Forum OÖ Geschichte

Dichtkunst an der Landschaftsschule in Linz


Landschaftsschule

Die adeligen StĂ€nde der Herren und Ritter Österreichs ob der Enns („Landschaft“) fungierten als Schulerhalter einer voruniversitĂ€ren Lateinschule (Landschaftsschule), die 1567 bis 1574 im Ennser Minoritenkloster und dann bis zu ihrer Auflösung 1624 im Linzer Landhaus untergebracht war. Ihr Zweck war es, den Nachwuchs aus den Kreisen des Adels, spĂ€ter auch des gehobenen BĂŒrgertums, auf ein UniversitĂ€tsstudium vorzubereiten.
Im genannten Zeitraum bekannten sich fast alle landstĂ€ndischen Adeligen ob der Enns zum Protestantismus; daher hatte die Landschaftsschule von Anfang an den Charakter einer evangelischen Lehranstalt. Da im universitĂ€ren Verkehr fast ausschließlich Latein verwendet wurde, lag das Schwergewicht des Unterrichtsbetriebes auf der Vermittlung einer höheren Anforderungen genĂŒgenden passiven und aktiven Sprachkompetenz (Eloquenz) im Lateinischen, im geringeren Ausmaß auch im Altgriechischen. Deshalb legten Lehrer ihren Anstellungsgesuchen als Nachweis ihrer LeistungsfĂ€higkeit in den antiken Sprachen oft handschriftliche oder gedruckte Carmina (Lieder) bei.

HochkarÀtiger Lehrkörper
Den hohen Erwartungen im sprachlichen Bereich entsprachen natĂŒrlich nicht nur die Lehrer (PrĂ€zeptoren), sondern auch die ĂŒbergeordneten Organe (evangelische Geistlichkeit, Scholarchen [Schuloberhaupt], Inspektoren, Rektoren, Konrektoren, Kantoren) sowie die PrivatprĂ€zeptoren, Bibliothekare und Modisten (Schreib- und Instrumentallehrer) an der Landschaftsschule. Sowohl fĂŒr die (auf Philipp Melanchthons pĂ€dagogischen Konzepten beruhenden) LehrplĂ€ne der ersten Rektoren Basilius Khuenegger und Michael Eckhelhueber als auch fĂŒr jene des langjĂ€hrigen Rektors Johannes Memhard (gestaltet nach dem Prinzip der sapiens et eloquens pietas des Straßburger Rektors Johannes Sturm) galt die Dichtkunst als höchste Vollendung der Eloquenz.

Vermittlung dichterischen ‚Werkzeugs
‘
Wenn auch selbststĂ€ndige dichterische Versuche von den SchĂŒlern nicht verlangt wurden, waren sie doch erwĂŒnscht und wurden gelegentlich bei öffentlichen Deklamationen vorgetragen oder im Druck veröffentlicht. Die FĂ€higkeiten dafĂŒr, zu allen markanten AnlĂ€ssen (casus) im menschlichen Leben gelehrte lateinische Gedichte nach antikem Vorbild beisteuern, wurden im Prinzip allen Gelehrten im Zuge ihrer universitĂ€ren Ausbildung vermittelt und galten als erlernbar: So entstanden NeujahrswĂŒnsche (Strenae), Geburtstags- (Genethlia), Hochzeits- (Epithalamia), GlĂŒckwunsch- (Gratulationes, Laudes), Trauer- (Epicedia, Threni, Tumuli), Totengedenk- (Parentalia), Reisegeleit- (Propemptica), Lob- (Encomia) und Huldigungsgedichte (Panegyrici) .

Dichtende Lehrer

Überraschend groß ist daher die Zahl der Dichter im Lehrpersonal der Landschaftsschule, die ihr Handwerk, vom Sprachlichen und Formalen her gesehen, einwandfrei beherrschten und den poetischen ornatus (Schmuck) geschmackvoll anzubringen wussten. Einigen gelang der Schritt zum schöpferisch inspirierten Poeten, wenngleich in der Welt der poetae docti (gelehrten Dichter) der platonische furor poeticus (dichterische Emotion) keineswegs als unabdingbar angesehen wurde.

