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Das Adalbert-Stifter-Institut des Landes Oberösterreich. Entwicklung, SelbstverstÀndnis und Aufgaben


GrĂŒndung und Entwicklung
Bei der GrĂŒndung des Adalbert-Stifter-Institutes des Landes Oberösterreich durch Sitzungsbeschluss der oberösterreichischen Landesregierung vom 21. MĂ€rz 1950 (im Gefolge von Gedenkfeiern anlĂ€sslich des 80. Todestages des Dichters Adalbert Stifter in der unmittelbaren Nachkriegszeit) stand der Gedanke der Einrichtung eines „offiziellen und reprĂ€sentativen Mittelpunktes der Stifterforschung“ im Zentrum der Widmung; in der dazugesellten Formulierung eines Auftrages zur „Betreuung zeitgenössischen oberösterreichischen Schrifttums“ finden sich bereits explizit AnsĂ€tze einer zukĂŒnftigen Entwicklung zu einem Haus der Literatur in weitgefasstem Sinn.
Die Rede des Kulturreferenten und Landeshauptmannes Dr. Heinrich Gleißner nennt beim Festakt im Steinernen Saal im Landhaus unter den „viele[n] große[n], ideale[n] Aufgaben“, die dem neu geschaffenen Institut ĂŒbertragen werden: Forschung, Sammlung, Vermittlung und Förderung.

Ein erstes Statut wird 1955 formuliert, die rĂ€umliche Trennung vom Oberösterreichischen Landesmuseum, in dessen strukturellem Verband sich das Institut zum Zeitpunkt seiner GrĂŒndung befand, und die Übersiedlung an die Adresse Untere DonaulĂ€nde 6, heute Stifterplatz 1, erfolgt 1957; eine tatsĂ€chliche Ausbreitung an diesem seit jeher angestrebten Standort, dem Wohn- und Sterbehaus Adalbert Stifters, beginnt Mitte der 1970er Jahre.
Mit dem Erwerb des 1844 von Baumeister Johann Metz erbauten so genannten Hartlschen Hauses durch das Land Oberösterreich, ist der der inhaltlichen Ausrichtung des Institutes entsprechende Raum erobert und ĂŒber Geschichte und Funktion des Hauses abgesichert; ein in den 1960er Jahren geplanter Abbruch der HĂ€userzeile Untere DonaulĂ€nde kann unter Berufung auf Stifters Erbe verhindert werden. Die letzte Dienstwohnung der DDSG, in deren Besitz sich das GebĂ€ude befunden hatte, wird schließlich 1988 aufgegeben und ermöglicht die Umsetzung eines umfassenden Gesamtkonzeptes zu einem „Zentrum fĂŒr Sprache und Literatur in Oberösterreich“, als das das generalsanierte „StifterHaus“ am Stifter-Gedenktag 1993 mit vielfĂ€ltigen Angeboten prĂ€sentiert werden konnte.

Die stark dem Geist des 19. Jahrhunderts verpflichtete GrĂŒndungsabsicht, die das Institut ideell zwischen musealer GedenkstĂ€tte, literaturwissenschaftlicher Werkpflege und bibliothekarischer Sammlung angesiedelt zu sehen scheint – Stifter als „der Dichter“, Ă€hnlich wie Schiller und Goethe –, hatte sich im Prozess der Institutionalisierung ĂŒber Jahrzehnte hinweg erstaunlich wenig verĂ€ndert.

Aufbau von Sammlungen
Sukzessive kam es zum Aufbau der Sammlungen, die sich zunĂ€chst um Stifter, dann um ein beabsichtigtes „Oberösterreichisches Dichter-Archiv“ gruppierten. Bereits 1971 skizziert Dr. Alois Großschopf, der zweite Institutsleiter, in einer Rede fĂŒr den Österreichischen Rundfunk, gesendet im Regionalprogramm im MĂ€rz 1971, in erstaunlich moderner Form seine Vorstellung eines Stifter-Institutes und setzt sich dabei ausfĂŒhrlich mit der Frage nach Möglichkeiten und Bedeutung eines regionalen Literaturarchivs auseinander; ein Forschungsauftrag in Hinblick auf oberösterreichische Literaturgeschichtsschreibung wird unter differenzierter und durchaus realistischer EinschĂ€tzung der jeweils vom Standort abhĂ€ngigen Relevanz einzelner BestĂ€nde bzw. Werke, die, wenn nicht beforscht, so doch gesammelt und aufbewahrt werden sollen, dargelegt: „Wir wissen, daß nicht alle Dichter-NachlĂ€sse das Interesse der großen Welt finden können, aber in der Gesamtschau unserer Dichtungsgeschichte haben auch bescheidenere Leistungen ihre Funktion. In diesen FĂ€llen genĂŒgt das Vorhandensein eines Nachlasses im Archiv.“

