Forum OÖ Geschichte

Humanistische Dichtung in und um Linz als Residenz


Die landesfĂŒrstliche Burg Linz wurde von Friedrich III. nach seiner Flucht vor den Ungarn zur Hauptresidenz ausgebaut. Der Kaiser hielt sich in Linz von 1484 bis 1485 und dann dauernd ab 1489 auf. Die Stadt entwickelte sich in dieser Zeit zu einem kulturellen Mittelpunkt. Hier wirkte u. a. eine nach dem Vorbild der burgundischen Hofkantorei geschaffene Hofkapelle.

Gelehrte und KĂŒnstler am Hof

Ein Hofstaat von Gelehrten und KĂŒnstlern hatte sich um den Kaiser geschart, darunter Enea Silvio Piccolomini (1405/Corsignano bei Siena–1464/Ancona), der spĂ€tere Papst Pius II. Dieser Pionier des Renaissance-Humanismus in Österreich wurde von Kaiser Friedrich III. mit dem Dichterlorbeer gekrönt und nahm 1442 eine Stelle in der Reichskanzlei als SekretĂ€r und Protonotar an. Der Passauer Bischof Leonhard von Layming verlieh ihm 1444 die Pfarre Aspach im Innviertel. Enea Silvios lateinische Antrittspredigt an der dortigen Marienkirche (1445) liegt im Wortlaut vor. Es gibt Anhaltspunkte dafĂŒr, dass auch die lateinischen Distichen auf den 13 barocken Leinwandbildern mit Apostelmartyrien in der Aspacher Kirche nach Ă€lteren Vorbildern kopiert wurden und auf Enea zurĂŒckgehen.
Der Humanist Albrecht von Eyb (1420/Sommersdorf bei Ansbach–1475/EichstĂ€tt) war kein Mitglied des Hofstaates, gehörte aber wie Piccolomini zum Kreis der PfrĂŒndeninhaber ob der Enns. Er besetzte von 1449 bis 1461 die Pfarrerstelle in Schwanenstadt. WĂ€hrend dieser Zeit hielt er sich allerdings vorwiegend anderwĂ€rts auf; er starb als Domherr von EichstĂ€tt. Bekannt wurde er u. a. durch die Anthologie Margarita poetica (1459, gedruckt 1472), und deutsche Übersetzungen von Plautus’ Menaechmi und Bacchides sowie Ugolinos Philogenia (1475, gedruckt 1511).
Als Angehöriger des Hofstaates in Linz lebte Joseph GrĂŒnpeck (vermutlich 1473/Burghausen–nach 1532/Steyr), der Verfasser von Comoediae, medizinischen Traktaten, astrologischen Prognostiken und geschichtlichen Werken.

VorĂŒbergehend hielt sich auch Johannes Reuchlin (1444/Pforzheim–1522/Liebenzell) in Linz auf, der hier seit 1492 bei dem aus Italien stammenden kaiserlichen Leibarzt Jacob ben Jehiel Loans († 1506) die hebrĂ€ische Sprache studierte. Der Kaiser ernannte Reuchlin in Linz zum Pfalzgrafen, erhob ihn in den Adelsstand und verlieh ihm ein Wappen. Der Humanist war beim Tod des Kaisers in Linz am 19. August 1493 anwesend.

Mit Reuchlin freundete sich in Linz Petrus Bonomus (1458/Triest–1546/ebd.) an, der sich als geschickter Diplomat und Redner sowie als geistreicher, formvollendeter Dichter von Liebeslyrik und religiösen Versen bewĂ€hrte. 1502 wurde er Bischof von Triest. Auch sein Bruder Franciscus Bonomus († um 1510/?), SekretĂ€r der Gemahlin Maximilians I. – Bianca Sforza –, verfasste Gedichte. Seine Carmina ad Blasium Hölcelium (1518) enthalten einen dichterischen Beitrag des Arztes und Schriftstellers Paulus Ricius (Paulus Israelita) (um 1480/Trient?–1542/Sprinzenstein). 

Paulus Ricius

In einer jĂŒdischen Familie in Trient aufgewachsen, wurde Paulus Ricius in HebrĂ€isch und im jĂŒdischen Ritus unterwiesen. In jungen Jahren konvertierte er zum Christentum und lehrte an der UniversitĂ€t Pavia Philosophie und Medizin. Im Gefolge von Bianca Maria von Mailand kam er an den Kaiserhof. Er stand im Briefwechsel mit fĂŒhrenden Humanisten und publizierte Übersetzungen hebrĂ€ischer Texte ins Lateinische. Der Bischof von Passau belehnte Ricius mit der Feste Sprinzenstein (heute pol. Gemeinde Sarleinsbach). So wurde er zum Ahnherrn der Adelsfamilie von Sprinzenstein, aus der die Mutter des Dichters Christoph von Schallenberg stammte.

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In einer deutschsprachigen jĂŒdischen Familie in Trient aufgewachsen, wurde Paulus Ricius in HebrĂ€isch und im jĂŒdischen Ritus unterwiesen. In jungen Jahren konvertierte er zum Christentum und lehrte an der UniversitĂ€t Pavia Philosophie und Medizin. Im Gefolge von Bianca Maria von Mailand kam er an den Kaiserhof, wurde einer der LeibĂ€rzte des Kaisers und blieb nach dessen Tod Leibarzt Annas von Ungarn, der Gemahlin Ferdinands I. Ricius verfasste mehrere theologische und philosophische Werke, arbeitete an der Lektionsordnung König Ferdinands fĂŒr die UniversitĂ€t TĂŒbingen (1525) mit und hielt beim Reichstag von Speyer (1544) eine vielbeachtete Rede.
Er stand im Briefwechsel mit fĂŒhrenden Humanisten (Erasmus von Rotterdam, Johannes Reuchlin, Ulrich von Hutten und Willibald Pirckheimer) und publizierte u. a. Übersetzungen hebrĂ€ischer Texte ins Lateinische. Ricius’ geistesgeschichtliche Bedeutung lag in dem Versuch, zwischen Talmud und Kabbala einerseits und den christlichen Heilswahrheiten andererseits zu vermitteln. Überdies spielte er eine wichtige Rolle bei der Übertragung des italienischen Aristotelismus nach Österreich.
Zum Lohn fĂŒr treue Dienste belehnte ihn ĂŒber Empfehlung König Ferdinands I. der Bischof von Passau 1529 mit der Feste Sprinzenstein im MĂŒhlviertel (heute pol. Gemeinde Sarleinsbach); Kaiser Karl V. erhob ihn im Jahr darauf in den Freiherrnstand. So wurde Ricius zum Ahnherrn der Adelsfamilie von Sprinzenstein, aus der die Mutter des Dichters Christoph von Schallenberg stammte.
Sein Sohn Hieronymus Ricius von Sprinzenstein (um 1500/?–1570/Neuhaus an der Donau), spĂ€ter Obersthofmeister der Töchter Ferdinands I., hielt die offizielle lateinische Festrede bei der Krönung Ferdinands I. zum König von Böhmen (1527, gedruckt 1541).