Friedrich Lagus
(Hase) (1514/Kreuzburg an der Werra–1593/Linz) hatte in jungen Jahren in Erfurt bei dem Dichter Helius Eobanus Hessus studiert und war 1542 von Philipp Melanchthon ins Land ob der Enns geschickt worden, um dort fĂŒr die adeligen StĂ€nde eine Schule aufzubauen. Er lehrte in Enns an seiner eigenen Privatanstalt; ob auch an der Landschaftsschule, ist fraglich. Von ihm hat sich nur ein Freundschaftsgedicht an Georg Calaminus erhalten.

Der Rekor der Landschaftsschule Michael Eckhelhueber schrieb eine Elegia in catalogum amicorum ... Simonis Galliculi [= HĂ€ndl] Steirensis (1565).
Rektor Lorenz PĂŒchler (Laurentius Collinus) (um 1540/Enns–nach 1581/Linz?) ist nicht nur als Verfasser akademischer Reden und historischer Monografien, sondern auch als neulateinischer Dichter durchaus ernstzunehmen.
WĂ€hrend seines Studiums in Wittenberg hatte er durch Johannes Major mit dem Wittenberger Dichterkreis Kontakte geknĂŒpft. Die FrĂŒchte seiner poetischen Lehrjahre sind enthalten in: Versus funebres in obitum ... Iosephi Froschesseri (1564), Epithalamia in honorem ... Matthiae Rotarij (1571), Paraphrasis duorum hymnorum (1571) und Scripta de obitu ... Micaelis Mail (1572). Von seiner UniversitĂ€t empfohlen, kehrte er nach Österreich zurĂŒck und wurde Rektor an der Landschaftsschule in Enns. Unter seiner Leitung ĂŒbersiedelte diese Ende 1574 ins Linzer Landhaus. 1576 schied PĂŒchler aus dem Lehrdienst, um sich zu Jusstudien an die UniversitĂ€t Wien zu begeben. 1581 wurde er bereits als Landschaftsadvokat in Linz erwĂ€hnt.
Wenn sich Christoph von Schallenberg, der unter PĂŒchler an der Landschaftsschule in Enns studiert hatte, intensiv mit den Dichtungen der Wittenberger Dichter Georg Sabinus und Johannes Major auseinandersetzte, dann deutet dies auf eine literarische Vermittlerrolle PĂŒchlers hin.

Georg Khuen († 1601/Absdorf, Niederösterreich) galt zwar als als unvertĂ€glich, war aber ungemein musikalisch und sprachgewandt, wovon seine Leichen- und Hochzeitspredigten, Psalmenauslegungen, lateinischen Epigramme und deutschen Gebete und Kirchenlieder Zeugnis ablegen. Khuen leitete die Berufung Johannes Memhards zum Rektor (1574–1598) der Linzer Landschaftsschule in die Wege. Der Nachfolger von Memhard als Rektor wurde ĂŒbrigens Matthias Anomaeus.

Von den Lehrern, die unter dem neuen Rektor wirkten, ist als Dichter zuvorderst der Konrektor Georg Calaminus (Rorich) (1549/Silberberg, Schlesien–1595/Linz) zu nennen, der sich in allen Sparten der neulateinischen Poesie auszeichnete. Calaminus ist einer der wenigen Dichter des österreichischen SpĂ€thumanismus, deren Werke in ganz Mitteleuropa bekannt wurden.

Georg Calaminus

Großes Ansehen gewann Calaminus durch die Produktion von TheaterstĂŒcken fĂŒr das Schultheater. Nach Abschluss seiner Studien und Erwerb des Magistergrades (1575) stand er am Beginn einer akademischen Karriere in Straßburg. 1578 gelang es dem Rektor der Linzer Landschaftsschule, Johannes Memhard, Calaminus fĂŒr den Posten des Konrektors zu gewinnen.

