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Katholische Reform und Gegenreformation in Oberösterreich


Gegenreformation – Katholische Reform – Konfessionalisierung

Das Wiedererstarken des Katholizismus am Ausgang des 16. und wĂ€hrend der ersten HĂ€lfte des 17. Jahrhunderts sollte als ein komplexer Vorgang mit unterschiedlichen Dimensionen begriffen werden, in dem je nach Akteuren und zeitlicher Situation eigene Aspekte vorherrschten. Die deutsch-nationalprotestantische Geschichtsschreibung hat mit dem Begriff der Gegenreformation alle Aktionen seitens der alten Kirche als bloße Reaktion auf die lutherische Reformation erklĂ€rt und jede Form von Rekatholisierung als gewalttĂ€tige, reaktionĂ€re Zwangsmaßnahme von katholisch gebliebenen Obrigkeiten gegen das protestantische Volk diskreditiert. Der katholischen Kirchengeschichtsschreibung erschien diese BeschrĂ€nkung von jeher als irrefĂŒhrend: Um die EigenstĂ€ndigkeit der altglĂ€ubigen ReformbemĂŒhungen nach dem Konzil von Trient (1545–1563) und ihre KontinuitĂ€t mit dem SpĂ€tmittelalter hervorzuheben, plĂ€dierte sie stattdessen fĂŒr das epochenĂŒbergreifende Deutungskonzept Katholische Reform. Schließlich hat die sozialgeschichtlich ausgerichtete FrĂŒhneuzeitforschung seit mehr als zwei Jahrzehnten unter dem Begriff der Konfessionalisierung untersucht, wie in allen neu entstehenden Konfessionskirchen und in enger Zusammenarbeit von weltlichen und kirchlichen Instanzen ganz Ă€hnliche Strukturen der Disziplinierung geschaffen wurden, um sowohl den idealen Protestanten bzw. Katholiken als auch den perfekten StaatsbĂŒrger zu schaffen, zu organisieren und zu kontrollieren. 

Alle hier angedeuteten Aspekte, auf die sich die unterschiedlichen Forschungsrichtungen in zum Teil problematischer Weise konzentriert haben, spielen auch fĂŒr die mit- und nachreformatorische Entwicklung des Katholizismus im Land ob der Enns eine Rolle. Um ein einigermaßen umfassendes und differenziertes Bild zu erhalten, sollten deswegen weder die BemĂŒhungen innerhalb des Katholizismus um eine genuin eigene, geistliche Erneuerung aus dem Blickfeld geraten noch die Aktionen militant-aggressiver Repression, die genauso von der alten Kirche (in erster Linie von den katholisch gebliebenen temporalen Gewalten) ausgegangen sind. Und die Tatsache, dass die Konfessionalisierung gleichsam von „oben“durchgefĂŒhrt wurde, sollte den Blick nicht verstellen fĂŒr das PhĂ€nomen, dass religiöse Subjekte auch sich selbst auf Grund innerer Überzeugung und eigener Entscheidung „konfessionalisieren“ konnten.

Erste obrigkeitliche Maßnahmen

Auch in den habsburgischen LĂ€ndern war die Reformation von Anfang an von Maßnahmen begleitet, die die weitere Ausbreitung der lutherischen Lehre unterbinden sollten. Allerdings war all diesen Gegeninitiativen nur ein sehr geringer Erfolg beschieden.
Bereits im Mai 1522 wurde auf Veranlassung insbesondere der bayerischen Herzöge auf dem so genannten MĂŒhldorfer Konvent fĂŒr die Salzburger Kirchenprovinz ein Programm verabschiedet, das eine grĂŒndliche Reform des Pfarrklerus, eine Generalvisitation, deren Ergebnisse zu einer Provinzialsynode zur FortfĂŒhrung der Reformation verarbeitet werden sollten, und die Koordination der Maßnahmen aller Erzbischöfe im Reich zur UnterdrĂŒckung der lutherischen Schriften vorsah. Allerdings glaubten die beteiligten Bischöfe schon wenig spĂ€ter, sich nicht vorbehaltlos auf dieses Reformprojekt einlassen zu können, sodass es dann auch ohne Wirkung blieb.

Von etwas grĂ¶ĂŸerer Bedeutung war der zwei Jahre spĂ€ter abgehaltene Regensburger Reformkonvent (1524), der insbesondere in der Erzdiözese Salzburg unter Kardinal MatthĂ€us Lang von Wellenburg (1519–1540) zu Maßregelungen von zahlreichen Pfarrern und an einigen Orten zur Ausweisung einzelner protestantischer Prediger gefĂŒhrt hatte. Systematisch verfolgt, des Landes verwiesen und zum Teil sogar hingerichtet wurden in den habsburgischen LĂ€ndern zunĂ€chst aber lediglich Vertreter der so genannten radikalen Reformation, namentlich die sich den 1520er Jahren stark ausbreitenden TĂ€ufer Das Ketzermandat von Ofen aus dem Jahre 1528 hatte dafĂŒr die Rechtsbasis gelegt.

