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Literarisch-Mittelalterliches in Oberösterreich. Das Nibelungenlied, historische Sagen und Legenden


Sagenhaftes Schlaraffenland

Auf sehr unterschiedliche Weise lassen sich geografische Orte und literarische Texte in Beziehung setzen, Literatur verorten oder reale RĂ€ume und ihre Bezeichnungen in fiktionaler Literatur wiederfinden. Oberösterreich ist das beste Beispiel fĂŒr diese vielschichtigen Interdependenzen. Bereits eine seiner historischen Bezeichnungen „Herzogtum ob der Enns“ war die sprachliche und – ob seiner Fruchtbarkeit und des damit verbundenen Reichtums – die kulturelle Grundlage fĂŒr eine traumhafte Wunderwelt in ungarischen Sagen. In diesen wurde von einem „Operenzia“ erzĂ€hlt. Es gleicht unserem Schlaraffenland. Auch nach Operenzia muss man sich durch einen Berg bzw. eine ganze Bergkette durchessen und die dortigen FrĂŒchte sind so groß wie jene im gelobten Land. Die Bauern wohnen dort wie die Könige und die Gesetze der Schwerkraft scheinen aufgehoben, denn die Burgen und Schlösser brauchen keinen festen Boden unter den Grundmauern, sondern schweben in der Luft. So wurde ein idealisiertes Nachbarland jenes der TrĂ€ume und letztlich eines mit wundersamen Sagen, das die LebensrealitĂ€t gĂ€nzlich verlassen hatte. Dies allerdings scheint doch ein außergewöhnlicher Fall der Relation von geografischem Orten und fiktionalen Texten zu sein. In diesem Beitrag sollen nun weitere unterschiedliche Ausformungen der Verbindung von Raum und Text aufgefĂŒhrt werden.

Sagen und Legenden
ZunĂ€chst stand als episches Werk des Mittelalters, das solch einen rĂ€umlichen Konnex zu Oberösterreich aufweist, das Nibelungenlied im Fokus der Betrachtung. Es wird hier auch den grĂ¶ĂŸten Teil der Überlegungen einnehmen. Zudem fanden sich aber andere Texte, Gattungen, die ebenfalls mit dem Raum Oberösterreich und mit der Zeit des Mittelalters verbunden sind; auch sie sollen hier ErwĂ€hnung finden und Beispiele dafĂŒr sein, welcher Art die Text-Ort-Relation sein kann. Konkret treten hier jene historischen Sagen Oberösterreichs in den Blick, die motivisch in jene Epoche zurĂŒckreichen. DarĂŒber hinaus sollen aus dem Bereich der Legenden quasi als GrĂŒndungs- oder religiöse Mythen die ErzĂ€hlungen um die Landesheiligen (Leopold III., Florian) BerĂŒcksichtigung finden.
Ein außerordentliches Beispiel verbindet das dominierende Nibelungenlied auf besonders enge Weise mit Oberösterreich, nĂ€mlich Joschi Anzingers S' mĂŒhlviaddla nibelungenliad, eine moderne Dialektvariante des mittelalterlichen Epos.
All diese Texte sollen auf der Geschehensebene die Text-Ort-Relationen in ihrer Vielfalt darstellen und einen Blick darauf eröffnen, welche Relevanz jene Figuren und Motive aus dem Mittelalter noch heute zumindest fĂŒr die kulturelle IdentitĂ€t Oberösterreichs aufweisen.

