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Literatur in Oberösterreich zur Zeit des Nationalsozialismus


Tiefgreifende ZĂ€sur

Der „Anschluss“ Österreichs an Hitlerdeutschland im MĂ€rz 1938 stellte fĂŒr den heimischen Literaturbetrieb eine tiefe ZĂ€sur dar. Allerdings hatte sich diese Zeitenwende mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Deutschen Reich 1933 und ihrer Kulturpolitik angekĂŒndigt. Österreich war fĂŒr wenige Jahre ein Durchgangs- und Exilland fĂŒr Schriftsteller, die durch Repressalien zur Flucht gedrĂ€ngt wurden, denen man die Lebensgrundlage entzogen hatte und deren Publikationen BĂŒcherverbrennungen oder SĂ€uberungsaktionen zum Opfer fielen. Die Reichsschrifttumskammer in Berlin verhĂ€ngte ĂŒber Autoren und deren Werke, welche die Nationalsozialisten ablehnten, ein Veröffentlichungs- und Verbreitungsverbot innerhalb der Reichsgrenzen. Folglich waren auch österreichische Schriftsteller vom deutschen Markt abgeschnitten, wo sie bis zu 70 % ihrer BĂŒcher absetzten. Hinzu kam, dass etliche deutsche Verlage, die etwa 90 % der österreichischen Autoren betreuten, von Enteignung, „Arisierung“, Fusionen und Programmumstellung betroffen waren.

„Asphalt- bzw. Rinnsteinliteratur“

Im StĂ€ndestaat und Austrofaschismus unter Engelbert Dollfuß bzw. Kurt Schuschnigg herrschte aber auch hierzulande ein strenges Reglement. Das Verbot linker Parteien, Vereine und Gruppierungen schrĂ€nkte die Gesinnungsfreiheit deutlich ein. Das Regime schĂ€tzte Schriftsteller mit vaterlĂ€ndischer Gesinnung, die dem katholisch-klerikalen Milieu zugehörten und weltanschaulich als traditionalistisch oder kulturkonservativ galten. Avantgardistische und freigeistige Strömungen dagegen waren verpönt, ebenso Richtungen, die die Nationalsozialisten abschĂ€tzig als „Asphalt- bzw. Rinnsteinliteratur“ einstuften.

P.E.N.-Club

Trotz der BemĂŒhungen, die nationalsozialistische ideologische Unterwanderung in Österreich einzuschrĂ€nken, erstarkte vor 1938 das deutschnationale Lager zunehmend. Das galt auch fĂŒr die Schriftsteller, die sich in VerbĂ€nden zusammenschlossen. 1928 wurde der Deutsche Kulturbund als österreichischer Ableger des Kampfbundes fĂŒr deutsche Kultur gegrĂŒndet, der ab 1931 als Kampfbund fĂŒr deutsche Kultur – Landesleitung Österreich in mehreren StĂ€dten, beispielsweise in Linz, bis zu seiner Aufhebung 1933 vertreten war.
Die Differenzen der Intellektuellen wĂ€hrend des P.E.N.-Kongresses in Ragusa im Mai 1933 forcierten die Lagerbildung: Der internationale Verband der Dichter, Essayisten und Romanciers hatte die BĂŒcherverbrennungen im Deutschen Reich verurteilt, woraufhin die deutsche Abordnung aus Protest ausgetreten war. Die Kontroversen fĂŒhrten u. a. dazu, dass jene Mitglieder, die mit den Nationalsozialisten sympathisierten, aus dem Wiener P.E.N. austraten. Die gebĂŒrtige Linzer Autorin Grete von Urbanitzky (1893–1974) war hierbei federfĂŒhrend. Mit der Aufhebung des NS-Verbots in Österreich 1936 beschleunigte sich die Gruppenbildung weiter.

Ende Dezember 1936 formierte sich der Bund deutscher Schriftsteller Österreichs, bei dessen GrĂŒndung der aus Bad Kreuzen stammende Dramatiker Hermann Heinz Ortner eine wichtige Rolle gespielt haben will. Wenigstens die HĂ€lfte der ca. 80 Mitglieder gehörte der NSDAP an. Mit maßgeblicher UnterstĂŒtzung durch reichsdeutsche Stellen agierte der Verband schon vor dem „Anschluss“ „als eine Art Außenstelle der Reichsschrifttumskammer in Österreich [
], welcher die rassistischen GrundsĂ€tze nationalsozialistischer Literaturpolitik (Arierparagraph, GesinnungsprĂŒfung etc.)“ praktizierte (Amann 1988).

Der „Anschluss“ – literarisch gesehen
Die Annexion Österreichs wurde von vielen Autoren begrĂŒĂŸt, die in Texten unterschiedlicher Gattungen bzw. QualitĂ€t dazu Stellung bezogen. Sie sahen eine gĂŒnstige Gelegenheit, sich zu profilieren oder sie werteten die historischen Ereignisse als Aufforderung, sich weltanschaulich zu deklarieren. Im Gefolge des „Anschlusses“ entstanden unzĂ€hlige Huldigungs-, Bekenntnis- und Legitimationstexte, welche die VorgĂ€nge als den End- und Höhepunkt einer lĂ€ngerfristigen Entwicklung oder als eine Art „FamilienzusammenfĂŒhrung“ feierten. Besonderer Beliebtheit erfreuten sich Anthologien oder Zeitschriften, die teilweise Sondernummern oder -hefte auflegten, welche auf die Ereignisse bzw. die Literatur der nunmehrigen „Ostmark“ eingingen.

„Bekenntnisbuch österreichischer Dichter“
Von den Publikationen des Jahres 1938 steht das Bekenntnisbuch österreichischer Dichter, das Max Stebich fĂŒr den Bund deutscher Schriftsteller Österreichs zusammenstellte, an erster Stelle. Darin legten 71 Autoren in alphabetischer Reihenfolge Zeugnis von ihrer Gesinnungstreue ab. Das Vorwort weist sie als Wegbereiter, KĂ€mpfer und KĂŒnder der völkisch-nationalen Einigung Deutschlands, als AnhĂ€nger und geistige Mitstreiter der NS-Bewegung aus. Das Dokument ĂŒberreichte man im Juni 1938 im Rahmen der Wiener Reichstheaterfestwoche Joseph Goebbels, Reichsminister fĂŒr VolksaufklĂ€rung und Propaganda. Rund ein Siebtel der im Bekenntnisbuch angefĂŒhrten Autoren war durch Herkunft oder Wirkungsort mit dem Reichsgau Oberdonau bzw. Linz verbunden: Richard Billinger, Erna Blaas, Arthur Fischer-Colbrie, Franz Karl Ginzkey, Linus Kefer, Hermann Heinz Ortner, Franz Tumler, Carl Hans Watzinger, Johannes WĂŒrtz und Julius Zerzer.