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Gelehrte um Friedrich III. und Maximilian I.
Johannes Fuchsmagen
(Fuxmagen) (um 1450/Hall in Tirol–1510/Melk), u. a. Verfasser einer Geschichte Karls des KĂŒhnen, kam mit Kaiser Friedrich III. als dessen Geheimrat nach Linz und blieb dort noch einige Zeit ĂŒber den Tod des Herrschers hinaus. Er war es auch, der Reuchlin in Linz zur Dichtkunst anregte. Im Codex Fuchsmagii trug Fuchsmagen Gedichte von Zeitgenossen zusammen. Auch er selbst schrieb lateinische Gedichte.
Von Friedrich III. 1489 nach Linz mitgebracht wurde der Dichter Quintus Aemilianus Cimbriacus (1449/Vicenza?–1499/Cividale). Vermutlich gleichzeitig mit ihm kam sein SchĂŒler, der Franziskaner Paulus Amaltheus (1460/Pordenone–1517/? in Deutschland ermordet) nach Linz. Sein Epos De ludo Troiano ĂŒber Kampfspiele in Linz im Jahre 1489 wurde zusammen mit Gedichten von Fuchsmagen in Innsbruck gedruckt.
Der Wiener UniversitĂ€tsprofessor Conrad Celtis (Pickel) (1459/Wipfeld–1508/Wien) – als erster Deutscher 1487 von Kaiser Friedrich III. zum Poeta laureatus gekrönt – fĂŒhrte 1501 in Linz vor König Maximilian I., seiner Gemahlin Bianca Maria und den Söhnen des Herzogs von Mailand sein Festspiel Ludus Diane in modum Comedie auf. In dieses integriert war die Dichterkrönung des Vicentius Longinus Eleutherius (Vinzenz Lang) (?/Freistadt, Schlesien–1502/Wien), der sich als panegyrischer Dichter profiliert hatte. Alle 24 Rollen des fĂŒnfaktigen Ludus Diane waren mit zeitgenössischen Humanisten besetzt.

Im Zusammenhang mit dem Tod Kaiser Maximilians I. in der Burg Wels (1519) entstanden, fußend auf einer lateinischen Leichenrede des Hofpredigers Johannes Faber, historische Lieder in deutscher Sprache: eines von dem Wiener Christoph Weiler und zwei von Georg Pleyer aus Wels sowie ein deutsches Epitaphium von Sebastian Tombner.

Ferdinand I. in Linz

1521 hielt Ferdinand I. als Herrscher der österreichischen LĂ€nder mit großem Gefolge seinen Einzug in Linz; aus dem Itinerar Ferdinands ergeben sich zahlreiche Aufenthalte in Linz zwischen 1521 und 1559. Unter den Gelehrten, die fĂŒr Ferdinand I. in Linz tĂ€tig waren, sind Caspar Ursinus Velius (um 1493/Schweidnitz–1539/Wien) und Claudius Marius Aretinus (Claudio Mario Arezzo) (um 1500/Syrakus–1575/?) als Dichter nachzuweisen.
An der Hofkapelle Ferdinands I. wirkte in Linz seit 1548 der Komponist Arnold von Bruck (um 1490/BrĂŒgge–1554/Linz). Seine deutschen Lieder sind fĂŒr die Literaturgeschichte von Interesse.
Die Gemahlin Ferdinands I., Anna von Ungarn, hatte in Linz bei Abwesenheit Ferdinands I. zwei RegentschaftsrĂ€te zur Seite. Einer davon war Joseph von Lamberg (1489/Ortenegg, Niederösterreich–1554/Laibach), der als Obersthofmeister der Königin fungierte. Er hinterließ eine Autobiografie in deutschen Reimen samt angehĂ€ngter Ermahnung an seine Kinder und sammelte Material fĂŒr eine Familienchronik der Lamberger, die schließlich Jakob von Lamberg 1559 zusammenstellte. Außerdem befasste sich Joseph von Lamberg in einer eigenen Schrift mit den Damen des Hofstaates (erschienen 1618 unter dem Titel RosenGarten, herausgegeben von Corona Megiser, der Tochter Hieronymus Megisers.)
Neben Anna von Ungarn lebte auf der kaiserlichen Burg von Linz auch ihre SchwÀgerin Maria von Ungarn, eine Tochter Philipps I. von Spanien und Witwe Ludwigs II. von Ungarn, die spÀter Statthalterin der Niederlande wurde. Sie neigte dem Protestantismus zu, beschÀftigte sich intensiv mit religiösen Fragen und gilt als Verfasserin evangelischer Kirchenlieder.

Erzherzog Matthias in Linz

1581 wies Kaiser Rudolf II. die Linzer Burg seinem Bruder Matthias (Kaiser ab 1612) als Wohnsitz zu. Dieser blieb bis 1593 (stĂ€ndig nur bis 1590) in Linz und schuf sich dort einen zwar kleinen, aber durch die Gegenwart humanistisch gebildeter Fachleute, Gelehrter, Dichter und KĂŒnstler aufgewerteten Hofstaat, dem u. a. Christoph von Schallenberg als Truchsess (ab 1584) angehörte.
1600 berief Kaiser Rudolf II. schließlich die Jesuiten in das leerstehende Linzer SchlossgebĂ€ude.

Poetische Leistungen des oberösterreichischen SpÀthumanismus
In der Zeit des SpÀthumanismus am Ende des 16. bzw. am Beginn des 17. Jahrhunderts entstanden sowohl epische als auch lyrische und dramatische Werke, wobei verschiedene Berufsgruppen dichterisch hervortaten.

Ärzte als Poeten

Dass Ärzte als Dichter auftraten, war angesichts der humanistischen Ausbildung, die jedem medizinischen Studium vorausging, nicht verwunderlich. Johann Stengelius (StĂ€ngl), ein Sohn des Welser Stadtschreibers Martin StĂ€ngl, wurde in Weikartshof bei Wels geboren, studierte in Straßburg Medizin und wurde Arzt und Lehrer an der medizinischen FakultĂ€t in WĂŒrzburg. Von ihm stammt u. a. die Dichtung Carmen Epaeneticum, ad ... Iulium ... episcopum Herbipolensem (1590).
In Wels warnte der Landschaftsmedicus und Autor von Epigrammen und Eklogen MatthĂ€us Sebicius (Sebisch) (?/Falkenberg, Schlesien–nach 1590/Liegnitz?) die Bevölkerung mit einem Bericht wider die Pestilentzische Kranckheit (1586). Ein Welser Kollege, Johann Schleupner, Doktor der Philosophie und der Medizin sowie Poeta laureatus, schrieb um 1623 eine deutsche Abhandlung ĂŒber das Fleckfieber.
Der in Linz praktizierende Arzt Christoph Schilling (1534/Frankenstein, Schlesien–1582/Linz) verlegte sich – wie ĂŒbrigens der evangelischen Prediger zu St. Thomas in Straßburg, der Lambacher Johannes Leitner († 1587/Straßburg) – vorwiegend auf das Dichten im griechischen Idiom.