Mehr erfahren

Als Sohn des evangelischen Seifensieders Georg Rorich und dessen Ehefrau Magdalena geboren, lernte Calaminus an der Schule seiner Heimatstadt Silberberg Deutsch lesen und schreiben. Private Förderer und Stipendien aus Stiftungen ermöglichten ihm den Besuch der Lateinschule in Glatz und der Elisabeth-Schule in Breslau, wo er seinen Zunamen nach Humanistenart latinisierte. Danach suchte Calaminus in Heidelberg und in der Schweiz vergeblich nach MĂ€zenen fĂŒr ein UniversitĂ€tsstudium. Ab 1572 arbeitete er in Straßburg als Privatlehrer adeliger JĂŒnglinge. Mit ersten Proben seiner neulateinischen Dichtkunst erregte er die Aufmerksamkeit der Professoren der Straßburger Akademie. Durch die Produktion von TheaterstĂŒcken fĂŒr das Schultheater gewann Calaminus großes an Ansehen. Nach Abschluss seiner Studien und Erwerb des Magistergrades (1575) stand Calamius am Beginn einer akademischen Karriere in Straßburg.
1578 gelang es dem Rektor der Linzer Landschaftsschule, Johannes Memhard, Calaminus fĂŒr den Posten des Konrektors zu gewinnen. Mit den in Österreich tĂ€tigen Literaten Hugo Blotius, Hieronymus Arconatus, Christoph von Schallenberg und Johannes Crato trat Calaminus sogleich in freundschaftliche Beziehung. Doch die strengen Schulgesetze (Lehrerzölibat, Daueraufsicht, Zensur) und ein schmerzhaftes Rheuma vergĂ€llten ihm das Leben in Linz. Überdies verweigerten ihm die StĂ€nde beharrlich die Erlaubnis zu heiraten. Um sich durch ein gehobenes Sozialprestige (Adelsstand, Ernennung zum Poeta laureatus) aus seiner Situation zu befreien, sah sich Calamius nach FĂŒrsprechern bei Hof um. Neben Arconatus (Hofkriegs-SekretĂ€r) waren dies Johannes Crato, Peter Monau und Johannes Sambucus (HofĂ€rzte). Als seine ProtegĂ©s starben oder ihren Einfluss verloren, versank Calaminus 1583 in eine „Melancholie“ (Depression). Er stellte sein Streben nach dem Dichterlorbeer vorĂŒbergehend zugunsten seines Wunsches nach Ehe und Familie zurĂŒck.
Nachdem die LandstĂ€nde endlich ihr EinverstĂ€ndnis erklĂ€rt hatten, heiratete Calaminus 1584 Anna Kirchmaier, Witwe des BĂŒrgermeisters von Freistadt, die zwei unmĂŒndige Töchter mit in die Ehe brachte, und bezog mit seiner Familie das Linzer Privathaus seiner Schwiegermutter (heute Pfarrplatz 19). 1585 schlug Calaminus eine Berufung an die Akademie Altdorf aus. 1586 bis 1591 ĂŒbernahm er zusĂ€tzlich die Funktion des Schulökonomen.
Eine Gehaltserhöhung erlaubte es ihm 1591, sich der Arbeit an dem historischen Drama Rudolphottocarus zu widmen und dem Ziel der Nobilitierung und Dichterkrönung durch die Dedikation (Widmung) des Werkes an Kaiser Rudolf II. nÀherzukommen. Er war nun auch in der Lage, die von den Hofbeamten erwarteten Provisionen zu bezahlen.
Nach Interventionen einiger Höflinge unterfertigte Kaiser Rudolf II. am 8. MĂ€rz 1595 in Prag die Dekrete ĂŒber die Erhebung Calaminus’ in den Adelsstand und zum Poeta laureatus. Als der Dichter zum Empfang der neuen WĂŒrden in Wien weilte, infizierte er sich mit dem Fleckfieber, kehrte krank nach Linz zurĂŒck und starb dort im Familienkreis.

