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Die ersten Anzeichen der Reformation in Oberösterreich (~ 1520–1527)


Glaube als Halt
Am Beginn des 16. Jahrhunderts war in Oberösterreich, wie in ganz Mitteleuropa, eine starke Sehnsucht nach religiöser Orientierung spĂŒrbar. Verunsichert durch die geistigen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen UmbrĂŒche der Zeit und verstört durch die Ohnmacht gegenĂŒber alten Bedrohungen wie der Pest, suchten die Menschen nach Halt in der Religion.

Ihren bis heute unĂŒbersehbaren Ausdruck fand diese Sehnsucht in einem „Kirchenbauboom“ – so entstanden spĂ€tgotische Hallenkirchen etwa in Steyr, Eferding und Braunau – und in der Schaffung von Kunstwerken wie den großen FlĂŒgelaltĂ€ren (Kefermarkt, St. Wolfgang u. a.) in den Jahren unmittelbar vor Beginn der Reformation.

Besonders groß war die Sehnsucht nach klaren theologischen Aussagen zur Frage nach Heil oder Verdammnis, wie sie vor allem in den StĂ€dten von Predigern aus den Reihen der Bettelorden (Minoriten, Dominikaner, Augustinereremiten u. a.) oft in radikaler SchĂ€rfe vorgetragen wurden. Unter diesen UmstĂ€nden fielen die Lehren Martin Luthers auf fruchtbaren Boden. Luther war als Augustinereremit selbst Angehöriger eines Bettelordens und rang wie viele seiner Zeitgenossen um biblisch begrĂŒndete Antworten zur Frage nach dem Seelenheil. Seine Aussagen zu Fragen der Buße, der Rechtfertigung des SĂŒnders und der persönlich verantworteten Frömmigkeit, besonders aber zur Gnade Gottes, sowie seine kritische Haltung gegenĂŒber der kirchlichen Ablasspraxis entsprachen genau dem, was viele ersehnten.

Mönche und Priester als erste AnhÀnger
In Oberösterreich griffen wohl zuerst Ordensangehörige und Priester die Gedanken Luthers auf. In der Fastenzeit 1520 fĂŒhrten in Steyr die Predigten des aus Pupping kommenden BarfĂŒĂŸermönches (Franziskaners) Bruder Patricius, der in der Stadtpfarrkirche im Sinne Luthers wirkte, zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen dem predigenden Mönch und dem Dominikanerorden. In der Stadt kam es in Folge zu heftiger „Erregung“, ein Beweis dafĂŒr, wie sehr die Religionsfragen die Bevölkerung bewegten.

Dazu, dass die theologischen Streitfragen offenbar in allen Schichten des Volkes diskutiert wurden, haben wohl auch zwei Fakten beigetragen:

– Am 13. Dezember 1518 veröffentlichte Kardinal Cajetan, der sich gerade auf der RĂŒckreise von Verhandlungen mit Luther befand, in Linz die neue pĂ€pstliche Bulle, in der Papst Leo X. seine positive Haltung zum Ablass bekrĂ€ftigte.
– Die lutherische Gegenposition lernten oberösterreichische Adelige kennen, als sie sich 1520 wegen der politischen VerĂ€nderungen nach dem Tod Kaiser Maximilians I., dessen Nachfolger der streng katholische Karl V. (1500–1558) wurde, mehrfach in Deutschland aufhielten. Viele von ihnen nĂ€herten sich den ReformvorschlĂ€gen Luthers an.

Jedenfalls scheint die Diskussion um die Anliegen der Reformation schon vor dem Reichstag zu Worms im Jahre 1521, auf dem Luther vom Papst exkommuniziert und von Kaiser Karl V. mit der Reichsacht belegt wurde, im ganzen Land heftig gewesen zu sein.

Machtlosigkeit der kirchlichen Obrigkeit
Die kirchliche Obrigkeit stand dem machtlos gegenĂŒber. Oberösterreich gehörte zum Bistum Passau. Da der Bischof aber zugleich (auslĂ€ndischer) ReichsfĂŒrst war, der neben religiösen auch politische und wirtschaftliche Interessen zu vertreten hatte, wurden seine Aktionen vom österreichischen LandesfĂŒrsten und den mit der Reformation sympathisierenden LandstĂ€nden mit Misstrauen verfolgt und oft behindert. VerschĂ€rft wurde die Lage dadurch, dass gerade in den entscheidenden Jahren um den Beginn der Reformation das Bistum Passau von Ernst von Bayern - einem Bruder des Bayernherzogs, der nicht einmal die niedere Weihe empfangen hatte - administriert wurde. Da sowohl der österreichische LandesfĂŒrst Erzherzog Ferdinand (1503–1564) als auch Bischofsadministrator Ernst von Bayern (1500–1560) die LandstĂ€nde auf ihre Seite ziehen wollten, verzichteten beide nach 1521 auf die Durchsetzung des Wormser Edikts, wonach das Eintreten fĂŒr Luthers Lehren streng verboten war.

