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Marchtrenk 1900-1938. Ein kleines Dorf in schwerer Zeit


Evangelisch 1900-1938

Evangelisch in Österreich – ein geschichtlicher Schnelldurchlauf bis 1938
Um 1580 ist Österreich zu 80 Prozent protestantisch. Auch die alte Pfarrkirche in Marchtrenk wird mehrere Jahre von evangelischen PrĂ€dikanten betreut. Ab 1602 beginnt fĂŒr die Evangelischen die harte Zeit der Gegenreformation. Mit Verbot und UnterdrĂŒckung, Ausweisung und Haftstrafen fĂŒr den Besitz von verbotenen evangelischen BĂŒchern. Es ist die Zeit des Geheimprotestantismus, man gibt sich nach außen katholisch (um nicht das Land verlassen zu mĂŒssen), hĂ€lt aber an seinem evangelischen Glauben fest. Perwend, hier besonders die Menschen rund um den „Schoiber z`Perwend“, ist ĂŒber 150 Jahre solch ein Zentrum des Geheimprotestantismus.

1781 gestattete Kaiser Josef II die Errichtung von evangelischen Pfarrgemeinden. Bedingung: es mĂŒssen sich jeweils 500 Evangelische zu ihrem Glauben bekennen und registrieren lassen (Toleranzpatent). Eine Pfarrgemeinde grĂŒnden heißt, BethĂ€user und Schulen errichten zu dĂŒrfen. Die ersten in unserer Gegend sind Scharten, Thening, Wels, Wallern und Eferding. Sie nennen sich noch heute stolz Toleranzgemeinden.

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wird es fĂŒr die GlĂ€ubigen zunehmend besser. Ab 1848 darf man evangelische Kirchen mit Turm und mit als solche erkennbaren Kirchenfenstern bauen (die Christuskirche in Wels ist die erste evangelische Kirche in Österreich mit Turm – eingeweiht 1852).

Richtig bergauf geht es dann ab 1861 mit dem Protestantenpatent von Kaiser Franz Josef I. Hierin wird die persönliche und kirchliche Gleichstellung der Evangelischen verbĂŒrgt. Waren bisher die Habsburger nicht unbedingt die Lieblinge der Evangelischen (Gegenreformation), Ă€ndert sich diese Einstellung nun grundlegend. Man entwickelt aus Dankbarkeit eine große Kaisertreue, die auch die anfĂ€ngliche Begeisterung der evangelischen Kirche und vieler ihrer Mitglieder fĂŒr die Kriegsentscheidung 1914 erklĂ€rt.

Nach dem Kriegsende 1918 gibt es keinen Kaiser mehr und das alte große Vaterland ist zerbrochen. Was ĂŒbrig bleibt ist Orientierungslosigkeit. Der Garant der evangelischen Kirche ist entmachtet, die Zukunft unklar und unsicher. In den 1920er Jahren folgen Inflation, Massenarbeitslosigkeit und große wirtschaftliche Not, die die Menschen zunehmend politisch radikalisiert: hier die Sozialdemokratie mit dem Schutzbund und da die Christlichsozialen mit der Heimwehr. Evangelische fĂŒhlen sich nicht wirklich zu einer der beiden bestimmenden politischen KrĂ€fte hingezogen.

1933 wird das Parlament aufgelöst, Zensur und Todesstrafe werden wieder eingefĂŒhrt. Ein autoritĂ€r gefĂŒhrter Staat, der StĂ€ndestaat, ist etabliert. Durch ein Konkordat bindet sich die Regierung unter Bundekanzler Dollfuß eng an die katholische Kirche.

Evangelische erleben sich in dieser Zeit wieder als Menschen zweiter Wahl. Sie berichten von Benachteiligungen bei der Postensuche, der Berufsausbildung und von großen Schwierigkeiten in eine höhere Schule aufgenommen zu werden oder gar einen Studienplatz zu bekommen. Manche sprechen von einer zweiten Gegenreformation.

Trotzdem erhöht sich in dieser Zeit die Anzahl der Evangelischen in Österreich sprunghaft. Gab es 1900 ca. 110.000 Evangelische in Österreich (ohne die KronlĂ€nder) so sind es 1938 bereits 341.000 (heute 2018 knapp 300.000).

Es sind nicht immer religiöse Motive die zum Eintritt in die Evangelische Kirche bewegen. In dieser Zeit ist es notwendig, bei Ämtern und bei Bewerbungsschreiben, die Religionszugehörigkeit anzugeben. Menschen mit politischem Hintergrund, denen die NĂ€he der katholischen Kirche zu den Christlichsozialen zu eng ist, entscheiden sich fĂŒr die Evangelische Kirche (vor allem Sozialdemokraten, aber auch Deutschnationale).

