Der Helmbrecht ist eine singuläre Erscheinung, v. a. was die zeitkritische Haltung betrifft, sucht er in seiner Zeit vergeblich vergleichbare Dichtungen. Auch die positive Darstellung des bäuerlichen Milieus bzw. des Bauern selbst ist ungewöhnlich, war doch in der Dichtung dieser Zeit die bäuerliche Lebenswelt keineswegs positiv besetzt, man denke etwa an die Werke Neidharts. Diese zeigen die Bauern als grobschlächtig, einfältig und moralisch verkommen, kurz als komische und lächerliche Figuren. In diesem Kontext ist auch die Idee des Tugendadels zu nennen, die Helmbrechts Vater einbringt: Letztlich ist ein moralisch einwandfreier Lebenswandel (Tugendadel) höher zu bewerten als die Herkunft durch die Geburt (Geburtstadel).

Zahllose Interpretationsansätze

Daneben bestehen zuhauf Ansätze zu einer Interpretation des Helmbrecht: So wird ein Auftreten des Dichters gegen die Territorialisierungsbestrebungen der Habsburger – der Adel wird ja als moralisch verkommen dargestellt – oder ein Kritisieren der anarchischen Zustände während des Interregnums (um 1250), in der keine moralische und politische Instanz mehr vorhanden zu sein scheint, als primäre dichterische Intention gesehen. Manche sehen im Helmbrecht auch generell einen sich gegen die hochmittelalterlichen bzw. ritterlichen Ideale gerichteten Antiroman. Trotz aller scheinbaren Plausibilität dieser Interpretationen sei allerdings vor übereilten dechiffrierenden Schlüssen gewarnt, werden doch dabei einzelne Aspekte des Werkes isoliert betachtet.

Darüber hinaus wurde der Helmbrecht auch zu einem von der Heimatforschung rezipierten Werk – so versuchte man etwa den Hof des Helmbrecht im Innviertel zu finden – und eine beliebte und häufig interpretierte Schullektüre ist er bis heute. 2005 veröffentlichte Alois Brandstetter einen Roman, der sich mit Werner und seinem Werk auseinandersetzt: Der geborene Gärtner.


Textkorpus:

--> Transkribierter Text des Helmbrecht in der Ausgabe von Ulrich Harsch, 1998, nach der Ausgabe von F. Panzer, 1902 (Bibliotheca Augustana)

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