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Johann Beer


Eine Entdeckung
In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts stieß der Germanist Richard Alewyn bei seinen Forschungen zur deutschen Literatur des 17. Jahrhunderts auf Romane und ErzĂ€hlungen eines anonym und unter verschiedenen Pseudonymen publizierenden Autors: Er nannte sich Jan Rebhu, Ein lebendiger Mensch, Der Neue Ehemann, Franciscus Sambelle, Franciscus Ăą Claustro, Hanß guck in die Welt, Antonius Caminerus, Amandus de Bratimero, Zendorius Ă  Zendoriis, Wolffgang von Willenhag, Florianus de Francomente, Alamodus Pickelhering und Expertus Rupertus. In den Werken dieses bis dahin bibliographisch nicht erfassten und biographisch nicht identifizierten Autors vernahm Alewyn eine Stimme, die aus der Eintönigkeit der literarischen Kultur seiner Zeit hervorstach. Seine Spurensuche fĂŒhrte ihn an den Hof der Herzöge von Sachsen-Weißenfels und in den bairisch-oberösterreichischen Kulturraum. Der Name des Autors: Johann Beer.

Lebenslauf
Johann Beer wurde am 28. Februar 1655 in St. Georgen im Attergau als Sohn des Gastwirts Wolfgang BĂ€hr und seiner Frau Susanne geboren. Die Familie Beer – Johann war das siebente von fĂŒnfzehn Kindern – war protestantisch, konnte im katholischen Österreich ob der Enns keine Heimat finden und wanderte 1669 nach Regensburg aus. Der Sohn, der zunĂ€chst die Schule in St. Georgen besucht, dann eine vorwiegend musikalische Ausbildung im Benediktinerstift Lambach und im Kloster Reichersberg am Inn erhalten hatte (1662–1669), besuchte in Passau die Lateinschule (1669/70), in Regensburg dann sechs Jahre lang das Gymnasium poeticum. Ein daran anschließendes Theologiestudium in Leipzig dauerte nur wenige Monate; im Oktober 1676 wurde Beer von Herzog August von Sachsen-Weißenfels als Altist in die Hofkapelle berufen und ging nach Halle. Zur „JĂ€hrlichen Besoldung“ erhielt er nach eigener Auskunft „180. Reichst. die Kost bey Hofe und tĂ€glich 1. Maß Wein“.

Am Hof der Herzöge von Sachsen-Weißenfels machte Beer Karriere: 1678 heiratete er Rosina Elisabeth Brehmer, die Tochter des Gastwirts „Zum Schwartzen BĂ€hren“; in Weißenfels, wo der Herzog seit 1680 residierte, wurde er unter Johann Adolph I. zum Konzertmeister (1685), dann auch zum Hofbibliothekar (1697) ernannt. Ehrenvolle Stellenangebote des Coburger Hofes (1684) und des dĂ€nischen Königshauses (1691) hatte er ausgeschlagen. Mit Johann Georg I., der den Weißenfelser Hof zu einem Zentrum der KĂŒnste, insbesondere der Musikkultur, machte, unternahm er zahlreiche Reisen. Beer genoss großzĂŒgige Förderung, nahm an JagdausflĂŒgen teil und wurde am Hof seiner zahlreichen Talente wegen geschĂ€tzt. Sein Leben endet so tragisch wie denkwĂŒrdig: Am 28. Juli 1700 wird er bei einem SchĂŒtzenwettbewerb, einem so genannten „Vogelschießen“, „durch einen unglĂŒkseeligen schuß [...] auf das allergefĂ€hrlichste verwundet“. In seinem Tagebuch notiert der schwer Verletzte:
„Den 31st. schnitte man mir die Bley Kugel aus dem Naken, nach welchem Schnitte sichs in etwas zur Besserung anliesse. Ich habe gleich nach meiner Überbringung in meinem Hause, Herren D. Oleario gebeichtet, und mich mit dem HochwĂŒrdigen Sacrament versehen.“ Beer stirbt am 6. August 1700.