Sagensammlungen aus Oberösterreich

Um einen Blick in die oberösterreichische Sagenwelt zu werfen, wurden an dieser Stelle zwei verschiedene Sagensammlungen herangezogen: jene von Josef Pöttinger – ursprĂŒnglich 1954 herausgegeben und 2004 neu aufgelegt – und jene von Helmut Wittmann von 2008. Diese historischen Volks- bzw. regionalen Sagen verbindet ihre allgemeine Stoffgeschichte: Zumeist wurden die ErzĂ€hlungen mĂŒndlich weitergetragen und im 18. und 19. Jahrhundert gesammelt und verschriftlicht. Zumeist haben sie einen konkreten Ortsbezug mit der Besonderheit, dass so manche Motive wandern, d. h. fĂŒr verschiedene Örtlichkeiten erzĂ€hlt werden.
Ohne hier auf alle Merkmale und Besonderheiten dieser Gattung eingehen zu können, sei noch erwĂ€hnt, dass viele der ErzĂ€hlungen um Drachen, Zwerge, Mandln und andere außer- und ĂŒbermenschliche Wesen nicht auf eine bestimmte Entstehungszeit festgelegt werden können. So habe ich aus den genannten Werken jene Sagen ausgewĂ€hlt, deren Wurzeln in Figuren und Geschehnissen im frĂŒhen bis spĂ€ten Mittelalter liegen.

Sagensammlung Pöttinger

Aus Pöttingers Sammlung sind hier zu nennen: Das Doktor-Faust-Stöckl, Die GrĂŒndung von KremsmĂŒnster, Burg Scharnstein und Der Springerwirt.

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Aus Pöttingers Sammlung sind hier zu nennen: Das Doktor-Faust-Stöckl, Die GrĂŒndung von KremsmĂŒnster, Burg Scharnstein und Der Springerwirt.

Das Doktor-Faust-Stöckl
Bei Landshaag (gegenĂŒber von Aschach an der Donau) muss der Teufel fĂŒr Faust ein Schlösschen bauen, wo dieser mit und fĂŒr die Bevölkerung allerhand Zauber treibt, bis der Teufel Faustens Seele holt, ohne ihm die Chance auf Gottes Gnade zu geben. Noch heute schaut Faust dort aus einem Fenster des Stöckls heraus.

Die GrĂŒndung von KremsmĂŒnster
Herzog Tassilos Sohn Gunther kommt bei einem Jagdunfall durch einen riesigen Eber ums Leben. Dem Vater erscheint der weiße Hubertushirsch, was Tassilo als Aufforderung versteht, am Todesort seines Sohnes eine Kapelle, dann eine Kirche errichten zu lassen. Diese wird zum Urzentrum fĂŒr das Kloster KremsmĂŒnster (GrĂŒndung 777).

Burg Scharnstein
Der getreue Ritter von Scharnstein will einem Erbstreit seiner zwei einander feindlich gesinnten Söhne vorbeugen und vermacht jedem eine seiner Burgen. Der jĂŒngere ist mit der kleineren davon nicht zufrieden und bringt den Bruder mit List – einer scheinbaren Versöhnung bei einem Abendessen – und einem großen Feuer in dessen Burg um sein Erbe. Zudem stĂŒrzt er den Bruder in die Tiefe. Er selbst allerdings verfĂ€llt daraufhin dem Wahnsinn.

Der Springwirt
Ein fahrender Student, nach eigener Auskunft schon Doktor der freien KĂŒnste, kehrt bei einem Wirt in Eferding ein und will durch eine Wette – er will höher springen als das Haus des Wirtes – das Wirtshaus in seinen Besitz bringen. Freilich gewinnt er die Wette, denn das Haus kann gar nicht springen. Nach einer entsprechenden Missstimmung bleibt der Studiosus aber als erfolgreicher Kellner und Alleinunterhalter im Hause, bis die Pest den Schalk hinwegrafft. Lange erinnerte ein Schild „Zum Springerwirt“ an ihn.

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Sagensammlung Wittmann

Die einschlĂ€gigen Texte bei Helmut Wippinger sind ĂŒberschrieben mit: Ein Turnier, das in die Geschichte einging; TĂŒr weg, Schatz weg; Teufelturm, Mönch und Kaiser; Die Lichter des Heiligen Florian; Die laufende Kirche.

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Die einschlĂ€gigen Texte bei Helmut Wippinger sind ĂŒberschrieben mit: Ein Turnier, das in die Geschichte einging; TĂŒr weg, Schatz weg; Teufelturm, Mönch und Kaiser; Die Lichter des Heiligen Florian; Die laufende Kirche.