Nach einem Ă€hnlichen Prinzip wie das Bekenntnisbuch brachte der Bund deutscher Schriftsteller Österreichs im selben Jahr den Gedichtband GesĂ€nge der Ostmark in Umlauf. Herausgeber des als Dichtergruß untertitelten BĂŒchleins war Franz Karl Ginzkey (1871–1963). Dieser Autor, heute v. a. noch als Verfasser von Balladen oder KinderbĂŒchern (Hatschi Bratschis Luftballon) bekannt, galt als ReprĂ€sentant der Habsburgermonarchie, insbesondere aber des StĂ€ndestaates. In diesem Band jedoch bekannte er sich zum neuen System, politisch stand seine Position mit NSDAP-Mitgliedschaft bald außer Frage.

Nationalsozialistische Periodika

Zu den wichtigen nationalsozialistischen Periodika, die sich dem „Anschluss“ widmeten, gehörte Das Innere Reich. Diese Zeitschrift fĂŒr Dichtung, Kunst und deutsches Leben erschien von April 1934 bis September 1944. Von Beginn an reichten auch oberösterreichische Schriftsteller ihre BeitrĂ€ge ein. Gemessen an der Zahl der abgedruckten Gedichte und ErzĂ€hlungen stand Franz Tumler (1912–1998) unter ihnen an der Spitze. Als Autor lĂ€sst er sich darin bis 1938 zumindest einmal pro Jahrgang nachweisen. Ähnliche AktivitĂ€ten entfaltete Erna Blaas (1895–1990), die zwar seit 1928 in Salzburg lebte, sich aber mit ihrer Heimat weiterhin verbunden fĂŒhlte. Beide Autoren scheinen etwa in der „zur Heimkehr Deutsch-Österreichs ins Reich“ herausgebrachten Mai-Ausgabe 1938 auf.

Der frenetische Jubel um Adolf Hitler, die Glorifizierung des „FĂŒhrers“ und begeisterte Kommentare zum „Anschluss“ fanden außerdem Eingang in Magazinen und Zeitungen. Dazu gehörten Texte, die Hitlers Geburtsstadt bzw. Oberösterreich als seinem Heimatland besondere Bedeutung zuwiesen – wie Hermann Heinz Ortners Kindheit in Braunau –, Stolz ausdrĂŒckten und symbolische Querverbindungen zum Nationalsozialismus konstruierten. Zu den Autoren, die Zeugnis von den MĂ€rztagen 1938 gaben, zĂ€hlen Karl Itzinger (1888–1948) oder Johannes WĂŒrtz (1900–1967), die in eigenen Schriften die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Oberösterreich darlegten.

Literaturpolitik – Gleichschaltung und Kontrolle
Dem politischen „Anschluss“ folgten die Umstellung und Gleichschaltung des Literaturbetriebs durch die Nationalsozialisten auf Basis des Reichskulturkammergesetzes, das mit 11. Juni 1938 in der „Ostmark“ gĂŒltig wurde. Wer weiterhin beruflich als Schriftsteller wirken und publizieren wollte, musste der Reichsschrifttumskammer beitreten, doch nur jenen, welche die ideologischen, politischen und rassischen Kriterien erfĂŒllten, war dies möglich. Von Berlin aus lenkte den Literaturbetrieb die Reichsschrifttumskammer, ein „Verband“, dem Autoren, Verleger, BuchhĂ€ndler, Buchhandelsvertreter, BĂŒchereiinhaber und Bibliothekare im Grunde durch Zwangsmitgliedschaft angehörten. Als Teil der Reichskulturkammer unterstand sie direkt Joseph Goebbels. Die Hierarchie erstreckte sich bis auf die Ebene der Reichsgaue und Kreise.

Die Kulturpolitik in Oberdonau gestaltete Gauleiter und Reichsstatthalter August Eigruber, als dessen Kulturbeauftragter der Oberregierungsrat und Gaupresseamtsleiter Anton Fellner fungierte. Wesentliche Kompetenzen fĂŒr den Bereich Literatur lagen beim Gauschrifttumsbeauftragten der NSDAP August Zöhrer, Leiter des Kulturamtes der Stadt Linz. Ihm standen regional Verantwortliche auf Kreis- und Gemeindeebene zur Seite.
Der Gauschrifttumsbeauftragte stand unmittelbar mit dem Amt Schrifttumspflege in der Dienststelle des Reichsleiters Alfred Rosenberg in Verbindung. Zöhrer kontrollierte und ĂŒberwachte den Literaturbetrieb, reglementierte und gestaltete das literarische Leben, indem er Autoren förderte, deren Namen und Werke er auf Empfehlungslisten setzte. Weiters gab er Verzeichnisse mit Adressen der NS-Gauverlage sowie Buchhandlungen aus, welche die empfohlenen BĂŒcher verkauften. Er war Berater in Schrifttumsfragen, verteilte Schriftgut fĂŒr pĂ€dagogisch-didaktische Zwecke und beantragte BĂŒcher zur parteipolitischen Schulung und weltanschaulichen Unterweisung.