Der Hofmusiker
Den Zeitgenossen und der Nachwelt war Beer als Musiker, Musiktheoretiker und Komponist bekannt. Die Grundlagen seiner musikalischen Erziehung erhielt er als Singknabe im Stift Lambach, das er in einem seiner Romane als „schönes und herrliches Kloster“ rĂŒhmt: „Auch ist alda fast die beste Musik/ so nechst der Wienerischen in dem Ertzherzogthum Oesterreich den billichen Ruhm hat“. Die „Musicalische Composition“ studierte er seinen Aufzeichnungen zufolge „in einer Zeit von 15. Monaten“ bei Wolfgang Caspar Printz in Regensburg. Neben etlichen Kompositionen, darunter eine umfangreiche lateinische Messe (Missa S. Marcellini) und eine vermutlich 1687 uraufgefĂŒhrte deutsche Oper (Die Keusche Susanne), verfasste Beer auch musiktheoretische Werke (Musicalische Discurse, Bellum Musicum); ein Manuskript, das die Grundlagen des musikalischen Satzes in Form eines Lehrbuchs vermitteln sollte (Schola phonologica), blieb unvollendet. Musizieren und Komponieren bilden in Beers Musikauffassung einen fließenden Übergang. Seine theoretischen Schriften betonen den Vorrang des Gehörs gegenĂŒber der Regellehre und rĂ€umen dem Vokalisten einen Improvisationsspielraum ein, der es ihm erlaubt, seine Kunst in der AuffĂŒhrung kreativ zu entfalten.

Besonderes Aufsehen erregte Beer durch seinen Disput mit dem Rektor des Gothaer Gymnasium illustre, dem Pietisten Gottfried Vockerodt, der die AusĂŒbung der Musik auf ihre dienende Rolle im Rahmen des Gottesdienstes und des Gotteslobes beschrĂ€nkt wissen wollte. Gegen diese weltanschauliche RigiditĂ€t zog Beer mit zwei polemischen Schriften – Ursus murmurat und Ursus vulpinatur (beide 1697) – zu Felde. In ihnen verteidigt er die Musik als eine Gabe, deren Faszinationskraft und wohltuende Wirkung von ihrer göttlichen Herkunft zeugen:

Lob der Musik

„DRey Dinge seyn/ vor welche GOtt dem AllmĂ€chtigen zu dancken/ grosse Ursache habe.“

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„DRey Dinge seyn/ vor welche GOtt dem AllmĂ€chtigen zu dancken/ grosse Ursache habe. Erstlich: daß er mich in dem Schooß der Christlichen Kirche hat lassen gebohren werden. Vors andere: daß er mich mit einem ĂŒberaus fröhlichen GemĂŒthe begabt. Vors dritte/ daß er mich tĂŒchtig gemacht/ eine solche Kunst zu ergreiffen, dadurch er in alle Ewigkeit will gelobet werden. [
] Dann/ ein Christ seyn/ was ist seeliger? Ein fröhliches GemĂŒth haben/ was ist vergnĂŒgter? Die MUSIC STUDIREN/ was ist sinnreicher?“

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Der ErzÀhler
In die Literaturgeschichte eingehen sollte der HochfĂŒrstliche SĂ€chsisch-Weißenfelsische Concert-Meister und Cammer-Musicus Johann Beer als Autor satirischer ErzĂ€hlungen und Romane. Richard Alewyn, der dieses Werk der Nachwelt erschloss, bezeichnet den streitbaren Ursus als „ErzĂ€hler von allen Graden und Gnaden“. TatsĂ€chlich wird man der literarischen Bedeutung Beers am besten gerecht, wenn man ihn als lebendigen ErzĂ€hler wahrnimmt. Bereits in seiner Regensburger Zeit tut er sich unter seinen MitschĂŒlern dadurch hervor, dass er sie im gemeinsamen Schlafsaal mit Geschichten unterhĂ€lt, die er gleichsam aus dem Stegreif erfindet. An diese „nĂ€chtlichen Conclav-Erzehlungen“ erinnert er nicht nur in einem Gedicht auf die Stadt Regensburg, sondern auch in seinen Romanen:

NĂ€chtliche „Conclav-Erzehlungen“

„Wann nun die Jungen/ die nicht fleisig zu studiren gewohnet waren/ da dachten sie / sie wollten fluchs morgen in Britania reisen/ und Abentheur anfangen/ damit sie nur nicht ferner ihre Argumenta machen/ die Lectionen lehrnen und expliciren dörfften/ spendierte mir also einer da etwas/ und da wieder einer etwas/ mit dem Bedinge/ daß ich auff den Abend eine Ritterliche Historie erzehlen solt;“

