Forum OÖ Geschichte

Arbeit

Arbeit wurde im Nationalsozialismus nicht nur als Broterwerb gesehen. Dem Recht auf Arbeit stand das Recht der Gemeinschaft auf die Arbeitsleistung jedes Einzelnen gegenĂŒber. Arbeit war also vorrangig eine Verpflichtung. Praktisch bedeutete dies, dass Betriebsinteressen Vorrang vor Forderungen und WĂŒnschen der Belegschaft hatten. Der Nationalsozialismus ĂŒbertrug seine Volksgemeinschaftsideologie erfolgreich auf das Gebiet der Arbeit.

Die DAF (Deutsche Arbeitsfront), in der Arbeitgeber und -nehmer zusammengefasst waren, setzte sich fĂŒr die Verbreitung dieses Gedankengutes ein. Nach dem Grundsatz, dass richtige Erholung die Arbeitsleistung steigert, begann die DAF auch die Freizeit ihrer Mitglieder zu kontrollieren. Sie bot Urlaubsfahrten mit den KdF-Dampfern (Kraft durch Freude, eine Untergliederung der DAF), Tageswanderungen, TheaterauffĂŒhrungen, Sportveranstaltungen und Unterhaltungsabende an.

Ziel der nationalsozialistischen Lohnpolitik war die EindĂ€mmung der Lohnsteigerungen, um mehr finanziellen Spielraum fĂŒr die AufrĂŒstung zu erhalten. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 erhielten die so genannten TreuhĂ€nder der Arbeit, die eine Vermittlerfunktion zwischen Betrieben und Arbeitnehmern inne hatten, Befugnisse zur Überwachung der Lohnentwicklung. Damit gingen zwei wichtige Funktionen der Löhne verloren, einerseits die Lenkung des Arbeitsmarktes und andererseits die Leistungsmotivation. Erstere Funktion ĂŒbernahm der Staat selber, der den Arbeitseinsatz zentral lenkte. Die Motivation zur Leistungssteigerung sollte durch die Bezahlung von Zulagen zum niedrigen Grundlohn erreicht werden.

Mit der zunehmend schlechteren militÀrischen Lage verschÀrften sich auch die Arbeitsbedingungen in der Wirtschaft. Die Arbeitszeit wurde verlÀngert, KrankenstÀnde genauer kontrolliert, zusÀtzliche Feiertagsschichten eingeschoben und Urlaubssperren verhÀngt. Der Leistungsdruck erhöhte sich. Dazu kamen eine Verschlechterung der Versorgungs- und ErnÀhrungslage und die stÀndige Angst vor Bombenangriffen. Um die Produktion so lange wie möglich aufrecht zu erhalten, durfte die Belegschaft die SchutzrÀume bei Angriffen erst relativ spÀt aufsuchen, manchmal zu spÀt.

Einberufungsaktionen und ArbeitskrÀftemangel
Der ArbeitskrĂ€ftemangel verschĂ€rfte sich immer mehr. Durch die Einberufungen zur Wehrmacht gab es im Juli 1940 bereits um 10 % weniger ArbeitskrĂ€fte als im Jahr zuvor. 1942/43 wurde das Rotzettelverfahren eingefĂŒhrt, um den dringendsten Bedarf an ArbeitskrĂ€ften feststellen zu können, der aber trotzdem nicht gedeckt werden konnte. Mit Kurzausbildungen versuchte man dem Facharbeitermangel zu begegnen. Die Anlernkurse dauerten wenige Wochen, teilweise nur Stunden, und die solcherart ausgebildeten ArbeitskrĂ€fte konnten Facharbeiter mit ihren langjĂ€hrigen Ausbildungen in keiner Weise ersetzen. FĂŒr Oberdonau kann man davon ausgehen, dass das ArbeitskrĂ€ftepotenzial im Herbst 1943 vollstĂ€ndig ausgeschöpft war. Neue ArbeitskrĂ€fte konnten nur mehr aus anderen Regionen geholt oder von kriegsunwichtigen Betrieben abgezogen werden.

