Forum OÖ Geschichte

Am Ende eines Jahrhunderts – am Anfang eines Jahrhunderts. Oberösterreichische Autorinnen und Autoren der Gegenwart


Die Kulturjournalistin Silvana Steinbacher hat in ihrem Buch Zaungast. Begegnungen mit oberösterreichischen Autorinnen und Autoren 27 PortrÀts zusammengestellt, die den Beitrag Oberösterreichs zum literarischen Leben der Gegenwart recht gut reprÀsentieren. Steinbachers Auswahl macht nicht nur die Generationen erkennbar, sondern auch das Spektrum der weltanschaulichen Positionen und Schreibweisen.

Die Ă€ltesten in Zaungast vertretenen Autoren sind Friedrich Achleitner (geb. 1930), Alois Brandstetter (geb. 1938) und Waltraud Seidlhofer (geb. 1939). Dies ist insofern interessant, als die AnfĂ€nge aller drei Schriftsteller im Zusammenhang mit der sprachreflektorischen Literatur der 1950er und 1960er Jahre stehen. Achleitner gehörte zur Wiener Gruppe, einem Kreis sprachexperimenteller Literaten, die sich gegen die Erstarrung literarischer Formen wandte. Brandstetters frĂŒhe Werke (z. B. Überwindung der Blitzangst) sind oft sensible, kritische Bestandsaufnahmen des Sprachgebrauchs im sozialen Umfeld des Autors.
In weiterer Folge gingen Brandstetter und Achleitner aber ganz unterschiedliche Wege. Achleitner profilierte sich in erster Linie als Experte fĂŒr Architektur. Brandstetters mittlere und spĂ€tere Werke sind auf einen ErzĂ€hler konzentriert, der das Geschehen und den Zeitgeist aus skeptischer Distanz und mit wertkonservativer Positionierung kommentiert. Mit liebevoller Ironie erzĂ€hlte Alois Brandstetter in zwei BĂŒchern von seiner Kindheit in Pichl bei Wels (Vom Schnee der vergangenen Jahre, Über den grĂŒnen Klee der Kindheit).

Die sprachexperimentelle Tradition
Waltraud Seidlhofer ist im Unterschied zu Alois Brandstetter der Ästhetik des Sprachexperiments treu geblieben hat sich als Vertreterin dieser Tendenz einen guten Namen gemacht. Generell kann man sagen, dass Heimrad BĂ€ckers vehementes Engagement fĂŒr diese kĂŒnstlerische Richtung in Oberösterreich bis heute Folgen hat. Die Autoren Walter Pilar (geb. 1948) und Christian Steinbacher (geb. 1960) stehen zwar fĂŒr unterschiedliche kĂŒnstlerische Verfahren innerhalb der sprachexperimentellen Richtung. Beider UrsprĂŒnge liegen aber in der Szene rund um BĂ€ckers edition neue texte.
Christian Steinbacher machte sich auch als Verleger (Verlag Blattwerk) um die avantgardistische Sprachkunst verdient. Walter Pilars vielschichtiges literarisches und bildnerisches Werk in einer Kategorie unterzubringen, ist nicht möglich. Als Besonderheit sei aber angefĂŒhrt, dass die aufmerksame Wahrnehmung der oberösterreichischen Sprache und Landschaft die Grundlage vieler seiner Arbeiten ist. Die unkonventionelle kĂŒnstlerische Umsetzung dieser Wahrnehmung prĂ€gt die OriginalitĂ€t dieses Autors.

Auch der 1967 in Vöcklabruck geborene Franzobel (Franz Stefan Griebl) wird meist der sprachexperimentellen Literatur zugeordnet, was aber nur mit Vorbehalt bestĂ€tigt werden kann. Zweifellos ist Franzobel kein ‚realistischer‘ Dramatiker und ErzĂ€hler, aber die Tradition, in die man seine Werke stellen kann, ist eher die der Groteske, der barocken Sprachlust und des Absurden. Romane wie Das Fest der Steine oder die Wunderkammer der Exzentrik (2005) und Scala Santa oder Josefine Wurznbachers Höhepunkt (2000) stehen dem ErzĂ€hlverfahren eines Fritz von Herzmanovsky-Orlando (1877–1954) weitaus nĂ€her als den Spachmontagen der Konkreten Poesie, welche die visuelle und akustische Dimension der Sprache als bewusstes Mittel einsetzt und diese in Form von Techniken wie Reihung, Variaton und Wiederholung von Worten und Lauten sowie deren grafischer Anordnung nutzt.