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„Wann nun die Jungen/ die nicht fleisig zu studiren gewohnet waren/ da dachten sie / sie wollten fluchs morgen in Britania reisen/ und Abentheur anfangen/ damit sie nur nicht ferner ihre Argumenta machen/ die Lectionen lehrnen und expliciren dörfften/ spendierte mir also einer da etwas/ und da wieder einer etwas/ mit dem Bedinge/ daß ich auff den Abend eine Ritterliche Historie erzehlen solt; Weil ich nun in dergleichen Narrenpossen nicht allein wol belesen ware/ sondern gar keine große Kunst brauchte extempore eine verlogenen Geschicht zuerzehlen/ als war es meine höchste Lust/ wann ich die jungen nicht allein nach meinem Willen betrogen/ sondern sie in ihrer gefasten Meinung noch darzu bestĂ€tiget.“

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Der Schriftsteller Beer ist ein von Abenteuergeschichten Faszinierter, der seine Erfindungen aus dem Reichtum seiner LektĂŒren schöpft, insbesondere der Geschichten des Amadis de Gaula, eines mehrbĂ€ndigen, auf dem Stoff der Artussagen beruhenden ErzĂ€hlwerks, das im 17. Jahrhundert als Inbegriff erfundener und unwahrscheinlicher Geschichten galt. Beers Literatur ist zwar in hohem Maße durch die Literatur inspiriert, als Schriftsteller aber besitzt er einen aus der Lebenserfahrung gewonnen Sinn fĂŒr die WirkungsmĂ€chtigkeit des ErzĂ€hlens. Besonderen Wert legt er deshalb auf die Kunst der „Invention“; mit Vorliebe stellt er sich und seine Geschichten erzĂ€hlenden Figuren als erfindende ErzĂ€hler dar. Sein schriftstellerisches Werk lĂ€sst sich mit gutem Recht als Fortsetzung des geselligen ErzĂ€hlens im Medium des gedruckten Buchs charakterisieren. Von drei verloren gegangenen lateinischen Komödien, einem Zwischenspiel fĂŒr ein Schuldrama und einigen, von Beer selbst vertonten Leichencarmina abgesehen, die allesamt aus Beers Regensburger Zeit stammen, entsteht es in Halle und in Beers ersten Weißenfelser Jahren. Zwischen 1677 und 1685 verfasst er an die 20 Romane und ErzĂ€hlungen, zunĂ€chst Parodien auf den Abenteuerroman (Ritter Hopffen-Sack, Prinz Adimantus und Ritter Spiridon aus Perusina), dann vornehmlich satirische Werke (Weiber-HĂ€chel, Jungfer-Hobel, Der Deutsche Kleider-Affe) und Romane, die – wie schon die Titel zeigen – in der Tradition Grimmelshausens (Der Simplicianische Welt-Kucker, Jucundus Jucundissimus) bzw. des spanischen Pikaroromans sowie des aus Frankreich stammenden Roman comique stehen (Die vollkommene Comische Geschicht des Corylo) und auf ErzĂ€hlgut der novellistischen Schwanktradition zurĂŒckgreifen.

Der Held des Pikaroromans ist ein junger, unbedarfter Mensch, der – mit den Sitten und GebrĂ€uchen der Welt nicht vertraut – diese durchstreift und dabei Abenteuer erlebt und Erfahrungen macht, die ihn dazu bewegen, die Welt und die UnbestĂ€ndigkeit des in ihr zu erlangenden GlĂŒcks wieder zu fliehen. Im „niederen“ Roman des 17. Jahrhunderts wird das Motiv des RĂŒckzugs aus der Welt zugunsten der als „politisch“ bezeichneten Weltklugheit und des satirischen Blicks auf das weltliche Treiben zurĂŒckgenommen. Beers satirische und „politische“ Romane legen es darauf an, das soziale Maskenspiel und die egozentrische Geltungssucht zu entlarven. Seine Satiriker sind „Welt-Kucker“, die das menschliche Tun in seinen scheinhaften Inszenierungen und seinem stĂ€ndischen DĂŒnkel entblĂ¶ĂŸen. Ziel des Spottes und der verbalen ZĂŒchtigungen sind Pfarrer und Schulmeister, Handwerker und Kaufleute, SekretĂ€re, Hof und Adel, nicht selten die Frauen. Der Schwank gehorcht einer gegenlĂ€ufigen Logik: Auch er handelt vom Schein, ist aber nicht auf die Entlarvung, sondern auf das listige Tarnen und TĂ€uschen und das ungehemmte Verlachen des in die Irre gefĂŒhrten Opfers aus. Das satirische Moment gibt Beers ErzĂ€hlen Raum fĂŒr abschweifende Scheltreden; die NĂ€he zum schwankhaften und novellistischen ErzĂ€hlen verleiht seinen Romanen ihre episodische Struktur.