Kirchenreform als Ziel
Um diese Entwicklung richtig einzuordnen, muss auch beachtet werden, dass es sowohl den lutherisch gesinnten Kreisen als auch ihren Gegnern um die Reform der einen Kirche ging. Auch Erzherzog Ferdinand und sein Bruder – Kaiser Karl V. – forderten eine Reform der Kirche, allerdings nicht im Sinne Luthers und vor allem nicht ‚von unten’, sondern ‚von oben’ durch ein allgemeines Konzil. Dass sich der Papst jeglicher Reform verweigerte, stĂ€rkte die Position jener, die eine Reform der Kirche nur gegen das Papsttum und die kirchliche Hierarchie fĂŒr möglich hielten.

Rasche Verbreitung der Reformation
Wie schnell die Reformation in Oberösterreich aufgegriffen wurde, lÀsst sich an Einzelheiten erahnen:

– 1521 verfĂŒgten die Herrn von Scherffenberg, dass in der Kirche des Seeschlosses Orth bei Gmunden die „VerĂ€nderung“ des Gottesdienstes durchgefĂŒhrt werden sollte und die Stiftungsgelder „zu wahrem Gottesdienst“ angelegt werden sollten.
– Um 1524 war lutherisches Gedankengut in den StĂ€dten bereits unĂŒberhörbar. ZunĂ€chst in Gmunden, dann in Enns wirkte der junge Priester Kaspar Schilling als reformatorischer Prediger. 1525 erhielt Schilling Dispens vom Zölibat und heiratete. 25 Jahre spĂ€ter sollte er erster offizieller lutherischer Pfarrer in Gmunden werden.
– Ebenfalls 1524 veröffentlichte in Linz der neu in die Stadt gekommene Lehrer Leonhard Freisleben (Eleutherobius) eine Schrift des Wittenberger Pfarrers Johannes Bugenhagen. In der sehr polemischen Vorrede dazu warf Eleutherobius den katholischen Pfarrern (er nennt sie „Bauchdiener“) vor, das Wort Gottes unterdrĂŒckt zu haben. Scharf wandte er sich auch gegen die traditionelle Marienverehrung mit dem Vorwurf, aus Maria werde eine „Abgöttin“ gemacht. Vermutlich schloss sich Eleutherobius 1527 den TĂ€ufern an und wurde von Hans Hut wiedergetauft. 1528 musste er vor der bischöflichen Visitation fliehen. Er wirkte spĂ€ter in Augsburg.
– Auch in Steyr erhielt die Reformation einen neuen Impuls durch die Predigten des BarfĂŒĂŸermönches Calixtus. Versuche des Abtes von Garsten und des bischöflichen Ordinariats in Passau, den beliebten Prediger abzuberufen, scheiterten am Widerstand des Stadtrates. Erst 1527 setzte Erzherzog Ferdinand die Abberufung CalixtusÂŽ durch.

Leonhard Kaiser
Schon vor 1524 predigte der Vikar in Waizenkirchen – der aus Raab stammende Leonhard Kaiser (KĂ€ser) – im Sinne Luthers und schickte junge interessierte MĂ€nner zum Theologiestudium nach Wittenberg. 1524 wurde Kaiser nach Passau vorgeladen und nach kurzem GefĂ€ngnisaufenthalt gezwungen, sich vom Luthertum loszusagen. Danach blieb Kaiser nur noch ein halbes Jahr in Waizenkirchen. 1526 ging er selbst zum Studium nach Wittenberg. 1527 wurde er wĂ€hrend eines Besuchs in seinem Heimatort Raab verhaftet und nach Passau gebracht, wo ihm der Ketzerprozess gemacht wurde. Trotz der Intervention hoher Adeliger wie Georg von Schaunberg oder BartholomĂ€us Starhemberg, aber auch der KurfĂŒrsten von Sachsen und Brandenburg wurde er zum Tode verurteilt und am 16. August 1527 bei SchĂ€rding verbrannt. Auf den Tod KĂ€sers verfasste der aus NĂŒrnberg stammende Meistersinger Georg Hager das berĂŒhmte Lied In der Mittagsweis Georgen Hagers. Leonhart Kaiser wart zu Scharting verbrendt. Martin Luther, der Kaiser einen Trostbrief geschrieben hatte, sorgte selbst fĂŒr die Veröffentlichung der Prozessunterlagen, insbesondere des Glaubensbekenntnisses, das Kaiser im Prozess abgelegt hatte. Damit wurde Kaiser als lutherischer MĂ€rtyrer weit ĂŒber Oberösterreich hinaus bekannt.