Calaminus ist einer der wenigen Dichter des österreichischen SpĂ€thumanismus, deren Werke in ganz Mitteleuropa bekannt wurden. Im epischen Bereich verwendete er kleinere Formen zur Darstellung von Lebensgeschichten und besonderen AnlĂ€ssen. Neu war der Einsatz des Epos fĂŒr protestantisch-apologetische Zwecke in Casus Freidekianus. In der lyrischen Dichtung zeigte er formale Gewandtheit und Vielseitigkeit in der Themenwahl. Die Elegie Turtur ist ein Beitrag zum literarischen Manierismus. Die Form der Heroide benĂŒtzte Calaminus fĂŒr Themen aus der europĂ€ischen Geistesgeschichte (Mnemosyne, Argyrope, Psyche). In seinen Oden Ă€ußerte er Gedanken zu Grundproblemen menschlichen Lebens in ihren religiösen, moralischen, geistesgeschichtlichen und politischen BezĂŒgen. Im großen Sammelbecken der Epigramme vereinigte er poetische Kleinformen aller Arten. Die zunehmende SubjektivitĂ€t der Aussage ging in seiner letzten Schaffensphase mit einer gesteigerten Erfahrungs- und GestaltungsintensitĂ€t und einer verstĂ€rkten KomplexitĂ€t sprachlichen Wollens einher, die zuweilen symbolhafte, mystisch-enigmatische (rĂ€tselhafte) ZĂŒge annimmt.
Auf dramatischem Gebiet setzte Calaminus die Form der Ekloge fĂŒr BĂŒhnenstĂŒcke ein. In Helis ließ er einen biblischen Stoff im Kleid einer regelkonformen euripideischen Tragödie erscheinen, wobei er das traditionelle didaktische Element zugunsten einer stoizistischen Grundhaltung zurĂŒckdrĂ€ngte. Mit der Austriaca tragoedia Rudolphottocarus – seinem Hauptwerk – schaffte er ein gewissenhaft recherchiertes historisches Drama, das erste ĂŒber den Konflikt zwischen Rudolf I. von Habsburg und PrĆŸemysl Ottokar ĂŒberhaupt. Deutliche Ähnlichkeiten lassen vermuten, dass Franz Grillparzer aus Calaminus’ Werk Anregungen fĂŒr König Ottokars GlĂŒck und Ende gewonnen hat.
Das gesamte Schaffen Calaminus’ wurde durch eine moderne, vierbĂ€ndige Werkausgabe (1998) erschlossen und darin eingehend gewĂŒrdigt.

Detailinformationen ausblenden


Der Kantor Johannes Linckius (Johann Linck) (1561/ZĂŒllichau, Schlesien–1603/Görlitz), ein ĂŒber den lokalen Rahmen hinaus bekannter neulateinischer Lyriker, kam aus Schlesien zunĂ€chst nach Klagenfurt. Ab 1586 wirkte er dann 14 Jahre lang als PrĂ€zeptor und Kantor in Linz, heiratete dort im Jahre 1597, schloss an der Landschaftsschule Freundschaft mit Georg Calaminus und war nach dessen Tod maßgeblich an der Erstellung einer umfangreichen GedĂ€chtnisschrift beteiligt. Zu dieser steuerte er mehrere Gedichte bei.

Johannes Linckius

Nach der ersten Schließung der Linzer Landschaftsschule ĂŒbersiedelte Johannes Linckius zunĂ€chst als Bassist an die Weimarer Hofkantorei und dann nach Görlitz. Johannes Linckius wurde 1602 zum Poeta laureatus gekrönt.

Mehr erfahren

Als Lehrer erwies sich Johannes Linckius als „zankisch vnd vnuertrĂ€glich, auch gegen die Jugennt vnfreuntlich“. Von den StĂ€nden darob mehrfach getadelt, legte Linckius im Jahre 1600 sein Amt krankheitshalber nieder. 1602 wurde er zum Poeta laureatus gekrönt. Linckius ĂŒbersiedelte zunĂ€chst als Bassist an die Weimarer Hofkantorei und dann nach Görlitz, wo er bis zu seinem Tod als Lehrer arbeitete.
In seinem letzten Lebensjahr veröffentlichte Linck seine (derzeit verschollene) Gedichtsammlung Earina sive carminum vernorum praecidanea (FrĂŒhjahrsgedichte bzw. Blumenstrauß von FrĂŒhlingsgesĂ€ngen) im Druck. Einiges daraus wurde in die Anthologie Delitiae poetarum Germanorum aufgenommen: die Elegien Elogium veris, De musica und De passione Christi. Gemeinsam ist diesen Werken eine höchst artifizielle sprachliche Gestaltung, was sich in der oft ungewöhnlichen Wortwahl, den ĂŒberaschenden Metaphern und einer unbĂ€ndigen Lust an Wort- und Klangspielen aller Art manifestiert. Doch abgesehen von zeitbedingten Manierismen weisen AnsĂ€tze zur Wiedergabe subjektiver EindrĂŒcke (wenn auch kaum irgendwelcher persönlicher Empfindungen) voraus in die Dichtkunst spĂ€terer Epochen.