Gesellschaftskritik und Literatur: die Autorengeneration der „68er“
KrĂ€ftige Akzente hat jene oberösterreichische Autorengeneration gesetzt, die in den 1940er und 1950er Jahren geboren wurde und die man vereinfachend als „68er“ bezeichnet. Bei aller Unterschiedlichkeit der einzelnen Schriftstellerinnen und Schriftsteller gibt es doch bei den meisten eine Gemeinsamkeit: Zeit- und Gesellschaftskritik ist eine wesentliche Intention ihres kĂŒnstlerischen Schaffens.

Es mag auf den ersten Blick etwas kĂŒhn erscheinen, den Wiener Robert Schindel als Oberösterreicher zu vereinnahmen. Die politischen VerhĂ€ltnisse der NS-Zeit haben dazu gefĂŒhrt, dass Schindel, dessen Eltern Verfolgte des NS-Regimes waren, 1944 in Bad Hall zur Welt kam. Da der Holocaust in seinem lyrischen und epischen Werk als trauriges Leitmotiv prĂ€sent ist, mag es aber gerechtfertigt sein, auf Schindels Geburtsort mit besonderem Nachdruck hinzuweisen.
Auch Martin Pollack wurde, so wie Schindel, 1944 in Bad Hall geboren. Er verbrachte einen Teil seiner Kindheit in Linz. Seine frĂŒhen Lebensjahre wurden ebenfalls maßgeblich von den politischen VerhĂ€ltnissen bestimmt, allerdings unter ganz anderen UmstĂ€nden als die von Schindel. Pollacks leiblicher Vater, ĂŒber den er 2004 den dokumentarischen Roman Der Tote im Bunker. Bericht ĂŒber meinen Vater publizierte, war der SS-SturmbannfĂŒhrer und Linzer Gestapochef Gerhard Bast, der als Kriegsverbrecher gesucht und 1947 wĂ€hrend eines Fluchtversuchs ermordet wurde.

Der Nationalsozialismus beschĂ€ftigte Autorinnen und Autoren der 68er-Generation immer wieder. In Elisabeth Reicharts (geb. 1953) Roman Februarschatten (1984) geht es um die berĂŒchtigte „MĂŒhlviertler Hasenjagd“. In Andreas Webers (geb. 1961) Roman Lanz (2004) wird eine Kleinstadt von der NS-Vergangenheit eingeholt. Ludwig Laher (geb. 1955) macht in Herzfleischentartung (2001) das NS-„Zigeuneranhaltelager“ St. Pantaleon zum Thema. Lahers Werk ist generell typisch fĂŒr die gesellschaftskritische Tendenz dieser Autorengeneration. Die gut recherchierte Lebenssituation der Roma ist die Grundlage fĂŒr seinen sozialkritischen Roman Und nehmen was kommt (2007). Von seiner Kindheit und Jugend in Linz erzĂ€hlt Ludwig Laher im autobiografischen Buch Folgen (2005).

Die halbdokumentarische ErzĂ€hlprosa von Erich Hackl (geb. 1954) ist zu einem erheblichen Teil der Kritik des Faschismus gewidmet. In seinem DebĂŒtroman Auroras Anlass (1987) erzĂ€hlt Hackl von einem dramatischen Mutter-Tochter-Konflikt. Handlungsraum ist Spanien in der politisch angespannten Situation der frĂŒhen 1930er Jahre. Eines der meistgelesenen Werke von Hackl ist seine zweite Buchveröffentlichung Abschied von Sidonie (1989). Auf der Grundlage von Dokumenten geht Hackl darin dem Schicksal der kleinen Sidonie Adlersburg nach, die aufgrund ihrer Abstammung von den Nationalsozialisten ermordet worden ist. Erich Hackl unterhĂ€lt seit vielen Jahren Kontakte zu Lateinamerika, die dabei gewonnenen Erfahrungen nĂŒtzte er auch fĂŒr literarische Werke (Sara und Simon, Als ob ein Engel).