Martin Luther an Leonhard Kaiser (20. Mai 1527)

Dem wirdigen herrn Lienhart Keyser, gefangen diener Jhesu Christi, meinem im herrn geliebten bruder.

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Dem wirdigen herrn Lienhart Keyser, gefangen diener Jhesu Christi, meinem im herrn geliebten bruder.

Gnad, sterck und frid wunsch ich dir mein lieber Lienhardt. Das dein alter mensch gefangen, ist der will und beruff Christi, deines Heylands, Der auch seinen neuen Menschen fĂŒr dich und deine sĂŒndt dargeben hat in die hende der gotlosen, das er mit seinem blut dich erlöset zum bruder und miterben des ewigen lebens.
Uns ist ja layd fĂŒr dich, thun auch fleyß und bitten, das du ledig werdest, nit umb deinetwillen, sonder das du vilen mögest nĂŒtz sein, Got zu eren, wo es sein will ist. Ist aber der will im hymel nicht, das du ledig werden solst, So bistu doch frey sicher im geyst. Sich nur, das du starck seyest und bestendigklich, die schwacheyt des fleysches uberwindest, oder ja gedultig tragest durch die krafft Christi, der mit dir im kercker ist, und wirdt auch bey dir sein in aller not, wie er dann gar freundtlich und trewlich verheyst, Psal 91: Ich bin bey ihm in der not.
Drumb ist not, das du mit ganzer zuversicht zu im schreyest im gebet, und mit den trostpsalmen dich auffrichtest und erhaltest, in disem grymmigen zorn des Satans, das du mögest im Herrn gesterckt werden, und nicht ehts zu gering oder zu weych den zenen Behemoth redest, als werstu ĂŒberwunden und fĂŒrchtest seynen hochmut. Ruff Christum getrewlich an, der uberall gegenwertig und gewaltig ist, biete darauff dem Sathan trotz und spotte seines ubermuts und buchens. Dann du bist gewiß, das er dir nicht schaden kann, wie seer er bocht und sich grausam stellet. Dann also sagt S. Paulus Ro.8: Ist Got fĂŒr uns, wer mag wider uns sein; Psal.8: Alle ding sind unter sein fuß gelegt, er kann und will helffen allen, die angefochten werden, der auch allenthalben versucht ist worden. Also mein allerliebster bruder, sterck dich in dem herrn und sey getrost in seiner großmechtigen krafft, auff das du erfarest, tragest, liebest und lobest auß gutwilligem herzen den veterlichen willen Gottes (Rom. 12.), du werdest ledig oder nit. Das du aber solches vermögest zu eren seines heyligen Evangelii, das wolle in dir wĂŒrcken der vater unsers Herrn Jhesu Christi nach dem reichtumb der herligkeit seiner gnaden, der ein vater ist der barmherzigkeyt und ein Got alles trosts. Amen. In dem wollest dich wol gehaben und fĂŒr uns auch bitten.

Geben zu Wittenberg am Montag nach Cantate im M.D.Xxvii. jar.
Martinus Luther.

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Erster lutherischer Prediger
WĂ€hrend alle bisher genannten Prediger von ihrer Position als katholische Priester aus im Sinne Luthers zu predigen begannen, trat im FrĂŒhjahr 1525 der erste als solcher eingesetzte lutherische Prediger in Oberösterreich, Michael Stiefel, seinen Dienst auf Schloss Tollet bei Grieskirchen an.