Ein Turnier, das in die Geschichte einging
Zur Hochzeit Ferdinands I. von Habsburg und Anna von Ungarn 1521 in Linz wird ein – historisch bezeugtes – Turnier – das so genannte Losensteiner Turnier – veranstaltet, das ein spanischer Ritter dominiert. In seinem Übermut fordert er einen Kampf auf Leben und Tod. Der Herr von Losenstein wird als Gegner ausgewĂ€hlt. Durch listiges Verhalten – dem Gegner die KrĂ€fte rauben, das eigene Pferd das gegnerische beißen lassen, den Überraschungsmoment zur nachhaltigen Gegenwehr nutzen – gewinnt der Losensteiner und hat Sympathie und Ruhm auf seiner Seite.

TĂŒr weg, Schatz weg
Bei dieser Sage, die in der frĂŒhen Neuzeit spielt, handelt es sich um die Geschichte, die sich um einen geheimnisvollen Schatz rankt, den das Geschlecht der Polheimer wĂ€hrend der Gegenreformation unauffindbar in den Mauern ihres Schlosses versteckt hatte.

Teufelturm, Mönch und Kaiser
In dieser Sage wird allgemein ĂŒber die Gefahren der Donauschifffahrt durch die Jahrhunderte berichtet, von den KreuzzĂŒgen bis ins 19. Jahrhundert. Ein besonderes Gefahrengebiet stellte der Flussabschnitt zwischen Grein und Persenbeug dar, dessen besondere Anzeichen Strudel, Wirbel im Wasser und der „Schwarze Mönch“ waren.
Die Geschichte dazu: 1045 sind Kaiser Heinrich III. und Bischof Bruno von WĂŒrzburg nach Persenbeug unterwegs. Dem Bischof erscheint der „Schwarze Mönch“ wiederholt wĂ€hrend der Schifffahrt und auf dem Schloss, wo der Untote dann tatsĂ€chlich alles zum Einsturz bringt. Es gibt Verletzte und der Bischof findet den Tod.

Die Lichter des Heiligen Florian
In die SpĂ€tantike weist die Legende um den MĂ€rtyrertod des hl. Florian im Jahre 304 n. Chr. ErzĂ€hlt wird die Rettung seiner sterblichen Überreste aus der Enns und von der Kapelle, die als VorlĂ€ufer des Stiftes St. Florian ĂŒber seiner GrabstĂ€tte errichtet wurde. Berichtet wird auch ĂŒber die Entstehung einer Quelle, die ursprĂŒnglich fĂŒr die Ochsen, die den Wagen mit den Gebeinen gezogen haben, aus dem Boden sprudelt und die zur heilsbringenden Quelle wird.

Die laufende Kirche
Diese Sage erzĂ€hlt Episoden um den hl. Wolfgang aus Regensburg, der Ruhe am Abersee (Wolfgangsee) sucht, dort den Teufel ĂŒberlistet und kleine Wunder tut.

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--> Video:
Sagenwanderung am Donausteig mit Helmut Wittmann (youtube)

