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Nationalsozialistische Gesundheitspolitik

Im Bereich der nationalsozialistischen Gesundheitspolitik ist die ideologische und personelle Kontinuit√§t sowohl zu der Zeit vor als auch zu der Zeit nach dem Nationalsozialismus sehr hoch. Die Vorstellungen von der Z√ľchtung eines leistungsf√§higeren und erbges√ľnderen Volkes durch gezielte wissenschaftliche Planung und Steuerung menschlicher Fortpflanzung gehen weit ins 19. Jahrhundert zur√ľck. Die Bahn f√ľr die radikale Umsetzung der erbbiologischen Selektion machte aber erst das Aufeinandertreffen dieser popul√§ren Vorstellungen mit dem Nationalsozialismus frei. Am schrecklichsten manifestierte sich diese Auspr√§gungen der NS-Gesundheitspolitik in Ober√∂sterreich in der T√∂tungsanstalt Hartheim. Aber auch die scheinbar ganz allt√§gliche staatliche Sanit√§tsverwaltung und die Gesundheits√§mter als deren zentrale Einrichtung waren davon gepr√§gt.

Die Rolle der Gesundheitsämter
Die Gesundheits√§mter setzten auf der untersten staatlichen Verwaltungsebene (den Bezirken, damals Landkreisen) die gesundheitspolitischen Vorgaben und Forderungen des NS-Staates um. Das staatliche Gesundheitswesen bewertete menschliches Leben nach seinem erbbiologischen und √∂konomischen Wert oder Unwert f√ľr die Volksgemeinschaft. Die Gesundheits√§mter entschieden, wer finanzielle Beihilfen erhielt, wer heiraten durfte oder wer sterilisiert werden sollte. Es ging also noch nicht um das nackte Leben, aber bereits um k√∂rperliche und seelische Unversehrtheit, um pers√∂nliches Gl√ľck und auch um Geld, das den Betroffenen Lebensm√∂glichkeiten er√∂ffnen oder verschlie√üen konnte.

Mit dem Anschluss im M√§rz 1938 wurde auch in √Ėsterreich die Erb- und Rassenpflege eingef√ľhrt. Die deutschen Stellen waren √ľberrascht, wie reibungslos dies vonstatten ging, hatten sie doch in mit mehr Kritik und Widerstand aus katholischen Kreisen gerechnet.

Erste personelle Umbesetzungen in den gesundheitspolitisch relevanten Stellen der ober√∂sterreichischen Zentralverwaltung erfolgten im Zuge der Verwaltungsreform 1939/40, die auf Grundlage des Ostmarkgesetzes von 1939 durchgef√ľhrt wurde. Die Posten wurden mit loyalen Beamten besetzt. Dabei wurden in vielen F√§llen Personalunionen zwischen staatlicher Verwaltung und entsprechender Parteidienststelle gebildet.

Die wesentliche organisatorische Neuerung war die fl√§chendeckende Errichtung von staatlichen Gesundheits√§mtern, die auch weitreichende erbbiologische Selektionsaufgaben hatten. Die erbbiologische Selektion wurde an die ganz normale routinem√§√üige F√ľrsorge- und Aufsichtst√§tigkeit der Gesundheits√§mter gekoppelt, sodass alle Daten, Erfahrungen und Informationen aus der unverd√§chtigen Sanit√§tst√§tigkeit f√ľr die eugenische und rassische Selektion genutzt werden konnten. Mit den Gesundheits√§mtern erhielt der eugenische Rassismus jenen staatlichen Erfassungs- und Selektionsapparat, der ihm bislang gefehlt hatte. Nicht die Partei, sondern die nationalsozialistisch ‚Äěumgebogene‚Äú staatliche B√ľrokratie setzte die Erb- und Rassenpflege durch, und das mit einem bis dahin ungekannten Einsatz von Organisation, Personal und Mitteln.

Beim Aufbau der Gesundheitsämter war das staatliche Gesundheitsamt mit dem staatlichen Amtsarzt die Regel. Bereits bestehende Gesundheitseinrichtungen in großen Städten wurden unter gewissen Bedingungen als kommunale Gesundheitsämter anerkannt, mit der Leitung allerdings ein staatlicher Amtsarzt betraut. Im Reichsgau Oberdonau wurden 16 Gesundheitsämter errichtet: 15 staatliche und ein kommunales in Linz.