1943 wurden Arbeitseinsatzingenieure eingesetzt. Zu ihren Aufgaben gehörten die Bedarfsmeldungen an ArbeitskrĂ€ften, bei denen sie gehalten waren, möglichst strenge MaßstĂ€be anzulegen. Wenn es in Betrieben zu UnterbeschĂ€ftigung kam, beispielsweise aufgrund von Bombentreffern, hatten sie umgehend darauf zu reagieren, indem die betroffenen BeschĂ€ftigten entweder in anderen Teilen des Betriebs eingesetzt oder an andere Betriebe abgegeben wurden. Arbeitseinsatzingenieure kontrollierten auch die KrankenstĂ€nde und sollten gegen Bummelantentum und asoziales Verhalten vorgehen. Im selben Jahr erhielten die BetriebsfĂŒhrer erweiterte Strafbefugnisse gegenĂŒber ihren ArbeitskrĂ€ften.

Um dem ArbeitskrĂ€ftemangel zu begegnen, wurden vermehrt Frauen eingesetzt. FĂŒr alle Frauen zwischen 17 und 45 Jahren bestand Meldepflicht. 1944 mussten sich auch alle Frauen zwischen 45 und 50 Jahren und alle MĂŒtter von Kleinkindern, fĂŒr deren Kinder wĂ€hrend der Arbeitszeit der Mutter andere Versorgungsmöglichkeiten bestanden, melden.

Wegen des stĂ€ndig steigenden Bedarfs an Soldaten wurden immer wieder Einberufungsaktionen durchgefĂŒhrt. Gleichzeitig verschĂ€rften sich die Kriterien fĂŒr uk-Stellungen. Mit so genannten AuskĂ€mmaktionen sollten ArbeitskrĂ€fte aus weniger kriegswichtigen Produktionen abgezogen und in die RĂŒstungsindustrie eingegliedert werden. 1943 betraf dies vor allem die Sektoren Steine und Erde, Textil, Papiererzeugung und -verarbeitung, Druck, Holz, Leder, Nahrungsmittel, Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe. 1944 erfasste die Aktion zur Freimachung von ArbeitskrĂ€ften fĂŒr die kriegswichtigen Aufgaben durch EinschrĂ€nkungen von Verwaltungen und Betrieben auch die Verwaltung. Viele der betroffenen Firmen waren aber nicht bereit, dies einfach hin zu nehmen, und konnten sich teilweise erfolgreich dagegen zur Wehr setzen. Dies war einer der GrĂŒnde, weshalb die AuskĂ€mmaktionen der Göringkommission nur begrenzt erfolgreich waren.

AuslÀndische ArbeitskrÀfte
Bereits vor Kriegsbeginn warb das Dritte Reich auslĂ€ndische ArbeitskrĂ€fte an. In Oberdonau arbeiteten vor allem Arbeiter aus der Tschechoslowakei und SĂŒdosteuropa auf den Baustellen der Großindustrie. Hohe Arbeitslosenzahlen und ein niedriges Lohnniveau in den HerkunftslĂ€ndern förderten diese Entwicklung. Durch den Devisenmangel des Reiches kam es allerdings immer wieder zu Problemen bei der Überweisung der Löhne in die HeimatlĂ€nder der auslĂ€ndischen ArbeitskrĂ€fte.

ZwangsarbeiterInnen und Kriegsgefangene
Nach dem Sieg der Deutschen Wehrmacht in Polen wurden dort massenweise Zivilisten zwangsrekrutiert. Dazu kamen noch polnische Kriegsgefangene, die ebenfalls im Reich Zwangsarbeit leisten mussten. Nach den Siegen in Westeuropa stieg die Zahl der kriegsgefangenen Zwangsarbeiter. Gleichzeitig warb das NS-Regime in den besetzten LĂ€ndern Westeuropas und in den befreundeten Staaten SĂŒd- und Osteuropas weiterhin zivile ArbeitskrĂ€fte an.

Als die Hoffnungen auf einen Blitzkrieg gegen die Sowjetunion enttÀuscht wurden und sich die deutsche Arbeitsmarktlage durch die stÀndigen Einberufungen verschÀrfte, gaben die Nationalsozialisten ihre anfangs verfolgte Strategie, keine Russen zur Arbeit heranzuziehen, auf. Die Situation der sowjetischen Kriegsgefangenen und der aus der Sowjetunion verschleppten ZwangsarbeiterInnen war im Vergleich die schlechteste.

Nach dem Sturz des faschistischen Regimes Benito Mussolinis in Italien nahm die Wehrmacht in Italien ca. 600.000 Soldaten des ehemaligen VerbĂŒndeten gefangen und brachte sie als MilitĂ€rinternierte nach Deutschland, wo sie in der Industrie und bei AufrĂ€umarbeiten zum Einsatz kamen.