ChristophSchilling

Christoph Schilling wurde 1580 von den adeligen StĂ€nden ob der Enns als Landschaftsmedicus und -physicus nach Linz berufen. Neben seiner Ă€rztlichen Praxis befasste sich Schilling mit Griechisch, Latein und Theologie. Unter den Verfassern humanistischer Dichtungen in altgriechischer Sprache gebĂŒhrt Schilling wegen seiner vollendeten Beherrschung der lyrischen Gattungen der Antike ein hoher Rang: Zeitgenossen gingen in ihrer Bewunderung fĂŒr ihn sogar so weit, dass sie ihn mit Homer verglichen.

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Christoph Schilling, den Christoph von Schallenberg u. a. zu seinen Lehrern in der Dichtkunst zÀhlte, stammte aus Schlesien. Bis zum 13. Lebensjahr besuchte er die Schule in seiner Heimatstadt Frankenstein, dann die Lateinschule zu St. Stephan in Wien. Ab 1555 bildete er sich an der UniversitÀt Wittenberg unter der Anleitung Philipp Melanchthons in humanistischen und theologischen Disziplinen weiter.
Nach Abschluss seiner Studien arbeitete er als Erzieher in einem Patrizierhaus und als Lehrer an der evangelischen Elisabethschule in Breslau; dann ging er als Hofmeister junger polnischer Edelleute nach Wittenberg zurĂŒck, wo er den Magistergrad erwarb. Nachdem er ein halbes Jahr die UniversitĂ€ten der bedeutendsten StĂ€dte Deutschlands bereist hatte, wurde er der erste Rektor des Hirschberger Gymnasiums. Da er sich dem Calvinismus zugewandt hatte, wurde er 1566 nach einem Konflikt mit dem Pastor von Hirschberg entlassen.
Er suchte daraufhin Zuflucht bei dem calvinistischen KurfĂŒrsten Friedrich III. von der Pfalz. Dieser betraute ihn mit der Einrichtung und Leitung des PĂ€dagogiums in Amberg, eines Seminars fĂŒr reformierte Theologen. Nach theologischen Streitigkeiten unter den Lehrern musste Schilling sein Rektorsamt zurĂŒcklegen, worauf ihn der KurfĂŒrst zum Rektor des Heidelberger PĂ€dagogiums ernannte. Neben dieser TĂ€tigkeit befasste sich Schilling mit dem Studium der Medizin. 1575 enthob ihn der KurfĂŒrst seines Rektorsamtes und ĂŒbertrug ihm den Lehrstuhl fĂŒr Griechisch an der UniversitĂ€t Heidelberg. Doch kaum ernannt, bewarb sich Schilling an der ArtistenfakultĂ€t um die freigewordene Professur fĂŒr Physik, die er auch erhielt. Unter dem streng lutherischen Nachfolger des KurfĂŒrsten Friedrich III. – Ludwig von der Pfalz – sah sich Schilling als Calviner genötigt, von Heidelberg wegzugehen. Er beschloss, seine inzwischen gegrĂŒndete Familie vorĂŒbergehend in Heidelberg zurĂŒckzulassen und sein Medizinstudium im Ausland fortzusetzen. Zu diesem Zweck begab er sich 1578 nach Padua und ein Jahr darauf nach Frankreich, wo er Ende 1579 an der Akademie von Valence zum Doktor der Medizin promoviert wurde.
Nach kurzem Aufenthalt bei seiner Familie in Heidelberg wurde er 1580 von den adeligen StÀnden ob der Enns als Landschaftsmedicus und -physicus nach Linz berufen. Hier musste er allerdings ein volles Jahr auf die Auszahlung seines ersten Gehaltes warten. Gleichzeitig war er stÀndig den Anfeindungen des rivalisierenden Landschaftsarztes Dr. Bartolomeo Paravicini ausgesetzt. Dazu kamen noch familiÀre Schwierigkeiten, sodass er den Dichter Georg Calaminus an den biblischen Dulder Hiob erinnerte. Die vielen SchicksalsschlÀge unterhöhlten Schillings Gesundheit derart, dass er bereits im dritten Jahr seiner TÀtigkeit als obderennsischer Landschaftsarzt starb. Calaminus nahm sich der Hinterbliebenen an.
Neben seiner Ă€rztlichen Praxis hatte Schilling sich wie in seinem ersten Lebensabschnitt weiterhin mit Griechisch, Latein und Theologie befasst. Gedichte in den klassischen Sprachen sind die Frucht dieses Strebens nach Gelehrsamkeit. Unter den Verfassern humanistischer Dichtungen in altgriechischer Sprache – einer von der Forschung kaum beachteten Sparte – gebĂŒhrt Schilling wegen seiner vollendeten Beherrschung der lyrischen Gattungen der Antike ein hoher Rang: Zeitgenossen gingen in ihrer Bewunderung fĂŒr ihn sogar so weit, dass sie ihn mit Homer verglichen.

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In Linz wirkte auch Martin Stopius (?/Aelst, Flandern – 1586/Linz), Autor medizinischer Traktate, seit 1555 Landschaftsarzt. 1562 wurde er vom Kaiser mitsamt seinen BrĂŒdern in den Adelsstand erhoben. Einer von diesen, Nicolaus Stopius (?/Aelst – 1568/Venedig), der wie Martin Stopius zeitweise in Linz wohnte, trat auch als Dichter hervor. Von welch nachhaltiger Wirkung das 1617 ĂŒber Auftrag der obderennsischen StĂ€nde von Philipp Persius (1569/Ellrich, Herzogtum LĂŒneburg–1644/Ortenburg) herausgegebene PestilenzbĂŒchlein (1621) gewesen sein muss, geht daraus hervor, dass es bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts immer wieder nachgedruckt wurde. Persius trat 1598 in den Dienst der StĂ€nde ob der Enns als Landschaftsphysicus in Freistadt. Von dort ĂŒbersiedelte er 1623 nach Linz, wo er ein Haus erwarb. SpĂ€testens 1628 muss Persius – er war ĂŒberzeugter Protestant und Mitglied der Stammtischrunde Johannes Keplers – Linz verlassen haben. Am Hof des Grafen von Ortenburg fand er seine Zuflucht. Er dichtete wie sein Kollege Dr. Paul Claus Epithalamien (Hochzeitsgedichte).

