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Hermann Bahr


Kindheit und Jugend
Der Schriftsteller, Essayist, Kritiker, Redakteur, Dramaturg und Regisseur Hermann Bahr wurde am 19. Juli 1863 in Linz geboren. Sein Vater war der Linzer Notar und liberale Landtagsabgeordnete Alois Bahr (1834–1898). Hermann Bahr besuchte die Volksschule und bis zum Wechsel nach Salzburg im Jahre 1877 das Akademische Gymnasium in Linz.
Der noch nicht 20-Jährige publizierte im Linzer Sonntagsblatt unter Pseudonym u.  a. antisemitische Glossen; in Linz wurde am 6. Februar 1883 sein Schauspiel Die Wunderkur aufgeführt. Zu dieser Zeit war Bahr auch Gefolgsmann von Georg Ritter von Schönerer, eines Vorkämpfers der deutschnationalen Bewegung und des Antisemitismus in Österreich.
Bahr studierte in Wien, Graz und Czernowitz, wo er jeweils aufgrund deutschnational-antisemitischer Aktionen der Universität verwiesen wurde. Er war auch Kneipenschwanz der Burschenschaft Albia. 1894 studierte er schließlich in Berlin bei dem führenden Ökonomen und Vertreter des Staatssozialismus Adolph Wagner sowie bei Gustav Schmoller. Bahr trat in Kontakt zu den österreichischen Sozialdemokraten Engelbert Pernerstorfer und Viktor Adler, für dessen Wochenzeitschrift Gleichheit er anonyme Beiträge verfasste. Nach dem Studienabbruch absolvierte er den Militärdienst.

Paris, Berlin, Wien
1888/89 verbrachte Bahr einen prägenden Aufenthalt in Paris mit Abstechern nach Südfrankreich, Spanien und Marokko; ebenda fiel auch die endgültige Entscheidung gegen Politik und Wissenschaft und für die Kunst. Noch in Paris wurden frühere Essays zu dem Band Zur Kritik der Moderne zusammengestellt und hier entstand der Roman Die gute Schule.
1890 war Bahr Mitarbeiter der Freien Bühne in Berlin, wo er die ästhetische Moderne durchzusetzen versuchte. Als er damit scheiterte, kehrte er nach Wien zurück, wo er schon bald im Verkehr mit den Protagonisten der im Entstehen begriffenen Wiener Moderne (Leopold von Andrian, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler usw.) stand. Als ihr (selbsternannter) Anführer wurde er unermüdlicher Verkünder und Interpret innovativer ästhetischer Richtungen und Moden (Naturalismus, Décadence, Impressionismus, später Heimatkunst, Expressionismus etc.). Dank seiner geschickten Positionierung im Kulturbetrieb (z. B. Mitarbeiter der Modernen Dichtung/Modernen Rundschau, Deutschen Zeitung, Die Zeit, Neuen Wiener Tagblatt), seiner Aufgeschlossenheit gegenüber Innovativem, seinen vielfältigen Interessen und zweifellos geschickter Strategien wurde er alsbald zur ebenso geachteten wie gefürchteten Figur der Wiener Moderne und zum Intimfeind von Karl Kraus (1874–1936), der ihn in seiner Zeitschrift Die Fackel unablässig angriff.
Nachdem Bahr die Deutsche Zeitung verlassen hatte, wo er als Theaterkritiker und Feuilletonist tätig war, gründete er mit Heinrich Kanner und Isidor Singer 1894 die Wiener Wochenschrift Die Zeit, deren Kunstredakteur und Mitherausgeber er bis 1899 bleiben sollte. Während Max Eugen Burckhard das k. k. Hofburgtheater leitete, war Bahr für diesen als stiller Berater tätig.

Heirat mit Rosa Jokl

Im Mai 1895 heiratate Bahr die Schauspielerin Rosa Jokl. Da diese jüdischer Herkunft war, trat er nicht nur aus der römisch-katholischen Kirche aus, sondern brach auch (kurzfristig) mit seiner Familie.
Um die Jahrhundertwende bemühte sich Bahr intensiv, in die Theaterpraxis einzutreten (so sollte er das im Rahmen der Darmstädter Ausstellung auf der Mathildenhöhe geplante Theater leiten, auch entwarf er ein Konzept für die Salzburger Festspiele).

Berufliche Tätigkeit in Berlin
1900 bezog Bahr seine von Josef Maria Olbrich errichtete Villa in Ober Sankt Veit. Im selben Jahr engagierte er sich auch für Klimts Universitätsbilder, allegorische Darstellungen universitärer Fakultäten. Bahrs Publikationsorgane waren zu diesem Zeitpunkt (bis 1906) das Neue Wiener Tagblatt und die Österreichische Volkszeitung.
Nachdem sich ein Engagement als Oberregisseur in München wegen politisch motivierter Proteste zerschlagen hatte, wurde Bahr 1906/07 Dramaturg und Regisseur bei Max Reinhardt (1873–1943) am Deutschen Theater und den Kammerspielen in Berlin.

Heirat mit Anna Bellschan von Mildenburg

1909 erfolgte die Scheidung von Rosa Jokl und die Heirat seiner zweiten Frau, der Opernsängerin Anna Bellschan von Mildenburg (1872–1947), für die er auch als Berater tätig war. 1909 wurde sein erfolgreichstes Schauspiel, Das Konzert, uraufgeführt. Ein Jahr zuvor war mit Die Rahl der erste einer (nicht abgeschlossenen) Reihe von österreichischen Romanen erschienen.

