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KAP KREMSMÜNSTER | Eine Installation am Rathausplatz von KremsmĂŒnster

Das "Reiss-Haus" am Rathausplatz von KremsmĂŒnster bildet in diesem Sommer den Schauplatz der ErzĂ€hlung ĂŒber das "Kap KremsmĂŒnster", einem Teil des "Franz-Josef Landes" im Nördlichen Eismeer, und ĂŒber die Beziehungen des kleinen KremsmĂŒnster zur großen Welt.

Foto: Siegfried Kristöfl

Foto: Siegfried Kristöfl

Foto: Siegfried Kristöfl

 
„Kap KremsmĂŒnster“
Am Rathausplatz wurde ein leerstehendes GebĂ€ude durch eine ĂŒberdimensionale Bildtapete ‚verhĂŒllt‘. Auf mehr als 300 mÂČ und ĂŒber drei Stockwerke erstreckt sich ein arktisches „Kap KremsmĂŒnster“, mit verschiedenen Symbolen und erklĂ€renden Texttafeln. Die beeindruckende Szenerie erzĂ€hlt von der Entwicklung des Marktes im 19. Jahrhundert und dessen historischen Erbes, gleichzeitig von der SelbstverstĂ€ndlichkeit der Globalisierung und deren Dynamik, die schon immer auch in der vermeintlichen Provinz spĂŒrbar war.

Dieses „Kap KremsmĂŒnster“ gibt es wirklich und ist ein spielerisches Element, das nur allzu gut zum „Baum mitten in der Welt“ passt, der sich ja bekanntlich in KremsmĂŒnster als höchster Punkt befindet: Wenn KremsmĂŒnster - so die phantasievolle Ausgangslage – die Mitte der Welt bildet, dann muss es an einer Seite ins eisige Meer ragen – genauso wie das „Kap KremsmĂŒnster“ 


 

KremsmĂŒnster – historisches Erbe

Ein Marktbrand vernichtete 1802 einen Großteil der Bausubstanz des Ortskerns, so dass barocke oder gar gotische Elemente eigentlich nur mehr in der Herrengasse, auf dem Weg hinauf ins Stift, zu sehen sind. Die meisten HĂ€user am Rathausplatz gehörten Gastwirten und Fleischhauern. Die BĂ€cker und MĂŒllner hatten ihre Betriebe und Wohnungen etwas weiter oben direkt am schmalen MĂŒhlbach angelegt. Mit der Zeit verĂ€nderte sich die Funktion der HĂ€user.

 
Die Westseite des Rathausplatzes nimmt das besagte „Reiss-Haus“ ein, das sich durch die kĂŒnstlerische Intervention im FrĂŒhsommer 2017 in ein „Eis-Haus“ verwandelte. Auch seine Giebelseite in der Hauptstraße bildet phantasievoll die arktische Szenerie ab.

Drei Original-Landkarten aus der Phase der Entdeckung zeigen das einzigartige „Kap KremsmĂŒnster“. Es ist eine Gegend voller Eis und Finsternis. So titelte auch der oberösterreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr seinen ersten Roman - „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ -, in dem er von der österreichisch-ungarischen Nordpolexpedition erzĂ€hlt, die diesen im wahrsten Sinn des Wortes ‚weißen‘ Fleck auf der Landkarte in den 1870er Jahren entdeckte:


„Payer streut seine Namen wie BannsprĂŒche ĂŒber den Archipel, forscht dabei in seinen Erinnerungen und findet immer neue StĂ€dte und Freunde, die er im Eis verewigen will, und vergisst dabei doch nie, auch dem Herrscherhaus, der Kunst und der Wissenschaft zu huldigen: Cap Grillparzer sagt er zu einem wĂŒsten Felsenturm und Cap KremsmĂŒnster zu einem anderen.“
(Aus: Christoph Ransmayr, Die Schrecken des Eises und der Finsternis, Wien 1984)


FĂŒr die Marktgemeinde KremsmĂŒnster

Organisation: Verein KremsmĂŒnster 2020
Gestaltungskonzept: Alexandre Collon
Kuration, Text: Siegfried Kristöfl
AusfĂŒhrung: Weingartsberger GmbH

