Forum OÖ Geschichte

Lauriacum – Enns


Der antike Ortsname Lauriacum ist keltischer Herkunft und bedeutet „(Siedlung) bei den Leuten des Laurios“. Durch Lautverschiebung und Monophthongierung ist daraus der Name des Ennser Stadtteiles Lorch entstanden und so bis heute erhalten geblieben. Bis jetzt konnte keine vorrömische Siedlung lokalisiert werden, vielleicht liegt sie unter dem jetzigen Stadtzentrum von Enns.

Eine hier ansĂ€ssige keltische oder zumindest keltisierte Bevölkerung ist in römischer Zeit fassbar. Beispielsweise ließ Privatius Silvester fĂŒr sich und seine mit zwölf Jahren verstorbene Tochter Privatia Silvina um 100 n. Chr. eine Grabstele anfertigen. Sie ist nach römischer Art und in römischen Formen gestaltet, eine lateinische Inschrift berichtet ĂŒber Vater und Tochter, beide haben römisch klingende Namen, tragen jedoch einheimische Tracht.

Römisches Verkehrsnetz
Entlang der beiden FlĂŒsse Donau und Enns, die bereits in vorrömischer Zeit bedeutende Handelswege waren, entwickelten sich auch Straßen. Bei Enns traf die wichtigste Ost-West-Verbindung auf eine Nord-SĂŒd-Route, die nach Norden ins Tal der Moldau und nach SĂŒden ĂŒber die Alpen fĂŒhrte. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Lauriacum im 3. Jahrhundert im Itinerarium Antonini als Straßenstation an der Route von Germanien nach Pannonien und als Endpunkt der von Aquileia ĂŒber die Alpen an die Donau fĂŒhrenden Straße genannt wird.

Erste römische Siedlungen
In der zweiten HĂ€lfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. entstand nördlich des Georgenberges eine Siedlung an der heutigen Mauthausener Straße, die wie die Stadelgasse und die Bundesstraße im Wesentlichen dem Verlauf des Ost-West-Verkehrsweges, der sogenannten Limesstraße, folgt. Aus dem spĂ€ten 1. Jahrhundert n. Chr. stammt die Ă€lteste römische Inschrift aus Enns, die die Anwesenheit mehrerer Angehöriger der Barbii, einer HĂ€ndlerfamilie aus dem wichtigen Adriahafen Aquileia, bezeugt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat daher bereits damals in Lauriacum eine Handelsniederlassung bestanden. Die Siedlung dehnte sich im 2. Jahrhundert weiter nach Westen aus. Die auf einer nach SĂŒden zu anschließenden Terrasse gelegenen WohnhĂ€user einer wohlhabenden Bevölkerungsschicht waren mit Stuckdekorationen und Wandmalerei ausgestattet. Das Deckenfresko mit einer Darstellung von Amor und Psyche im Zentrum und Personifikationen der Jahreszeiten in den Eckzwickeln, das bei den Grabungen des Bundesdenkmalamtes in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts gefunden wurde, befindet sich nach der Restaurierung wieder an einer Decke angebracht im Museum Lauriacum.

Legionslager in Lauriacum
Entscheidende Bedeutung fĂŒr die weitere Geschichte von Lauriacum hatte die Stationierung der legio II Italica. Diese Infanterieeinheit mit einer SollstĂ€rke von ca. 6000 Mann, darunter 120 Reiter, errichtete zuerst östlich der EnnsmĂŒndung bei Albing im Gemeindegebiet von St. Pantaleon ein Lager, das vielleicht nie fertiggestellt, sondern wieder aufgegeben wurde. Der Zeitpunkt der Verlegung der Legion und der Beginn des Lagerbaus in Enns sind unbekannt. BruchstĂŒcke mehrerer Bauinschriften deuten darauf hin, dass wichtige Arbeiten in den ersten Jahren des 3. Jahrhunderts abgeschlossen waren. Der aus dem Senatorenstand stammende Kommandant der Legion (legatus legionis II Italicae) ĂŒbernahm, wie in Provinzen mit nur einer Legion ĂŒblich, zugleich die Aufgaben und die Funktion des Statthalters als legatus Augusti pro praetore provinciae Norici. Lauriacum war als Standort der Legion wichtigster militĂ€rischer StĂŒtzpunkt an der Donaugrenze zwischen Passau und Wienerwald, Sitz des Oberbefehlshabers aller TruppenverbĂ€nde in Noricum und Hauptstadt dieser Provinz.