Historischer Bezug der Sagen und Legenden

Die erwĂ€hnten Sagen umfassen freilich nicht den gesamten Sagenschatz Oberösterreichs mit Mittelalterbezug, es mögen aber paradigmatische Beispiele fĂŒr jene Sagenarten sein, die einen erkennbaren historischen Bezug, ich will nicht sagen Hintergrund, aufweisen: Besonders deutlich stechen mit dieser historischen Verbindung die GrĂŒndungssagen hervor. Jede herausragende, besonders religiöse Institution (Kirche, Kloster) bedarf solch eines geistlich begrĂŒndeten Entstehungsmythos. Viele Sagen kleiden auch die alltĂ€glichen Gefahren des hilfreichen und reißenden Flusses in Geschichten, machen aus den nicht leicht fassbaren und schwer zu bewĂ€ltigenden Gefahren auf der Donau Wesen, denen man zumindest ins Auge sehen kann, die man benennen kann.
Freilich stellen Sagen auch immer besondere Eigenschaften hervorragender Landeskinder, wie jenes Ritters von Losenstein, in den Mittelpunkt der Betrachtung. Und auch ein wanderndes Motiv findet sich, eine List (Einladung zum Mahl zur scheinbaren Versöhnung), wie sie ganz Ă€hnlich eine Salzburger Sage um den nicht beliebten FĂŒrsterzbischof Leonhard von Keutschach (um 1442–1519) kennt. 
In einem Fall der Floriani-Sage ist auch die Verbindung zu den Legenden ĂŒber die Landesheiligen gegeben. Der Hl. Florian galt bis 2004 gewissermaßen als heimlicher Landespatron, wenngleich eigentlich der hl. Leopold der oberösterreichische Landespatron war. Am 4. Mai 2004 wurde der hl. Florian offiziell zum Landespatron Oberösterreichs erklĂ€rt. Ist dem Heiligen literarisch die oben erwĂ€hnte Legende im Anschluss an den MĂ€rtyrertod gewidmet, so ist mit Leopold III. (Österreich) v. a. die GrĂŒndunglegende zu Klosterneuburg verbunden. An der Stelle des heutigen Klosters soll Leopold in einer Marienerscheinung der Schleier seiner Frau Agnes gezeigt worden sein, den diese auf der Jagd verloren hatte. Leopold ist auch Landespatron von Wien, Niederösterreich und Österreich insgesamt. Mit beiden Landesschutzherrn kann Oberösterreich des weltlichen und des geistlichen Schutzes sicher sein. Allerdings bleibt Florian nicht auf Oberösterreich beschrĂ€nkt. Bischof Aichern bezeichnete 2004 Florian als „Urheiligen des Donauraumes“ und damit sei er prĂ€destiniert zum „Patron fĂŒr das politische und menschliche Unternehmen der Einigung Europas“.

Das Nibelungenlied: die Handlung

Dieses die Donau Umfassende fĂŒhrt zum grĂ¶ĂŸten und bekanntesten literarischen Werk, in dem dieser Donauraum eine zentrale Rolle spielt: das Nibelungenlied, ein der Heldenepik zugeordnetes Werk mit rund 2.400 Langzeilenstrophen. 2009 wurde es zum UNESCO Weltkulturerbe erklĂ€rt, was seine internationale kulturelle Relevanz unterstreicht. Es ist hier nicht der Raum, diese zu diskutieren, es sei hier kurz der gesamte Inhalt wiedergegeben und die geografischen Verbindungen zum Land ob der Enns mit ihren wesentlichen Handlungselementen vermerkt.
Das Nibelungenlied, so wie es um 1200 verschriftlicht wurde, hat seinerseits eine reiche mĂŒndliche Tradition, die naturgemĂ€ĂŸ nur zu erahnen (bildliche und Wortdokumente auf Stein und auf Textilien) und zu vermuten ist. Das mittelhochdeutsche Epos erzĂ€hlt in 39 aventiuren die Geschichte von Kriemhild, ihren BrĂŒdern Gunther, Gernot und Giselher, dem beratenden Onkel Hagen und dem strahlenden Helden Siegfried. Siegfried will Kriemhild in Worms freien, kann das aber erst, nachdem er Gunther geholfen hat, die starke und mĂ€chtige Brunhild aus Isenland als Braut heimzufĂŒhren. Siegfried muss auch in der Hochzeitsnacht noch einmal gegen die KrĂ€fte Brunhilds helfend eingreifen. Dies fĂŒhrt zu einem Streit der nur halb in die BetrĂŒgereien eingeweihten Damen Kriemhild und Brunhild und dieser wiederum zur Ermordung Siegfrieds durch Hagen. Etzel wirbt nun um Kriemhild, es kommt zur ersten Reise von Worms nach Wien/Budapest und zu deren Beschreibung. Aus der Ehe mit Etzel geht ein Sohn hervor.
Nach Jahren im Hunnenland lĂ€dt Kriemhild die Wormser Verwandtschaft ein, die trotz der Bedenken Hagens die Einladung annimmt. Wieder wird die Fahrt der Donau entlang geschildert, wenn auch knapper als die erstgenannte. Am Etzelshof kommt es dann zur völligen Zerstörung aller Ritter- und Reckengruppen, der nibelungischen gerade so wie der hunnischen. Zum einen war dies von Kriemhild geplant bzw. wurde zum anderen in Kauf genommen, um Rache zu ĂŒben am Mörder Hagen und seinen UnterstĂŒtztern, v. a. Gunther, fĂŒr den Tod Siegfrieds.
In den meisten Handschriften des Nibelungenliedes folgt gewissermaßen als dritter Teil (nach Siegfrieds Tod und Kriemhilds Rache) oder Fortsetzung die Klage. Sie stellt v. a. das Beerdigungs- und Trauergeschehen nach dem großen Morden dar. Auch hier ist wieder von einer Reise an der Donau berichtet, nĂ€mlich von der Fahrt der Boten nach Worms, die die traurige Botschaft ĂŒberbringen. Aber da wird im Wesentlichen nur noch ein Aufenthalt in Pöchlarn erwĂ€hnt, anlĂ€sslich dessen die Witwe des ermordeten RĂŒdgers und dessen Tochter (auch Verlobte Giselhers) vom Tod der Helden unterrichtet werden.

