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Wohnbaupolitik

Vor allem im ober√∂sterreichischen Zentralraum herrschten in der Zwischenkriegszeit dr√ľckende Wohnungsnot und schlechte Wohnverh√§ltnisse. Es √ľberrascht daher wenig, dass die nationalsozialistische Wohnbaupolitik und -propaganda zu jenen Ma√ünahmen geh√∂rte, die gleich nach dem Anschluss dem NS-Regime hohe Sympathiewerte einbrachten. Vor allem die sozialdemokratische Arbeiterschaft sollte damit gewonnen werden.

Der oftmals bis heute als positive Seite des Nationalsozialismus bewertete Wohnbau ordnet sich in die allgemeine Sozial- und Wirtschaftspolitik der Nationalsozialisten ein. ‚ÄěGemeinschaftsfremde‚Äú wurden von den sozialpolitischen Beg√ľnstigungen ausgegrenzt, die der rassistische Sozialstaat nur den Angeh√∂rigen der Volksgemeinschaft zugestand. Politisches Wohlverhalten galt als Bedingung f√ľr die Zuteilung einer Wohnung. Zudem richtete sich der mit √∂ffentlichen Mitteln gef√∂rderte Wohnbau haupts√§chlich nach dem Arbeitskr√§ftebedarf der ober√∂sterreichischen Industrie,  die wiederum ganz auf die Kriegsvorbereitung ausgerichtet war. Eine wachsende R√ľstungsindustrie mit hohem Arbeitskr√§ftebedarf bedeutete also einen florierenden Wohnbau, und Ober√∂sterreich war daher ein Zentrum des NS-Wohnbaus in √Ėsterreich. Im ober√∂sterreichischen Zentralraum sollte mit der H√ľtte Linz der Reichswerke Hermann G√∂ring, den Eisenwerken Oberdonau, den Stickstoffwerken und dem Ausbau der Steyr-Werke ein R√ľstungsschwerpunkt etabliert werden. Hier wurden zwischen 1938 und 1945 auch die meisten Wohnungen errichtet: an die 4000 in Steyr, √ľber 11.000 in Linz. Aber auch an anderen Orten Ober√∂sterreichs wurde der Zusammenhang zwischen der Ausrichtung der Wirtschaft auf die Kriegsvorbereitung und den umfangreichen Wohnbaut√§tigkeiten deutlich. So entstanden Werkswohnanlagen in unmittelbarer Umgebung des Aluminiumwerks Ranshofen, der Zellwollefabrik Lenzing oder im Hausruck-Kohlerevier um Ampflwang.

Wohnungsnot und Wohnbau in Linz
Der Wohnbau in der Patenstadt des F√ľhrers war durch Hitlers pers√∂nliches Interesse am Ausbau seiner Heimatstadt gewisserma√üen ein Sonderfall. Linz sollte zur Donaugro√üstadt ausgebaut werden und vor allem Wien an Bedeutung √ľbertreffen, seine Einwohnerzahl von 112.000 auf 400.000 steigen. Gro√üindustrie sollte sich in Linz ansiedeln und insbesondere die Hermann-G√∂ring-Werke sollten das √∂konomische Fundament f√ľr die st√§dtebauliche Entwicklung bilden, damit die Stadt die Unterhaltungskosten der Neubauten langfristig selbst tragen k√∂nnte. Es ist also kein Zufall, dass die F√ľhrererl√§sse zur Neugestaltung von Linz sowie zur Errichtung einer Wohnungsbau-Stiftung am gleichen Tag, dem 25. M√§rz 1939, verabschiedet wurden. In Linz wurden nicht nur Werkswohnungen f√ľr die Industriearbeiter, sondern ‚Äď im Rahmen des sozialen Wohnbaus ‚Äď in gro√üem Ausma√ü auch Volkswohnungen errichtet.

Neben fehlender Gesamtplanung waren Arbeitskräftemangel (durch das Abwerben von Facharbeitern ins Altreich) und der Kriegsausbruch die größten Probleme der Wohnbauprojekte. Ausländische Arbeiter aus Mähren und Italien, später Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge sollten diesen Engpass kompensieren. Die Fremdarbeiter wurden großteils in Barackenlagern untergebracht. Der soziale Wohnbau wurde also auf Kosten derjenigen Bevölkerungsteile realisiert, die von der NS-Sozialpolitik ausgegrenzt wurde. Aber auch deutsche Volksgenossen blieben von Zwangsmaßnahmen nicht gänzlich verschont. So mussten die Bewohner von St. Peter teilweise ab- bzw. in neu errichtete Reihenhäuser in Linz-Keferfeld umsiedeln, um den Göring-Werken Platz zu machen. Die Kompetenzen des sozialen Wohnbaus fielen spätestens ab 1940 in den Zuständigkeitsbereich der Deutschen Arbeitsfront. Obwohl die Linzer Wohnbauprojekte selbst während des Krieges oberste Priorität hatten, konnte die Wohnungsnot nicht behoben werden, im Gegenteil nahm sie durch den verstärkten Zuzug nach Linz sogar zu.