Das Legionslager hat die Form eines Parallelogrammes mit einer LĂ€nge von 539 m und einer Breite von 398 m, sodass sich eine FlĂ€che von ca. 21,5 ha ergibt. Die Umfassungsmauer, von deren aufgehendem Mauerwerk nichts mehr vorhanden ist, war mit vier Eck- und 26 ZwischentĂŒrmen sowie vier Toren versehen, die von jeweils zwei TortĂŒrmen gesichert wurden. WĂ€hrend der Großteil des Lagerareals heute verbaut ist, lĂ€sst die im GelĂ€nde erhaltene Nordecke mit der vorgelegten Grabenanlage die einstige Dimension noch gut erkennen. ReprĂ€sentativen Charakter hatte das ZentralgebĂ€ude (principia) mit dem Lagerforum und dem Fahnenheiligtum (aedes), wo die Feldzeichen der Legion und die Götter- und Kaiserstatuen untergebracht waren, vor denen an Festtagen die Opferhandlungen stattfanden. SĂ€ulenhallen sĂ€umten die Lagerhauptstraße. Von den Innenbauten des Legionslagers sind weiters die Kasernen zur Unterbringung der LegionĂ€re, das Lagerbad und das nördlich davon liegende Lazarett (valetudinarium) erwĂ€hnenswert. Hier hat man im spĂ€ten 4. oder 5. Jahrhundert in einem Korridor durch entsprechende Einbauten einen frĂŒhchristlichen Kirchenraum eingerichtet. Es ist möglich, dass es sich bei dieser Kirche und dem weiter benĂŒtzten GebĂ€udekomplex des ehemaligen Lagerspitals um den Sitz des aus der Vita Severini bekannten Bischofs Constantius aus der Zeit um 480 handelt. Die im Hochmittelalter umgebaute und wiederholt erweiterte Kirche Maria am Anger wurde 1792 abgetragen. Die Notitia dignitatum aus dem frĂŒhen 5. Jh., eine Art Staatshandbuch und Amtsschematismus des spĂ€trömischen Reiches, erwĂ€hnt in Lauriacum den Kommandanten der nunmehr auf drei Kastelle aufgeteilten legio II Italica. ZusĂ€tzlich gab es hier einen StĂŒtzpunkt der römischen Donauflotte, der classis Lauriacensis, unter einem eigenen Befehlshaber. Weiters arbeitete eine Schildfabrik (fabrica scutaria), die vielleicht im Legionslager untergebracht war, fĂŒr das MilitĂ€r.

Stadtrecht fĂŒr Lauriacum?
Obwohl in Enns mehrere BruchstĂŒcke von Bronzetafeln mit Inschriftenfragmenten eines Stadtrechtes gefunden wurden, ist der Rechtsstatus einer Stadt fĂŒr Lauriacum nicht gesichert, denn es fehlen inschriftliche Belege fĂŒr stĂ€dtische Beamte oder Verwaltungsstrukturen.