Das Nibelungenlied: die Handlungsorte

Von den Stationen an der Donau wird seit den 1980er Jahren in verschiedenen Werken gehandelt und berichtet. Es werden spezielle historische, architektonische und diverse andere Verbindungen vermutet oder konstruiert. Hier sind v. a. Walter Hansens Die Spur des SĂ€ngers. Das Nibelungenlied und seine Dichter, Michael W. Weithmanns Die Donau. Ein europĂ€ischer Fluss und seine 3000-jĂ€hrige Geschichte und The Nibelungentradition. An Encyclopedia zu nennen. Es gibt noch weitere Titel, die aber eher die geografischen Verbindungen des Nibelungenliedes um Worms und Xanten thematisieren, weniger die östlich fĂŒhrenden.
Ich will hier die wichtigsten Orte nennen, die in und um Oberösterreich liegen und im Nibelungenlied eine handlungsrelevante Rolle spielen.
Zu vermerken ist, dass die Reise von Worms nach Wien, zur Hochzeit mit Etzel zwölf Tage gedauert haben soll. Die EnzyklopĂ€die nennt 15 StĂ€dte an der Donau, die im Nibelungenlied eine Rolle spielen: Großmehring, Pförring, Plattling, Passau, Eferding, Enns, Pöchlarn, Melk, Mautern, Traismauer, Tulln, Wien, Hainburg, Wieselburg und Gran/Etzelsburg.

Das Nibelungenlied: ‚Transitland‘ Oberösterreich
In unserem Zusammenhang ist als Ort zunĂ€chst Passau zu nennen. Dort residiert Kriemhilds Onkel Pilgrim, der sie allerdings schon in Pledelingen (Plattling) empfĂ€ngt. Hinter der genannten auch historischen Figur Erzbischof Pilgrim (Amtszeit in Passau vor dem Jahr 1000) vermutet nicht nur Weithmann den zur Zeit der mittelhochdeutschen Verschriftlichung lebenden und regierenden Wolfgar von Erla. Die Autoren mutmaßen, dass dieser der Auftraggeber von Nibelungenlied und Klage sein könnte und ihm der Dichter in der Figur des historischen AmtsvorgĂ€ngers seine Referenz erweist. Passau selbst wird im Lied sehr eindrĂŒcklich geschildert als jene Stadt, wo Inn und Donau (heftig) aufeinander treffen. In diesem Zusammenhang wird das Kloster erwĂ€hnt, in dem Kriemhild offenbar Unterkunft erhĂ€lt. Es handelt sich vermutlich um das Nonnenkloster Niedernburg, das noch heute als solches existiert (seit 1836 Englische FrĂ€ulein). Als KuriositĂ€t sei hier erwĂ€hnt, dass Weithmann schreibt: „Ein romanisches Bogenportal und Wandmalereien in der ehemaligen Marienkapelle gehen noch auf die Zeit des Nibelungendichters zurĂŒck.“ Da wir weder wissen, wer der Dichter genau war und wann das Lied diese Form erhalten hat, halte ich das fĂŒr eine sehr vage und spekulative Aussage.