Trotz des rechnerischen Zuwachses befindet sich zu dieser Zeit die evangelische Kirche in einer IdentitĂ€tskrise. Die Spannungen, die im katholisch dominierten StĂ€ndestaat ab 1933 noch eine deutliche VerschĂ€rfung erfahren, fĂŒhren wohl zu dieser stĂ€rker werdenden Orientierung vieler Evangelischer nach Deutschland und einer gewissen Sympathie fĂŒr das, was sich dort zusammenbraut. Viele wollen eine Neuordnung und diese Bereitschaft fĂŒhrt mancherorts zu einer eher blinden Offenheit gegenĂŒber dem Nationalsozialismus.

Lang hĂ€lt diese Begeisterung nicht an, noch 1938 mĂŒssen alle konfessionellen Schulen schließen, der Religionsunterricht wird fĂŒr unverbindlich erklĂ€rt und den Kirchen wird der öffentliche Geldhahn zugedreht (Start der Kirchensteuer). Diese Regelungen fĂŒhren bei vielen in der evangelischen Kirche zur ersten ErnĂŒchterung, bevor die furchtbare Entwicklung sich ausbreitet und direkt von der Katastrophe des Ersten Weltkrieges in die des Zweiten Weltkrieges fĂŒhrt.

Text: Walter Wöhrer, 2018

Evangelisches Leben in Marchtrenk bis 1938

VolkszÀhlung 1900

Evangelisch A.B.

Römisch Katholisch

Gesamt

Marchtrenk (Ort)

94

765

 

Au

16

281

 

Kappern

7

168

 

Leiten

25

130

 

Mitterperwend

40

24

 

Niederperwend

39

66

 

Oberneufahrn

28

40

 

Unterhart

45

125

 

Summe

294 15,5%

1599 84,5%

1893

VolkszÀhlung 1910

432 17,5%

2032 82,5%

2464

Ab 1870 war die Gleichberechtigung der Religionen auch in Marchtrenk angekommen. Es war ein mehr oder minder friedliches und respektvolles Miteinander. Marchtrenk war eine eher liberale und keine fanatisierte politische Gemeinde. Die Ortsvertretungen waren durchmischt, BĂŒrgermeister war seit 1894 der evangelische Fabrikant Ernst Becker.

BegrÀbnisse

Sterben in Marchtrenk - begraben werden im evangelischen Friedhof in Wels. So war die Situation bis 1961. FĂŒr die evangelischen Marchtrenker war eine Bestattung am Marchtrenker Pfarrfriedhof nicht möglich. Sogar die kleine Aufbahrungshalle beim Friedhofseingang stand nicht zur VerfĂŒgung. Die Toten wurden zu Hause aufgebahrt bis die ÜberfĂŒhrung zum BegrĂ€bnis nach Wels erfolgte. Erst 1929 hat BĂŒrgermeister Scherney durchgesetzt, dass die Evangelischen die katholische Aufbahrungshalle mit verwenden dĂŒrfen (die Gemeinde hatte 700 Ziegel fĂŒr den Ausbau der Aufbahrungshalle in Aussicht gestellt – wenn diese Bedingung erfĂŒllt wird).

Kirchenbesuch
Die Marchtrenker Evangelischen waren ĂŒberwiegend der Pfarrgemeinde Wels zugehörig. Nördlich des Perwenderbaches gehörten sie zur Pfarre Scharten und östlich der heutigen BĂ€renstraße zur Pfarre Thening. Die Entfernungen wurden in Gehzeiten gemessen: rund 1,5 Stunden Gehzeit bis zur Kirche, so ergaben sich die Pfarrgrenzen.
Die Marchtrenker absolvierten ihre KirchgĂ€nge – und das meist im wörtlichen Sinne – in Gruppen. Man wusste wo wer dazu stoßen wird und nĂŒtzte den Kirchweg zum Besprechen und Austauschen von Neuigkeiten. Siegfried Schatzl berichtet sein Vater ist jeden Sonntag, bei jeder Witterung, zu Fuß nach Wels in die Kirche gegangen (vom Salzschneiderhaus in Neufahrn).

Gemeindevertreter – Presbyter
Evangelische Marchtrenker BĂŒrger waren in den Pfarrgremien in Wels, Scharten und Thening stark engagiert.

Am Beispiel Presbyterium Wels 1902:

  • Martin Rittenschober (Schoiber zu Perwend)
  • Martin Wurm (Niederwimmer zu Neufahrn).


In der Welser Gemeindevertretung der gleichen Wahlperiode:

  • Adam Eder (Privater aus Neufahrn),
  • Paul Hausleithner (Privater aus Mitterperwend),
  • Franz Jungreithmeir (Wiesleitner zu Neufahrn),
  • Josef Niedertremml (Gartner zu Niederperwend),
  • Friedrich Haselauer (Lehrer),
  • Ernst Becker (Fabrikant)
  • Martin Aigner (Oberwimmer zu Neufahrn).


Text: Walter Wöhrer, 2018
 


"Marchtrenk 1900-1938. Ein kleines Dorf in schwerer Zeit" - Dokumentation einer Ausstellung des Museumsvereins Marchtrenk - Welser Heide vom 20. bis 28. Oktober 2018 im Full Haus Marchtrenk.

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