BĂŒcherlisten – verfehmte und geförderte Literatur
Zur nationalsozialistischen Gleichschaltung der Literatur nach dem „Anschluss“ gehörte das Aussondern von verbotenen Schriften aus Bibliotheken und BĂŒchereien. Die Aussortierung erfolgte anhand einer geheim gehaltenen Liste des schĂ€dlichen und unerwĂŒnschten Schrifttums, welche die Reichsschrifttumskammer im Herbst 1935 in Umlauf brachte. Seit 1938 war sie auch fĂŒr den Reichsgau Oberdonau gĂŒltig.
„Auszusondern sind alle weltanschaulich untragbaren, unerwĂŒnschten, konfessionell gebundenen, inhaltlich veraltete und Ă€ußerlich verbrauchte BĂŒcher. Dabei ist durchaus nicht engherzig zu verfahren“
, instruierte Zöhrer seine Mitarbeiter in einem Schreiben. Publikationen, die auf dem Index standen, wurden eingezogen, weggesperrt oder deponiert, in der Regel jedoch vernichtet. Öffentliche BĂŒcherverbrennungen wie in reichsdeutschen StĂ€dten 1933 oder auf dem Salzburger Residenzplatz am 30. April 1938 fanden im Reichsgau Oberdonau aber nicht statt.
Eine weitere Handhabe fĂŒr die Kontrolle und UnterdrĂŒckung missliebiger Schriften bot die Liste der fĂŒr Jugendliche und BĂŒchereien ungeeigneten Druckschriften, welche seit Oktober 1940 kursierte.

Auflösung kirchlicher Institutionen und PfarrbĂŒchereien

Die Auflösung kirchlicher Institutionen und PfarrbĂŒchereien brachte neue BesitzverhĂ€ltnisse fĂŒr das enteignete Schriftgut. Ein Erlass des Ministers fĂŒr innere und kulturelle Angelegenheiten vom 22. Dezember 1938 regelte die  Verteilung der Schriften. Weltanschaulich nicht beanstandete oder unverdĂ€chtige BĂŒcher wies man den GemeindebĂŒchereien zu. Die lĂŒckenlose Kontrolle und Bereinigung stießen freilich an Grenzen, so wie es auch keine flĂ€chendeckende Zensur geben konnte. Inspektionen, die in bestimmten zeitlichen AbstĂ€nden und schwerpunktmĂ€ĂŸig erfolgten, sollten der Neuordnung der BĂŒchereien im nationalsozialistischen Sinne zum Erfolg verhelfen. Von solchen Aktionen waren auch Bibliotheken in KrankenhĂ€usern oder Kriegslazaretten betroffen. Revisionsberichte spiegeln die VerhĂ€ltnisse wider, wobei immer wieder Kritik ĂŒber oberflĂ€chliche und unsystematische Kontrollen laut wurde.

BĂŒcherei des Gaukrankenhauses Steyr

In der BĂŒcherei des Gaukrankenhauses Steyr beispielsweise beschlagnahmte der Hauptgemeinschaftsleiter der NSDAP bei einer Aktion unter 770 Erwachsenen- und 50 JugendbĂŒchern 102 Titel aus der ersten Gruppe („Die Werke von LandesverrĂ€tern, Emigranten und von Autoren fremder Völker, die glauben, das neue Deutschland bekĂ€mpfen und herabsetzen zu können.“)

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In der BĂŒcherei des Gaukrankenhauses Steyr beispielsweise beschlagnahmte der Hauptgemeinschaftsleiter der NSDAP bei einer Aktion unter 770 Erwachsenen- und 50 JugendbĂŒchern 102 Titel aus der ersten Gruppe.
„Wenn ich diese BĂŒcherei nach meinem Wissen und Gewissen hĂ€tte ausrĂ€umen dĂŒrfen“, berichtete er dem Gauschrifttumsbeauftragten Zöhrer anschließend, „dann wĂ€ren wohl kaum mehr als 300 BĂ€nde ĂŒbrig geblieben.“
Schließlich drĂ€ngte er Zöhrer zum Handeln: „Die BĂŒcherei des Krankenhauses in Steyr ‚bĂŒĂŸt’ eben jetzt die ‚SĂŒnden der StadtvĂ€ter von Steyr’ der letzten Jahre vor dem Umbruch. Besonders die letzte, die klerikale Aera hat dort einen BĂŒcherschund angehĂ€uft, der sich hauptsĂ€chlich aus Erzeugnissen der bekannten schwarzen VerlagshĂ€user aus Regensburg, MĂŒnchen und dem Tyroliaverlag aus Innsbruck zusammensetzt. Um hier also noch einmal grĂŒndlich und nach Herzenslust sĂ€ubern zu können, bitte ich Sie recht sehr, Mittel und Wege zu suchen, um die Gaukrankenhaus-BĂŒcherei in Steyr auf einen Stand zu bringen, der sowohl an GĂŒte wie an Zahl der Werke dem großen Institut gerecht wird.“

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Verbotene BĂŒcher in Umlauf

Auch nach den SĂ€uberungen bestĂ€tigten Stichproben immer wieder, dass  verbotene BĂŒcher weiterhin heimlich in Umlauf gebracht wurden. Bis 1943 hatte man im Reichsgau Oberdonau 90 % aller privat betriebenen LeihbĂŒchereien ĂŒberprĂŒft. Dabei war man zu dem ernĂŒchternden Ergebnis gekommen, dass fĂŒnf Jahre nach dem „Anschluss“ oftmals selbst „die augenfĂ€lligsten verbotenen BĂŒcher“ (z. B. von Thomas und Heinrich Mann oder Maxim Gorki) nicht nur existierten, sondern fallweise „sogar noch empfohlen“ oder „unter dem Ladentisch“ ausgeliehen wurden.
Der Kampf gegen die so genannte „Schmutz- und Schundliteratur“ sollte gleichzeitig die Aufmerksamkeit fĂŒr jene Literatur wecken, welche die Nationalsozialisten schĂ€tzten, weil sie ihren Ă€sthetischen und ideologischen Vorstellungen entsprach.

„Großdeutsche Woche des Buches“

Um die Leserschaft mit Schriftgut zu konfrontieren, das als vorbildlich und beispielhaft galt, prĂ€sentierte das Linzer Landhaus im Oktober 1938 die erste Großdeutsche Woche des Buches im Gau Oberdonau, eine Leistungsschau ĂŒber die NS-Literatur, die seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Deutschen Reich entstanden war. Die Forderung des Gauleiters Eigruber, solche Werke der Bevölkerung zur VerfĂŒgung zu stellen, fĂŒhrte zur GrĂŒndung von 450 VolksbĂŒchereien. Die Stadt Braunau richtete ihre im Geburtshaus Adolf Hitlers ein, das nach den Worten des Gauschrifttumsbeauftragten Zöhrer „allen Deutschen das wichtigste und heiligste“ war.