Was waren nun die konkreten Aufgaben der Gesundheitsämter?
Die Amts√§rzte und ihre Gesundheitsf√ľrsorgerinnen organisierten den staatlich-medizinischen Zugriff auf den einzelnen Menschen und die Familie, dies insbesondere auf dem Land und dort wiederum bei den Frauen, die sonst kaum zu erfassen gewesen w√§ren, da sie von sich aus nicht auf die Idee kamen, sich in Fragen der Ehe, Sexualit√§t, Schwangerschaft, Geburt und S√§uglingspflege √ľberhaupt an √Ąrzte zu wenden. Auch Gemeinde√§rzte, Hebammen, B√ľrgermeister, Arbeitgeber, Schuldirektoren, Ortsgruppenleiter, Musterungs√§rzte, ja zuweilen sogar Priester und viele andere wurden ‚Äď bewusst oder unbewusst ‚Äď zu Informanten der Gesundheits√§mter.

Was umfasste die erbbiologische Tätigkeit der Gesundheitsämter?

1) die positive eugenische Auslese mit Ma√ünahmen zur F√∂rderung erbgesunder Familien mit zahlreicher, f√ľr die Volksgemeinschaft erw√ľnschter Nachkommenschaft
2) die negative eugenische Auslese mit Maßnahmen zur Ausmerzung von erbkrankem und minderwertigem Erbgut von der Fortpflanzung
3) die maßgebliche Mitwirkung an der Erbgesundheitsgerichtsbarkeit
4) die totale erbbiologische Bestandsaufnahme der Bev√∂lkerung durch eine Erbkartei und ein Sippenregister, die jedes Gesundheitsamt verpflichtet war zu f√ľhren

F√∂rderungen im Rahmen der positiven Eugenik wurden nach rassischen Gesichtspunkten vergeben. Voraussetzung zu Erlangung dieser F√∂rderungen war die Untersuchung durch die Gesundheits√§mter. Kinder- und Ausbildungsbeihilfen etwa wurden nur an kinderreiche arische, erbgesunde und gemeinschaftsw√ľrdige Familien verteilt. Zur bev√∂lkerungspolitischen Steuerung geh√∂rte auch eine strikte √úberwachung des Abtreibungsverbots. Alle vermuteten Schwangerschaftsunterbrechungen waren dem zust√§ndigen Amtsarzt anzuzeigen. Im M√§rz 1943 wurde die Abtreibung gar unter Todesstrafe gestellt. Dagegen wurden etwa jungen, gesunden, erbt√ľchtigen Ehepaaren unverzinsliche Darlehen zur Gr√ľndung von Familie und Hausstand gew√§hrt. Die R√ľckzahlungsverpflichtung verringerte sich mit jedem Kind um ein Viertel, weswegen der Volksmund auch vom ‚ÄěAbkindern‚Äú sprach. Urspr√ľnglich hatte die F√∂rderung junger Familien durch das Ehestandsdarlehen auch eine arbeitsmarktpolitische Dimension: Zun√§chst wurde das Darlehen n√§mlich nur zur Verf√ľgung gestellt, wenn die Frauen ihre Erwerbst√§tigkeit aufgaben, ihre Arbeitspl√§tze also f√ľr M√§nner r√§umten. Arbeitskr√§ftemangel und Krieg kehrten diese Zielsetzung sp√§ter in ihr Gegenteil um.

Verherrlichung der Mutterrolle
Mit der ideologischen Verherrlichung der Mutterrolle forderte die nationalsozialistische Propaganda die Mehrung der Volksgemeinschaft durch die Geb√§rfreudigkeit der erbgesunden deutschen Frau. Sie sollte f√ľr v√∂lkisch wertvollen Nachwuchs sorgen. Das Mutterkreuz wurde auf Antrag ab Kinder in Bronze, ab sechs in Silber und ab acht in Gold an deutsche M√ľtter verliehen, deren Kinder als arisch und erbgesund galten.

Diese f√∂rdernden Ma√ünahmen wurden teilweise zu Erkundungst√§tigkeiten im Dienste der negativen Auslese umfunktioniert. Sie wirkten als √úberwachungsinstrumente, die im negativen Fall bis hin zur verordneten Sterilisation f√ľhren konnten. Bei den Erhebungen und Untersuchungen im Zuge der Mutterkreuz-Antr√§ge waren auch die tot geborenen Kinder ‚Äď und das waren damals nicht wenige ‚Äď sowie die Todesursachen anzugeben. Auf diese Weise deckte etwa das Gesundheitsamt Grieskirchen bei √ľber 400 Antr√§gen in knapp 20 F√§llen Erbkrankheiten auf.