Detailinformationen ausblenden


Bedeutend als Verfasser lateinischer Dichtungen wurde MatthĂ€us Zuber (1570/Neuburg an der Donau–1623/NĂŒrnberg). Der Sohn armer Eltern besuchte die Schule in Nördlingen und wirkte 1594 bis 1596 als PrĂ€zeptor (Lehrer) in Linz. Die hier verfassten Trauergedichte fĂŒr Georg Calaminus, Jacob Memhard, Johann Jacob Memhard (ein Kleinkind), fĂŒr die PrivatprĂ€zeptoren Johann Christoph Bremius, Abraham Scholl, Jodok Jungius und Johannes Selzam gehören zu den frĂŒhesten poetischen Leistungen des ĂŒberaus fruchtbaren Dichters, der sich in der Poesie der altgriechische Sprache ebenso gewandt bedienen konnte wie der lateinischen.

MatthÀus Zuber

Bis 1598 lehrte Zuber an der evangelischen Stiftsschule in Graz. Dort zĂ€hlte er zum Freundeskreis Johannes Keplers. Sein Weg fĂŒhrte ihn u. a. weiter ĂŒber Amberg, Leipzig und Jena nach Regensburg, wo er als Lehrer angestellt war. 1616 wurde er als Professor fĂŒr Redekunst und Poesie ans Gymnasium Sulzbach berufen.
Die meisten seiner Werke (Epithalamien, Elegien, Epigramme und Oden) sind in Form von Einzelausgaben und in einer postumen Gesamtausgabe (1626) erschienen.

Mehr erfahren

Nachdem er 1596 in Heidelberg von Paul Melissus den Dichterlorbeer erhalten hatte, lehrte Zuber bis 1598 an der evangelischen Stiftsschule in Graz. Dort zĂ€hlte er zum Freundeskreis Johannes Keplers. Nach Studien in Altdorf und Wittenberg arbeitete er als Lektor im Verlag Forster in Amberg. Weitere Studien in Leipzig und Jena sowie eine Frankreichreise lassen sich zeitlich nicht fixieren. 1615 war er jedenfalls bereits in Regensburg als Lehrer angestellt. 1616 wurde er als Professor fĂŒr Redekunst und Poesie ans Gymnasium Sulzbach berufen. 1619 wegen Alkoholsucht abgesetzt, fand er bis ans Ende seines Lebens sein Auskommen als PrĂ€zeptor an einer NĂŒrnberger Schule.
Sein Interesse fĂŒr die Alchimie geht aus einem Manuskript mit einschlĂ€gigen griechischen Schriften hervor, die er ins Lateinische ĂŒbersetzt hat. Die meisten seiner Werke (Epithalamien, Elegien, Epigramme und Oden) sind in Form von Einzelausgaben und in einer postumen Gesamtausgabe (1626) erschienen; mehrere Gedichte fanden auch Aufnahme in die Sammlung Delitiae poetarum Germanorum.
Insbesondere auf dem Gebiet der Gnomik leistete Zuber Wesentliches. Die teilweise kuriosen Titel seiner Epigramm-Publikationen fanden im Barock ihre Nachahmer. In der Gedichtsammlung Amores et suspiria stehen zahlreiche Gedichte an österreichische Adressaten. Neben Liebesgedichten an eine gewisse Rosibella, in denen Zuber versucht, im lateinischen Idiom persönliche GefĂŒhle auszudrĂŒcken, enthĂ€lt die erwĂ€hnte Sammlung auch ein Echogedicht und allerlei andere Spielereien, wie sie zumeist erst fĂŒr die manieristische und die barocke Dichtung reklamiert werden.

Detailinformationen ausblenden


Von den Kantoren, die an der Linzer evangelischen Landschaftsschule nach ihrer Wiedereröffnung (1609) bis zu ihrer abermaligen Schließung (1624) beschĂ€ftigt waren, kennen wir zwei auch als Dichter: Tobias Zober stammte aus Neuburg an der Donau, wurde in Wittenberg ausgebildet und war neben Brassicanus Kantor an der Linzer Landschaftsschule von 1617 bis 1624. Außerdem verfasste er einen kurzen Beitrag zu Wolfgang Schallers Carmen heroicum de Sabaeis Regibus (1606).

