Forum OÖ Geschichte

Hinweise zur Deutung von Stifters Werk


Schwelende Konflikte
In den ErzĂ€hlungen Stifters verliert der fĂŒr die Biedermeierzeit typische transparente Realismus, der eine göttliche Ordnung in den Dingen sichtbar zu machen suchte, seine Selbstsicherheit und SelbstverstĂ€ndlichkeit. Stifters ErzĂ€hlungen sind daher durchzogen von einer Spannung zwischen traditioneller christlicher Weltanschauung, den Vorstellungen des Historismus, der die Vergangenheit fĂŒr die Gegenwart fruchtbar machen möchte, und den Erkenntnismöglichkeiten der sich ausbreitenden Naturwissenschaften. Eine durch Zensur und Überwachung geglĂ€ttete gesellschaftliche OberflĂ€che verdeckte die sich daraus ergebenden schwelenden Konflikte und die anscheinend erbaulichen Geschichten Stifters verlieren vor diesem Hintergrund ihre Eindeutigkeit.

In der ErzĂ€hlung Der Hochwald wölbt sich ein „lĂ€chelnd schöner Himmel“ ĂŒber einem menschenzerstörenden Kriegsgeschehen, in der ErzĂ€hlung Condor ist die Erde nicht mehr das vertraute Vaterhaus; denn „das ganze Himmelsgewölbe, die schöne blaue Glocke unserer Erde war ein ganz schwarzer Abgrund geworden“, und in der Einleitung zur ErzĂ€hlung Abdias heißt es: „Es liegt auch wirklich etwas Schauderndes in der gelassenen Unschuld, womit die Naturgesetze wirken“, sodass der Einzelne in „ZustĂ€nde gerĂ€t, die wir kaum zu entrĂ€tseln wissen.“

Das „sanfte Gesetz“
Diese Verunsicherung begegnet Stifter mit dem in der Vorrede zu den Bunten Steinen formulierten „sanften Gesetz“ und beruft sich dabei auf ein „Allgemeines Sittengesetz“, wie es der in Prag bis 1820 lehrende Philosoph und Mathematiker Bernard Bolzano (1781–1848) als Grundlage fĂŒr das menschliche Zusammenleben gefordert hat. Dieses Sittengesetz ist fĂŒr Stifter „das Gesetz, das will, das jeder geachtet geehrt ungefĂ€hrdet neben dem Andern bestehe“, es soll die Aufmerksamkeit auf das unscheinbare, stille und sanfte Wachstum der Natur lenken und in gleicher Weise auch auf ein Leben, das einfach ist und unkontrollierte Leidenschaften abweist. Der Satz „Wir wollen das sanfte Gesetz zu erblicken suchen, wodurch das menschliche Geschlecht geleitet wird“ ist fĂŒr Stifter ein literarisches Programm, das nicht zu idyllischer Beschaulichkeit auffordert, sondern helfen will, die AbgrĂŒnde zerstörender Leidenschaften zu bestehen.

Da Stifter nach den Unruhen und GewaltausbrĂŒchen der Revolutionszeit in der Restauration und im Neoabsolutismus die Wiederherstellung einer staatserhaltenden Ordnung sah, begrĂŒĂŸte er einerseits die von Kaiser Franz Joseph oktroyierte Verfassung, andererseits aber stellte er als Schriftsteller dem Zeitgeschehen eine idealere menschenfreundliche Ordnung gegenĂŒber und baute in seinen beiden großen Romanen Nachsommer (1857) und Witiko (1865–1867) eine Welt aus Sprache, die neben und im Kontrast zur tatsĂ€chlichen Welt steht.