Schriftsteller zwischen Ächtung und Existenzverlust
Durch das Verbot von Autoren bzw. literarischen Werken, welche die NS-Ideologie als „jĂŒdisch“, „links“, „liberal-freigeistig“ oder „klerikal“ ablehnte, entstand ein Vakuum, das neue BĂŒcher und Schriftsteller besetzten. Welche Literatur im Reichsgau Oberdonau kĂŒnftig favorisiert werden sollte, gab etwa der Germanist Heinz Kindermann vor. „Lest Stifter und Zerzer, Billinger und Watzinger, um Oberösterreich, die Heimat des FĂŒhrers, von innen her kennenzulernen“, empfahl er unmittelbar nach dem „Anschluss“.
Andere, bislang geschÀtzte und mitunter sehr angesehene Schriftsteller fielen hingegen systematisch der Ausgrenzung und dem Totschweigen, der Denunziation und der Verfolgung anheim.

Opfer der NS-Kulturpolitik

Opfer der NS-Kulturpolitik waren etwa die Schriftstellerinnen Enrica von Handel-Mazzetti, Maria von Peteani und Hedda Wagner und die Schriftsteller Otto Jungmair, Otto Stöber, Gustav von Festenberg und Hans von Hammerstein.

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Ein prominentes Opfer der NS-Kulturpolitik war die in Steyr bzw. Linz lebende Autorin Enrica von Handel-Mazzetti (1871–1955), die bis in die 1930er Jahre schriftstellerische Erfolge verbuchte. Viele ihrer historischen Heimatromane und ErzĂ€hlungen galten als Musterbeispiele der katholischen Literatur, der StĂ€ndestaat beanspruchte sie weltanschaulich fĂŒr sich. Das literarische Ansehen Handel-Mazzettis konnten die Nationalsozialisten nicht leugnen, sie taten aber alles, um die Autorin zu marginalisieren. Rosenbergs Amt Schrifttumspflege in Berlin befand schließlich, dass sie innerhalb der „nationalsozialistischen Schrifttumspolitik keinen Platz“ findet. Der 70. Geburtstag Handel-Mazzettis 1941 wurde nicht öffentlich gefeiert.

Zu den als Schriftsteller Kaltgestellten bzw. Benachteiligten im Reichsgau Oberdonau gehörten ferner der Priesterdichter Heinrich Suso Waldeck (eigentlich August Popp, 1873–1943), der sich aus Wien nach St. Veit im MĂŒhlkreis zurĂŒckgezogen hatte, die Linzerinnen Maria von Peteani (1888–1960) und Hedda Wagner (1876–1950) oder der in Molln geborene Mundartdichter Otto Jungmair (1889–1974).

Am 11. August 1939 verhaftete die Gestapo Otto Jungmair, der als Buchhalter in den Linzer Hermann-Göring-Werken arbeitete. Er ĂŒberlebte die Konzentrationslager Sachsenhausen und Dachau, um nach seiner Entlassung 1942 fĂŒr die Deutsche Arbeitsfront verpflichtet zu werden. Erst nach Kriegsende war es Jungmair wieder möglich, als Autor zu wirken.

Unter restriktiven Maßnahmen litt auch der Linzer Autor, Verleger und BuchhĂ€ndler Otto Stöber (1902–1990). Seit den 1920er Jahren engagierte sich der Sozialdemokrat in kulturpolitischen Ämtern und Funktionen. Bei einer Ansprache in der Volksgartenhalle soll er durch einen Witz Gauleiter Eigruber verĂ€rgert haben, die Parteipresse musste Stöber kĂŒnftig ignorieren. Außerdem störte man sich am unternehmerischen Eifer Stöbers, insbesondere an seinem „Stadtverlag“, den man vermutlich als unliebsame Konkurrenz empfand. Aus kriegswirtschaftlichen GrĂŒnden schlossen die Behörden im FrĂŒhling 1943 Stöbers Buchladen Afrika-Echo und nahmen ihm damit den Broterwerb.

Gustav von Festenberg (1892–1968) hatte die Verwaltungspolitik nach Oberösterreich gefĂŒhrt. Nach seiner Probezeit in Linz kam er im April 1916 zur Bezirkshauptmannschaft Kirchdorf an der Krems, ehe er im Herbst 1919 nach Eferding wechselte, wo er 14 Jahre lang blieb. Er war ein GrĂŒndungsmitglied der Innviertler KĂŒnstlergilde und freundete sich mit dem Schriftstellerkollegen Freiherr Hans von Hammerstein an. Als Hammerstein 1934 in die Regierung nach Wien berufen wurde, ĂŒbernahm Festenberg den Pressedienst im Bundeskanzleramt, zwei Jahre spĂ€ter kam er als Sektionsrat ins Unterrichtsministerium. Nach dem „Anschluss“ blieb er zunĂ€chst in seinem Amt, den nationalsozialistischen Machthabern galt er jedoch politisch als unzuverlĂ€ssig. 1939 wurde er daher nach Speyer, von dort nach MĂŒnchen versetzt. 1941 vorzeitig pensioniert, soll er kurzfristig festgenommen worden sein, wohl als Folge des gescheiterten Anschlags auf Hitler in der „Wolfsschanze“ am 20. Juli 1944. Zwar geriet Festenberg ins Visier der Nationalsozialisten, ein tragisches Schicksal wie das seines Freundes Hammerstein blieb ihm aber erspart.

