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Deutschsprachige Literatur des Mittelalters


Im Mittelalter entstanden viele literarische Werke in lateinischer Sprache. Diese wurden vor allem in den Klöstern abgeschrieben und in den dortigen Bibliotheken verwahrt. Ab dem 11. Jahrhundert allerdings begannen vermehrt Menschen außerhalb der Klöster, deutschsprachige Werke zu verfassen. Viele dieser Werke - aber natĂŒrlich nicht alle - handeln von Rittern, deren ‚Verhaltensregeln’ (Anstand, Maß halten, Freigebigkeit) und dem Leben am Hof.
Das damalige Deutsch entsprach allerdings nicht dem heutigen Sprachstand: Man nennt es Mittelhochdeutsch. Manches davon kannst du verstehen, teilweise ist es aber schwer verstĂ€ndlich. Hier ein Beispiel: das berĂŒhmte „Falkenlied“ des KĂŒrnbergers:

Der von KĂŒrenberg: „Ich zoch mir einen valken“

Ich zĂŽch mir einen valken mĂȘre danne ein jĂąr.
dĂŽ ich in gezamete als ich in wolte hĂąn
und ich im sĂźn gevidere mit golde wol bewant,
er huop sich ûf vil hÎhe und fluog in anderiu lant.

SĂźt sach ich den valken schĂŽne fliegen:
er fuorte an sĂźnem fuoze sĂźdĂźne riemen,
und was im sĂźn gevidere alrĂŽt guldĂźn.
got sende si zesamene die gerne geliep wellen sĂźn!

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Ich zĂŽch mir einen valken mĂȘre danne ein jĂąr.
dĂŽ ich in gezamete als ich in wolte hĂąn
und ich im sĂźn gevidere mit golde wol bewant,
er huop sich ûf vil hÎhe und fluog in anderiu lant.

SĂźt sach ich den valken schĂŽne fliegen:
er fuorte an sĂźnem fuoze sĂźdĂźne riemen,
und was im sĂźn gevidere alrĂŽt guldĂźn.
got sende si zesamene die gerne geliep wellen sĂźn!

Übertragung aus dem Mittelhochdeutschen von Max Wehrli:

Ich zog mir einen Falken lÀnger als ein Jahr.
Als ich ihn gezÀhmt, wie ich ihn haben wollte,
und sein Gefieder mit Gold geschmĂŒckt hatte,
hob er sich hoch auf und flog davon.

Seither sah ich den Falken schön fliegen:
Er fĂŒhrte an seinem Fuße seidene Fessel
und sein Gefieder war ganz rotgolden.
Gott sende sie zusammen, die einander gerne lieb haben wollen.

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Der KĂŒrnberger (oder: Der von KĂŒrenberg) stammte vermutlich – genauso wie Dietmar von Aist – aus dem Gebiet des heutigen Oberösterreich. Beide Dichter verfassten so genannte Minnelieder, die von der Liebe (Mittelhochdeutsch: minne) oder vom Werben um eine Frau handeln.

Ein anderer Dichter aus Oberösterreich war Wernher der Gartenaere. Dieser schrieb ĂŒber Helmbrecht, der genauso wie sein Vater Bauer werden soll, dies aber keinesfalls will. Er schließt sich den Raubrittern an und begeht mit ihnen viele Strafteten. Schließlich kann Helmbrecht gefasst werden und wird fĂŒr seine Taten bestraft. Die Handlung der ErzĂ€hlung spielt im heutigen Oberösterreich bzw. im bayerisch-oberösterreichischen Grenzraum.

Eines der bekanntesten deutsprachigen Werke des Mittelalters ist das so genannte Nibelungenlied, das um 1200 von einem Unbekannten niedergeschrieben wurde. Es besteht aus ca. 2400 Strophen. Der erste Teil des Werkes erzĂ€hlt vom Werben Siegfrieds um die burgundische Prinzessin Kriemhild und der folgenden Hochzeit und berichtet von der RivalitĂ€t und dem Streit zwischen Kriemhild und BrĂŒnhild, der Frau von Kriemhilds Bruder Gunther. Die Auseinandersetzung fĂŒhrt schließlich zur Ermordung Siegfrieds durch Hagen. Der zweite Teil berichtet von der Werbung Etzels (Attilas) um die verwitwete Kriemhild, die ihn erhört, und vom Zug der Burgunder (Nibelungen) nach Ungarn an den Hof Etzels, wo Kriemhild inzwischen wohnt. Der Weg fĂŒhrt die Burgunder dabei entlang der Donau ĂŒber Passau durch das heutige Oberösterreich nach Eferding und Enns und schließlich weiter ĂŒber Pöchlarn, Melk, Tulln und Wien nach Ungarn. Am Hof des Hunnenkönigs Etzel rĂ€cht sich Kriemhild am Mörder Hagen und vernichtet ihn und alle am Hof weilenden Burgunder, auch ihre BrĂŒder.

Diese Werke wurden den Bewohnern der Burgen von MinnesÀngern oder Spielleuten meist vorgesungen, oft begleitet von Musikinstrumenten z. B. von einer Leier. Einer der bekanntesten MinnesÀnger war Walther von der Vogelweide, der auch einige Zeit am Hof der Babenberger in Wien weilte.

LINKTIPP: Auf der Seite der Landesbibliothek Karlsruhe (Deutschland) kannst Du eine digitale Version einer Handschrift des Nibelungenliedes (Handschrift C) durchblÀttern.

 

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