Als Höhepunkt seines literarischen Schaffens gilt der Doppelroman Teutsche Winter-NÀchte (1682) und Die kurzweiligen Sommer-TÀge (1683). Seine Helden sind oberösterreichische Landadelige, die ihre Zeit damit zubringen, anderen (und einander) Streiche zu spielen und einander von ihrem Leben und ihren Streichen zu erzÀhlen. Die Romane sind durch eine komplexe Form des erzÀhlten ErzÀhlens charakterisiert, die Beer aus Antonio de Eslavas Novellensammlung Noches de Invierno (1609) vertraut war. In einer der zahlreichen BinnenerzÀhlungen der Sommer-TÀge singt Beer ein Hohelied auf seine oberösterreichische Heimat:

Lob der Heimat

„DJe Oberösterreichische Landschafft ist eine unter denen Vornehmsten des Teutschlandes. Jhre herrliche SITUATION, und die gesunde Lufft haben sie allenthalben/ noch mehr aber ihre schöne GebĂ€ude/ bekannt gemacht/ mit welchen sie so wol als das LATIUM pranget. Die Höflichkeit der Einwohner/ hat denen AuslĂ€ndern allezeit zu einer Verwunderung gedienet/ und dannenhero ist dem Oesterreich der rĂŒhmliche Nahme zugewachsen/ daß es vor allen andern LĂ€ndern/ die sich gegen Orient befunden/ billich das Höfliche genennet wird.“

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„DJe Oberösterreichische Landschafft ist eine unter denen Vornehmsten des Teutschlandes. Jhre herrliche SITUATION, und die gesunde Lufft haben sie allenthalben/ noch mehr aber ihre schöne GebĂ€ude/ bekannt gemacht/ mit welchen sie so wol als das LATIUM pranget. Die Höflichkeit der Einwohner/ hat denen AuslĂ€ndern allezeit zu einer Verwunderung gedienet/ und dannenhero ist dem Oesterreich der rĂŒhmliche Nahme zugewachsen/ daß es vor allen andern LĂ€ndern/ die sich gegen Orient befunden/ billich das Höfliche genennet wird. Von Fruchtbarkeit des Landes will ich dermalen die Jenigen reden lassen/ welche sich aus ihrem reichen Mutterschosse biß auf diese Stund reichlich ernehren. Das herrliche Salzwerk zu Jschel/ welches ĂŒber GmĂŒnden durch den gefĂ€hrlichen Fall gefĂŒhret wird/ ist ein unvergleichliches Kleinod dieses Landes/ und das Eisen-Ertz hat allein den Ruhm/ daß es mit ihrem hĂ€uffigen Ertz und absonderlich mit dem guten Stahl das ganze Teutschland wol versehen könnte. Jn diesem Land ob der Enß sind etliche See berĂŒhmet/ auf welchen es herrliche und prĂ€chtige Schlösser gebauet/ deßgleichen noch wenig in Europa gesehen werden.“

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Roman, Buchmarkt und Seelenheil
Nach Auskunft seiner Zeitgenossen hat Johann Beer seine oberösterreichische Mundart nie abgelegt. In den Titeln seiner Werke gibt er sich nicht selten als Österreicher zu erkennen. Zwar lĂ€sst sich in seinen Romanen kein regionales Idiom ausmachen, doch zeigt deren Sprache eine besondere NĂ€he zu mĂŒndlichen Ausdrucksweisen: Sie ist expressiv und zeichnet sich durch ebenso drastische wie plastische Wendungen aus. Beers Ton zeugt von einer besonderen Lust am ungehemmten sprachlichen Ausdruck und an despektierlichen Verballhornungen (das „Collegium“ nennt er „Loch leckt mich drum“) und erinnert nicht selten an die Kunst der Schimpfrede und den Gestus der Strafpredigt.