Die ersten BestĂ€nde dieses „Dichter-Archivs“ werden Mitte der 1970er Jahre vom Oberösterreichischen Landesmuseum leihweise ĂŒbernommen. Darunter waren NachlĂ€sse von: Franz Stelzhamer, Richard Billinger, Julius Zerzer, Johannes Aprent sowie eine Sammlung von Autographen von Adalbert Stifter. Enrica von Handel-Mazzetti hatte ihren literarischen Nachlass dem Land Oberösterreich bereits 1955 vererbt, nach vorlĂ€ufiger Unterbringung in der bundesstaatlichen Studienbibliothek (heute Oberösterreichische Landesbibliothek) konnte dieser besonders umfangreiche Bestand 1975 endlich zur GĂ€nze in das StifterHaus ĂŒbernommen werden. Zu Erweiterungen des Archivs kam und kommt es kontinuierlich durch AnkĂ€ufe, Schenkungen, Legate – aktuell werden ca. 70 literarische NachlĂ€sse oberösterreichischer Autorinnen und Autoren betreut.

Genius loci Adalbert Stifter
Das SelbstverstĂ€ndnis des Institutes ist von Beginn an geprĂ€gt vom GrĂŒndungsmythos, durch die Patronanz des genius loci: Adalbert Stifter war in Linz wiederholte Male zur Sommerfrische zu Gast gewesen, ehe er 1848, bedingt durch die enttĂ€uschenden bzw. beunruhigenden Entwicklungen der MĂ€rz-Revolution einen offenbar lĂ€ngeren, wenn auch nicht endgĂŒltigen Aufenthalt in Linz vorbereitete. Er bezog ĂŒber Vermittlung der befreundeten Therese Scheibert im Haus an der Donau vorerst RĂ€ume im ersten Stockwerk und ĂŒbersiedelte 1849 mit seiner Frau Amalie und der Nichte und Ziehtochter Juliane Mohaupt in jene Wohnung im zweiten Geschoß, die heute als OÖ. Literaturmuseum mit Stifter-Gedenkraum eingerichtet ist.
Die Stiftung des Institutes in Erinnerung an die Ernennung Adalbert Stifters „zum Mitglied der oö. Landesschulbehörde fĂŒr das Kronland Oesterreich ob der Enns [
] am 3. Juni 1850“ bestĂ€tigt gewissermaßen ein BĂŒndnis von Politik, Verwaltung und Kunst und schafft unmittelbar Tradition, verkörpert doch Stifter selbst als Beamter und Dichter diese Verbindung in seiner Person bzw. Profession. Zunehmend begleiten Adalbert Stifter und sein Werk einen Blick auf einen von deutschsprachiger wie tschechischer Bevölkerung gleichermaßen geprĂ€gten Kulturraum Böhmen.

Bereits mit der GrĂŒndung werden als exklusive, internationale Forschergemeinschaft ehrenamtlich tĂ€tige „ordentliche und korrespondierende Mitglieder“ des Institutes ernannt, und zwar auf Vorschlag der Institutsversammlung von der oberösterreichischen Landesregierung. Der erste Institutsleiter, Dr. Aldemar Schiffkorn, Leiter des Oberösterreichischen Volksbildungswerkes, ĂŒbte gemeinsam mit Dr. Franz Pfeffer, Direktor des Oberösterreichischen Landesmuseums, die Funktion des Vorsitzenden der Institutsversammlung aus.

