Forum OÖ Geschichte

Marchtrenk 1900-1938. Ein kleines Dorf in schwerer Zeit


Wirtschaft

Da es aus dieser Zeit keine Branchenverzeichnisse und keine TelefonbĂŒcher gibt, haben wir uns an das Archiv der Wirtschaftskammer in Wien und an die Wirtschaftskammer Oberösterreich, Bezirksstelle Wels gewandt, um NĂ€heres ĂŒber die Marchtrenker Betriebe zu erfahren. Diese konnten uns jedoch nicht helfen. Ganz allgemein ist festzuhalten, dass die Firmen - auch heute noch - keinen großen Wert darauf legen, dass man sie spĂ€ter einmal noch kennt. Es gibt - auch von grĂ¶ĂŸeren Firmen - keine Firmenchroniken, keine Muster der Erzeugnisse, keine Prospekte, ganz wenige Fotos. So verschwinden große und kleine Firmen rasch aus dem GedĂ€chtnis unserer Stadt. Wollen wir das?

Industrie

Die 1872 in Brandeln bei Wels gegrĂŒndete Streichgarn- (Schafwoll-)- Spinnerei Ernst Becker begann bald danach mit der Fabrikation von Kunstwolle. Nach ihrer Verlagerung nach Marchtrenk stellte sie die Produktion auf Haargarne (Kuh- und Ziegenhaare) fĂŒr die Herstellung von Teppichen um. Um die Jahrhundertwende hatte sie 82 ArbeiterInnen. 1895 wurde ĂŒber Betreiben des Gemeindevorstehers und Fabrikanten Ernst Becker die erste BrĂŒcke ĂŒber die Traun aus Privatmitteln errichtet. 1908 baute das Unternehmen ein eigenes E-Werk, das auch die gesamte Ortschaft Marchtrenk mit Strom versorgte.
Die Firma Becker war ĂŒber 100 Jahre der Leitbetrieb von Marchtrenk. Die Familie Doppelbauer – und dafĂŒr bedanken wir uns sehr – hat uns zahlreiche GeschĂ€ftsunterlagen, Bau- und LageplĂ€ne, Produktionsziffern, Fotos, etc. in großem Umfang zur VerfĂŒgung gestellt. Es besteht die Absicht in den nĂ€chsten Jahren ĂŒber diese Firma und ihre Verdienste fĂŒr die Gemeinde Marchtrenk eine Ausstellung zu gestalten.

Die Schafwollweberei und Strickwarenfabrik Johann Weinzirl, gegrĂŒndet 1866, war mit der Firma Welser Tuch- und Deckenfabrik W. Weinzirl wirtschaftlich eng verbunden. Das 1906 gegrĂŒndete Unternehmen geriet nach dem I. Weltkrieg in Schwierigkeiten und beide Betriebe mussten 1928 den Betrieb einstellen.

Die Linzer Permanganatfirma AG errichtete in Marchtrenk 1923 eine Buchenholz-Verkohlungsanlage zur Erzeugung von EssigsĂ€ure und Reinmethyl. Mit insgesamt 300 BeschĂ€ftigten erwirtschaftete die Firma 1923 inflationsbedingt einen hohen Gewinn (1,27 Milliarden). Nach einem Riesenverlust musste das Marchtrenker Werk 1926 verkauft werden. Es kam zu einer NeugrĂŒndung in Marchtrenk auf dem GelĂ€nde des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers. Nach großen finanziellen Schwierigkeiten wurde die Firma 1927 liquidiert.

Von der Firma „Metallwarenfabrik F.G. Schopf“ wissen wir nicht sehr viel. 1891 wurde sie im Ortsteil Au errichtet. 1933 stillgelegt.

MĂŒhlen
Bei unserer Ausstellung “Nach dem Krieg, 1945 – 1955” sind wir in sehr umfangsreich auf die zahlreichen Marchtrenker MĂŒhlen eingegangen, weshalb sie diesmal fehlen.

Steuern
Neben den allgemeinen Steuern (Grundsteuer, Lustbarkeitsabgabe, Steuern fĂŒr Landeszwecke, usw.) gab es auch von der Gemeinde beschlossene.

  • Hundesteuer: Hier wurde unterschieden zwischen Haushund und Luxushund. Hunde fĂŒr Gewerbetreibende die „zum Zuge benötigt“ wurden waren steuerfrei.
  • Verbrauchabgabe fĂŒr Sodawasser, Limonade, etc. 1933 eingefĂŒhrt, durfte sie nicht auf den Preis aufgeschlagen werden. Die Steuer war von den Erzeugern zu tragen.
  • Fahrradsteuer: im Jahr 1933 suchten von den 995 Bewohnern 340 Leute um Herabsetzung der Steuer (5 Schilling pro Jahr) an.

 

Gastronomie
Da gibt und gab es die WirtshĂ€user die jeder kennt: Fischer, Pölzl, Roitmeier, Kumpl, Ransmayr („Ufermann“), Schmid (frĂŒher Katzensteiner, dann Ranseder).
Es gab aber auch WirtshÀuser, die Vergangenheit sind und fast keiner mehr kennt: Schrangl, Pöstinger, Wiesinger, Preining, Schön, Wurm, Linimair.

Handel und Gewerbe
Unser Mitglied Richard Zwiellehner hat sich bereit erklÀrt die Kleinbetriebe, die bereits in seiner Kindheit bestanden, aufzuschreiben. Sowohl bei den Namen, wie auch bei der zeitlichen Einordnung, können Fehler gegeben sein. Reden sie mit uns!

  • LebensmittelgeschĂ€fte: Das ist die grĂ¶ĂŸte Gruppe. Die Menschen mussten fast alles zu Fuß erledigen, weshalb es auch in den Ortsteilen GeschĂ€fte gab. Hier die Auflistung: Aigner, Althuber, Binder, Hochmeier, Hofwimmer, Königsberger, KONSUM, Lang, Lonauer, Rathmoser, Wimmer.
  • BĂ€cker: Asböck, Pucher, Stiegelmeier, Zopf
  • Brunnenbau: Warsch
  • Fassbinder: Beisl
  • Friseure: Petz, Messerschmidt
  • Futtermittel: Angerlehner
  • Fleischer: Baumgartner, Hauser, Hillitzer
  • Glaserer: Petz
  • Holz und Kohlen, Landprodukte: Brunmayr, Haidinger, Wurm
  • Maler: Berg
  • Rauchfangkehrer: Malte, Marko
  • SĂ€gewerk, Zimmerei, Holzhandel: Baumgartner, Fellinger
  • Sattler: Lehner, Max Fritz
  • Schmied: Ebner, Eichmeier, Haberfellner
  • Schneider: Blaschek, Meier, Petersdorfer, Samhaber, Warsch
  • Schuster: Andlinger, Bachlmeier, Lachmeier, Mitterbauer, Woutschuk
  • Strickereibetrieb: Neundlinger
  • Tabak: Althuber, Reisinger, Voraberger
  • Tankstelle: Ebner, Lang, Petz
  • Taxi: Hofwimmer
  • Tischler: Kirchmeier, Kumpl, Pöstinger (war auch Bestatter), PĂŒhringer, Rathmoser
  • Uhrmacher: Krieg
  • ViehhĂ€ndler: Breitwieser
  • Wagner: Kiemeswegner


Text: Reinhard Gantner, 2018
 


"Marchtrenk 1900-1938. Ein kleines Dorf in schwerer Zeit" - Dokumentation einer Ausstellung des Museumsvereins Marchtrenk - Welser Heide vom 20. bis 28. Oktober 2018 im Full Haus Marchtrenk.

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