Zivilsiedlung
Der zivile Siedlungsbereich umfasste das Gebiet zwischen Stadtberg und Kristein, Eichberg und Enghagen. Ein Großteil der FlĂ€che des Zentrums unmittelbar westlich des Legionslagers ist durch den Friedhof um die Basilika St. Laurenz der archĂ€ologischen Forschung entzogen. SĂŒdlich davon liegt ein auf drei Seiten von Hallen und RĂ€umen umgebener 57 x 64 m großer trapezförmiger Platz, der als forum venale bezeichnet wird. Dichte Verbauung mit stĂ€dtischem Charakter ist nur hier ansatzweise zu beobachten. Sonst dominiert eine lockere Anordnung von HĂ€usergruppen oder ĂŒberhaupt einzelstehender Bauten mit Magazinen, kleinen LĂ€den, WerkstĂ€tten und Handwerksbetrieben, die fĂŒr den lokalen Bedarf arbeiteten. Die oft in Fachwerktechnik errichteten GebĂ€ude hatten maximal ein Obergeschoß, einzelne RĂ€ume waren beheizbar. Daneben gab es grĂ¶ĂŸere villenartige Wohnbauten mit Hypokaustanlagen, Hausthermen und aufwĂ€ndiger, komfortabler Ausstattung bis hin zu polychromer Freskobemalung. Die zum Teil mit einem Kanalsystem ausgestatteten Straßen besaßen nur einen einfachen Schotterbelag. Nördlich des Legionslagers reichte die Besiedlung bis an die frĂŒheren Donauarme. Die GebĂ€ude waren einfacher ausgefĂŒhrt, meistens verfĂŒgte nur ein Raum ĂŒber eine Heizanlage, die WĂ€nde bestanden aus Holz oder Holzfachwerk. Möglicherweise haben wir hier die eigentliche Lagervorstadt, die canabae legionis, vor uns. Die Ergebnisse der archĂ€ologischen Untersuchungen lassen auf zwei großflĂ€chige Zerstörungen der zivilen Siedlung schließen. WĂ€hrend unmittelbar nach der frĂŒheren Katastrophe in der zweiten HĂ€lfte des 3. Jahrhunderts der Wiederaufbau einsetzte, wurden nach der zweiten Zerstörung gegen Ende des 4. Jahrhunderts nur noch einzelne HĂ€user, oft sogar nur mehr einzelne RĂ€ume, wieder bewohnt. Auf Grund der zunehmend unsicheren Lage zog sich die Bevölkerung ins Legionslager zurĂŒck, das den Charakter einer bewehrten zivilen Siedlung innerhalb der noch immer wehrhaften Mauern annahm. Im Fundmaterial lĂ€sst sich die Anwesenheit germanischer Gruppen erkennen.

Die Ă€ltesten Bestattungen aus dem 1. und frĂŒhen 2. Jahrhundert finden sich entlang der Limesstraße an der heutigen Stadelgasse. Mit dem Anwachsen der Siedlung verlagerten sich die GrĂ€berbezirke nach Westen in den Bereich von Kristein. GrĂ€berfelder gab es auch am Georgenberg und am Steinpass nordöstlich des Legionslagers. Die spĂ€tantiken Friedhöfe auf dem Espelmayrfeld sĂŒdlich der Siedlung und auf dem Ziegelfeld in unmittelbarer NĂ€he des Lagers wurden bis ins 5. Jahrhundert belegt. Einzelne spĂ€te Bestattungen liegen verstreut innerhalb des ehemaligen zivilen Siedlungsareals, das bereits verlassen und in Verfall begriffen war.

Heiliger Florian
In Lauriacum wurde Florian, der einzige namentlich bekannte Martyrer Österreichs aus frĂŒhchristlicher Zeit, hingerichtet: nach Verhör und Folter stĂŒrzte man den ehemaligen Kanzleichef des zivilen Statthalters wegen seines standhaften Bekenntnisses zum Christentum am 4. Mai 304 mit einem Stein um den Hals von der EnnsbrĂŒcke in den Fluss.

Römische Kaiser in Lauriacum
Die Anwesenheit römischer Kaiser in Lauriacum ist zweimal durch ErwĂ€hnungen in schriftlichen Quellen gesichert. Kaiser Constantius II. ließ hier am 24. Juni 341 einen Erlass ausfertigen, der Aufnahme in die wichtigen Gesetzessammlungen Codex Theodosianus und Codex Iustinianus gefunden hat. Von einem Aufenthalt des Kaisers Gratianus im Jahre 378 berichtet der spĂ€tantike Historiker Ammianus Marcellinus.