Eher Konstatierungen des Verfalls als wirksame Gegen- oder gar Reformmaßnahmen stellten die von Ferdinand I. (1503–1564, Kaiser ab 1558) im Land ob der Enns verordneten staatlichen Visitationen dar: In den Jahren 1528 und 1544 wurden die Pfarreien, 1561 und 1568 (dann unter Maximilian II.) die Klöster des Landes visitiert.
Mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 war dann auf Reichsebene eine Rechtsgrundlage geschaffen worden, die es den katholischen Habsburgern eigentlich möglich gemacht hĂ€tte, in ihren ErblĂ€ndern bedingungslos die katholische Konfession durchzusetzen (cuius regio, eius religio), dem Adel und den Untertanen die RĂŒckkehr zum Katholizismus zu befehlen und sie im Falle einer Weigerung des Landes zu verweisen (ius emigrandi).

Religionskonzession

Da die österreichischen Erzherzöge vom protestantischen Adel, der in den Landtagen zwischenzeitlich die Mehrheit ausmachte, abhĂ€ngig waren und ihn nicht nur zur Finanzierung der TĂŒrkenfeldzĂŒge brauchten, war realpolitisch lange Zeit an eine rigorose Umsetzung der Augsburger Bestimmungen in den LĂ€ndern unter und ob der Enns aber nicht zu denken. Vielmehr stand die hohe Zeit des Protestantismus erst noch bevor: Kaiser Maximilian II. (1527–1576, Kaiser ab 1564), der persönlich durchaus Sympathien fĂŒr die lutherische Lehre hegte, gestand mit der Religonskonzession von 1568 dem Adel ein gewisses Maß an Religionsfreiheit als Standesprivileg zu und erlaubte auf dessen Schlössern und in dessen Rechtsbereich fĂŒr sich und die Untertanen die AusĂŒbung des evangelischen Kultes. Diese eingeschrĂ€nkte Legitimierung des Protestantismus in den habsburgischen LĂ€ndern, in denen damit BikonfessionalitĂ€t offiziell zugelassen wurde, rief freilich in der katholischen Welt wahres Entsetzen hervor, weswegen Rudolf Leeb zu der trefflichen Beobachtung gelangte, dass der „grĂ¶ĂŸte Triumph des Protestantismus [...] zugleich der Auslöser und Ansatzpunkt fĂŒr die entscheidende Phase der Gegenreformation“ werden sollte. (Leeb, 2003)

Katholische Reform in der Diözese Passau

Mit der Verabschiedung des letzten Dekretes auf dem Konzil von Trient (1563) hĂ€tte den kirchlichen Obrigkeiten eigentlich eine breite doktrinĂ€re Grundlage vorgelegen, auf der sie in den Diözesen eine tiefgreifende Reform hĂ€tten durchfĂŒhren können. Neben vielem anderen forderte das Tridentium die Seelsorge (cura animarum) als oberstes Prinzip kirchlichen Lebens, die Residenzpflicht der Bischöfe in ihren Diözesen, die Errichtung von Seminaren zur profunden Ausbildung der Priester, die regelmĂ€ĂŸige Abhaltung von Synoden und Visitationen zur Projektierung und Kontrollierung der Kirchenreform auf der Ebene der BistĂŒme. Doch allein in der Salzburger Kirchenprovinz kam 1569 eine solche Provinzialsynode zustande.

In Passau jedoch saß mit Urban von Trenbach (Trennbach) von 1561 bis 1598 ein Bischof auf der cathedra, den man zu den bedeutendsten tridentinischen Reformbischöfen des Reiches wird zĂ€hlen dĂŒrfen. Zwar scheiterte er beispielsweise mit seinem Plan zur Errichtung eines diözesanen Priesterseminars. FĂŒr eine systematisch durchgefĂŒhrte Erneuerung des gesamten pastoralen Lebens zeugt aber eine umfassende Pastoralinstruktion, die er zusammen mit seinem Offizial Melchior Klesl (Khlesl) (1552–1630) 1582 fĂŒr die obere und 1590 fĂŒr die untere Diözese erstellt hat. In diesem Zeugnis bischöflicher Reformanstrengungen werden insbesondere zwei Bereiche als zentral vorgestellt und einer „Gott welgefelligen reformation“ zugefĂŒhrt: Zwei Drittel des Textes widmen sich den sakramentalen Riten, insistieren auf ihre formgerechte und wĂŒrdige DurchfĂŒhrung und geben Anweisungen insbesondere fĂŒr eine Kultivierung der tridentinischen Lehre von der realen und bleibenden PrĂ€senz des Eucharistiesakraments. Der zweite große Reformbereich ist das Feld der Predigt. Die Instruktion setzt ganz und gar auf Bekehrung durch Belehrung. Die katholischen Priester im Land ob und unter der Enns sollten kĂŒnftig „mit aller glimpflichen beschaidenheit, sich alles scalierens, schmehens und scheltens [...] und unnottwendiger fabeln und possen enthalten“ und stattdessen nichts anderes tun als das „heilige evangelium“ und die „ceremonien“ fĂŒr den „verstandt expliziern“.

