Forum OÖ Geschichte

Der Gottesdienst. Vom Mysterium zur Kommunikation


Einige der deutlichsten VerÀnderungen welche die Reformation bewirkt, lassen sich im Bereich des Gottesdienstes festmachen.
Das zentrale Sinnbild in dem sich holzschnittartig das Herz der Messe darstellen lÀsst, ist die Elevation. Sie bezeichnet das Hochheben der Hostie nach der Wandlung, bzw. das Herzeigen, Darbieten des gegenwÀrtigen Christus. Sie zeigt sinnenfÀllig, worauf die Dramaturgie der Messe zulÀuft.


Welches sind die wesentlichsten VerÀnderungen?
Aus der Zentrierung wird eine PolaritÀt: Eucharistie und Predigt

Im Evangelischen Gottesdienst verĂ€ndert sich das liturgische GefĂŒge insofern, als zum Abendmahl die Predigt - als gleichsam sakramentales Geschehen – gleichberechtigt dazu tritt. Im Bild ist diese Zuordnung programmatisch durchgefĂŒhrt im Reformationsaltar der Wittenberger Stadtpfarrkirche von Lukas Cranach. Hier tritt zu den Sakramenten von Abendmahl, Beichte und Taufe die Predigt dazu. Architektonisch hat sich das so verwirklicht, dass es in protestantischen Kirchen immer die PolaritĂ€t von Kanzel und Altar gibt.
In der OÖ Kirchenordnung von 1578 wird etwa festgehalten, dass fĂŒr den Gottesdienst im Saal des Linzer Landhauses (heute: Steinerner Saal) Altar und Predigtstuhl zu errichten sind. Die neue Gewichtung zeigt sich auch in der Dauer der Predigt. Sie durfte in einem normalen Sonntagsgottesdienst eine Stunde dauern.
Darauf konnte vor der Eucharistie noch eine Abendmahlsvermahnung folgen, allerdings soll man darauf acht haben, „dass es das Volk nicht ĂŒberdrĂŒssig wird“, wie die Steyrer Kirchenordnung wohl aus gutem Grund festhĂ€lt.

Dennoch bleibt das Abendmahl ĂŒberall selbstverstĂ€ndlicher, zentraler und integraler Teil des Gottesdienstes.
Auch ikonographisch kommt es zu einer Verschiebung. Evangelische Darstellungen des Abendmahles stellen so gut wie immer den Moment der Darreichung, also der „Kommunikation“, des Kommunizierens dar. Das hat nicht nur den Hintergrund, dass auf die „communio sub utraque“, also
die Reichung von Brot und Wein hingewiesen wird. Es ist auch Ausdruck dafĂŒr, dass die Gemeinde in Bezug auf das Abendmahl in das Zentrum rĂŒckt. In der Kommunion findet das Abendmahl zu seiner ErfĂŒllung, und zwar in der communio der versammelten Gemeinde mit Christus.

Vom Mysterium zur Kommunikation: Die Sprache des Gottesdienstes
Eine der problematischen Dimensionen der katholischen Messfeier, die auch schon in manchen katholischen Reformkreisen vor Luther empfunden wurde bestand in der Verwendung des Lateinischen in der Messe. Durch die Verwendung der lateinischen Sprache wurde, neben der Konzentration der Messe auf den Priester, fĂŒr den Mitvollzug der Liturgie durch die Gemeinde eine weitere Barriere tradiert. Das Ă€ndert die Reformation mit der EinfĂŒhrung der deutschen Sprache, denn im Gottesdienst geht es um Verstehbarkeit, um Kommunikation: Deshalb hĂ€lt Martin Chemnitz (ein Reformator der zweiten Generation) fest:
„Denn die Lesungen werden gelesen, damit das Volk unterrichtet wird; Psalmen und Hymnen werden gesungen, damit die Andacht des Volkes durch das Wort erweckt wird. Öffentliche Gebete und die Feiern der Eucharistie sollen vom Priester nicht nur gemeinsam mit den Klerikern, sondern mit allen GlĂ€ubigen gehalten werden (
) so dass, wenn der Priester ihnen im Sprechen vorangeht, sie antworten können: Amen.“
Damit ist der Grund fĂŒr die EinfĂŒhrung der deutschen Sprache im Gottesdienst deutlich herausgestellt.

„Ich singe dir mit Herz und Mund“ – Die ErmĂ€chtigung der Gemeinde im Singen
Die Charakterisierung Walter Blankenburgs ist wohl zutreffend:
„Neu ist in der Reformation die Erhebung des liedhaften Gemeindegesangs zu einem konstituierenden Bestandteil des Gottesdienstes. Die versammelte Gemeinde wird zum MittrĂ€ger des Gottesdienstes, d.h. sie wird TrĂ€ger des liturgischen Amtes. (
) Das Kirchenlied bleibt gegenĂŒber dem Mittelalter nicht mehr eine zusĂ€tzliche Möglichkeit des gottesdienstlichen Handelns, sondern bekommt (mehr oder weniger schnell) eine unaufgebbare gottesdienstliche Funktion.“

Die Lust und die Freude als Grund allen Singens hat Luther besonders im Vorwort zum Babstschen Gesangbuch (1545) betont: „Wo aber ein solch faul unwillig hertze ist / da kann gar nichts / oder nichts guts gesungen werden. Frölich und lustig mus hertz und mut sein / wo man singen sol.“

Und genau diesen Grund zur Freude hat Gott in Christus auf eine unĂŒberbietbare Weise gelegt. Der Glaube ist deshalb ein fröhlicher, singender Glaube, oder er hat noch gar nicht begriffen, was er da glaubt.

„Denn Gott hat unser hertz und mut frölich gemacht / durch seinen lieben Son / welchen er fĂŒr uns gegeben hat zur erlösung von sĂŒnden / tod und Teuffel. Wer solchs mit ernst gleubet / der kans nicht lassen / er mus frölich und mit lust davon singen und sagen / das es andere auch hören und herzu komen. Wer aber nicht davon singen und sagen will / das ist ein zeichen / das ers nicht gleubet / und nicht ins new fröliche Testament / Sondern unter das alte / faule / unlustige Testament gehöret.“

„DAS NICHTS ANDERS DARIN GESCHEHE /
DENN DAS UNSER LIEBER HERR SELBST MIT UNS REDE /
DURCH SEIN HEILIGES WORT /
UND WIR WIEDERUM MIT IHM REDEN /
DURCH GEBET UND LOBGESANG.“

Martin Luther bei der Einweihung der Schlosskappelle in Torgau 1544 ĂŒber das KirchengebĂ€ude und den Gottesdienst.



Dokumentation zur Sonderausstellung "1517! Und Heute? Steyr 2017. Reformationsstadt Europas" im Museum der Stadt Steyr vom 24. MĂ€rz bis 5. November 2017.

© 2018