Basilika St. Laurenz
Ein an der GelĂ€ndestufe zur Donauniederung und damit in bevorzugter Position am Rand des Siedlungszentrums befindliches GebĂ€ude wurde von 1960 bis 1966 unter der heutigen Basilika St. Laurenz freigelegt. Die in der Unterkirche zugĂ€nglichen konservierten Baureste gehören zu einem Komplex, der wahrscheinlich als Wohnhaus des Legionskommandanten und Provinzstatthalters anzusprechen ist. Vielleicht ist auch das 1765 westlich der Kirche entdeckte und bisher einzige bekannte, aber nicht erhaltene Fußbodenmosaik aus Enns dieser Anlage zuzuweisen. Nach verschiedenen Umbauten erfolgte im 4. Jahrhundert der Einbau eines beheizbaren Apsidensaales fĂŒr ReprĂ€sentationszwecke, dessen Umgestaltung zu einer frĂŒhchristlichen Kirche vermutlich ins 5. Jahrhundert zu datieren ist. Sie besaß eine neu errichtete grĂ¶ĂŸere Apsis, eine freistehende Klerikerbank, einen Altar und ein Bodengrab zur Aufnahme eines Reliquiars. UrsprĂŒnglich war dort wahrscheinlich ein Steinossuar mit den mutmaßlichen Reliquien der GefĂ€hrten des hl. Florian untergebracht, das heute in den neuen Hauptaltar der Lorcher Basilika integriert ist. Vom spĂ€tantiken Stoff, der die Gebeine bei der Entdeckung im gotischen Hochaltar im Jahre 1900 bedeckt hat, ist ein Fragment erhalten geblieben. Der fĂŒr Österreich singulĂ€re Fund wird im Museum Lauriacum aufbewahrt.

SpÀtantike
Einen Einblick in die VerhĂ€ltnisse um 480 bietet die so genannte Vita Severini, das von Eugippius im Jahre 511 abgeschlossene commemoratorium (Gedenkschrift) ĂŒber den hl. Severin. Der Heilige hielt sich mehrmals in Lauriacum auf. Er versammelte die BedĂŒrftigen in einer Basilika, bei der es sich vielleicht um die VorgĂ€ngerkirche der heutigen Laurentiuskirche handelt, um Olivenöl zu verteilen, das in römischer Tradition immer noch zur Bereitung der Speisen verwendet wurde. Ein drohender germanischer Überfall konnte durch das energische Auftreten Severins vereitelt werden: Er ermahnte Bischof Constantius, der auch die Verteidigung der Stadt im Legionslager leitete, zu erhöhter Wachsamkeit bei der Bewachung der Mauern. Lauriacum ist der einzige gesicherte spĂ€tantik-frĂŒhchristliche Bischofssitz an der österreichischen Donau.

Innerhalb der schĂŒtzenden Lagermauern scheint die romanische christliche Bevölkerung die Völkerwanderungszeit ĂŒberstanden zu haben. Die um 900 genannte civitas Lahoria – leicht ist der Bezug zum antiken Namen Lauriacum zu erkennen – und die Laurentiuskirche bildeten den Ausgangspunkt fĂŒr die Entwicklung zur heutigen Stadt Enns. Die baulichen Überreste der antiken Siedlung wurden als willkommene Lieferanten fĂŒr Baumaterial ausgebeutet und zum Leidwesen der ArchĂ€ologen bis auf die Fundamente abgetragen. So steht das mittelalterliche und frĂŒhneuzeitliche Enns im wahrsten Sinn des Wortes auf römischen Wurzeln.

Museum Lauriacum
Ein Teil der bei den archÀologischen Grabungen geborgenen eindrucksvollen Funde ist in der Schausammlung des Museum Lauriacum, das im ehemaligen Rathaus der Stadt Enns am Hauptplatz untergebracht ist, dem interessierten Publikum zugÀnglich.


Autor: Reinhardt Harreither, 2006

 

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