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Ines Bernt-Koppensteiner (Hg.): nirgendwohin. TodesmÀrsche durch Oberösterreich 1945. Eine Spurensuche in die Zukunft. Steyr 2015

2015 erschien ein Sammelband, der sich mit den TodesmĂ€rschen ungarischer JĂŒdinnen und Juden und von KZ-HĂ€ftlingen durch Oberösterreich 1945 auseinandersetzt. Anhand von Prozessakten und zahlreichen Interviews beleuchtet der Band das Schicksal dieser Menschen und der Geschehnisse im April 1945, ĂŒber die jahrzehntelang ein Mantel des Schweigens gehĂŒllt war.

April 1945: Quer durch Oberösterreich und nirgendwohin

Als das Großdeutsche Reich immer kleiner und der Streifen, den das Terrorregime noch beherrschte, immer schmĂ€ler wurde, mussten sich Tausende JĂŒdinnen und Juden aus Ungarn auf wochenlangen „TodesmĂ€rschen“ quer durch Österreich schleppen. Das Schicksal dieser Menschen wie auch die Reaktionen der einheimischen Bevölkerung waren bisher fĂŒr Oberösterreich kaum erforscht. Der Band „nirgendwohin. TodesmĂ€rsche durch Oberösterreich 1945. Eine Spurensuche in die Zukunft“, herausgegeben und mit BeitrĂ€gen versehen von Ines Bernt-Koppensteiner schließt diese LĂŒcke. Der Titel "nirgendwohin" deutet auf die Perspektivenlosigkeit jener Menschen hin, die im April 1945 durch den ehemaligen "Gau Oberdonau" getrieben wurden. Sie kannten weder einzelne Etappenziele noch das Endziel.


Im Zentrum der Recherchen von Bernt-Koppensteiner stand das Schicksal der Entrechteten, die von den Schanzarbeiten am sogenannten "SĂŒdost-Wall" oft tagelang ohne Verpflegung quer durch Österreich ins KZ Mauthausen und weiter ins KZ Gunskirchen getrieben wurden. In diesem Zusammenhang wurde aber auch ein Augenmerk auf jene wenigen mutigen Menschen gelegt, die trotz strikter Verbote aus Mitleid versuchten, den Vorbeiziehenden zu helfen. Neben Misshandlungen und Morden gab es eben auch viele hilfsbereite Menschen - meist Frauen - die trotz vehementer Drohungen des Wachpersonals den Mut und die Zivilcourage aufbrachten, den Hungernden und DĂŒrstenden Wasser zu reichen bzw. Essen zuzustecken. Ihnen ist das Buch gewidmet.


Zudem traten die TĂ€ter aus den Reihen der Zivilbevölkerung in den Fokus der Forschung. Die Bewacher dieser entrechteten Menschen stammten aus der Mitte der Gesellschaft: örtliche VolkssturmmĂ€nner und Gendarmen unter Aufsicht einiger SS-Chargen. Die Gefangenen mussten bis zu vierzig Kilometer pro Tag meistens ohne Verpflegung zurĂŒcklegen. Wer nicht mehr weiter konnte, wurde oftmals an Ort und Stelle erschlagen, erschossen oder starb an Erschöpfung im Straßengraben.


Ebenfalls im April 1945 mussten – zeitgleich mit den TodesmĂ€rschen der ungarischen JĂŒdinnen und Juden – geschwĂ€chte KZ-HĂ€ftlinge in endlos langen FußmĂ€rschen den Weg von zehn Außenlagern des KZ-Komplexes Mauthausen im Raum „Groß-Wien“ und zwei Außenlager im Raum Graz zurĂŒck ins Stammlager oder in die Auffanglager Ebensee und Steyr zurĂŒcklegen. Viele von ihnen waren oft bereits mit Evakuierungstransporten aus Auschwitz und anderen Konzentrationslagern vor der vorrĂŒckenden Front ins KZ Mauthausen verschleppt worden und hatten in meist unterirdischen Anlagen fĂŒr die Steyr-Daimler-Puch AG und andere RĂŒstungsbetriebe Zwangsarbeit verrichtet.
Durch das Ennstal zogen außer dem großen Transport noch mindestens vier kleinere Kolonnen, die genau nachgezeichnet werden. Auf der Strecke von Graz bis Micheldorf/Kremstal konnten zwei gleichzeitig marschierende Kolonnen von KZ-HĂ€ftlingen und ungarischen JĂŒdinnen und Juden verifiziert werden.