Hans von Hammerstein (1881–1947) war eine kulturpolitisch prĂ€gende Gestalt Oberösterreichs in der Zwischenkriegszeit. Als Spross einer deutschen Adelsfamilie in Niederösterreich aufgewachsen, trat Hammerstein nach dem Studium in Wien und MĂŒnchen 1906 seinen Dienst als Verwaltungsbeamter bei der Statthalterei in Linz an. Er arbeitete bei den Bezirkshauptmannschaften in Wels und Eferding, bevor er 1910 nach Kirchdorf an der Krems ging. 1923 wechselte Hammerstein nach Braunau, wo er Bezirkshauptmann wurde. Als Ehrenobmann der Innviertler KĂŒnstlergilde setzte er wichtige Impulse fĂŒr das kulturelle Leben der Region. In den 1930er Jahren gestaltete Hammerstein als Sicherheitsdirektor fĂŒr Oberösterreich, dann als Justizminister und schließlich als „Bundeskommissar fĂŒr Kulturpropaganda“ die Politik Dollfuß’ bzw. Schuschniggs in seinem ZustĂ€ndigkeitsbereich mit. Hammerstein verfolgte aufmerksam die politische Entwicklung im Deutschen Reich. In seiner Rede anlĂ€sslich der Goethe-Feier des Landes Oberösterreich und der Stadt Linz am 12. MĂ€rz 1932 warnte er vor den Folgen des FĂŒhrerkultes und der Massenkultur des Totalitarismus.
Nach dem „Anschluss“ wurde Hammerstein zunĂ€chst „beurlaubt“ und schließlich bei KĂŒrzung der BezĂŒge pensioniert. Im FrĂŒhjahr 1943 musste sich Hammerstein zum Arbeitsdienst melden und die Leitung des Kreisbauamtes von Kirchdorf an der Krems ĂŒbernehmen, wo er Schikanen der Behörden ausgesetzt war. Nach Stauffenbergs Attentat auf Hitler durchsuchte die Gestapo am 21. Juli 1944 Hammersteins Anwesen in Pernlehen bei Micheldorf – Hammerstein stand in Kontakt mit Adeligen aus dem Umkreis Stauffenbergs. Die Gestapo stellte Unterlagen sicher, darunter Aphorismen, „die sich in allerschĂ€rfster Form gegen den Nationalsozialismus und seine fĂŒhrenden Vertreter richteten“.
Im Zuge einer landesweiten Inhaftierungswelle wurde Hammerstein noch am selben Tag festgenommen und ins Linzer PolizeigefĂ€ngnis gebracht. Am 17. Oktober 1944 gelangte er ins Arbeitserziehungslager Schörgenhub bei Linz. Anfang Mai 1945 wurde er nach Mauthausen ĂŒberstellt, „um dort beseitigt zu werden“. HĂ€ftlinge hielten ihn bis zur Befreiung des Konzentrationslagers durch amerikanische Truppen versteckt. Von den gesundheitlichen SchĂ€den der Haft erholte sich Hammerstein bis zu seinem Tod 1947 nicht mehr.

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Karriere und Ruhm durch Literaturpolitik
Jene Schriftsteller aber, welche die nötigen Voraussetzungen erfĂŒllten und in das NS-Literatursystem passten, durften mit UnterstĂŒtzung und Anerkennung rechnen. Der Reichsgau Oberdonau und die Gauhauptstadt Linz versuchten durch Fördermaßnahmen, Dichterwettbewerbe und Preisausschreiben die zeitgenössische Literatur zu stĂ€rken. Das höchste Ansehen genoss der „Gaukulturpreis“, der am 12. MĂ€rz 1940 anlĂ€sslich des zweiten Jahrestags des „Anschlusses“ ausgelobt und von Gauleiter Eigruber bis zur Einstellung 1943 jĂ€hrlich verliehen wurde. 1941 erhielt ihn Richard Billinger (1890–1965). Zu den PreistrĂ€gern des Jahres 1942 gehörten der SĂŒdböhme Ernst Egermann (1910–1942), der Landesleiter der Reichsschrifttumskammer von Oberdonau, Linus Kefer aus Garsten (1909–2001) sowie der Bad Ischler Lehrer August Karl Stöger (1905–1989); 1943 waren es Hans Reinthaler (1900–1964) aus Offenhausen und der Prameter Mundartdichter Hans Schatzdorfer (1897–1969).

„Erste Dichterwoche des Reichsgaues Oberdonau“
Im MĂ€rz 1941 fand im KaufmĂ€nnischen Vereinshaus in Linz die Erste Dichterwoche des Reichsgaues Oberdonau statt. Gauleiter Eigruber hatte zuvor einen Literaturwettbewerb angesetzt, dessen Ergebnisse jetzt vorgestellt wurden. Die Beobachter knĂŒpften hohe Erwartungen an die Literatur aus der Heimat des „FĂŒhrers“, die von ihrem Wesen her eine „volksverbundene Dichtung“ sein musste, von der man sich angesichts des Krieges und der noch andauernden Integration der „Ostmark“ in das Reich eine einigende Wirkung erwartete. Die Propaganda stilisierte das Ereignis zur InitialzĂŒndung fĂŒr den kulturellen Aufschwung des Reichsgaues Oberdonau. Unter den teilnehmenden und auftretenden Autoren waren in erster Linie jene, die bereits 1938 im Bekenntnisbuch österreichischer Dichter aufschienen. Hinzu kamen u. a. Luise George Bachmann (1903–1976), Josef GĂŒnther Lettenmair (1899–1984), Rudolf Witzany (1911–1945), Josef Hieß (1904–1973), Karl Kleinschmidt (1913–1984) sowie Karl Emmerich BaumgĂ€rtel (1887–1958). Sie bestimmten neben anderen den heimischen Literaturbetrieb bis 1945.

Linz – Literatur zur Imagepflege
1941 lebte eine Schriftenreihe der Gauhauptstadt Linz auf, in ihr sollten unveröffentlichte Texte publiziert werden. In dieser Serie erschienen die Lyriksammlungen Unter dem Sternbild der Leier von Arthur Fischer-Colbrie, Ernst Egermanns Das Gastmahl sowie Die hohe Stunde von Karl Kleinschmidt. Ebenfalls mit einer literarischen Reihe wollte der in Berlin und Wien ansĂ€ssige Bischoff-Verlag in der Gauhauptstadt Fuß fassen. Bis Kriegsende kamen in der Linzer BĂŒcherei Franz Tumlers ErzĂ€hlung Auf der Flucht (1943) und die Balladen der Rauhnacht (1944) von Erna Blaas heraus.

