Forum O√Ė Geschichte

Marchtrenk 1900-1938. Ein kleines Dorf in schwerer Zeit


Die Wahlen. Die B√ľrgermeister

Wahlsystem in der Monarchie

Um das Wahlsystem in der Monarchie besser zu verstehen, beginnen wir mit der ‚ÄěReichs- und Landesvertretung Ober√∂sterreichs‚Äú im Jahre 1900.

I. Der Reichsrat
Der österreichische Reichsrat besteht aus 425 Abgeordneten. Das Kronland Oberösterreich ist in demselben durch 20 Abgeordnete vertreten und zwar entsendet Großgrundbesitz 3, die Städte und Industrieorte 6, die Landgemeinden 7, die Handelskammer 1 und die allgemeine Wählerklasse 3.

II. Der Landtag
Der ober√∂sterreichische Landtag z√§hlt 50 Mitglieder: Der Hochw√ľrdigste Herr Bischof ist als solcher Mitglied; der gro√üe Grundbesitz w√§hlt 10, die St√§dte und Industrieorte w√§hlen 17, die Handelskammer w√§hlt 3 und die Landgemeinden w√§hlen 19 Abgeordnete.

III. Landesausschuss
Landeshauptmann Dr. Alfred Ebenhoch, Linz, sowie die Mitglieder des Landesausschusses.

IV. Gemeinden
Auf Gemeindeebene wurden die W√§hler, je nach der Steuerleistung, in drei Wahlk√∂rper gegliedert. Der erste und zweite Wahlk√∂rper wurde mit nur wenigen Stimmen beherrscht. Der dritte Wahlk√∂rper war f√ľr die Kleinlandwirte und die kleinen Gewerbetreibenden vorgesehen. Der Gemeindevorstand war der B√ľrgermeister, die Gemeinder√§te entsprechen dem Gemeindevorstand bzw. dem Stadtrat heute, die Mitglieder des Gemeindeausschusses entsprechen den heutigen Gemeinder√§ten.

1900
Am 10. August 1900 ist die erste Gemeindeausschuss-Sitzung.
Gegenwärtige: Ernst Becker, Vorsitzender.
Gemeinderäte: Josef Ranzmaier, Martin Aigner, Michael Mair, Josef Bergmann, sowie 8 Mitglieder des Gemeindeausschusses und zwei Ersatzmänner.
Es werden gebildet der Armenrat, der Ortsschulrat, das Vermittlungsamt, Straßenkommissäre, Kassier, Rechnungsrevisoren, Quartiermeister, usw.

1906
Am 22. Juli ist die 1. Gemeindeausschuss-Sitzung.
Gegenwärtige: Josef Ranzmeier, Vorsitzender.
Gemeinderäte: Dr. Josef Holzhey, Ignaz Huber, Martin Mair, Ernst Becker, sowie 11 Mitglieder des Gemeindeausschusses.
Es werden wieder Aussch√ľsse gebildet.
Neu: Wahl der Viehbeschauer.

1912
Am 24. Jänner wurde die Gemeindevertretung gewählt.
Josef Ranzmeier, Gemeindevorstand.
Gemeinderäte: Martin Aigner, Dr. Josef Holzhey, Ernst Becker, Ignaz Huber.
Der Gemeindeausschuss umfasste 13 Mitglieder.

1918
Mit dem Zusammenbruch der Monarchie im Jahr 1918 war der Weg frei f√ľr einen demokratischen Neubeginn. Ein besonderer Fortschritt war, dass am 12. November 1918 das Wahlrecht auf Frauen ausgedehnt wurde.

1919
In Wien hatte sich unter F√ľhrung von Dr. Karl Renner eine demokratische Regierung gebildet und es wurden in der Folge auch die Landesregierungen und die Gemeinden demokratisch erg√§nzt. In Marchtrenk wurden 8 Vertreter der Arbeiterschaft aus drei politischen Parteien dem noch bestehenden Gemeindeausschuss zugeteilt. Der Soldatenrat des Lagers verlangte zwar energisch Sitz und Stimme im Gemeindeausschuss, was aber als gesetzlich nicht begr√ľndet, abgewiesen wurde.
Am 14. J√§nner 1919 wurde in Anwesenheit des Bezirkshauptmannes die Angelobung des Gemeinderates auf den ‚ÄěDeutsch-√∂sterreichischen Staat‚Äú durchgef√ľhrt.
Anwesend waren: Josef Ranzmeier, Gemeindevorstand.
Gemeinderäte: Dr. Holzhey, Ernst Becker und Ignaz Huber.
Ebenso 19 Gemeindeausschussmitglieder. Der Sozialdemokrat Andreas Scherney wurde zum 5. Gemeinderat gewählt.
Am 3. Mai legte Josef Ranzmeier nach 37jähriger Tätigkeit sein Amt nieder.
Am 10. Juni wurden in der konstituierenden Sitzung gewählt:
B√ľrgermeister Dr. Josef Holzhey, Vizeb√ľrgermeister Ignaz Huber und Andreas Scherney.
Gemeinderäte: Ernst Becker, Josef Asböck und Johann Hamader.
Erstmals wird eine Frau (Elise Mattl) Mitglied im Gemeindeausschuss.
Aussch√ľsse: Armenrat, Ortsschulrat, Stra√üenausschuss, Sanit√§tskommission, Approvisionierungsausschuss.