Wirken der Jesuiten

Den wohl bedeutendsten Beitrag fĂŒr die innere Erneuerung des Katholizismus insbesondere – aber nicht ausschließlich – der oberen Bevölkerungssichten leisteten jedoch auch im Land ob der Enns die Patres des Jesuitenordens. Dass eine Stadt wie Linz als eines der wichtigsten Zentren der oberösterreichischen Reformation wieder im Laufe der ersten HĂ€lfte des 17. Jahrhunderts nahezu vollstĂ€ndig zum Katholizismus zurĂŒckkehrte, ist ganz wesentlich dem Wirken der Societas Jesu zuzuschreiben. Nach heftigen WiderstĂ€nden der protestantischen stĂ€dtischen Eliten konnten sich schließlich doch im Jahr 1600 zwei Jesuitenpartes in Linz niederlassen. Einer von ihnen war der weit ĂŒber Wien und Österreich bekannte Prediger Georg Scherer (1540–1605).
Nachdem es 40 Jahre lang keine Fronleichnamsprozession mehr in Linz gegeben hatte, trug einer der Patres bereits zwei Monate nach deren Ankunft das Allerheiligste in der Stadt umher, gefolgt von 300 BĂŒrgern.
Mit atemberaubender Geschwindigkeit und Organisationstalent grĂŒndeten die Linzer Jesuiten in den folgenden Jahrzehnten Schulen, Kollegien und theologische Lehranstalten, bauten Kirche und Kalvarienberge. Eine breite Masse von Laien formierte sie in neuen Marianischen Kongregationen und Corpus-Christi-Bruderschaften. Mit Weihnachtskrippen und Herz-Jesu-Kult, Marien- und Heiligenverehrung, öffentlichen Passionsspielen und spektakulĂ€ren Teufelsaustreibungen reinszenierten sie spĂ€tmittelalterliche Frömmigkeitsformen und schufen neue affektive Bindungen zur alten Kirche. Zivilgesellschaftliches Engagement in Zeiten von Krieg und Pest brachte die letzten Ressentiments zum Verschwinden, so dass die Jesuiten in ihren Rechenschaftsberichten (Litterae annuae) festhalten konnten: Über 400 Personen haben sie allein im Jahre 1636 wieder in den Schoß der alten Kirche zurĂŒckgefĂŒhrt, worunter auch Mitglieder aus Adelsgeschlechtern waren, die einst zu den glĂŒhendsten Förderern der lutherischen Lehre gehört hatten.

Der „Sieg
“ der Gegenreformation
Die endgĂŒltige obrigkeitliche Rekatholisierung und der Aufbau einer katholischen Konfessionskirche vollzogen sich im Erzherzogtum Österreich spĂ€ter als etwa im SĂŒden des Reiches. Als Grund hierfĂŒr wird allgemein die relative ZurĂŒckhaltung des Landesherren angefĂŒhrt, der als Kaiser in besonderer Weise zur RĂŒcksichtnahme auf das multikonfessionell gewordene Reich gezwungen war und alle KrĂ€fte im Kampf gegen die TĂŒrken zu vereinen hatte.
Die Rekatholisierung der StĂ€dte Oberösterreichs wurde erst im letzten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts unter dem katholischen Landeshauptmann Hans Jakob von Löbl (1592-1602) mit Konsequenz in Angriff genommen, als dieser in Linz und Steyr den evangelischen Kultus verbot, die evangelische Landschaftsschule schloss und die Amtsstuben neu mit katholischem Personal besetzte. Doch die evangelischen StĂ€nde wussen sich unter der FĂŒhrung von Georg Erasmus von Tschernembl (1567–1626), Herr in Windegg und Schwertberg, zumindest noch bis zum Regierungsantritt des glĂŒhenden Gegenreformators Ferdinand II. (1619) erfolgreich zur Wehr zu setzen.
Erst mit dem Sieg der kaiserlichen Truppen in der Schlacht am Weißen Berg (1620) war auch der „Sieg“ der Gegenreformation im Erzherzogtum definitiv beschlossen. Alle evangelischen Prediger und Schulmeister wurden des Landes verwiesen und der evangelische Adel vor die Wahl gestellt, entweder zu konvertieren oder zu emigrieren. Erst jetzt sollte auch in den österreichischen DonaulĂ€ndern gelten, was in anderen katholischen und protestantischen Staaten lĂ€ngst Praxis war.
Wenngleich viele Protestanten anstatt des Katholischwerdens oder der Ă€ußeren Emigration die innere wĂ€hlten und ihre Konfession im Geheimen weiterlebten (Geheimprotestantismus), wurde das Land ob der Enns von außen sichtbar wieder ein religiös homogenes Land. Der Katholizismus prĂ€gte nun wieder Landschaft und MentalitĂ€t.


Autor: GĂŒnther Wassilowsky

Der Beitrag basiert im Wesentlichen auf den AusfĂŒhrungen des Autors im Katalog zur Oberösterreichischen Landesausstellung 2010.

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