In Verbindung mit dem Almanach Stillere Heimat setzte OberbĂŒrgermeister Leo Sturma am 21. September 1942 einen Literaturpreis in Höhe von 1.000 Reichsmark aus. Damit sollte der beste fĂŒr das Jahrbuch eingereichte Beitrag prĂ€miert werden. Dem fĂŒr die Vergabe verantwortlichen Beirat fĂŒr Schrifttumspflege gehörten neben einigen Ratsherren August Zöhrer, Max Dachauer als Pressereferent bzw. Gaukulturhauptstellenleiter im Gaupropagandaamt Oberdonau sowie Karl Emmerich BaumgĂ€rtel und Johannes WĂŒrtz an.
BaumgĂ€rtel war seit 1938 die rechte Hand Anton Fellners als Hauptstellenleiter im Gaupresseamt Oberdonau. Journalistisch arbeitete er im Ressort Kulturpolitik fĂŒr den Österreichischen Beobachter, den NS-Gaudienst, die Volksstimme sowie die Zeitschrift Oberdonau. 1943 wirkte er fĂŒr kurze Zeit als Pressereferent im Reichspropagandaamt. WĂŒrtz hatte als Lehrer an oberösterreichischen Schulen und als Studienrat an der Linzer Lehrerbildungsanstalt gewirkt, ehe er 1943 als Referent in die Kulturabteilung des Gaupropagandaamtes Oberdonau gelangte. Als Erster wurde der SĂŒdböhme Hans Watzlik (1879–1948) fĂŒr seine Prosaskizze Unterhaid ausgezeichnet.

„Stillere Heimat“
Das Literaturjahrbuch Stillere Heimat erschien von 1940 bis zu seiner kriegsbedingten Einstellung 1944. Herausgeber waren OberbĂŒrgermeister Leo Sturma und sein Nachfolger Franz Langoth. Jeder Band sollte einen reprĂ€sentativen Querschnitt durch das literarische Schaffen des Reichsgaues Oberdonau bieten und jungen, eher noch unbekannten Autoren eine Plattform bieten. Im Vorwort des ersten Jahrgangs deutete Sturma den Titel der Anthologie programmatisch als eine Heimat, welche „die stille Besinnung, das Hineinschauen und das Hineinhorchen in das leisere Geschehen des Lebens, das Wissen oder wenigstens Ahnen der tieferen Bindung von Mensch zu Mensch und von Mensch zu Natur, die Ehrfurcht vor der göttlichen Kraft im Menschen und ihre Verewigung in der Kunst, die Demut vor dem höheren Gesetz und in dieser Demut die Freiheit der Seele“ meint.

„Volkhafte Dichtung“, „Blut und Boden“ – Themen und Inhalte
Das Jahrbuch Stillere Heimat liefert ein Spiegelbild jener Gattungen, Themen und Motive, die fĂŒr die NS-Literatur bedeutsam waren, etwa Helden- bzw. Weihegedichte oder ErzĂ€hlungen, die den „selbstlosen“ Einsatz fĂŒr das Dritte Reich oder den politischen Kampf wĂ€hrend der „Systemzeit“ schildern. Sie fordern die Überwindung „widernatĂŒrlicher“ Grenzen oder erinnern an die „Befreiung“ durch die „HeimfĂŒhrung“ 1938.

Unterwerfung unter den „FĂŒhrer“
Viele Texte sind als LehrstĂŒcke konzipiert und konfrontieren den Leser mit Konfliktsituationen, in denen sich die Protagonisten bewĂ€hren mĂŒssen. Sie sollen ihnen als Vorbild und Ansporn dienen, um sich Ă€hnlich „mustergĂŒltig“ zu verhalten. Dabei werden hohe Erwartungen gesetzt: Gehorsam, PflichtgefĂŒhl, Durchhaltevermögen, Opferbereitschaft und Selbstdisziplin. Die Autoren appellieren an den Idealismus des Einzelnen. Hinzu kommen kultische, pseudoreligiöse ZĂŒge. Das Denken und Handeln der Figuren bezieht sich auf die entrĂŒckte Gestalt des „FĂŒhrers“, in der alles seinen letzten Sinn und seine ErfĂŒllung findet. Hans Schatzdorfers Gedicht Mein FĂŒhrĂĄ, schaff’ an oder Carl Hans Watzingers ErzĂ€hlung Anselm sind signifikante Beispiele fĂŒr die literarisch geforderte bedingungslose Unterwerfung und Gefolgschaftstreue. Ähnliches lĂ€sst sich in der Kriegslyrik feststellen. Die Verse von Ernst Egermann (Die BeflĂŒgelten, Briefe aus dem Kriege, Germania), Erika Blaas (1917–2010, Im Schatten des Aufbruchs) oder des Eferdingers Carl Martin Eckmair (1907–1984, Verheißung der Gestirne) kĂŒnden von Sendungsbewusstsein, Vorbestimmung und Siegesgewissheit. Der Zug in die Schlacht wird metaphorisch zum kosmischen und Naturereignis, der Kampf gleichsam um ein Gelobtes Land gefĂŒhrt.

„Völkische Literatur“
Die wichtigste Gruppe bildet die „völkische Literatur“, bei der nordisch-germanische (z. B. Erna Blass, Josef GĂŒnther Lettenmair, Johannes WĂŒrtz) oder deutsch-nationale Motive (z. B. Hans Watzlik, Josef Hieß) vorherrschen können. Der deutsch-völkische Aspekt steht oft in Verbindung mit der Blut-und-Boden-Ideologie, hauptsĂ€chlich bei Autoren, die sich mit dem Bauerntum und der lĂ€ndlichen Bevölkerung, der heimatlichen Scholle und Naturlandschaft sowie dem Deutschtum beschĂ€ftigen. Besonders der Bauernroman wurde in den 1930er Jahren zur Mode. Bedeutendster Vertreter in Oberösterreich war Richard Billinger. „Blut“ und „Boden“ greift er als Schlagworte auf, genauso wie der Steyrer Carl Hans Watzinger (1908–1994), etwa in den Romanen Spiel in St. Agathen (1937), Die Pfandherrschaft (1938) oder Die Bauernhochzeit (1942). Die Ideologisierung der Lehre von „Blut und Boden“ des ReichsbauernfĂŒhrers bzw. Reichsministers fĂŒr ErnĂ€hrung und Landwirtschaft Richard Walther DarrĂ© wird bei Josef Hieß und Karl Itzinger am deutlichsten. In der seit 1932 erscheinenden Monatsschrift Deutsche Agrarpolitik verbreitete DarrĂ© die gesellschaftliche Idee eines „Bauernadels“, die sich mit dem Bestreben der Nationalsozialisten, ein „rassisches Edelmenschentum“ zu zĂŒchten, deckte. Nach ihren Vorstellungen wiesen die Bauern am ehesten die gewĂŒnschten Voraussetzungen auf, brachten sie doch neben der Gemeinsamkeit des Blutes den Besitz an Grund und Boden mit.