Die nĂ€chste Station ist Eferding, wo angeblich besonders viele RĂ€uber und Wegelagerer anzutreffen sind. Kriemhild bleibt allerdings von diesen verschont. Weiter geht es zur Enns, die lange Zeit eine ziemlich deutliche Grenze nach Osten darstellte. FĂŒr den Nibelungendichter endet hier Bayern und beginnt das Hunnenland. Das an der Enns beginnende Osterland ist von Etzel seinem Vasallen RĂŒdiger von Bechlarn anvertraut. Seine Burg Bechlarn (Pöchlarn) erreicht Kriemhild nach einer Reise quer durchs oberösterreichische Machland und den Strudengau. Danach fĂŒhrt der Markgraf die Reisegesellschaft, Kriemhild mit ihren 100 Hofdamen und 500 burgundischen Rittern weiter „zetal durch Ostarriche“, entlang des Donautals bis Medelicke (Melk). Weithmann vermutet, dass auch damals schon ein Kloster dort stand, das zum Einflussbereich der Babenberger gehörte. Die Historie berichtet von Benediktinern auch in dieser Zeit, wieweit ein Kloster oder gar eine mĂ€chtige Klosteranlage vorzustellen ist, ist aber nicht belegt. Treisenmure oder Zeisenmure, beides steht fĂŒr das heutige Traismauer, die nĂ€chste Station, wo vier Tage Aufenthalt gemacht werden. Es folgt auf dem Tullner Felde die Begegnung mit Etzel. Die Handlung und der Tross streben aber dem nĂ€chsten geografischen und handlungstechnischen Ziel Wien zu. Nach der Hochzeit fĂŒhrt der Weg weiter nach Osten, nach Ungarn.
Zwischen diesem Zug nach Osten und jenem der burgundischen Verwandtschaft liegt noch jener der einladenden Boten, die Kriemhild aussendet. Aber diese Fahrt wird nicht weiter ausgefĂŒhrt, sondern es finden ausschließlich Passau und Pöchlarn ErwĂ€hnung, wo sie mit großer Gastfreundschaft aufgenommen werden.

Der Weg, den der letzte und grĂ¶ĂŸte Nibelungen-Tross (Gunther, Gernot, Giselher, Hagen und ihre Mannen) wĂ€hlt, nimmt grundsĂ€tzlich den gleichen geografischen Verlauf wie die vorher Reisenden, aber die Art der Reisegesellschaft ist deutlich unterschieden. Die 10.000 Mann mit ihrer königlichen Familie erinnern von vorneherein eher an ein Kriegsheer als an ein GrĂŒppchen, das sich zu einem familiĂ€ren Besuch aufgemacht hat. Das bringt logistische Schwierigkeiten mit sich, die auch fĂŒr den Handlungsverlauf  Relevanz erhalten, beispielsweise beim Überfahren der Donau, wo das Problem der Masse sich mit der grundsĂ€tzlich geringen Bereitschaft der FĂ€hrleute bei Fergen (Pförring), die Nibelungen ĂŒberzusetzen verbindet. Diesen Übertritt der inzwischen gefĂŒrchteten Nibelungen wollen die bayerischen Markgrafen auf der Vohburg an der Donau verhindern. Dennoch wird das Bayernland ĂŒberwunden und auch das Nibelungenheer kommt nach Passau, wo Pilgrim sie freundlich aufnimmt und die Masse an Menschen in und um Passau verteilt.
Die weiteren Stationen an der Donau werden lediglich kurz erwĂ€hnt, bis diese Reise einen Höhepunkt in Pöchlarn, dem Sitz von RĂŒdiger, erreicht. Hier scheint die Welt noch einmal in Ordnung zu sein, denn es werden – zukunftsorientiert – durch die Verlobung von Dietlind, RĂŒdigers Tochter, und Giselher neue familiĂ€re und vielleicht auch machtstrategische Bande geknĂŒpft. Diese allerdings bringen in das Gemetzel am Ende die persönliche Tragik ins Spiel, wenn sich die Verwandten gegenseitig erschlagen mĂŒssen, da sie anderen Herrn und Herrinnen in politischer Treue und AbhĂ€ngigkeit verbunden sind, die Burgunden/Nibelungen auf der einen Seite und RĂŒdiger auf Kriemhilds/Hunnen-Seite.