Juristen als Poeten

Die Poesie der Rhetoriker, Juristen und Staatswissenschaftler ist ebenso wie die der Mediziner eine Frucht ihrer humanistischen Schulbildung.
Johann Baptist Rexius d. J.
(um 1560/Wien–1598/Freistadt) – er hatte an den UniversitĂ€ten Bologna (1588), Siena und Padua Rechtswissenschaften studiert – fertigte eine deutsche Übersetzung der lateinischen Prosa-Ilias von Lorenzo Valla und Raphael de Volaterra an. Sprachstil und Vorstellungswelt des Übersetzers wirken erfrischend anschaulich und volkstĂŒmlich. Rexius zeichnet seine Götter- und Heroenwelt mit naiv-realistischem Gegenwartsbezug. Seine  Helden sprechen wie Menschen Ă€hnlichen Schlages aus seiner Umgebung.

Der Oberösterreicher Tobias Kirchmair setzte sich intensiv mit dem kirchlichen und bĂŒrgerlichen Recht auseinander und schrieb Epigramme. 

Tobias Kirchmair

In Straßburg begann Tobias Kichmair damit, kirchliches und bĂŒrgerliches Recht „nach dem Beispiel der Ärzte methodisch zu sezieren“. Das Resultat war die Anatome corporis utriusque iuris (1608). Dass Tobias Kirchmair mit Wenzel Kirchmair – dem FreistĂ€dter Ratsherrn und ersten Gemahl der Frau des Dichters Georg Calaminus – verwandt war, ist anzunehmen.

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Sein Vater, Vogt der Burg Schaunberg, ließ Tobias Kirchmair im Land bis zur UniversitĂ€tsreife ausbilden und holte ihn nach Abschluss der Schulausbildung an die Burg zurĂŒck. Der Tod der Ehefrau und der eigene schlechte Gesundheitszustand bewogen den Vater, seine Stellung aufzugeben und sich auf seine Besitzungen in Freistadt zurĂŒckzuziehen. Sechs Jahre lang studierte Tobias Kirchmair an die Akademie Straßburg. Der Tod des Vaters zwang ihn, in die Heimat zurĂŒckzukehren. Er wirkte als Hofmeister des Johann Gottfried von Greiffenberg zu Seisenegg (1575–1641), der spĂ€ter der Vaters der Barockdichterin Catharina Regina von Greiffenberg (1633–1694) werden sollte. Als dessen Hofmeister setzte er in den folgenden drei Jahren seine Studien an der Straßburger Akademie fort. Im Lauf von drei weiteren Jahren lernte er Italien durch ausgedehnte Reisen grĂŒndlich kennen. Nach Österreich zurĂŒckgekehrt, bot sich ihm die Gelegenheit, die Adeligen Georg Christoph Zinzendorf und Johann Andreas Trautmannsdorf an die UniversitĂ€t TĂŒbingen zu begleiten. Nach einem weiteren einjĂ€hrigen Aufenthalt an der Akademie Straßburg fĂŒhrte ihn eine Studienreise nach Frankreich und in die umliegenden LĂ€nder. Zwei Jahre spĂ€ter kehrte er wieder nach Österreich zurĂŒck, reiste nach Prag und wandte sich, da er am Prager Hof nicht unterkommen konnte, ein viertes Mal nach Straßburg. Hier begann er damit, kirchliches und bĂŒrgerliches Recht „nach dem Beispiel der Ärzte methodisch zu sezieren“. Das Resultat war die Anatome corporis utriusque iuris (1608). Dass Tobias Kirchmair mit Wenzel Kirchmair – dem FreistĂ€dter Ratsherrn und ersten Gemahl der Frau des Dichters Georg Calaminus – verwandt war, ist anzunehmen, weil ein Gedicht Tobias Kirchmairs in den Anhang zu Georg Calaminus' Ausgabe von Helis und Casus Freidekianus aufgenommen wurde.

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Als weitere dichtende Juristen sind Eustachius Raid (vermutlich aus Steyr), Wolf Ehrenreich Raid und der Steyrer Sigismund Raid sowie Johann Wider (1583/Vöcklabruck–1630/NĂŒrnberg) zu nennen. Letzterer diente als Hauslehrer bei Hillebrand Jörger von Tollet und ĂŒbernahm nach kurzer TĂ€tigkeit als Advokat in Linz die Leitung der Schule von Grieskirchen. Er wechselte in den geistlichen Stand und wurde evangelischer Pfarrer in Steinerkirchen bei Wels und Zell bei Zellhof. 1624 musste er mit Frau und Kindern nach Regensburg auswandern. Wie sein Neffe Christoph Wider (1588/Vöcklabruck–1668/Regensburg) trat Johannmit Gelegenheitsdichtungen hervor.

Die Auseinandersetzung mit Fragen im Zusammenhang mit idealer Staatsform, FĂŒrstensouverĂ€nitĂ€t, BĂŒrgerrechten und Widerstand beschĂ€ftigte auch die Vertreter der protestantischen Resistenz gegen die landesfĂŒrstlichen Absolutismusbestrebungen auf geistiger akademischer Ebene. Dies wird am Beispiel des Carl Jörger (1584/Wien–1623/Passau) deutlich. Der oberösterreichischen Landadelige studierte in Padua, TĂŒbingen und Straßburg. 1605 wurde er Landrat (Rechtsexperte) der obderennsischen StĂ€nde, 1614 Verordneter des Herrenstandes. Jörger bemĂŒhte sich um einen Zusammenschluss der evangelischen StĂ€nde Österreichs, MĂ€hrens und Ungarns. 1619/20 kĂ€mpfte er als Oberhauptmann stĂ€ndischer Truppen bei einem Adelsaufstand in Oberösterreich. In der Folge floh er nach Italien. Er starb wĂ€hrend einer Festungshaft in Passau. Seine solide rhetorische Ausbildung befĂ€higte ihn dazu, noch im GefĂ€ngnis ein Trostlied zu dichten.

Christoph Hueber (1523/Linz–1574/ebd.) studierte in Wittenberg, wo er Luther und Melanchthon begegnete. Nach dem Tod seines Vaters erbte Hueber dessen Haus am Linzer Hauptplatz. Er heiratete die Linzer BĂŒrgerstochter Margarethe DĂŒrr, wurde BĂŒrger der Stadt und rĂŒckte in den Stadtrat auf. Bei seinem Tod hinterließ er eine Bibliothek von 200 BĂ€nden. Schon seine Eltern, Adrian und Margaretha Hueber, hatten 1521 ein Familienbuch angelegt; Christoph Hueber fĂŒhrte dieses Buch fort. Dass sich Christoph Hueber ĂŒberdies in fiktionaler Prosa versuchte, zeigt das eigenartige Werk Ein Sendbrieff/ oder trew vnd nothwendige Supplication/ der Obersten/ sampt einer gantzen Gemein der heiligen Stadt Jerusalem/ an die hochlöblich Deudsche Nation, 1549).