UnterstĂŒtzt mit Fördermitteln der LEADER-Region Traunviertler Alpenvorland

Historisches zur Entdeckung von „Kap KremsmĂŒnster“ 1874
1877 feierte KremsmĂŒnster den elfhundertsten Geburtstag seines Stiftes. Drei Jahre davor feierten Wien und die ganze Monarchie die RĂŒckkehr zweier Forscher: Carl Weyprecht und Julius Payer. Sie hatten die „Österreichisch-Ungarische Nordpolexpedition“ angefĂŒhrt und dabei unbekanntes Land entdeckt - ein Insel-Archipel, den sie nach ihrem Kaiser „Franz-Josef-Land“ benannten. Im FrĂŒhjahr 1874 war Payer mit einer kleinen Gruppe immer weiter nach Norden gezogen, um die eisige Landschaft zu erforschen. Markanten Punkten hatte er Namen gegeben. Eine Felsnase in der Arktischen See - bislang von niemandem betreten und gesehen - heißt seither „Kap KremsmĂŒnster“.
KremsmĂŒnster - anno 1874

 

  • Im „Reiss-Haus“ zieht zum ersten Mal ein Kaufmann ein und bedient die Kundschaft in einem GeschĂ€ft.
  • Franz Hönig (* 1867), KremsmĂŒnster Urgestein, Mundartdichter und BĂŒrgermeister, beginnt in der Volksschule seine Schreibkarriere.
  • Vor zwei Jahren hat sich im Markt eine krĂ€ftige Gruppe von MĂ€nnern zu einem Gesangsverein namens „Harmonie“ verbunden.
  • Der StiftsobergĂ€rtner Josef Runkel (* 1817) beschĂ€ftigt sich mit der Anlage eines „Coniferengartens“ im Auftrag des Abtes Augustin Reslhuber. Er pflanzt auslĂ€ndische Nadelhölzer. Erhalten geblieben davon ist der Ginkgo-Baum vorm heutigen Pfarrheim.
  • Mehrere kleine Gemeinden, darunter auch KremsmĂŒnster-Markt und KremsmĂŒnster-Land, werden zusammengelegt. Ein Experiment, das nach fĂŒnf Jahren scheitert. Weder BĂŒrger noch Bauern lassen sich was gefallen.
  • Julius Hann ist eben zum Professor fĂŒr physikalische Geographie an der Uni Wien ernannt worden. Er lebte als Teenager in KremsmĂŒnster. Bald wird er der nĂ€chste Direktor der Zentralanstalt fĂŒr Meteorologie und schließlich zum Doyen der Wetter- und Klimaforschung.
  • Die Firma Greiner ist eine aufstrebende schwĂ€bische Greißlerei (seit 1868) und hat mit KremsmĂŒnster noch nichts zu tun.

 

Ein nach außen gestĂŒlptes Heimat-Haus - „KremsmĂŒnsterer Definitionen“

Dampflokomotive, die –

Der Markt KremsmĂŒnster war gebaut fĂŒr Fußgeher, Wanderer und Vieh. Kutschen erledigten die Transporte. FrĂŒhe Verbesserungen der Wege waren BrĂŒcken ĂŒber die Krems und eine weniger steile Straße hinauf zum Stift. Den ersten Bahnhof erhielt KremsmĂŒnster 1881, angelegt abseits des Marktes, hart an der Gemeindegrenze. Er war eine Zeit lang der End- und Wendepunkt der Kremstalbahn aus Linz. Die Fahrt nach Norden in die Landeshauptstadt betrug zwei Stunden und zehn Minuten.

EisbĂ€r, der –

GrĂ¶ĂŸte lebende Bedrohung der Polarforscher bei ihren Expeditionen durch das ewige Eis rund um Kap KremsmĂŒnster. Nicht vergleichbar mit dem Wildschwein des Kremstals, weil kein Jagdobjekt und potentielles Opfer, sondern selbst der gefĂ€hrliche JĂ€ger.

Fotografie, die –

Zeigt Julius Payer: Offizier, Gelehrter, Erstbesteiger, Polarforscher. Nach der RĂŒckkehr von der „Österreichisch-Ungarischen Nordpolexpedition“ in den Adelsstand erhoben. Im FrĂŒhjahr 1874 war er im „Franz-Josef-Land“ soweit nach Norden gezogen wie möglich. Dabei benannte er einen markanten Punkt als „Kap KremsmĂŒnster“.

Franz-Josef-Land, das –

Vergletscherte Inselgruppe im Arktischen Ozean mit einem „Kap KremsmĂŒnster“ im nordöstlichen Teil. Zwischen 1872 und 1874 entdeckt und benannt durch die „Österreichisch-Ungarische Nordpolexpedition“. Gut zwanzig Jahre spĂ€ter genau vermessen vom britischen Polarforscher Frederick G. Jackson. 1926 von der Sowjetunion annektiert, davor Niemandsland, danach militĂ€risches Sperrgebiet. Im Grunde unbewohnt. SpĂ€rliche Vegetation. Lebensraum vorwiegend fĂŒr Robben, Wale und EisbĂ€ren.