Nicht einhellig geklĂ€rt ist der real-geografische Ort von Etzels Burg. Es kommen Gran oder Buda in Frage. FĂŒr Gran sprechen u. a. ein Hinweis im Text und Ausgrabungen aus dem 20. Jahrhundert (1934–1938), die eine mĂ€chtige (Arpaden-)Burg ans Tageslicht bringen konnten. Wie diese konkreten Ortsnennungen im Nibelungenlied zu verstehen und zu werten sind, welche Funktion ihnen zuzuschreiben ist, findet unterschiedliche ErklĂ€rungen. Z. T. werden – wie schon erwĂ€hnt –, Wege ins „Heilige Land“ bzw. zurĂŒck (Barbarossa, Richard Löwenherz) oder ganz andere HochzeitszĂŒge (babenbergischer Herzog Leopold VI. und die byzantinische Kaisertochter Theodora Angela) verbunden. Was der Text prĂ€sentiert, ist eine letztlich artifizielle Konstruktion aus Historie und Fiktion: Möglicherweise historische Figuren wie Kriemhild und die Burgundenkönige, tatsĂ€chlich historische Figuren, aber aus anderer Zeit wie Attila/Etzel werden verknĂŒpft mit realen geografischen Orten am Rhein und an der Donau und sind v. a. gekleidet in literarisch-mythische Stoffe und ErzĂ€hlstrĂ€nge aus verschiedenen geografischen Bereichen, vom Norden bis zum SĂŒden Europas (Brunhild im nördlichen Island sowie Dietrich von Bern und Hildebrandt aus der norditalienischen Sagentradition). Wie diese Vielfalt zu deuten ist, bleibt in diesem Zusammenhang der Leserin, dem Leser ĂŒberlassen.

--> Video:
Eberhard Kummer singt die ersten Strophen des Nibelungenliedes (youtube)

Das Nibelungenlied: Überlieferung

Insgesamt 35 Handschriften und Fragmente aus der Zeit zwischen dem 13. und der Mitte des 16. Jahrhunderts enthalten das Nibelungenlied. Seinen Namen erhielt es allerdings erst im 18. Jahrhundert.

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Der ‚Urtext’ des Nibelungenliedes ist nicht rekonstruierbar, da die drei Ă€ltesten Handschriften (mit A, B und C bezeichnet) drei verschieden akzentuierte Fassungen ĂŒberliefern. Diese divergierende Textgestalt ist aber durchaus typisch fĂŒr die so genannte Heldenepik. Insgesamt enthalten 35 Handschriften und Fragmente aus der Zeit zwischen dem 13. und der Mitte des 16. Jahrhunderts das Nibelungenlied, teilweise mit unterschiedlicher Strophenzahl sowie Unterschieden in Wortlaut und Sprache.
Seinen Titel erhielt das Werk allerdings erst Mitte des 18. Jahrhunderts, als die Handschriften A und C in Hohenems wiederentdeckt wurden. Dieser nimmt Bezug auf die letzten Verse des Werkes, in denen steht: „diez ist der Nibelunge liet“ („Liet“ meint hier ‚Dichtung’ und nicht ‚Lied’ im heutigen Sinn.).