Zwangssterilisation, Eheverbote, Meldepflicht von behinderten Neugeborenen
Die wichtigsten Ma√ünahmen der negativen eugenischen Auslese waren die Zwangssterilisation, die Verh√§ngung von Eheverboten und die Pflicht zur Meldung von behinderten Neugeborenen. w√§hrend letztere auf direkten Weg zur Kindereuthanasie f√ľhren konnte, ging es bei Zwangssterilisation und Eheverbot vor allem darum, Erbkranke von der Fortpflanzung auszuschlie√üen. Erbkrankheiten waren laut Gesetz ‚ÄěSchwachsinn, Schizophrenie, zirkul√§res (d. h. manisch-depressives) Irresein, erblicher Veitstanz, erbliche Blindheit und Taubheit, schwere k√∂rperliche Missbildungen, schwerer Alkoholismus‚Äú, sp√§ter auch Tuberkulose. Als erbkrank galten von vornherein auch Kriminelle und Asoziale.

Die Sto√ürichtung bei den Eheverboten war eine doppelte. Einerseits sollte unerw√ľnschte Nachkommenschaft verhindert, andererseits der Verlust von wertvollem Erbgut vermieden werden, indem erbt√ľchtige Arier vor erbkranken oder fremdrassigen Partnern gesch√ľtzt wurden. F√ľr Dr. Hager, den Leiter des Gaugesundheitsamtes in Oberdonau, war in erster Linie das gesunde Volksempfinden Richtschnur f√ľr die Erteilung von Eheverboten. Er meinte etwa, wenn ein junger Soldat eine betr√§chtlich √§ltere Frau heiraten wolle, so sei schon allein aus diesem Willen eine geistige St√∂rung abzulesen, die ein Eheverbot rechtfertige. Hager weiter: ‚ÄěAus Zweckm√§√üigkeitsgr√ľnden d√ľrfte es sich empfehlen, falls der m√§nnliche Partner im Felde ist, das Vorliegen der geistigen St√∂rung bei der Frau anzunehmen.‚Äú

Eheuntauglichkeit f√ľhrte unmittelbar in die F√§nge der Sterilisationsb√ľrokratie. Ein Eheverbot und der darauf folgende Sterilisationsantrag waren unmittelbar miteinander verbunden. Im anderen Fall h√§tte es laut Hager dazu kommen k√∂nnen, ‚Äědass die Erbkranken keine ehelichen, wohl aber uneheliche Kinder zeugen k√∂nnen.‚Äú

Die Zwangssterilisation war das zentrale Instrument des eugenischen Rassismus. Vermeintlich erbkranke Personen mussten dem Gesundheitsamt angezeigt werden. Dieses leitet die Untersuchungen und stellte beim zuständigen Erbgesundheitsgericht die Sterilisationsanträge. Die Unfruchtbarmachung wurde im AKH Linz, der Gaufrauenklinik oder einem anderen Bezirkskrankenhaus in Oberdonau vorgenommen (s. Kranke und Menschen mit Behinderung).

Die erb- und rassenpflegerischen Ma√ünahmen setzten in √Ėsterreich zu einem Zeitpunkt ein, an dem sie im Altreich schon wieder zur√ľckgingen. Dort wurde die Sterilisationspolitik ab 1939 schrittweise eingeschr√§nkt. Die daf√ľr notwendigen Ressourcen wurden aufgrund des Kriegsausbruchs an anderer Stelle ben√∂tigt. Die mit Zwangsterilisationen besch√§ftigten Stellen erhielten die Aufforderung, nur mehr in jenen F√§llen t√§tig zu werden, in denen ‚Äěbesonders gro√üe Fortpflanzungsgefahr‚Äú bestand. Die ‚Äěfortpflanzungsorientierte‚Äú Verfolgung wurde zunehmend von der tats√§chlichen physischen Vernichtung abgel√∂st. Der Verfolgungsschwerpunkt verschob sich von Kranken und Menschen mit Behinderung, die nunmehr in gro√üer Zahl in T√∂tungsanstalten ermordet wurden, zu Asozialen. Besonders betroffen davon waren die sozialen Unterschichten. In der Ostmark nahmen die Zwangssterilisationen erst 1940 ihren Anfang und stellten von Beginn an vor allem Asoziale in den Mittelpunkt der Verfolgung. Die Gesundheitsverwaltung in Oberdonau steuerte im Jahre 1942 ihrem qualitativ und quantitativ effektivsten Jahr zu.

Eine Verf√ľgung des Reichsministeriums f√ľr das Innere im September 1944 stellte die Beantragung von Unfruchtbarmachungen g√§nzlich ein.


Aus: Goldberger, Josef - Cornelia Sulzbacher: Oberdonau. Hrsg.: Oberösterreichisches Landesarchiv (Oberösterreich in der Zeit des Nationalsozialismus 11).- Linz 2008, 256 S. [Abschlussband zum gleichnamigen Forschungsprojekt des Oberösterreichischen Landesarchivs 2002-2008.]

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