Ein Ziel der NS-Wohnungspolitik war die Ann√§herung der st√§dtischen Bev√∂lkerung an l√§ndliche Lebensverh√§ltnisse. Der Stil der neuen Wohnsiedlungen orientierte sich deshalb an den regional typischen Vierkanth√∂fe. Mit der n√∂tigen Infrastruktur ausgestattet, sollten sie zu abgeschlossenen Einheiten werden. ‚ÄěGesundes Wohnen f√ľr gesunde Volksgenossen‚Äú war das Motto der NS-Wohnbaupolitik. Die Wohnbauten unterschieden sich in Komfort, Funktionalit√§t und Atmosph√§re wesentlich von jenen der Zwischen- und Nachkriegszeit und stellten deswegen ein wirksames Identifikationsangebot des Regimes dar. Sie fungierten geradezu als Symbol f√ľr die Identifikation weiter Teile der Bev√∂lkerung mit dem NS-System.

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Im NORDICO. Stadtmuseum Linz wurde vom 21. September 2012 bis 20. Jänner 2013 eine Ausstellung zum Thema '"HITLERBAUTEN" IN LINZ. Wohnsiedlungen zwischen Alltag und Geschichte. 1938 bis zur Gegenwart' gezeigt, die hier abrufbar ist.

Steyr
W√§hrend in Linz die Grundstoffindustrie angesiedelt wurde, sollten in Steyr die R√ľstungsg√ľter endgefertigt werden. 1938 wurde die Steyr Daimler Puch AG in die Reichswerke Hermann G√∂ring eingegliedert. F√ľr eine perfekte Inszenierung nationalsozialistischer Industrie- und Sozialpolitik bot die Stadt geradezu ideale Voraussetzungen: Steyr wies eine starke NS-Bewegung seit den 1930er Jahren auf, bereits vor dem Anschluss lief ein Gro√üteil der sozialdemokratisch organisierten Arbeiter zum Nationalsozialismus √ľber und es existierten ambitionierte Pl√§ne zum Ausbau der R√ľstungsindustrie. Die gro√üe Wohnungsnot tat ein √úbriges, dass Steyr zur B√ľhne der NS-Sozialpolitik werden konnte.

Wie f√ľr Linz die Aufwertung zur F√ľhrerstadt, so hatte auch f√ľr Steyr die √úberwindung der provinziellen Identit√§t durch das in Aussicht gestellte Image als zentrales ‚ÄěIndustriekraftfeld‚Äú hohe Attraktivit√§t, selbst f√ľr Menschen, die dem Regime eher skeptisch gegen√ľber standen. F√ľr die Errichtung einer Wohnsiedlung wurde ein Teil der nieder√∂sterreichischen Gemeinde Behamberg im Oktober 1938 dem Stadtkreis Steyr zugeschlagen, auf dem nun die nationalsozialistische Mustersiedlung M√ľnichholz entstehen sollte. Der Stadtteil M√ľnichholz sollte auf 20.000, die Stadt Steyr von 30.000 auf 70.000 Einwohner anwachsen. 1939 erfolgte die Grundsteinlegung des W√§lzlagerwerkes M√ľnichholz und das Modell der M√ľnichholz-Gro√üsiedlung wurde der √Ėffentlichkeit pr√§sentiert. Infolge des Kriegsausbruches wurde das Siedlungsprojekt nicht zur G√§nze nach Plan realisiert. Genau wie in Linz wurden die Wohnungen nur teilweise der Steyrer Arbeiterschaft zur Verf√ľgung gestellt, da leitende Angestellte aus dem Altreich Vorrang erhielten und auch Umsiedler aus S√ľdtirol und dem Sudeten-land sowie Facharbeiter aus der ganzen Ostmark untergebracht wurden.


Aus: Goldberger, Josef - Cornelia Sulzbacher: Oberdonau. Hrsg.: Oberösterreichisches Landesarchiv (Oberösterreich in der Zeit des Nationalsozialismus 11).- Linz 2008, 256 S. [Abschlussband zum gleichnamigen Forschungsprojekt des Oberösterreichischen Landesarchivs 2002-2008.]

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