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Das Nibelungenlied: Rezeption

In der modernen Rezeptionsgeschichte des Nibelungenliedes findet sich noch eine ganz andere Form der konkreten Verortung, nĂ€mlich die Zuweisung des literarischen Geschehens zu einer ganz bestimmten Region. Das geschieht nicht vorwiegend durch die Nennung irgendwelcher Orte, sondern zunĂ€chst und wesentlich durch den Gebrauch der Sprache, der Sprachvariante, des Dialekts, in dem/der das Geschehen wiedergegeben wird. Konkret heißt dies, dass das Nibelungenlied in den vergangenen 40 Jahren in unterschiedlichen Dialekten gestaltet wurde, mehrfach auf Baierisch, auf Plattdeutsch und zuletzt von Joschi Anzinger im MĂŒhlviertler Dialekt und damit ist diese Gestaltungsform fĂŒr die Überlegungen zu Oberösterreich von Bedeutung.
Es ist hier nicht der Raum, diese sprachliche und teilweise geografische Transformation des Stoffes im Detail darzustellen. Zu vermerken ist lediglich, dass bei Anzingers Bearbeitung Xanten als Spielort erhalten bleibt, dass aber die anderen Geschehnisse um Kriemhild und ihre BrĂŒder und auch um den Etzelshof nach Oberösterreich (konkrete Orte: Kefermarkt, Wildburg, Waxenberg u. a.) verlegt werden. Es gĂ€be viel zu sagen und zu schreiben ĂŒber die Gestaltungsform im Dialekt, die VerknĂŒpfung von Lyrik- und Prosapassagen, von der musikalischen Umrahmung oder dem musikalischen Hintergrund. Dies sei darin zusammengefasst, dass durch diese sprachliche und geografische Regionalisierung zumindest zweierlei erreicht wird: Das große, den Menschen rĂ€umlich und historisch ferne Geschehen wird in die Umgebung den Leserinnen und Lesern bzw. den Hörerinnen und Hörern verlegt und in eine Alltagsprache gefasst, die Historisches und Aktuelles in sich trĂ€gt. In dieser Form, wie sie Anzinger gestaltet, wird sie im 21. Jahrhundert vielleicht nicht mehr von allen tĂ€glich benutzt, d. h. sie hat damit etwas Historisierendes, aber sie wird auf jeden Fall noch besser verstanden als beispielsweise Mittelhochdeutsch und damit hat dieser Dialekt auch etwas Aktualisierendes in sich. Mit Sprache und Ort wird das große Geschehen ins eigene „Haus“ geholt, dies beinhaltet einerseits eine Individualisierung, die der Autor als Motto voranstellt:

„Loos eini en di – und varod ma – wosdd heasdd
schau eini en di – und vazöh ma – wosdd siaxdd
fĂŒh eini en di - und sag ma – wosdd gschbiasdd
suach eini en di – und zoag ma – wosdd findsdd“
(Anzinger, 11)

Durch den grundsĂ€tzlichen RĂŒckgriff auf den großen Stoff und einige Gestaltungselemente behĂ€lt der Text andererseits etwas Übergeordnetes, wie Anzinger im Vorwort vermerkt, dass das ErzĂ€hlte zwar schon lange her ist, immer und immer wieder erzĂ€hlt wurde und sich dadurch auch verĂ€ndert hat, dass aber gewisse LebenstrĂ€ume und Ängste fĂŒr unsere heutige Jugend noch genau so bedeutsam sind wie zu jenen fernen Zeiten. Und das Schicksal hat nach wie vor seine Hand im Spiel. (Anzinger, 12)

So findet Oberösterreich in vielen literarischen Gattungen von der Sage ĂŒber die Legende, vom mittelhochdeutschen Heldenepos mit weltumspannender kultureller Bedeutung bis zu seiner aktuellen kreativen Transformation seinen Platz und ist Schauplatz des Geschehens. Vielfach sehen wir noch geografische oder architektonische Zeugen dieser Geschichten (FlĂŒsse, Orte, Klöster), manches bleibt allerdings im Reich der Fantasie.


Textkorpus: --> Transkribierter Text des Nibelungenliedes nach den Handschriften A, B, C, d und n (UniversitĂ€t Wien – Institut fĂŒr Germanistik)


Autorin: Siegrid Schmidt

© 2018