Stiefel stammte aus WĂŒrttemberg und gehörte wie Luther zunĂ€chst dem Augustinereremiten-Orden an, ehe er sich 1521 der Reformation anschloss. 1522 bis 1524 wirkte er in Wittenberg und Mansfeld. 1525 entsandte Luther Michael Stiefel auf Bitten des jungen Adeligen Christoph Jörger (1502–1578), der die Reformation wĂ€hrend seiner Ausbildung am sĂ€chsischen KurfĂŒrstenhof in Wittenberg kennen gelernt hatte, nach Oberösterreich. Stiefel blieb hier bis 1527. Dann verließ er auf Grund der Bedrohung durch die verschĂ€rften antilutherischen Maßnahmen Erzherzog Ferdinands Tollet und kehrte nach Wittenberg zurĂŒck.

Die Familie Jörger

Die Familie Jörger gehörte dem Ritterstand an und hatte ihren Stammsitz in St. Georgen bei Grieskirchen. Auf Grund wirtschaftlichen und politischen Geschickes stiegen die Jörger im 16. Jahrhundert zur reichsten und mÀchtigsten Familie Oberösterreichs auf. Wolfgang Jörger IV. war von 1513 bis 1521 Landeshauptmann ob der Enns.

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Die Familie Jörger gehörte dem Ritterstand an und hatte ihren Stammsitz in St. Georgen bei Grieskirchen. Auf Grund wirtschaftlichen und politischen Geschickes stiegen die Jörger im 16. Jahrhundert zur reichsten und mÀchtigsten Familie Oberösterreichs auf. Wolfgang Jörger IV. war von 1513 bis 1521 Landeshauptmann ob der Enns.
Unter Kaiser Maximilian II. (1527–1576) wurden die Jörger schließlich in den Herrenstand erhoben. Zu ihren Herrschaften in Oberösterreich gehörten u. a. Aschach, Köppach (heute Gemeinde Atzbach), Ottensheim, Pernstein, Prandegg, Scharnstein, Steyregg, Tollet und Zellhofen (bei Bad Zell). Als glĂŒhende AnhĂ€nger Luthers, machten die Jörger ihre Schlosskirchen zu Zentren evangelischer Predigt.

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Nicht nur die Jörger standen mit Luther in persönlichem Kontakt. 1524 schrieb etwa Luther einen Trostbrief an BartholomĂ€us Starhemberg, ein Beweis dafĂŒr, wie sich besonders in Kreisen der Adeligen die Reformation durchgesetzt hatte. So hingen auch die KhevenhĂŒller, Polheimer, Schaunberger, Scherffenberger und Zelkinger der neuen Lehre an.

Martin Luther an Dorothea Jörger in Köppach, 1. JÀnner 1533, revidierte Fassung (ErgÀnzung)

Der edlen tugendreichen Frau, Dorothea Jörgerin, Witwe zu Köppach, meiner gĂŒnstigen, guten Freundin.

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Der edlen tugendreichen Frau, Dorothea Jörgerin, Witwe zu Köppach, meiner gĂŒnstigen, guten Freundin.

Gnade und Friede in Christo! Edle tugendreiche Frau! Weil Ihr mir einmal und dann noch einmal geschrieben habt wegen der 500 Gulden, die Ihr zu Gottes Ehre angelegt habt, so lass ich Euch wissen, dass ich sie auf Euren ersten Brief hin durch gewissenhafte treue Leute aus NĂŒrnberg in Linz habe anfordern lassen und als Beleg Eure Handschrift mitgeschickt habe. Was aber dazwischen gekommen ist, weiß ich nicht. Man hat ihnen in Linz nichts ĂŒber das Geld oder Gold sagen können. Sie haben mir daher Eure Schrift vergeblich wieder hergeschickt, oder sie nach NĂŒrnberg geschickt an den Stadtsyndicus Magister Lazarus Spengler, dem ich vertraue, dass er das Geld entweder da in NĂŒrnberg oder anderswo anlegt. Denn mein GutdĂŒnken ist, dass man es nicht auf einmal verteile, sondern jĂ€hrlich und damit etwa zwei Personen hilft und Theologie studieren ermöglicht. Aber das alles nach Eurem Wohlgefallen. Hiermit Gott befohlen. Amen. Am Neujahrstag 1533.

Anbei schick ich Euch einen Entwurf, den ihr wĂŒnscht, wie mir Magister Michael Stiefel berichtet. Möget ihr ihn als gut annehmen. Euer williger Dr. Martinus Luther

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Autor: GĂŒnter Merz, 2010

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