„Der Nachsommer“
Die große dreibĂ€ndige ErzĂ€hlung Der Nachsommer – Stifter vermeidet die Bezeichnung „Roman“ – spielt im Alpenvorland. Eine sanfte Ă€ußere Natur steht im Einklang mit der inneren Natur der Menschen. In einer ruhigen gelassenen ErzĂ€hlweise, in der Menschen und Dinge in leicht variierenden Wiederholungen erscheinen, wird berichtet, wie der alternde Freiherr von Risach in seinem Haus, das er mit erlesenen KunstgegenstĂ€nden ausgestattet hat, ein Leben fĂŒhrt, das abgeschirmt ist von allen zerstörerischen KrĂ€ften der Natur und der Gesellschaft. Zusammen mit Mathilde, die in einem Nachbargut wohnt, schafft er sich durch Gelassenheit, „VerstandesgemĂ€ĂŸheit“ und „Bewunderung des Schönen“ eine Lebensform, die dem „sanften Gesetz entspricht“. Sie wird zum Vorbild fĂŒr die in der Obhut Risachs lebenden jungen Leute. Das BemĂŒhen um eine menschenfreundliche Ordnung endet fĂŒr Risach und Mathilde allerdings mit der resignierenden Einsicht: „Welch ein Sommer hĂ€tte sein können, wenn einer gewesen wĂ€re.“
Er ist nicht gewesen, wie in einem RĂŒckblick erzĂ€hlt wird, weil eine leidenschaftliche Liebe durch die Anerkennung einer konventionellen Familiendoktrin das LebensglĂŒck zerstört hat.
Das Zentralsymbol der ErzĂ€hlung – die Rose und das Rosenhaus – ist doppeldeutig: Es erinnert an frĂŒhe Trennung und eine spĂ€te Vereinigung, in der Schmerz und Verzicht aufgehoben sind. Die Nachsommerwelt ist ein literarisches Modell, das auf eine Welt verweist, deren gesellschaftliche Beschaffenheit abgelehnt wird.

„Witiko“
Im Witiko, der zweiten großen ErzĂ€hlung, konfrontiert Stifter die politische Ordnung seiner Zeit ebenfalls mit einer aus Sprache geschaffenen Ordnung, einer Ordnung, die als Gegenbild zur Unheilsgeschichte der Vergangenheit und der politischen Situation von 1859 (Niederlagen Österreichs gegen das sardinisch-französische Heer bei Magenta und Solferino) und 1866 (Niederlage Österreichs gegen Preußen bei KöniggrĂ€tz) verstanden werden soll.
Der junge Ritter Witiko begrĂŒndet ein mĂ€chtiges Herrschergeschlecht im Böhmen des 12. Jahrhunderts. Seine Handlungen werden von einem Gewissen geleitet, das sich in zahlreichen alltĂ€glichen Aufgaben und TĂ€tigkeiten bewĂ€hrt. Seine Gedanken und sein Seelenleben werden nicht beschrieben, sondern spiegeln sich wider in der Art, wie er reitet, wie er sein Pferd pflegt, wie der Umschau hĂ€lt.
Die ErzĂ€hlung spielt in Stifters Heimat und die Besteigung des Dreisesselberges und des Hohensteins, der Blick von der Höhe und der Blick in die Tiefe werden Zeichen einer Lebensbahn und eines Lebenskonzeptes, das von der Absicht getragen ist, „zu denken wie der Wald“.
Stifter hat im Witiko eine ErzÀhlweise, die ihm auch sonst eigen war, extrem gesteigert. Durch zahllose Einzelbeobachtungen und durch das Prinzip der Wiederholung, durch die litaneiartige Reihung von Dingen und VorgÀngen soll vom Einzelnen auf das Generelle und Allgemeine geschlossen werden.

„Die Mappe meines Urgroßvaters“
Der dritte ErzĂ€hlkomplex – Stifter hat sich damit von 1841 bis zu seinem Lebensende beschĂ€ftigt – ist Die Mappe meines Urgroßvaters. Ein Tagebuch, das der ErzĂ€hler am Dachboden seines Vaterhauses gefunden hat, enthĂ€lt Niederschriften des Urgroßvaters Augustinus, der als Arzt in der Gegend von Stifters Heimat gewirkt hat. Durch einen unbegrĂŒndeten Eifersuchtsanfall zerstört Augustinus seine Verbindung mit Margarita und will daraufhin Selbstmord begehen. Der Vater Margaritas bewahrt ihn vor der AusfĂŒhrung dieser Absicht und erzĂ€hlt ihm, wie er als junger Mann durch die Niederschrift der TagesablĂ€ufe seine Leidenschaften besiegt hat. Augustinus folgt diesem Beispiel. Durch BewĂ€hrung in einem fĂŒr das Gemeinwohl tĂ€tigen Leben gewinnt er Ansehen und LebensglĂŒck. Die innere Ausgeglichenheit spiegelt sich in einem utopischen Garten wider, in dem Natur und Kultur in harmonischem Gleichgewicht sind. Damit endet die letzte, Fragment gebliebene Fassung der ErzĂ€hlung.

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