Themen aus dem Bauernkrieg
FĂŒr HistorienstĂŒcke oder -romane boten sich Ereignisse aus dem oberösterreichischen Bauernkrieg und der Gegenreformation an. Begebenheiten um  Stefan Fadinger und Graf Adam Herberstorff legten eine heroische Umsetzung nahe. Karl Itzinger, Hermann Heinz Ortner oder Carl Hans Watzinger statteten ihre Gestalten mit Eigenschaften aus, die dem NS-Idealbild vom „neuen deutschen Menschen“ entsprachen. Am stĂ€rksten setzte sich Itzinger, Schriftleiter der Welser Bauern-Zeitung, mit dem Thema auseinander. 1925 legte er den Roman Bauerntod sowie das Frankenburger WĂŒrfelspiel vor, das als Festspiel des deutschvölkischen Turnvereins Frankenburg anlĂ€sslich der Einweihung des dortigen Bauernkriegdenkmals aufgefĂŒhrt wurde. 1933 veröffentlichte Itzinger den Roman Das Blutgericht am Haushamerfeld, erster Band der Trilogie Ein Volk steht auf!, die der Autor bis 1937 mit Es muß sein! und Ums Letzte abschloss. Alfred Rosenberg schenkte sie 1939 Hitler zu dessen 50. Geburtstag.

Adalbert Stifter – Vereinnahmung eines „Klassikers“
Ein zentrales Anliegen der NS-Literaturverantwortlichen bestand darin, die Gegenwartsdichtung in eine Traditionskette einzugliedern und die Schriftsteller als Nachfolger von (nicht nur heimischen) Autoren erscheinen zu lassen, die im bildungsbĂŒrgerlichen Kanon als „Klassiker“ verankert waren. Im Reichsgau Oberdonau boten sich hierfĂŒr Franz Stelzhamer und v. a. Adalbert Stifter an. Die Nationalsozialisten korrumpierten das geistige Erbe, deuteten es ideologisch um oder bezogen sich auf Stifter, um so ihre eigenen schriftstellerischen Absichten zu legitimieren.

Feiern zum 70. Todestag Stifters

Öffentlicher Kult, weltanschauliche Vereinnahmung sowie die Verwertung von Werk und Biografie als literarischer Stoff zeigten sich beispielsweise, als sich Stifters Tod zum 70. Mal jĂ€hrte.

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Öffentlicher Kult, weltanschauliche Vereinnahmung sowie die Verwertung von Werk und Biografie als literarischer Stoff zeigten sich beispielsweise, als sich Stifters Tod zum 70. Mal jĂ€hrte.
Die mediale Berichterstattung widmete sich dem Anlass intensiv. Das Linzer Landesmuseum zeigte Erinnerungsobjekte an Stifter aus Linzer BestĂ€nden. „Kernworte“ aus Stifters Schriften, die zur nationalsozialistischen Gesinnung passten, waren als Zitate aus dem ursprĂŒnglichen Kontext gerissen und wie Leitmotive angebracht worden, um den Schriftsteller als geistigen Wegbereiter des Dritten Reichs auszuweisen.
„Hier, wo der Dichter Bekenntnisse ablegt und Wahrheiten ausspricht, denen erst der Nationalsozialismus die endgĂŒltige Geltung gesichert hat, hier fĂŒhlen wir ihn als lebendigen Deutschen“, hieß es dazu in der Volksstimme.

Beim Festakt im Steinernen Saal des Linzer Landhauses am 27. JĂ€nner 1939 hielt der Wiener UniversitĂ€tsprofessor Josef Nadler einen Vortrag ĂŒber Stifter in der deutschen Gegenwart. Dabei skizzierte er Stifter als einen Autor, fĂŒr den bereits die zentralen Begriffe und Werte des Nationalsozialismus Bedeutung gehabt hĂ€tten. Stifter schildere den „Lebensraum des bajuwarischen Stammes“, die Akteure seiner ErzĂ€hlungen und Romane seien stets ein „Glied der Sippe, Glied des Volkes. StĂ€ndig bewegt des Dichters Denken sich in der Gemeinschaft“, wobei „Volksgemeinschaft“ fĂŒr ihn „nicht nur naturhaftes Wachstum, sondern gewollte Schöpfung“ sei. In der Rede wurde Stifter, in dessen ErzĂ€hlungen und Romanen der „FĂŒhrer-Gedanke“ erkennbar sei, in ein NahverhĂ€ltnis zu Hitler gebracht: „Nur der KĂŒnstler kann nach Stifter FĂŒhrer, nur der musische Mensch Schöpfer wahrer Volksgemeinschaft sein.“