Am Weißenfelser Hof dĂŒrfte dieses literarische Werk unbekannt gewesen sein. Der Autor Beer hielt sich bedeckt. In seiner annalistisch angelegten Lebensbeschreibung, dem Tagebuch, das er vermutlich seit 1690 fĂŒhrt, erwĂ€hnt er keinen seiner Romane. Beer nutzt den Freiraum, den ihm die AnonymitĂ€t des Buchmarkts gewĂ€hrt, um seine Figuren in ihrer lebensfrohen Weltverfallenheit prĂ€sentieren und mit seinen Lesern seine schelmischen Scherze treiben zu können. Beers Romane stehen am Anfang eines vom Buchmarkt und seinen ökonomischen Interessen geprĂ€gten Literaturbetriebs. Obwohl selbst lateinisch gebildet und als Hofmusiker durchaus statusbewusst, steht Beer der höfischen und akademischen Gelehrtenkultur doch mit Skepsis gegenĂŒber. Er ist kein poeta doctus wie die Dichter der barocken Sprachgesellschaften. Eine Aufnahme in die Fruchtbringende Gesellschaft, deren Oberhaupt Herzog August war, wĂ€re wohl kaum denkbar gewesen. Von der „hohen“ Literatur und von der rhetorischen Kunst seiner Verfasser grenzt Beer sein Werk denn auch ausdrĂŒcklich ab. Er schreibt nicht, um seine Gelehrsamkeit und seine sprachliche VirtuositĂ€t zu prĂ€sentieren, sondern aus durchaus vitalem Interesse: Das ErzĂ€hlen „kurzweiliger“ Geschichten begreift er als Mittel, die Langeweile zu vertreiben und die „melancholischen GemĂŒter“ durch das Lachen von ihrer Schwermut zu befreien.

So wie er seinen musiktheoretischen Kontrahenten Vockerodt als „sauertöpfischen“ Melancholiker und Misanthropen beschimpft, verteidigt er das ErzĂ€hlen und das Lesen kurzweiliger Geschichten als eine Kunst, die die Heiterkeit des Lebens steigert. Dennoch ist sein so ausgelassen wie lebensfroh anmutendes Werk von religiöser Schwermut nicht unbelastet. Auch seine Schelme kennen die Sorge um das Seelenheil, doch wissen sie, dass der RĂŒckzug aus der Welt den Eremiten nicht von dem unruhigen menschlichen GemĂŒt befreit, das der eigentliche Grund aller leidvollen Verstrickungen in diese Welt ist. Beers Romane prĂ€sentieren diesem unruhigen GemĂŒt eine Welt, in der es sich umtun kann, wenn es ganz mit sich allein ist.

Beerforschung
Der große Anspruch, mit dem Richard Alewyn den von ihm entdeckten Autor der akademischen Literaturwissenschaft und einem gebildeten Publikum vorgestellt hatte, fand kein nachhaltiges Echo. Zwar wurde Alewyns Pionierarbeit von zahlreichen wissenschaftlichen Schriften fortgefĂŒhrt, korrigiert und differenziert – 1963 wurde Beers handschriftliche Autobiographie entdeckt, sein 300. Geburts- und sein 250. Todestag gaben Anlass zu wissenschaftlichen Kongressen –, die Aufmerksamkeit, die die Scientific Community dem Werk seines großen Zeitgenossen Grimmelshausen schenkt, hat Beer aber nicht erhalten. Sein literarisches wie musiktheoretisches Werk liegt nach einigen Einzelausgaben nun auch in einer sorgfĂ€ltig betreuten historisch-kritischen Gesamtausgabe (SĂ€mtliche Werke. Hg. von Ferdinand van Ingen und Hans-Gert Roloff. 13 Bde. Bern [u.a.]: Lang 1981ff.) vor.

Werkverzeichnis

Des Simplicianischen Welt-Kuckers Oder Abentheurlichen JAN REBHU, Erster / Anderer / Dritter / Vierdter und letzter Theil [
]. [Halle 1677–1679]

Der Abentheuerliche/ wunderbare/ und unerhörte RITTER HOPFFEN-SACK VON DER SPECK-SEITEN [
] von Einem lebendigen Menschen. [Halle 1677]

Printz ADIMANTUS und der Königlichen Princeßin ORMIZELLA Liebes-Geschicht [
] durch den allenthalben bekandten JAN REBHU von Wolffs-Egg aus Oesterreich. [Halle] 1678.

Des Abentheurlichen JAN REBHU Ritter Spiridon aus Perusina [
] durch Einen Liebhaber aller Tugendsamen GemĂŒther. [o.O.] 1679.

Die vollkommene Comische Geschicht Des CORYLO. [
]. Der Neue Ehemann. [NĂŒrnberg] 1679.

Der Vollkommenen Comischen Geschicht Des CORYLO [
], Anderer Theil [
]. Der Neue Ehemann. [NĂŒrnberg] 1680.