Johannes Brassicanus (Kraut) (um 1570/Murau–1634/ Regensburg) hatte einige höchst originelle Leistungen sowohl auf musikalischem als auch auf literarischem Gebiet erbracht. 1603 scheint er als Kantor und Kollaborator, 1606 als PrĂ€zeptor am Regensburger Gymnasium poeticum auf. 1609 wurde ihm das Kantorat an der Linzer Landschaftsschule verliehen. Er galt als „feiner Poet“, der „in der Musica hochberĂŒhmt“ war. Brassicanus dĂŒrfte trotz der Einstellung des Unterrichts an der Landschaftsschule im Jahre 1624 noch bis 1627 in Linz geblieben sein; im Herbst dieses Jahres nahm ihn das Regensburger Gymnasium poeticum wieder auf.
Zum Dichten gebrauchte Brassicanus stets nur seine deutsche Muttersprache. Die Spannweite seiner Gedichte reicht vom Kirchenlied bis zum Dialekt-SchnaderhĂŒpfl, vom Epicedium bis zum Quodlibet, von der launigen Sentenz bis zu den Gedichten zu Martin Zeillers deutscher Übertragung der Histoires tragiques des François de Rosset.

In den letzten Jahren ihres Bestehens erhielt die Klagenfurter Landschaftsschule 1593 in Hieronymus Megiser (um1554 /Stuttgart–1619/Linz) einen angesehenen Historiker und Sprachgelehrten als Rektor. Als die Schule 1601 aufgelöst werden musste, wandte sich Megiser nach Linz, wo ihn die StĂ€nde als Historiker und Bibliothekar aufnahmen. Mit der Landschaftsschule hatte er insofern etwas zu tun, als die stĂ€ndische Bibliothek gleichzeitig auch als Schulbibliothek diente. Im Rahmen seines umfangreichen literarisch-wissenschaftlichen Oeuvres hat Megiser gelegentlich auch der Dichtkunst ihren Tribut gezollt.

Valentin Ferdinand Megiser (1603/Frankfurt am Main–1634/Wien?), der einige Jahre die Linzer Landschaftsschule besuchte, verfasste u. a. in zartester Jugend das lateinische Einleitungsgedicht zum Theatrum Caesareum seiners Vaters (1616).

Eine eher lose Verbindung mit der Landschaftsschule hatte Johannes Kepler (1571/Weil–1630/Regensburg) – kaiserliche Mathematiker und Hofastronom –, der 1611 in die Dienste der Landschaft ob der Enns trat: Man erwartete nur, dass er, so er „in studiis mathematicis, philosophicis et historicis den löbl. StĂ€nden in gemein alswol auch jedem in privato wie nit weniger deroselben adeligen Jugendt nĂŒtzlichs und fĂŒrtreglichs erzeugen khan, Er solches zu thun nit underlassen soll“. In wenigen FĂ€llen scheint er eine private LehrtĂ€tigkeit ausgeĂŒbt zu haben, wenn er auch in einem Brief klagt: „Die SchĂŒler der Landschaftsschule bleiben den ganzen Tag im Landhaus, sie werden mit Lektionen belastet und ihre Stunden sind so belegt, dass sie weder zu mir noch zu jemand anderem gehen können, um Geometrie oder Sprachen zu lernen.“
Die Dichtungen Keplers beweisen, dass er auch in der Dichtkunst – sowohl im lateinischen wie im deutschen Idiom – Hervorragendes zu leisten imstande war. Schon als Theologiestudent in TĂŒbingen verfasste er lateinische Gedichte in alkaischen Strophen (spezielles Versmaß), Hexametern und elegischen Distichen wie etwa einen höchst ungewöhnlichen poetischen Dialogismus (1592) ĂŒber das BegrĂ€bnis des Professors Samuel Heiland. Dazu kommen Dichtungen Keplers in den Sparten Poema, Epigramma, Carmen, Elegia und Hymnus. An Kaiser Rudolf II. richtete er eine Bitttschrift in Versform, die mit einem Eulogium Tycho Brahes, des Hofastronomen Kaiser Rudolfs II. in Prag, beginnt. Seine Astronomia nova (1609) und andere Werke schmĂŒckte er mit Gedichten aus. Besonders hervorzuheben sind ein theologisches Lehrgedicht und ein lateinisches sowie ein deutsches Gedicht auf den Tod seiner ersten Gemahlin (1611).
In dem postum im Druck erschienenen Somnium (Traum) schlug Kepler eine BrĂŒcke zwischen wissenschaftlicher und dichterischer Prosa. Das Ergebnis ist ein Text, der an moderne „Science fiction“ erinnert. WĂ€hrend Keplers antike Vorbilder fĂŒr diese Art der Darstellung – Plutarch und Lukian – reine Fantasieprodukte lieferten, untermauerte bei Kepler das profunde Wissen des Autors die kĂŒhne Utopie. Abschriften des Werks zirkulierten bereits zu Keplers Lebzeiten in Deutschland und England.
Bei dem Dichter John Donne (1571–1631), mit dem Kepler 1619 in Linz zusammentraf, zeigen sich in Ignatius His Conclave EinflĂŒsse des Somnium, ebenso spĂ€ter bei Samuel Butler in der Satire The Elephant in the Moon.