PĂ€dagogen als Poeten

Reichhaltig ist das dichterische Schaffen der im Land ob der Enns im Zeitalter des SpÀthumanismus tÀtigen PÀdagogen.

Neben seinen lateinischen Steyrer Annalen schrieb der katholische Schulmeister Wolfgang Lindner (um 1560/Wien?–1623/Steyr) theologische Prosa in deutscher Sprache sowie Schuldramen. 1603 berief ihn der Abt des Stiftes Garsten als Schulmeister nach Steyr an die lateinische Pfarrschule.
Jacob Tydaeus (Tyde, 1572/Pyritz, Pommern–1655/Altdorf bei NĂŒrnberg) arbeitete er bis 1600 als Privatlehrer in Linz, 1604 ĂŒbersiedelte er nach Steyr als Konrektor der dortigen Lateinschule. 1615 berief man ihn als Rektor an die Stadtschule von Wels. Das Reformationspatent von 1624 zwang Tydaeus, nach Regensburg auszuwandern. Schließlich wurde er Dekan der philosophischen FakultĂ€t Altdorf und 1639/49 Rektor. Tydaeus hinterließ u. a. handschriftliche Kommentare zur Ars poetica, zu den Satiren des Horaz und den Verrinen des Cicero sowie Interpretationen zu Vergils Aeneis und rhetorische Schriften.
Der Steyrer Schul- und Rechenmeister Caspar Thierfelder (um 1530/Freiburg, Sachsen–1594/Steyr) richtete im Vorwort seines BĂŒchleins Arithmetica Oder Rechenbuch (1587) eine eigene Vorrede „An den Kunstliebenden Leser“; darin setzt er sich in Gedichtform mit der pĂ€dagogisch richtigen Vermittlung der Mathematik auseinander: Die Rechenkunst wird dabei als vergnĂŒglicher Dialog dargeboten.

Jodok Castner
aus Haslach veröffentlichte anlĂ€sslich des Todes Kaiser Ferdinands I. Lamentationes und eine Trauer-Ekloge Daphnis (1565). Der Autor ist 1557 als Student in Padua nachzuweisen. Er war PrĂ€zeptor des Herzogs von Bayern und des KurfĂŒrsten von Köln; schließlich soll er in den Jesuitenorden eingetreten sein. Sein Bruder Gabriel Castner (?/Haslach–1575/?) weilte zu Studien in Padua (1554) und Bologna (1555) und wurde Rektor der Poetenschule von MĂŒnchen, fĂŒr die er einen Schulplan erstellte. Er lieferte dichterische BeitrĂ€ge zu diversen Basler und MĂŒnchner Publikationen.

Zum Dank fĂŒr die gastliche Aufnahme bei seiner Durchreise durch Oberösterreich schrieb der in Regensburg als Gymnasiallehrer wirkende  Thomas Wegelin (1577/Augsburg–1629/Straßburg) fĂŒr die obderennsischen Adeligen Wolfgang Jörger von Tollet und Gundacker von Polheim und Parz ein Geburtstags- (Natalitium) bzw. ein Huldigungsgedicht (Alloquium). Dem Achaz Hohenfelder zu Aistersheim widmete ein Epicedium (Trauergedicht) und einen Tumulus (Grabinschrift).

Weitere Autoren von Gelegenheitsdichtungen sind Christoph Adam Fernberger, Paul Flusshart (1583/Bodendorf–1648/Vestenthal, Niederösterreich), Christoph von Landau (Inhaber der Burg Haus im MĂŒhlviertel) und Christoph Pfefferl (?/Steyr–1603/ebd.).

Epische Dichtung
Der in Steyr tĂ€tige Schulrektor Georg Mauritius d. Ä
wĂ€hlte als biblischen Epenstoff die Conversio D. Pauli Apostoli (1565). Der in anderem Zusammenhang noch zu nennende Hans Cyriak von Polheim und Wartenburg betĂ€tigte sich auch auf dem Gebiet der epischen Dichtung.

Einen peripheren Bereich der Epik bilden auch die Reisedichtungen in Form von Itinerarien
oder Hodoeporica sowie StĂ€dte- und Landschaftsbeschreibungen in gebundener Sprache. Der Wanderhumanist Caspar Bruschius (1518/Schlaggenwald, Böhmen–1557/ermordet bei Windsheim, Franken) pflegte das Reisegedicht mit besonderer Vorliebe. Einen Bezug zu Oberösterreich hat sein Iter Anasianum.
Weitgehend unbekannt geblieben ist ein handschriftlich erhaltenes Hodoeporicon, in dem der junge Job Hartmann Enenkel seinem Vater 1592 die Anreise zum UniversitĂ€tsstudium in Jena in Hexametern schildert. Das in epische Verse gekleidete StĂ€dtelob erfreute sich bei den Humanisten deshalb großer Beliebtheit, weil Widmungen solcher Gedichte von den jeweiligen StadtvĂ€tern meist freundlich aufgenommen und mit Geldgeschenken honoriert wurden. In diesen Zusammenhang fĂŒgen sich Caspar Bruschius mit seinem Lobspruch auf Linz (Encomium Linzianae civitatis) und Urban Paumgartner mit seinem Aristeion.

Historische Themen
wurden meist in enkomiastischer (lobpreisender) Absicht episch gestaltet. In diesem Zusammenhang sind Georg CalaminusCasus Freideckianus und Rudolphis sowie Georg Mauritius' Epos ĂŒber den Untergang der Stadt Jerusalem (1564) anzufĂŒhren.
Ansonsten
ist fĂŒr den epischen Bereich nur noch das Epos Melanurus (1598) des Hans Seegger (1560/Dietach?–1617/Schleißheim) erwĂ€hnenswert. Das lateinische Hexameter-Epos – es ist den österreichischen StĂ€nden gewidmet – hat die RĂŒckeroberung von Raab (Györ) aus den HĂ€nden der TĂŒrken durch Adolf von Schwarzenberg zum Thema.

BeitrÀge zum Gebiet der weltlichen Spruchdichtung und Gnomik
stammen von MatthÀus Zuber und Hieronymus Megiser.