In Oberdonau arbeiteten zu Kriegsbeginn bereits ca. 16.000 auslĂ€ndische ArbeitskrĂ€fte, die HĂ€lfte davon in Linz. Seit Ende 1940 kamen zu den Tschechen Franzosen, Belgier, NiederlĂ€nder und Luxemburger hinzu, 1942 dann auch SowjetbĂŒrger. WĂ€hrend der Großteil der auslĂ€ndischen ArbeitskrĂ€fte ursprĂŒnglich in der Bauindustrie und beim Aufbau der Großindustrie arbeitete, Ă€nderte sich dieses Bild 1941. Sie wurden nunmehr verstĂ€rkt in der Landwirtschaft benötigt.

Die Reaktionen auf den Einsatz von Kriegsgefangenen und ZwangsarbeiterInnen als ArbeitskrĂ€fte fielen in Oberdonau sehr unterschiedlich aus. WĂ€hrend in der Groß- und RĂŒstungsindustrie lediglich darauf Wert gelegt wurde, dass ein Kern an inlĂ€ndischen ArbeitskrĂ€ften vorhanden war, wurden in Klein- und Mittelbetrieben vermehrt BefĂŒrchtungen und rassistische Vorurteile laut. Die nationalsozialistische Rassenideologie wirkte sich direkt auf die LebensumstĂ€nde der zivilen auslĂ€ndischen ArbeitskrĂ€fte, der ZwangsarbeiterInnen und der Kriegsgefangenen aus. Wer aus Westeuropa stammte, wurde besser behandelt. Kriegsgefangene unterstanden zudem dem Kriegsrecht und hĂ€tten eigentlich nicht fĂŒr die Arbeit in der RĂŒstungsindustrie herangezogen werden dĂŒrfen, ein Umstand, den das NS-Regime jedoch ignorierte. Die Eisenwerke Oberdonau kamen im Jahr 1943 auf einen Rekordanteil von 66 % auslĂ€ndischer ArbeiterInnen.

Eine Reihe von Unternehmen in Oberdonau setzte auch HĂ€ftlinge aus Konzentrationslagern in der Produktion ein. In den Steyr-Werken arbeiteten HĂ€ftlinge bereits seit 1941/42 in der Flugzeugmotorenherstellung. Dies war ungewöhnlich, weil die SS bis 1943 die Strategie verfolgte, HĂ€ftlinge nicht außerhalb der Lager arbeiten zu lassen. Die Betriebe mussten in der Mehrzahl der FĂ€lle ProduktionsstĂ€tten innerhalb der Lager errichten. In SteinbrĂŒchen verrichteten die HĂ€ftlinge Schwerstarbeit, um Baumaterial fĂŒr die vielen Bauvorhaben in Oberdonau zu gewinnen.

Im Dezember 1942 kamen die ersten KZ-HĂ€ftlinge auf dem GelĂ€nde der Reichswerke Hermann Göring in Linz zum Einsatz, seit dem FrĂŒhjahr 1944 dann auch in der RĂŒstungsproduktion der Eisenwerke Oberdonau. Viele HĂ€ftlinge wurden zur Errichtung unterirdischer Verlagerungsbauten fĂŒr das Raketenprogramm, die Treibstofferzeugung und die Flugzeugindustrie herangezogen. 1943 errichtete man in den Kellern der ehemaligen Brauerei Redl-Zipf Anlagen zur Treibstofferzeugung fĂŒr das V2-Raketenprogramm, bei Ebensee entstand ein unterirdisches Stollensystem fĂŒr die Raketenversuchsanstalt PeenemĂŒnde und acht Kleindestillationsanlagen. Hier mussten HĂ€ftlinge aus dem KZ Ebensee, einem Außenkommando des KZ Mauthausen, Zwangsarbeit leisten. Die Messerschmitt AG wurde in Werkshallen des KZ Gusen, das ebenfalls zum KZ Mauthausen gehörte, und in Stollenanlagen des Gusener Steinbruchs verlegt. Die HĂ€ftlinge mussten zuerst die Stollen errichten und dann dort in der Produktion arbeiten.


Aus: Goldberger, Josef - Cornelia Sulzbacher: Oberdonau. Hrsg.: Oberösterreichisches Landesarchiv (Oberösterreich in der Zeit des Nationalsozialismus 11).- Linz 2008, 256 S. [Abschlussband zum gleichnamigen Forschungsprojekt des Oberösterreichischen Landesarchivs 2002-2008.]

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