Die hartnĂ€ckige PrĂ€senz faschistischen Denkens und die Renaissance rechtsextremer Politik macht Walter Wippersberg (geb. 1945) in den ersten beiden BĂ€nden seiner realistischen Österreich-Trilogie zum Thema (erschienen 1998–2000). In Die Irren und die Mörder arbeiten einige als biedere BĂŒrger getarnte Herren an der Destabilisierung der Demokratie. Der zweite Band Ein nĂŒtzlicher Idiot gibt erhellende Einblicke in die Strategien eines rechtspopulistischen Wahlkampfs. Im dritten Band Geschichte eines lĂ€cherlichen Mannes beschĂ€ftigt sich Wippersberg mit den Erosionserscheinungen sozialdemokratischer Politik in der Zeit nach Bruno Kreisky. Nach Abschluss seiner Österreich-Trilogie konzentrierte sich Walter Wippersberg auf ein Thema, das ihn schon lange beschĂ€ftigt hatte: Der deklarierte Atheist veröffentlichte Einiges ĂŒber den lieben Gott (2006), einen umfangreichen Essay, der das widersprĂŒchliche Gottesbild der Bibel aufgeklĂ€rter Kritik aussetzt. Von Wippersbergs filmischen Arbeiten hat insbesondere das satirische Doku-Fake Das Fest des Huhnes (1992) dauerhaften Erfolg. Als Herausgeber der oberösterreichischen Literaturzeitschrift 99 mischt sich Wippersberg gemeinsam mit den Mitgliedern des Neuen Forums Literatur auch in den kultur- und gesellschaftspolitischen Diskurs ein.

Dem gesellschaftskritischen Realismus kann man auch die meisten Werke von Walter Kohl (geb. 1953), Rudolf Habringer (geb. 1960) und Eugenie Kain (1960–2010) zuordnen.
Habringers Roman Island-Passion gehört zu jener literarischen Tendenz, die sich der kritischen Aufarbeitung der NS-Zeit verschrieben hat, Plot (Handlung, Handlungsverlauf) und Thema gehen aber ĂŒber die ĂŒblichen Muster der viel zitierten „VergangenheitsbewĂ€ltigung“ hinaus: AnlĂ€sslich des Finales der Schach-Weltmeisterschaft zwischen Boris Spasski und Bobby Fischer kommt ein junger Österreicher 1972 nach Island. Dort stĂ¶ĂŸt er auf die Spuren des Musikers Karl Wallek, der 1938 mit seiner Familie aus Graz fliehen musste und in Island nicht nur ein Zuhause, sondern auch berufliche Anerkennung fand. Walleks Geschichte lĂ€sst den Protagonisten nicht mehr los, er begibt sich in Island und Österreich auf Spurensuche.

Eugenie Kain (1960–2010), eine Tochter von Franz Kain, war auf dem besten Weg, sich eine festen Platz in der österreichischen Gegenwartsliteratur zu erschreiben, als sie verstarb. Typisch fĂŒr Kains sozialen Realismus ist ihre letzte Publikation. Im Prosaband Schneckenkönig (2008), fĂŒhrte uns Eugenie Kain ein letztes Mal durch ihr Linz: Donauhafen und Lonstorferplatz, Tabakfabrik und Schlachthof – die geografischen Orte sind bei Eugenie Kain immer soziale RĂ€ume, DaseinsrĂ€ume fĂŒr die Menschen, die hier arbeiten, lieben, leiden.

In der Gattung Drama reprĂ€sentieren die StĂŒcke von Thomas Baum (geb. 1956) die gesellschaftskritischer Literatur der 68er-Generation.

Keine Frauenliteratur!
Margit Schreiner (geb. 1953) hat sich bewusst dafĂŒr entschieden, ihre unmittelbare Lebenserfahrung, das Alltagsleben zum Thema ihrer BĂŒcher zu machen, allerdings nicht in der Form der naiven ErlebniserzĂ€hlung, sondern mit den Mitteln der literarischen Gestaltung und perspektivischen Brechung (u. a. Buch der EnttĂ€uschungen und Haus, Friedens, Bruch.) Was „lieben“ heißt, dieser Frage geht Margit Schreiner in Heißt lieben (2003) nach. Die Ich-ErzĂ€hlerin stellt angesichts des Alterns und Sterbens ihrer Mutter die Frage nach der Eigenart und den Facetten mĂŒtterlicher Liebe. Aber die Liebe der MĂŒtter bleibt nicht das einzige Thema. Der dreigliedrige Aufbau gibt Hinweise auf die Bedeutung von Liebe im weiblichen Lebenszyklus: Tod – Hochzeit – Und eine Geburt.