Das Drama im spÀthumanistischen Oberösterreich (ohne Linzer Landschaftsschule)
Comoediae sind in Linz schon vor 1560 belegt, als sich der Schulmeister der stÀdtischen Lateinschule, Lucas Fabinus, in diesem Metier versuchte.
In Steyr hatte das protestantische Schultheater unter dem Schulmeister Thomas Brunner mit alljĂ€hrlich neu einstudierten AuffĂŒhrungen bereits Fuß gefasst.
Im Laufe des 16. Jahrhunderts legte das Schuldrama des SpĂ€thumanismus  seine Funktion als scholastisches Erziehungsmittel ab und wurde zu einer Leistungsschau, die primĂ€r der Unterhaltung eines breiteren Publikums diente. Im gesamten Raum der österreichischen Erblande besannen sich die Schulmeister und Kantoren auf die Werbewirksamkeit öffentlicher TheaterauffĂŒhrungen, waren doch Wohl und Wehe einer Bildungsinstitution nicht zuletzt vom Zustrom neuer SchĂŒler mit zahlungsfĂ€higen Eltern aus den StĂ€nden des Adels und des BĂŒrgertums abhĂ€ngig.
Aus den historischen Quellen lĂ€sst sich erschließen, dass das Schultheater an Stadtschulen, Stiftsschulen und selbst an kleineren Landschulen regelmĂ€ĂŸig gepflegt wurde.

Der Ennser Kantor Christoph Nuding verfasste wahrscheinlich eine Griseldis; der Sukzentor (Gehilfe des Kantors) Leopold Wiener fĂŒhrte 1561 an der protestantischen Lateinschule in KremsmĂŒnster ein StĂŒck auf; auch im katholischen Stift fanden zwischen 1603 und 1608 SchulauffĂŒhrungen statt. Georg Moller inszenierte zwei TheaterstĂŒcke an der Klosterschule von Lambach, der Schulmeister am Stift Ranshofen eine Coena Domini. Die Schule am Stift Garsten fĂŒhrte einen Dialogus ... Magdeburgensis auf; Wolfgang Lindner brachte mit seinen Garstener SchĂŒlern in Steyr und Garsten seine Dialoge Opferung Isaaks und Der barmherzige Samariter auf die BĂŒhne; neun Weihnachts- und Passionsdialoge sind zwischen 1609 und 1618 nachgewiesen.

Evangelische Schuldramen

Am besten ĂŒberliefert sind die evangelischen Schuldramen. Seit Martin Luther in seinem Sendschreiben An die Ratsherren aller StĂ€dte deutsches Lands, daß sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen die GrĂŒndung und Erhaltung von Schulen in die Hand der Kommunen gelegt hatte, wurde die SpieltĂ€tigkeit österreichischer Schulen mit protestantischen Schulmeistern gleichzeitig auch eine Angelegenheit der mehrheitlich protestantischen BĂŒrger in den grĂ¶ĂŸeren StĂ€dten und MĂ€rkten.
Steyr hatte das GlĂŒck, im Jahre 1558 in Thomas Brunner (Pegaeus) (um 1535/Landshut–1571/Steyr) einen sprachlich begabten SchĂŒler Philipp Melanchthons zu gewonnen zu haben, der mehrere Dramen verfasste.

Die Dramen Thomas Brunners

Brunner entschloss sich, in seinen Dramen die deutsche Sprache zu verwenden. Er setzte sich so ĂŒber den eigentlichen pĂ€dagogischen Zweck des Schultheaters hinweg, nĂ€mlich die SchĂŒler im gesprochenen Latein zu ĂŒben. Seine StĂŒcke waren primĂ€r fĂŒr lateinunkundige Bevölkerungsschichten gedacht, lag doch dem Autor besonders die StĂ€rkung der MitbĂŒrger im Glauben am Herzen.

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Brunner entschloss sich, in seinen Dramen die deutsche Sprache zu verwenden. Wenn er sich als Leiter einer Lateinschule ĂŒber den eigentlichen pĂ€dagogischen Zweck des Schultheaters hinwegsetzte, nĂ€mlich die SchĂŒler im gesprochenen Latein zu ĂŒben, so zeigt das, dass seine StĂŒcke primĂ€r fĂŒr lateinunkundige Bevölkerungsschichten gedacht waren und dass dem Autor besonders die StĂ€rkung der MitbĂŒrger im Glauben am Herzen lag. Und tatsĂ€chlich folgen Brunners „Historien“ Jacob (1566), Heirat Isaacs (1569) und Tobias (1569) treu den Texten der Bibel, verzichten auf jegliche konfessionelle Polemik und drĂŒcken das Anliegen eines tief frommen, gottergebenen Mannes aus.
Mit Dramatik im modernen Sinn haben Brunners BĂŒhnenstĂŒcke noch wenig zu tun; er trachtete vielmehr danach, in einer durch Dekoration und Schauspieler illustrierten ErzĂ€hlung die Geschichte jeweils einer biblischen Persönlichkeit bis in alle Einzelheiten zu verfolgen. Zum Unterschied von vielen seiner Zeitgenossen lehnte sich Brunner nie an schon vorhandene Dramatisierungen an. Der Aufbau der Brunnerschen Dramen hĂ€lt sich an das Schema Prolog – Handlung, eingeteilt in Akte und Szenen – Epilog mit Nutzanwendung. Die Metrik beschrĂ€nkt sich auf gereimte Knittelverse. In der getreuen Umsetzung der biblischen Berichte, der ansatzweisen Charakterisierung der handelnden Personen und dem Dazuerfinden von Engels- und Teufelsauftritten, komischen Dienereinlagen und Festbanketten bewies Brunner ein beachtliches kĂŒnstlerisches GespĂŒr. Besondere Beachtung verdient der bĂŒhnenwirksame Einsatz des Teufels, der in keinem seiner StĂŒcke fehlt.
Der Teufel ist hier nicht wie im Drama des ausgehenden Mittelalters ein lustiger Spaßmacher; auch erscheint er nicht unbedingt als dĂ€monische Verkörperung eines bestimmten Lasters: In Brunners Dramen agiert er meist eher boshaft als wirklich böse und ist hĂ€ufig der Geprellte. Er sinnt entweder auf Unheil oder er erhĂ€lt die Funktion des EinflĂŒsterers und gibt der biblischen BĂŒhnengestalt verwerfliche Gedanken ein, ohne von ihr ganz Besitz ergreifen zu können.

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Nachfolger Brunners als Rektor der protestantischen Steyrer Lateinschule wurde Georg Mauritius (Mauricius) d. Ä. (1539/NĂŒrnberg–1610/ebd.).