Luftschiff, das –

Ein Zeppelin ĂŒberflog 1929 Oberösterreich, drei Jahre spĂ€ter – um einiges spektakulĂ€rer – das „Franz-Josef-Land“ und das Kap KremsmĂŒnster. Die ersten Heißluftballone der BrĂŒder Montgolfier hoben 1783 in Frankreich ab. In KremsmĂŒnster stieg 1788 zum ersten Mal ein Ballon im Konventgarten höher als die Sternwarte auf, um im nĂ€chsten Hof wieder zu landen.

Mammut, das –

Ausgestorbene Gattung der Elefanten, ausgestattet mit beachtlichen StoßzĂ€hnen. Die Spezies scheiterte wahrscheinlich am Klimawandel und ist damit ein Beweis, dass nicht immer die StĂ€rksten ĂŒberleben. Vor einer Million Jahren besiedelten sie den Kontinent bis an die sibirischen Ufer des Arktischen Ozeans und zogen auch durch KremsmĂŒnster.

Palme, die –

BaumĂ€hnliche Pflanze, wuchs schon zur Zeit der Mammuts. Wenn KremsmĂŒnster mitten in der Welt liegt, dann begrenzt die eine Seite ein Eismeer und die andere Seite ein Palmenstrand. Im brasilianischen Bundesstaat Bahia liegt die Diözese Barreiras, die mit dem Stift engstens verbunden ist. Ricardo JosĂ© Weberberger war ab 1979 ihr erster Bischof und als P. Richard Mitglied der hiesigen Klostergemeinschaft seit 1958.

Polarforscher, der –

Julius Payer und Carl Weyprecht erforschten mit ihrem Team den Insel-Archipel „Franz-Josef-Land“. Nationen wie Norwegen, Russland, Italien oder Großbritannien unterstĂŒtzten weitere Expeditionen. Viele suchten den Weg zum Nordpol. Die Anreise der Mannschaften erfolgte mit Schiffen, die meist im Eis stecken blieben und drifteten. Die Erkundungstouren erfolgten in kleinen Gruppen mit Schlitten.

Sterne, drei, goldene –

Keine Auszeichnung fĂŒr das gastronomische Niveau im Markt KremsmĂŒnster um 1900, sondern Hinweis auf die vielen GaststĂ€tten, die dort einen Namen mit „gold“ als Attribut fĂŒhrten (u.a. „Zum goldenen Stern“), und Anspielung auf die „goldenen“ Zeiten, die die Wirte im Markt damals erlebten. Die BĂŒrger trafen sich an Stammtischen und wĂ€rmten sich in den Gaststuben. Soziale Kommunikationsorte, die es 1874 im nördlichen Eismeer nicht gab.

Sternwarte, die –

Vollendet 1758, geplant und errichtet in europĂ€isch-aufgeklĂ€rten Zeiten. KremsmĂŒnster wurde dadurch zum Zentrum der Naturwissenschaften. Mit ihrer Höhe von knapp 50 Metern oft als Ă€ltestes Hochhaus Europas beschrieben. Der Blick von oben ging weniger Richtung Nordpol denn nĂ€chtens zum Sternenhimmel.

Stifter, Adalbert –

Schriftsteller, DenkmalschĂŒtzer, Maler, Schulinspektor. Er liebte den Ort KremsmĂŒnster mit dem Stift und schwĂ€rmte von der Umgebung als ideale Landschaft. 1842 erlebte er eine Sonnenfinsternis, 1858 sah er bei Triest zum ersten Mal ein Meer. Beides bewegte ihn sehr. Stifter starb vier Jahre vor Beginn der „Österreichisch-Ungarischen Nordpolexpedition“.

Tassilokelch, der –

Kultgegenstand, Kulturgut, Museumsobjekt, aufbewahrt im Stift KremsmĂŒnster seit mehr als 1.200 Jahren. Benannt nach dem GrĂŒnder desselben Klosters Herzog Tassilo III., Haupt der Familie der Agilolfinger, AnfĂŒhrer des frĂŒhmittelalterlichen Volkes der Bajuwaren. Er kam nicht als Entdecker, sondern eher als Eroberer der hiesigen Region, die bereits als besiedelt galt.
 
Autor: Siegfrid Kristöfl, KremsmĂŒnster

 

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