Als Musiktheoretiker und Dichter ragt der wie Kepler an der UniversitĂ€t TĂŒbingen ausgebildete und mit diesem befreundete, aber in theologischer Hinsicht mit ihm auf Kriegsfuß stehende Linzer Landhausprediger Daniel Hitzler (Hizler) (1575/Heidenheim–1635/Straßburg) hervor. 1611 folgte dieser dem Ruf nach Linz und wurde Superintendent und Schulinspektor der Landschaftsschule. 1621 im Zuge gegenreformatorischer Maßnahmen inhaftiert und nach seiner Freilassung an der AusĂŒbung seiner geistlichen Funktion gehindert, widmete er sich der Umarbeitung eines um 1615 entstandenen Manuskriptes mit dem Titel Newe Musica Oder Singkunst und brachte 1623 in NĂŒrnberg einen Extract Auß der neuen Musica Oder Singkunst heraus. Nach seinem Weggang aus Österreich lebte er nach 1625 in Kirchheim i. T., Stuttgart und Straßburg. In dieser Phase seines Lebens veröffentlichte er die Newe Musica Oder Singkunst in erweiterter Form.
Hitzlers TĂ€tigkeit als Herausgeber und Bearbeiter von evangelischen KirchengesangbĂŒchern reicht in ihren AnfĂ€ngen noch in seine Linzer Zeit zurĂŒck: Eine 1624 in NĂŒrnberg gedruckte Ausgabe mit dem Titel Christliche Kirchen-Gesang gilt aber als verschollen. Wahrscheinlich stellt das 1634 in Straßburg erschienene Sammelwerk Christliche Kirchen-GesĂ€ng/ Psalmen und Geistliche Lieder, das 16 von Hitzler selbst gedichtete deutsche Texte enthĂ€lt, eine Umarbeitung der Ausgabe von 1624 dar. Die nicht beigegebenen Noten lieferte Hitzler in Form von 76 vierstimmigen Choralbearbeitungen als Musicalisch Figurierte Melodien aller ... gebrĂ€uchigen Kirchen-GesĂ€ng nach. Die Auswahl der GesĂ€nge entspricht dem Repertoire an Kantionalliedern der Landschaftsschule und der evangelischen Gemeinde in Linz .
Neben den genannten Werken umfasst das literarische Schaffen Daniel Hitzlers theologische Werke, Leichenpredigten sowie lateinische und deutsche Epigramme.