Georg Mauritius

1570 folgte Mauritius der Berufung nach Steyr, wo er 20 Jahre lang als Rektor der Lateinschule wirkte. Die lateinischen Dichtungen des gelehrten Mauritius haben bisher wenig Beachtung gefunden. Allerdings scheint in ihnen zumindest ebenso viel kĂŒnstlerische Substanz zu stecken wie in seinen deutschen BĂŒhnenstĂŒcken, die sich vorwiegend als Bearbeitungen oder Ausgestaltungen Ă€lterer Dramen von Thomas Naogeorg, Rudolf Walther, Ambrosius Sachse, Hans Sachs und anderen herausgestellt haben.

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Mauritius schloss seine 1558 an der UniversitĂ€t Wittenberg begonnenen Studien 1562 mit dem Magisterium ab, anschließend blieb er als Dozent an der philosophischen FakultĂ€t. Nachdem er 1569 in NĂŒrnberg die Tochter des evangelischen Theologen Dr. Caspar Cruciger geheiratet hatte, folgte er im Jahr darauf der Berufung nach Steyr, wo er 20 Jahre lang fĂŒr 200 Gulden Gehalt als Rektor der Lateinschule wirkte.
Gleich im ersten Jahr seiner Wirksamkeit in Steyr wurde die Schule vom Hochwasser der Enns ĂŒberschwemmt, ein Ereignis, das Mauritius in einem deutschen Gedicht schildert. Nach dem Tod seiner ersten Frau ging Mauritius in Steyr noch zwei weitere Ehen ein: 1584 mit Gertraud, einer Tochter des Steyrer Predigers Mag. Johann Schreyer, und 1595 mit jener Elisabeth, von der es heißt, sie habe als „schöne Rectorin“ ein liederliches Leben gefĂŒhrt.
Im Jahre 1600 musste sich Mauritius wiederholten kaiserlichen Mandaten und Befehlen des obderennsischen Landeshauptmannes beugen und das Land verlassen. Eine Valediction (Abschiedsrede) in lateinischer und deutscher Fassung erinnert an dieses einschneidende Ereignis im Leben des Gelehrten und Dichters.
Mauritius kehrte in seine Heimat NĂŒrnberg zurĂŒck, wo er Rektor der Schule zum Heiligen Geist wurde. In dieser Zeit ließ Mauritius seine in Steyr aufgefĂŒhrten deutschen Schuldramen drucken (1607). Von manchen Literarhistorikern grundlos abqualifiziert, haben die lateinischen Dichtungen (die epischen Dichtungen De universali excidio Hierosolymae, 1564; De natura et officiis angelorum, 1565 und Conversio Divi Pauli Apostoli, 1565, sowie dichterische Psalmen- und Bibeltextversionen, Epithalamien [Dichtung, zu einer Hochzeit vorgetragen], Gratulationsgedichte, Propemptica, Epicedien, Epitaphien und Elegien) des gelehrten Mauritius bisher wenig Beachtung gefunden. Allerdings scheint in ihnen zumindest ebenso viel kĂŒnstlerische Substanz zu stecken wie in seinen deutschen BĂŒhnenstĂŒcken, die sich vorwiegend als Bearbeitungen oder Ausgestaltungen Ă€lterer Dramen von Thomas Naogeorg, Rudolf Walther, Ambrosius Sachse, Hans Sachs und anderen herausgestellt haben.
Zu seinen Werken fĂŒr das Steyrer Schultheater (alle 1606–1607 gedruckt) zĂ€hlen die biblischen Dramen Haman, Nabal, David und Goliath, Ezechias, Josaphat, Fall und Wiederbringung des menschlichen Geschlechts und Die Weisen aus dem Morgenlande, ferner die Komödien Von dem Schulwesen, Von allerley StĂ€nden und Grisoldis – die letztgenannte eine Bearbeitung eines italienischen Novellenstoffes.
In allen FĂ€llen, in denen sich Mauritius vorhandener StĂŒcke bediente, ist allerdings sein schöpferischer Anteil groß genug, dass man nicht von Plagiaten sprechen darf. Mauritius' StĂ€rke lag in der Kunst der Charakterisierung seiner BĂŒhnengestalten. In zahlreichen Nebenfiguren stellte er Ă€ußerst gelungene Typen vor, die z. T. eine wirkungsvolle Komik entfalten. Große Sorgfalt verwendete er auch auf die psychologische Durchdringung der Hauptfiguren. Im Aufbau zeigen seine Dramen allerdings wenig Geschlossenheit und Folgerichtigkeit.

Georg Mauritius d. J. (1570/Wittenberg–1631/NĂŒrnberg), der in Steyr aufgewachsen war, fertigte eine lateinische Übersetzung der Grisoldis seines Vaters an; diese erschien unter dem Titel Comoedia Grisoldis, 1582 Germanice scripta et Stiria in Austria acta ... nunc vero in Academiae Altorfinae usum latine conuersa (1621). Mauritius d. J. rĂŒckte an der Akademie Altdorf 1623 zum ordentlichen Professor fĂŒr Rhetorik und Poesie und 1631 zum Rektor auf. Wie sein Vater hinterließ auch er eine respektable Anzahl lateinischer Gedichte.

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Literarisch-musikalische Konnexe
Ambros Wilflingseder (?/Braunau am Inn–1563/NĂŒrnberg) wurde 1550 zum Kantor und 1562 zum Diakon zu St. Sebald in NĂŒrnberg ernannt. Sein auf die Schulmusik abgestimmtes Werk Musica Teutsch/ der Jugendt zu gut gestelt (1561) war die erste einer Reihe Ă€hnlicher Publikationen im deutschen Sprachraum. Am eingehendsten befasste er sich darin mit Mensuraltheorie, ein Kapitel, das er in seinen Erotemata musices practicae (1563) noch erweiterte und mit Beispielen erlĂ€uterte. Außerdem liegen von Wilflingseder vor Der LXIII. Psalm ... In gesangsweiß gestelt (o. J.) und das Kirchenlied Gott du mein Gott und Heiland bist.

Eine Anleitung zum Komponieren verfasste der gleichfalls in Braunau am Inn geborene Musiker Christoph Hitzenauer. Nachdem er in Wien in den Jesuitenorden eingetreten war, tauchte 1580 in Stuttgart auf und bekannte sich zum Protestantismus. Nach Abschluss seines Studiums in TĂŒbingen unterrichtete er am Gymnasium illustre in Lauingen, wo er 1585 als erstes Werk die musikalische Kompositionslehre Ratio componendi im Druck herausbrachte. AusdrĂŒcklich nimmt Hitzenauer darin auf die Materie der „musica poetica“ Bezug. Noch im selben Jahr veröffentlichte er in Lauingen Außerlesene sehr liebliche geistliche GesĂ€ng, mit drey stimmen gants artlich componirt.