Anna Mitgutsch (geb. 1948) war eine der Autorinnen, die sich schon in den 1980er Jahren aus gutem Grund dagegen gewehrt haben, das damals zeitgeistige Etikette „Frauenliteratur“ verpasst zu bekommen. Ihr DebĂŒtroman Die ZĂŒchtigung (1985) wurde vom Buchmarkt der 1980er Jahre gerne in diese Schublade gelegt, handelte es sich doch um ein Buch, das weibliche Lebenserfahrung in der konservativen Provinz thematisierte. In den folgenden Romanen (u. a. Ausgrenzung, In fremden StĂ€dten, Abschied von Jerusalem, Haus der Kindheit, Zwei Leben und ein Tag) behandelte Anna Mitgutsch unterschiedliche Themen. Wenn du wiederkommst (2010) ist die Geschichte eines endgĂŒltigen Abschieds. Obwohl die Ehe der ErzĂ€hlerin mit Jerome schon seit 15 Jahren getrennt war, blieb er fĂŒr sie doch   d e r   wesentliche Lebenspartner. Sein Tod löst widersprĂŒchliche, aber tiefe Emotionen aus.

Die Wiederkehr des Mythischen
Christoph Ransmayr
(geb. 1954) ging mit seinem zweiten Roman Die letzte Welt (1988) einen anderen kĂŒnstlerischen Weg als die ErzĂ€hlrealisten seiner Generation. Die letzte Welt gilt als typisches Werk der Postmoderne und ihrer Wiederentdeckung des Mythischen. Der Roman spielt in der römischen Kaiserzeit. Der Römer Cotta macht sich auf die Suche nach dem Dichter Ovid, der von Kaiser Augustus nach Tomi am Schwarzen Meer verbannt worden ist. Aber Cotta sucht nicht nur den Dichter selbst, sondern auch dessen bis dahin unveröffentlichtes Werk Die Metamorphosen. Er findet weder Ovid noch Die Metamorphosen, aber Spuren davon, denn die Verwandlung ist als PhĂ€nomen in das Leben der Bewohner von Tomi eingegangen. Die Ereignisse verlieren ihren realen Zusammenhang. Letztlich geht die Wirklichkeit in den Verwandlungsmythen auf. Im seinem nĂ€chsten Roman Morbus Kithahara (1995) spielte Ransmayr konsequent die Fiktion durch, Deutschland und Österreich wĂ€ren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entindustrialisiert worden. Eine große mythische ErzĂ€hlung (in Verszeilen formuliert!) ist Ransmayrs Roman Der fliegende Berg, die Geschichte zweier irischer BrĂŒder.

Mythisches und MÀrchenhaftes verwendet auch die ErzÀhlerin Elfriede Kern (geb. 1950) in ihren literarischen Werken (u. a. Schwarze LÀmmer, 2001).
Einen eigenstĂ€ndigen Weg in Themenwahl und Stil hat Wilfried Steiner (geb. 1960) eingeschlagen. In Der Weg nach Xanadu (2003) schickt er seinen Protagonisten auf die Spuren des englisches Romantikers Samuel Taylor Coleridge (1772–1834). In Bacons Finsternis (2010) wird die Begegnung der Hauptfigur mit den Bildern Francis Bacons (1909–1992) zum zentralen Motiv.

Die jĂŒngere Generation
Die jĂŒngere Generation der Literatur wird durch die Namen Michaela Falkner (geb. 1970), Andrea Grill (geb. 1975), Patricia Josefine Marchart (geb. 1971), Florian Neuner (geb. 1972) und Andrea Winkler (geb. 1972) reprĂ€sentiert. Ohne detailliert auf die Werke dieser Autorinnen und Autoren einzugehen, lĂ€sst sich eines festhalten: Sie folgen nicht dem marktfreundlichen Trend des neuen Realismus (Daniel Kehlmann, Thomas Glavinic u. a.), sondern beschreiten eigenstĂ€ndige Wege der sprachlich-formalen Gestaltung.

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