Des Abentheurlichen JAN REBHU Artlicher POKAZI [
]. [Halle] 1679

Des artlichen POKAZI CONTINUATION oder Anderer Theil [
]. [o.O.] 1680

JUCUNDI JUCUNDISSIMI Wunderliche Lebens-Beschreibung [
] [o.O.] 1680

Des berĂŒhmten Spaniers FRANCISCI SAMBELLE wohlauspolirte Weiber-HĂ€chel [
] durch den allenthalben bekannten JAN-REBHU, von S. Georgen aus dem LĂ€ndlein ob der Enß. [o.O.] 1680

Der Neu ausgefertigte Jungfer-Hobel [
] Von Dem berĂŒhmten Weiber-HĂ€chler Francisco Sambelle. [o.O.] 1681

Die Mit kurtzen UmstÀnden entworffene BESTIA CIVITATIS [
] Durch Franciscum ù Claustro [
] [o.O.] 1681

Der BerĂŒhmte Narren-Spital [
] Durch Hanß guck in die Welt. [o.O.] 1681

Der Politische FeuermÀuer-Kehrer [
] Von ANTONINO CAMINERO. Leipzig 1682.

Der Politische Bratenwender [
] von Amando de Bratimero. Leipzig 1682

ZENDORII Ă  ZENDORIIS Teutsche WinternĂ€chte [
]. [NĂŒrnberg] 1682

Die kurtzweiligen Sommer-TĂ€ge [
] Durch Wolffgang von Willenhag/ Oberösterreichischen von Adel. [NĂŒrnberg] 1683

Die Andere Ausfertigung Neu-gefangener Politischer Maul-Affen [
] durch Florianum de Francomente.Frankfurt und Leipzig 1683.

Der Deutsche Kleider-Affe [
] Von Alamodo Pickelhering. Leipzig 1685

Der verliebte Europeer, Oder Warhafftige Liebes-Roman [
] durch Alexandri guten Freund/ welcher sonst genant wird AMUNDUS de AMANTO. Wien [recte: Leipzig] 1682

JOHANNIS BEERII [
] Deutsche Epigrammata, welchen Etlich wenig Lateinische beygefĂŒgt seyn. Weissenfels 1691

Der verkehrte Staats-Mann/ Oder Nasen-weise SECRETARIUS, [
] Von EXPERTO RUPERTO LĂ€ndler/ Bauren am Adler-See. Köln [recte: Halle] 1700

Der Kurtzweilige Bruder Blau-Mantel [
] Durch Jan Rebhu. [o.O.] 1700

Der Verliebte Oesterreicher [
] Durch Jean Rebhu. [NĂŒrnberg] 1704

URSUS MURMURAT [
] durch Johann Beern/ Hoch-FĂŒrstl. SĂ€chß. Weißenfelsischen Concert-Meister/ von St. Georgen aus Ober-Oesterreich. Weißenfels 1697

URSUS VULPINATUR: List wieder List/ Oder Musicalische FUCHS-JAGDT [
] durch Johann Beern/ HochfĂŒrstl. S. Weißenfelsischen Concert-Meister und Cammer-Musicum, gebohren zu Sanct Geörgen im Land ob der Ennß. Weißenfels [1679]

Die Geschicht und Histori von Land-Graff Ludwig dem Springer/ aus ThĂŒringen [
]. Erstlich beschrieben von einem Capellan in ThĂŒringen / und neulich aus einem alten Closter-Buch ausgezogen und mit Figuren gezieret an den Tag geben und gedruckt zu Weissenfels 1698. [Mit Holzschnitten von Johann Beer.]

Johann Beerens [
] MUSICALIsche DISCURSE [
]. Nebst einem Anhang von eben diesem Autore, genannt der MUSICALIsche Krieg zwischen der COMPOSITION und der HARMONIE. NĂŒrnberg 1719

BELLUM MUSICUM Oder MUSICAlischer Krieg [
] Von Johann Beehren/ FĂŒrstl. SĂ€chß. Weißenfelsischen Concert-Meistern. [o.O.] 1701

SCHOLA-PHONOLOGICA. Sive. Tractatus Doctrinalis de Compositione Harmonica [
] von. Johann Beern, HochfĂŒrstl: SĂ€chßl: Weißenfelsischen Concert-Meistern. [Um 1697 entstandenes, Fragment gebliebenes Manuskript.]

Johann Beer: Sein Leben, von ihm selbst erzÀhlt. Hg. von Adolf Schmiedecke. Mit einem Vorwort von Richard Alewyn. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1965.

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