Bei dem evangelischen PrĂ€dikanten und kaiserlichen Poeta laureatus, dem sĂ€chsischen Pfarrerssohn Elias Ursinus (1579/Könnern–1628/Regensburg), tritt der Zusammenhang zwischen literarischem und musikalischem Interesse klar zutage. 1611 mit der Tochter des Reichraminger Hammerherrn Franz Heyden verehelicht, war er von 1618 bis 1625 – unter dem Schutz der Freiherrn Jörger von Tollet stehend – als Prediger in Hernals beschĂ€ftigt und musste 1627 nach Regensburg ins Exil gehen. Neben mehreren lateinischen und deutschen Gedichten hat Ursinus ein Christlich Valet Lied ... Pilgram von Syntzendorf zu sonderlichem Trost gemacht (Linz 1619) verfasst und dieses auch musikalisch bearbeitet. Es handelt sich bei dieser Publikation um den ersten selbststĂ€ndigen Musikdruck, der in Oberösterreich hergestellt wurde.

Musikalische Kompetenz

Eine zweite Achse zwischen Musik und Literatur bildete sich aus der Praxis der humanistischen PĂ€dagogik heraus. Mit dem Schulwesen verbundene Berufe wie Kantor und Schulmeister waren ihrem Wesen nach sowohl auf sprachliche als auch auf musikalische Kompetenz hin ausgerichtet. Wollte jemand im Schulbereich des spĂ€thumanistischen Österreich unterkommen, dann musste er nicht nur fĂŒr den Unterricht, sondern auch fĂŒr die Kirchenmusik taugen. Das galt im Besonderen fĂŒr die Kantoren, die das bĂŒrgerliche Element in der Musik und der Dichtkunst des spĂ€thumanistischen Oberösterreich eindrucksvoll reprĂ€sentieren.
Genannt sei hier Andreas Holdringer. Der ehemalige Amstettner Kantor trat 1579 den Dienst als evangelischer PrĂ€dikant in Freistadt an. In einem lateinischen Bettelgedicht wendet er sich an einen gebildeten Gönner, verfĂŒgte er doch selbst ĂŒber wenige finanzielle Mittel. Die Provenienz des Dokuments legt nahe, dass es sich bei dem Adressaten um den Dichter Christoph von Schallenberg handelt.

Unter den neun lateinischen Motetten, die sich von Abraham SchĂŒssling  erhalten haben, befindet sich eine, in der er sein kompositorisches Können in idealer Weise mit einer selbst gedichteten Huldigungsadresse an die Stadt Gmunden verbindet. SchĂŒsslings Lebensweg fĂŒhrte ihn als Kantor und Schulmeister von Vöcklabruck in die Wachau nach Weißenkirchen (1601–1603) und von dort ins Exil nach WĂŒrttemberg. Ein enger Freund SchĂŒsslings war Andreas Pleninger (1555/Regensburg–?), Organist in Gmunden, dessen Orgeltabulatur uns SchĂŒsslings Motetten ĂŒberliefert hat.

Der Organist, Komponist, Historiker, Meteorologe und Dichter Johann Rasch (Rassius) (um 1540/Pöchlarn–um 1612/Wien) wurde (wahrscheinlich als SĂ€ngerknabe) im Kloster Mondsee ausgebildet, in das er danach auch als Kleriker eintrat. Nach juristischen Studien immatrikulierte er 1565 an der UniversitĂ€t Wien, wo er Astronomie und Mathematik studierte. Seit 1570 versah Rasch die Organistenstelle an der Wiener Schottenkirche. Er verfasste mehrere Chroniken und eine österreichische Genealogie. Ein Historibuech des lands ob der Enns, fĂŒr das er 1605 von den obderennsischen StĂ€nden 20 Taler erhielt, wurde wahrscheinlich nie ausgefĂŒhrt. In mehreren Werken beschĂ€ftigte er sich mit astronomisch-astrologischen und meteorologischen Themen; dazu kommen die großteils gereimten polemischen Schriften Fasten Reim bzw. Fasten Lob (1584), Kirch Gottes (1589), Vier Stuck Nichts Wehrt (1589) und Ketzer Katz (1591). 1570 legte Rasch eine Sammlung alter katholischer Kirchenlieder an. An sonstigen musikalischen Werken Raschs kennt man Motetten, ein Salve Regina, Cantica quaedam ecclesiastica, Cantiunculae pascales ad abbatem GĂ€rstensem und In monte olivarum (alle 1572 in MĂŒnchen gedruckt).

Den Weg von Oberösterreich nach Bayern hat Leonhard Paminger (1495/Aschach–1567/Passau) eingeschlagen, dessen Doppelbegabung fĂŒr Musik und Literatur dank des Herausgeberfleißes seiner Söhne Balthasar, Sophonias und Sigismund hinlĂ€nglich dokumentiert ist. Der Sohn eines Beamten der Grafen von Schaunberg genoss ab 1513 an der UniversitĂ€t Wien eine Ausbildung, die es ihm ermöglichte, 1516 eine Stelle als Lehrer und Kantor am Stift zu St. Nikola in Passau zu erlangen. Hier rĂŒckte er bereits 1529 zum Rektor auf – eine Position, die er 1557 wegen seines Bekenntnisses zum Protestantismus aufgeben musste. Er blieb jedoch bis zu seinem Tod als SekretĂ€r des Klosters St. Nikola im Dienst. Pamingers literarische Produktion besteht aus Gedichten – gesammelt in Poematum libri duo (1587) – und Publikationen zu religiösen Themen. Die in seinem Nachlass vorhandene deutsche Bearbeitungen lateinischer Komödien von Plautus, Terenz, Macropedius u. a. sind verlorengegangen. Außer den von seinen Söhnen herausgegebenen vier BĂ€nden mit ĂŒber 700 kirchenmusikalischen Vokalwerken (Motetten, Hymnen, Antiphonen, Sequenzen, Evangelienvertonungen, Psalmen und deutsche Kirchenlieder) zeugen auch einige sporadisch ĂŒberlieferte Madrigale von seinem musikalischen und literarischen Können.

Wahrscheinlich ein SchĂŒler Leonhard Pamingers war Erasmus Rothenpucher (um 1525/Braunau am Inn–1586/NĂŒrnberg). Er wirkte von etwa 1548 bis 1574 an der Schule zu St. Egiden in NĂŒrnberg. Seine Diaphona amoena (1549) gehören ebenso wie seine Bergkreyen (1551) zu den wichtigsten Sammlungen zweistimmiger GesĂ€nge im 16. Jahrhundert. Als Denkmal seiner rhetorischen Bildung hat Rothenpucher eine Oratio paraenetica (1551) der Nachwelt hinterlassen, wĂ€hrend er sich als Dichter durch einen Beitrag zu Sophonias Pamingers Gedichtsammlung und mit einer Elegia de morte Leonhardi Pamingeri verewigt hat.


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