1924
Am 24. April legt der Gemeindevorstand Dr. Holzhey sein Amt aus gesundheitlichen Gr√ľnden nieder.
Am 10. Mai war die 1. Sitzung des Gemeinderates.
B√ľrgermeister: Ignaz Huber, Vizeb√ľrgermeister Josef Asb√∂ck und Andreas Scherney.
Gemeinderäte: Franz Bittermann, Ernst Becker, Johann Hamader.
Neu war der Wohnungsausschuss.
Am 22.12. wurde auf Grund des Bundesgesetzes 413 ein neuer Ortsschulrat konstituiert. Der Ortsschulinspektor wurde durch sechs Vertreter der politischen Parteien abgelöst.

1928
Am 17. März 1928 nahm erstmalig eine Frau (Theresia Zauner) an einer GR-Sitzung teil.

1929
Am 2. Mai war die konstituierende Sitzung.
B√ľrgermeister: Ignaz Huber, Vizeb√ľrgermeister Josef Asb√∂ck und Josef Scherney. GR: Franz Bittermann, Johann Hamader, Ernst Becker.
Es gab eine Einheitsliste und die Sozialdemokratische Partei. Gemeindeausschuss-Mitglied Marian von der NSDAP wurde in einen Unterausschuss gewählt. Er lehnte unter Hinweis auf die Wahlordnung ab.

1919
wurde der Straßenausschuss von 10 auf 14 Mitglieder erweitert.
Die vier Sitze fielen den Sozialisten zu.
 

1934
am 21. April wurde den Gemeinder√§ten vom B√ľrgermeister Asb√∂ck mitgeteilt, dass er ab nun als Regierungskommission√§r amtieren m√ľsse. Ihm beigeordnet war der Gemeindebeirat. Anwesend waren dann Franz Bittermann, Oberlehrer Josef Munsch, Karl Dallinger, Karl Wimmer, Josef Rieder und Franz Aigner.
Weiteres berichtete er √ľber die Aufl√∂sung der Sozialdemokratischen Partei und dass er den Gemeindeausschuss in Marchtrenk aufl√∂sen m√ľsse, da dieser beschlussunf√§hig geworden ist.

1937
Am 10. Juni wurden auf Grund eines Erlasses der Landesregierung vom 20.5. drei Herren als Arbeitnehmervertreter in den Gemeindetag berufen.
Am 11. Dezember starb im 74. Lebensjahr der Altb√ľrgermeister Ignaz Huber. Zwei Tage sp√§ter wurde der Enkel aus dem fahrenden Zug geschleudert, wo er dann tot liegen blieb. Gro√üvater und Enkel wurden am selben Tag zu Grabe getragen.

1938
Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in √Ėsterreich am 13. M√§rz 1938 und der damit verbundenen Eingliederung unseres Heimatlandes √Ėsterreich als ‚ÄěOstmark‚Äú in das Deutsche Reich, kam es wie in allen √ľbrigen Orten zu einer v√∂lligen Neubesetzung der Gemeindevertretung. Der Gemeindetag wurde aufgel√∂st. Herr Hans Becker war ‚Äď aus Verantwortung f√ľr die Gemeinde - in den ersten 3 Tagen provisorischer B√ľrgermeister in Marchtrenk. Es folgte als B√ľrgermeister: Franz Rathmoser, Gemeinder√§te: Dr. Hans Holzhey, Hans Becker, Hans G√∂schl, Hans Aigner, Josef Eiselberger, Josef Wiesleitner.
Am 20. Oktober trat der neue Gemeindetag zusammen.
B√ľrgermeister: Franz Rathmoser, Beigeordnete: Dr. Hans Holzhey, Martin Aigner, August Eiselberger. 9 Gemeinder√§te.

Text: Reinhard Gantner, 2018
 


"Marchtrenk 1900-1938. Ein kleines Dorf in schwerer Zeit" - Dokumentation einer Ausstellung des Museumsvereins Marchtrenk - Welser Heide vom 20. bis 28. Oktober 2018 im Full Haus Marchtrenk.

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