Was charakterisiert das Institut heute?
Nach wie vor ist das Adalbert-Stifter-Institut eine reine Landeseinrichtung, durch die DiversitĂ€t der Anforderungen, die zwischen Kultur- und Wissenschaftsbetrieb liegen, positioniert sich das Haus vor der Folie eines sicherlich nicht zu gering zu veranschlagenden Spannungsfeldes, das zumindest auf ideeller Ebene bewĂ€ltigt werden kann. In einem Bekenntnis zu Werkpflege und Dichtergedenken, das der erste Institutsleiter, Dr. Aldemar Schiffkorn und der zustĂ€ndige politische EntscheidungstrĂ€ger anlĂ€sslich der InstitutsgrĂŒndung gleichermaßen ablegen, wird von Beginn an eine gewisse Form von Autonomie gewĂ€hrt und anerkannt. Wenn Dr. Großschopf zwei Jahrzehnte spĂ€ter seine Vision von einem Stifter-Institut mit RegionalitĂ€t bzw. dem Begriff der „Zugehörigkeit“ argumentiert – erweitert um die Dimension der „Relevanz“ und den Hinweis auf editionswissenschaftliche Arbeit –, so stellt er sich bewusst in eine ĂŒbergeordnete wissenschaftliche Gemeinschaft. Dr. Johann Lachinger, der nachfolgenden Institutsleiter, spricht 1996 bei Gelegenheit der BegrĂŒndung einer neuen Schriftenreihe die vielfĂ€ltigen TĂ€tigkeitsbereiche des Institutes an – in deren Zentrum eine Literaturtradition, auf die es in historisch-didaktischer Art hinzuweisen gilt. Konkret genannt werden nun an Aufgaben: Sammeln, Bewahren, wissenschaftliche Dokumentation, Aufbereitung, Vermittlung, Darstellung – die in anderen ZusammenhĂ€ngen zuweilen recht dominante Frage nach dem Beitrag zu regionaler IdentitĂ€t scheint nicht vorrangig, wird sozusagen als Mehrwert deklariert.

SelbstverstÀndnis und Aufgabenprofil
Stellt man die Frage nach institutionellem SelbstverstĂ€ndnis und Aufgabenprofil heute, so gilt es die aktuelle Struktur des StifterHauses – rechtsverbindlich ist nach wie vor die Bezeichnung Adalbert-Stifter-Institut des Landes Oberösterreich – darzustellen. Die den Hauptaufgabengebieten Sprache und Literatur bzw. Forschung und Vermittlung zugeordneten Einrichtungen sind: OÖ. Literaturarchiv, OÖ. Literaturmuseum, OÖ. Biographisches Archiv (mit bio-bibliographischen Material zu rund 9000 Persönlichkeiten des wissenschaftlichen und kulturellen Lebens), OÖ. Sprachforschung (mit dem Großprojekt „Sprachatlas von Oberösterreich“), Bibliothek (eine germanistische Fachbibliothek mit rund 20 000 BĂ€nden) und OÖ. Literaturhaus (mit etwa 80 bis 90 Einzelveranstaltungen pro Jahr). Vielleicht zeigen sich hier beispielhaft die „vermischten Lagen“, die fĂŒr das Institut charakteristisch geblieben sind, zwischen den Polen wissenschaftlicher Arbeit in Kooperation mit verwandten Einrichtungen (wie u. a. Mitarbeit an der historisch-kritischen Ausgabe der Werke und Briefe Adalbert Stifters) und Vermittlung fĂŒr eine breitere Öffentlichkeit im Sinne eines kulturpolitischen Auftrages. Im Bereich Archiv ist als neuere Entwicklung eine verstĂ€rkte Wahrnehmung von kulturwissenschaftlichen Auswertungsmöglichkeiten von literarischen NachlĂ€ssen „zweiter Ordnung“ zu sehen – dies gilt vielleicht generell fĂŒr die QualitĂ€t der Arbeit des Hauses in Bezug auf regionale IdentitĂ€t / kulturelles GedĂ€chtnis, das sich keineswegs als provinziell versteht, sondern als (exemplarischer) Teil eines grĂ¶ĂŸeren Ganzen.

Immer zentraler geworden scheint damit einhergehend eine generelle Vermittlungsfunktion, das ZugĂ€nglich- und Sichtbar-Machen von Material und die Aufbereitung des kulturellen Potentials – im Sinne von Erkenntnis wie Erinnerung, Begegnung wie Dialog. Im Haus geschieht das ĂŒber eine Vielzahl von unterschiedlichen Angeboten wie Veranstaltungen, DauerprĂ€sentation, Ausstellungen, Publikationen etc. ebenso wie in den Einrichtungen, die einen Großteil literatur- und sprachwissenschaftlicher TĂ€tigkeitsfelder abdecken und allen Interessierten kostenfrei zur VerfĂŒgung stehen.

Autorin: Petra-Maria Dallinger

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