Vor Stifters Geburtshaus in Oberplan wurde eine „Weihestunde“ abgehalten. Bei der anschließenden Feier stellte Landrat und Landesschulreferent Rudolf Lenk die Nationalsozialisten als berufene HĂŒter und Nachfolger Stifters dar und konstruierte eine angebliche Geistesverwandtschaft mit ihm.
„Wenn der Nationalsozialismus den Ă€rmsten Volksgenossen als substanziellen Wert sieht und betreut, wenn er Kraft und Wert von Blut und Boden verkĂŒndet, wenn er jede Hufe deutschen Heimatbodens liebt und schĂŒtzt, so ist das Stifterisch; und wenn Stifter [
] die Macht des Bluterbes und die Heiligkeit der Familie [
] sichtbar werden lĂ€ĂŸt, wenn er im ‚Witiko’ [
] ein ganzes Volk und seinen FĂŒhrer handeln lĂ€ĂŸt [
], so ist das Nationalsozialismus und der Ring zwischen ihm und uns ĂŒber die Generationen hinweg geschlossen.“
Vergleichbare Sichtweisen vertraten auch der Literaturwissenschaftler Moriz Enzinger (1891–1975), gebĂŒrtiger Steyrer und Professor an der UniversitĂ€t Innsbruck, oder der Germanist und Berliner UniversitĂ€tsprofessor Franz Koch (1888–1969) aus Attnang. In Zusammenhang mit dem Annektierung des Sudetenlandes nach dem MĂŒnchner Abkommen (1938) und der Schaffung des Protektorats Böhmen und MĂ€hren (1939) interpretiert Koch Stifter als Symbolfigur der Integration geografischer RĂ€ume. Er behauptet nicht nur die Wesens- und Stammeszugehörigkeit Stifters zu Oberösterreich, sondern erklĂ€rt die Eingliederung von Stifters sĂŒdböhmischer Heimat in den Reichsgau Oberdonau mit dem vollzogenen „Recht von geschichtlich Gewordenem“, woran sich ein volkstumspolitischer Auftrag knĂŒpfe:
„[
] ein Roman wie der ‚Nachsommer’ ist nach Stimmung und AtmosphĂ€re nur in unserm, nicht aber im sudetendeutschen Raum denkbar. Als Stifter am ‚Witiko’ arbeitet, hat er das ‚unausstaunbare’ Nibelungenlied immer in greifbarer NĂ€he, ein Beweis dafĂŒr, wie lebendig Blut und SĂ€fte seiner Gestaltungen um die schicksalhafte Mitte unseres Raumes kreisen. Dagegen steht das Werk [Hans] Watzliks, [Karl Franz] Leppas und [Rudolf] Witzanys viel mehr unter dem Gesetz sudetendeutschen Lebens, das in seinem sĂŒdlichsten Teil erst wieder Anschluß an den Blutkreislauf unseres Gaus gewinnen muß.“

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Nach 1945 
Nach dem Zusammenbruch Hitlerdeutschlands im Mai 1945 erwachte in Oberösterreich neues kulturpolitisches Leben. ZunĂ€chst mussten freilich die Schatten der Vergangenheit abgestreift werden. Die von den Alliierten und der österreichischen Bundesregierung eingeleiteten Maßnahmen zur Entnazifizierung betrafen wesentlich auch die Literatur. Im JĂ€nner 1946 veröffentlichte das Unterrichtsministerium eine Liste der gesperrten Autoren und BĂŒcher, die den Handel und das Bibliothekswesen betraf. Bis zur endgĂŒltigen ÜberprĂŒfung und KlĂ€rung der einzelnen FĂ€lle sperrte sie sĂ€mtliche „BĂŒcher und Schriften, deren Inhalt eindeutig nationalsozialistische, bzw. faschistische Ideologien verfolgt, fĂŒr Druck, Verkauf und Verleih.“
Werke von Erna Blaas, Karl Itzinger, Franz Tumler und Carl Hans Watzinger waren fortan verboten. Die BĂŒcher von Hans Watzlik standen in der Mehrzahl auf dem Index, einige von Josef GĂŒnther Lettenmair. Letztendlich entschied die Wiener „Zentralkommission zur BekĂ€mpfung der NS-Literatur“ ĂŒber die Aufhebung oder Beibehaltung der Sperre. In zwei FĂ€llen setzte sie sich mit Karl Itzinger und dem Welser Lehrer bzw. Gauschrifttumsbeauftragten Richard Neudorfer (1900–1977) auseinander. 1948 bat Maria Itzinger nach dem Tod ihres Gatten um Aufhebung des Verbots. Sie argumentierte mit der HistorizitĂ€t des Stoffes, weswegen die Werke zum oberösterreichischen Bauernkrieg „keine gefĂ€hrliche Tendenz“ enthalten könnten. Die Kommission veranlasste aber die Ablieferung des Frankenburger WĂŒrfelspiels und des Bauerntods, wĂ€hrend sie die Romanreihe Ein Volk steht auf! definitiv verbot. (Das Frankenburger WĂŒrfelspiel wird seit 1952 in einer ĂŒberarbeiteten Fassung aufgefĂŒhrt.) Von Neudorfer waren die Romane Ein Rufer in deutscher Not, JĂŒrg Engelprecht, Unterm Fronjoch sowie Volk im Joch einzuziehen.

Halbherzige Entnazifizierung
Die belastete Literatur wurde rasch ausgemustert und der Öffentlichkeit entzogen, die geistige Entnazifizierung geschah jedoch halbherzig und oberflĂ€chlich. Das Klima des Kalten Krieges, der neue PrioritĂ€ten setzte, und politisches KalkĂŒl erleichterten VerdrĂ€ngung und Vergessen. Autoren, die zunĂ€chst mit Berufsverbot belegt waren, erlangten zum Teil nach einigen Jahren neues Ansehen oder erhielten Auszeichnungen, darunter August Karl Stöger oder Carl Hans Watzinger. Dass die „demokratische Umerziehung“ nicht bei allen ehemaligen NS-Autoren gelungen war, zeigte sich etwa ein Vierteljahrhundert nach Ende des Krieges.
Josef Hieß, vormals Wanderlehrer des Deutschen Schulvereins SĂŒdmark und GaugeschĂ€ftsfĂŒhrer des Vereins fĂŒr das Deutschtum im Ausland, hatte im Internierungslager Glasenbach die Idee einer „Weihe- und GedenkstĂ€tte fĂŒr deutsche Dichtung“ geboren. Finanzielle Mittel fĂŒr diese „kleine Walhalla“ brachten Geldsammlungen des Österreichischen Turnerbundes ein. Von 1963 bis 1968 entstand auf einem HĂŒgel bei Offenhausen der so genannte „Dichterstein“, der an einen germanischen Thingplatz erinnern sollte. Die Anlage wurde zu einem Kultplatz fĂŒr die Ehrung von Schriftstellern deutschvölkischer bzw. -nationaler PrĂ€gung. Nach Auflösung des TrĂ€gervereins durch die Bezirkshauptmannschaft Wels-Land 1998 verschwand diese dĂŒstere Erinnerung.

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