FĂŒr den Raum Steyr/Sierning gelang es, die Route der tagelang auf Bauernhöfen einquartierten KZ-HĂ€ftlinge der Saurer Werke aus Wien Simmering von der eines Transports ungarisch-jĂŒdischer ZwangarbeiterInnen aus Graz-Liebenau mittels Prozessakten und Aussagen von ZeitzeugInnen zu trennen und das RĂ€tsel um das Massengrab in Sierning zu lösen. Die Wegstrecken der beiden Transporte durch Steyr konnte beschrieben und ein Sammelplatz in Steyr-Gleink lokalisiert werden. Einigen wenigen der namenlos am Straßenrand verscharrten Opfer konnten im Zuge der Recherchen ihre Namen zurĂŒckgegeben werden.


Den Co-Autoren Alexander Schinko und Fritz KÀferböck-Stelzer war es durch ihre Recherche gelungen, neben der bekannten eine zweite Route vom KZ Mauthausen ins KZ Gunskirchen nachzuweisen und die MassengrÀber in Neuhofen/Krems und St. Marien diesem Todesmarsch zuzuordnen.
So wurde es möglich, aus vielen Einzelinformationen ein Bild der verschiedenen "RĂŒckfĂŒhrungsmĂ€rsche" durch Oberösterreich zu zeichnen.


Im Kapitel „erinnern – gedenken – handeln“ fragen sich Waltraud Neuhauser-Pfeiffer und Erwin Dorn, welche Auswirkungen die Erlebnisse aus der Zeit des Nationalsozialismus auf die nachfolgenden Generationen haben, wie an jene Ereignisse erinnert werden kann, damit aus der Gegenwart heraus Zukunft gestaltbar wird und was notwendig ist, um eine Gedenkkultur neuen Formats zu ermöglichen. Sie wollen Anstoß fĂŒr einen neuen pĂ€dagogischen Umgang mit Erinnerungskultur geben. Wie kann zeitgemĂ€ĂŸes Erinnern aussehen? Was ist nötig, um eine neue Gedenkkultur zu ermöglichen und verantwortungsvolles Handeln zu begrĂŒnden? Der Umgang mit der Erinnerung an die Shoa muss neu ĂŒberdacht werden. Der psychoanalytische Blick hielt in den letzten Jahren verstĂ€rkt Einzug in die Erinnerungskultur. Es bedarf neuer Erinnerungsmodelle fĂŒr die dritte und vierte Generation nach dem Holocaust. Aus diesen Fragen soll ein neues pĂ€dagogisches Konzept anhand der Erinnerung an die "TodesmĂ€rsche" entwickelt werden.


Jahrzehntelang lag der Schleier des Vergessenwollens ĂŒber diesen sogenannten "Endphaseverbrechen". Aufschluss ĂŒber einen kleinen Teil dieser Verbrechen geben die wenigen diesbezĂŒglichen Akten der Nachkriegsprozesse in Linz, soweit die TĂ€ter angezeigt wurden. Zeugenaussagen ermöglichten die Zuordnung zahlreicher Berichte der letzten ZeitzeugInnen zu den Routen der TodesmĂ€rsche. Viele, die damals noch Kinder waren, hatten noch nie ĂŒber ihre Beobachtungen gesprochen. Diese verschĂŒtteten Erinnerungen, in 90 Interviews "hervorgeholt", sind neben den Prozessakten die Basis der vorliegenden Publikation. Die AutorInnen leben und arbeiten in der Region, wie es bei der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit vielfach der Fall ist. Es ist zu wĂŒnschen, dass die akademische Forschung und offizielle Erinnerungsstellen solche regionalen Arbeiten mehr beachten. Noch mehr zu wĂŒnschen ist aber, dass das Buch viele anregt, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.


(Dr. Ines Bernt-Koppensteiner)

 

Ines Bernt-Koppensteiner (Hg.): nirgendwohin. TodesmÀrsche durch Oberösterreich 1945. Eine Spurensuche in die Zukunft. Ennsthaler Verlag, Steyr 2015.
Hardcover, 468 Seiten,
Mit zahlreichen Abbildungen und Tabellen.
Beilage: Straßenkarte mit den Routen der TodesmĂ€rsche.
ISBN 978-3-85068-954-0
Preis: € 34,--
http://www.ennsthaler.at

 

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