Unter den Absolventen der Linzer Landschaftsschule, die nicht nur internationale Bekanntheit erlangten, sondern auch den Kreis der Dichter des SpĂ€thumanismus erweiterten, ist ein ehemaliger SchĂŒler Calaminus’ an der Linzer Landschaftsschule, Andreas Tallinger (1570/Hellmonsödt–1632/Eisleben, Sachsen) zu erwĂ€hnen. Dieser trat mit Gelegenheitsgedichten an die Öffentlichkeit. Sein Vater war ursprĂŒnglich Marktrichter im MĂŒhlviertel, dann Schreiber der Linzer Hofkammer. Tallinger studierte zunĂ€chst in Straßburg neben seiner TĂ€tigkeit als Hofmeister des Oberösterreichers Erasmus von Starhemberg in Straßburg. Zur Fortsetzung seiner Jusstudien begab er sich an die UniversitĂ€ten TĂŒbingen, Ingolstadt, Padua, Leipzig und Wittenberg. 1598 verlieh ihm die UniversitĂ€t Basel das Doktorat der Rechte. Nach kurzer LehrtĂ€tigkeit an der UniversitĂ€t Wittenberg stellte er sich 1602 als Rat in den Dienst des Grafen von Mansfeld in Eisleben. Von 1610 bis zu seinem Tod wirkte er als kurfĂŒrstlich sĂ€chsischer Beamter und weithin angesehener Rechtsexperte.

In erster Linie ist in diesem Zusammenhang jedoch der Jurist Thomas Lansius (1577/Perg–1657/TĂŒbingen) hervorzuheben. Er bezog nach Absolvierung der Linzer Landschaftsschule die UniversitĂ€t TĂŒbingen. Nach zweijĂ€hrigem Aufenthalt an der UniversitĂ€t Marburg schloss er 1602 sein Rechtsstudium mit der Promotion zum Dr. iur. in TĂŒbingen ab und unternahm Reisen als Hofmeister eines jungen österreichischen Adeligen. Von 1606 an wirkte er vier Jahrzehnte hindurch am TĂŒbinger Collegium illustre als Professor fĂŒr Geschichte, Politik und Eloquenz. Seine akademischen RedetĂ€tigkeit schlug sich in zahlreichen Einzelpublikationen nieder.
Das am hĂ€ufigsten gedruckte Buch des Lansius heißt Consultatio de principatu inter provincias Europae (Überlegung zum Thema der Vormachtstellung unter den LĂ€ndern Europas, 1613; sieben Neuauflagen bis 1678). Es ist nach dem Prinzip von Rede und Gegenrede aufgebaut und wegen seines Einflusses auf die englische Literatur (James Howell, A German Diet: or, The Ballance of Europe, London 1653) besonders bemerkenswert.
Öffentlich gehaltene Reden und Überlegungen zu praktisch-rhetorischen Aufgaben der politischen Szene stellte Lansius gegen Ende seines langen Lebens in dem Band Mantissa consultationum et orationum (1656) zusammen. Die Mantissa des Lansius – die Frucht einer am Ende des SpĂ€thumanismus aufkommenden, auf den FĂŒrstenstaat vorbereitenden „politischen“ PĂ€dagogik – sollte sich in weiterer Folge ganz besonders als Lehrbuch an den deutschen Adelsschulen und Ritterakademien des 17. Jahrhunderts empfehlen. Dass neben seinen theoretischen Abhandlungen auch so manches Gedicht aus seiner Feder floss, ergibt sich allein schon aus der Tatsache, dass der bekannteste PortrĂ€tstich Johannes Keplers – ein Werk des Jacob van der Heyden aus dem Jahr 1620 – mit einem (verblĂŒffend ehrlichen) Epigramm von Lansius versehen ist. Weitere Gedichte des Lansius erschienen im Anhang zu Johann Memhards Oratio funebris auf Georg Calaminus, darunter ein Epicedium in Elfsilblern, eine Trauer-Ekloge Daphnis sowie ein griechisches und ein lateinisches Epitaphium in elegischen Distichen.

Christoph Forstner
(1598/PĂŒrnstein–1667/MontbĂ©liard), Lansius’ berĂŒhmter SchĂŒler in TĂŒbingen, wie dieser Absolvent der Linzer Landschaftsschule, außerdem in Wien und Padua zum Spitzenjuristen und Staatswissenschaftler von europĂ€ischem Rang ausgebildet, hochangesehener Tacitus-Kommentator und Kanzler von Mömpelgard, scheint sich hingegen nur ausnahmsweise – wie etwa mit einen Beitrag zu den Epithalamia fĂŒr Johann Albrecht Portner – dichterisch exponiert zu haben.

© 2018