1912 übersiedelte Bahr nach Salzburg. Den Ersten Weltkrieg begrüßte der aufgrund seines Alters nicht mehr Einberufene, hoffte er doch, dass dieser sämtliche Kräfte beseitigen würde, die das „wahre Österreich“ in seiner Entfaltung behindern (Bürokratie, ethnische Spannungen etc.)

Publizist und Dramaturg
Gegen Ende des Krieges wurde er – nach umfangreicher Vortragstätigkeit – Chefdramaturg des k. k. Hofburgtheaters, wo er seinen österreicherhaltenden Ideen vergeblich Wirkungsmächtigkeit zu verleihen versuchte.
1922 folgte die Übersiedlung nach München, wo seine Frau unterrichtete. Von 1916 bis 1931 schrieb Bahr regelmäßig mit Tagebuch betitelte Artikel im Neuen Wiener Journal, die mehrheitlich (bis 1927) auch in Buchform erscheinen. Auch war er – schon aus finanziellen Gründen – regelmäßiger Beiträger für bedeutende Tageszeitungen wie die Neue Freie Presse, das Berliner Tageblatt, (in späteren Jahren) für die Münchner Neuesten Nachrichten und die Münchner Telegramm-Zeitung. Daneben betätigte er sich als katholischer Publizist in Organen wie Hochland, Das neue Reich und Schönere Zukunft.

Österreichische Moderne

Die letzten Lebensjahre war Bahr krankheitsbedingt kaum mehr literarisch tätig. Vorerst deutsch-national, später sozialistisch orientiert, war Bahr spätestens seit den 1890er Jahren auf der Suche nach einer spezifisch österreichischen Moderne. Um die Jahrhundertwende traten antimodernistische Konzepte verstärkt hervor. Zugleich engagierte er sich wortreich für eine grundlegende Reform Österreichs und betonte in diesem Zusammenhang die Bedeutung seiner nichtdeutschsprachigen Bewohner, v. a. der Tschechen und Dalmatiner. Bahr gab sich zunehmend österreich-patriotisch, bei gleichzeitiger Rückkehr zum Katholizismus. Sein späteres Werk, besonders nach dem Ersten Weltkrieg, ist von restaurativ-verbittertem Konservativismus geprägt, durchaus beeinflusst von antiliberalen, bedenklich rassistischen und antidemokratischen Ideologemen. In diesem Kontext sind auch Bahrs literarische Bemühungen um oberösterreichische Persönlichkeiten wie beispielsweise den Linzer Bischof Franz Joseph Rudigier (biografischer Essay Rudigier, 1915), Franz Stelzhamer (Der Franzl. Fünf Bilder eines guten Mannes, Uraufführung 1900 am Landestheater Linz) und Adalbert Stifter zu sehen, für dessen Werk er sich einsetzte.

Bedeutender Essayist
Bahrs (gedrucktes) literarisches Werk ist umfangreich (rund 40 Schauspiele, 17 Romane bzw. Prosasammlungen). Aus heutiger Sicht liegt seine Bedeutung allerdings weniger in seinem seinerzeit geschätzten fiktionalen Werk – sein Frühwerk, etwa Die gute Schule, Die Mutter sowie die Russische Reise darf ein gewisses literarhistorisches Interesse für sich beanspruchen –, doch auch diese Werke wirken nur allzuoft wie die unbeholfene Umsetzung seiner in den Essays verkündeten Ideen. Vielmehr verdient Bahr aber als Verfasser kritischer Schriften (48 Essaybände), Vermittler, Förderer, Kulturpraktiker, „Netzwerker“ etc. Beachtung. Die Liste der Personen, mit denen er in Kontakt stand, liest sich wie das Who’s who der Moderne, auch ist seine Sensibilität gegenüber Tendenzen, Trends und Bewegungen auf allen künstlerischen Gebieten (Literatur, Theater, Tanz, bildende Kunst, wahrnehmungspsychologische Aspekte) beeindruckend.
Zusammenfassend könnte man also sagen: Hermann Bahr ist weniger ein Fall für die Literatur-, denn für die Kulturwissenschaft.

Werke von Hermann Bahr (Auswahl)

   

Die Einsichtslosigkeit des Herrn Schäffle. Drei Briefe an einen Volksmann als Antowrt auf „Die Aussichtslosigkeit der Sozialdemokratie“

 

1886

Die neuen Menschen. Ein Schauspiel

 

1887

Die gute Schule. Seelenzustände

 

1890

Zur Kritik der Moderne

Gesammelte Aufsätze. Erste Reihe

1890

Fin de Siècle

 

1891

Die Ãœberwindung des Naturalismus

Als zweite Reihe von Die Kritik der Moderne

1891

Russische Reise

 

1891

Die Mutter

Drama in drei Akten

1891

Studien zur Kritik der Moderne

Mit dem Portrait des Verfassers in Lichtdruck

1894

Der Antisemitismus. Ein internationales Interview

 

1894

Renaissance. Neue Studien zur Kritik der Moderne

 

1897

Wiener Theater (1892–1898)

1899

 

Der Franzl. Fünf Bilder eines guten Mannes

 

1900

Secession

 

1900

Bildung

Essays

1900

Dialog vom Tragischen

 

1904.

Dalmatinische Reise

 

1909

Drut

Roman

1909

Das Konzert

Lustspiel in drei Akten

1909

Tagebuch

 

1909

Expressionsmus

Mit 19 Tafeln in Kupferdruck

o. J. [1916]

Selbstbildnis

 

1923


Autor: Kurt Ifkovits

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