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Mauthausen - Gusen

Der Lagerkomplex Mauthausen – Gusen
Von allen österreichischen BundeslĂ€ndern war Oberösterreich am engsten mit dem nationalsozialistischen KZ-System verbunden. Im Reichsgau Oberdonau entstand nicht nur mit dem KZ Mauthausen das einzige KZ-Hauptlager der Ostmark, es befanden sich hier auch die grĂ¶ĂŸten Lager auf österreichischem Gebiet. Das Lager Gusen, unweit von Mauthausen, war das zweite große Konzentrationslager in Österreich und stellte weniger ein Außenlager als vielmehr eine Art Doppellager von Mauthausen dar. Die neuere Forschung spricht daher vom Doppellagerkomplex Mauthausen-Gusen. Beide Lager fungierten bis Kriegsmitte vor allem als Tötungslager.

Der Kommandantur des KZ Mauthausen unterstanden im Laufe des Krieges insgesamt ĂŒber 40 Außenlager auf österreichischem Gebiet, 15 davon in Oberdonau. Mit Mauthausen und Gusen sowie den Außenlagern Ebensee, Linz III und dem Auffanglager Gunskirchen befanden sich fĂŒnf der sechs grĂ¶ĂŸten Lager des Mauthausen-Komplexes in Oberdonau. Nur Melk war außerhalb der Gaugrenzen. Mehr als 10.000 HĂ€ftlinge befanden sich in Ebensee und Melk, wo es auch eigene Krematorien gab. Mit dem Lager Bad Ischl entstand auch ein Außenlager des KZ Dachau auf oberösterreichischem Gebiet.

Standortentscheidung fĂŒr Mauthausen
Die Standortentscheidung fĂŒr Mauthausen hing eng mit dem Bauprogramm fĂŒr die FĂŒhrerstadt Linz zusammen. Die ĂŒberproportional hohe Anzahl an Außenlagern in Oberdonau geht vor allem auf den ArbeitskrĂ€ftebedarf zurĂŒck, den dieser Reichsgau als RĂŒstungszentrum hatte. Die Zwangsarbeit von KZ-HĂ€ftlingen erlangte vor allem in der zweiten KriegshĂ€lfte entscheidende Bedeutung fĂŒr die deutsche Kriegswirtschaft. Die Gesamtzahl der im KZ-System Mauthausen inhaftierten Personen wird auf fast 200.000 geschĂ€tzt. Etwa 100.000 Menschen kamen darin ums Leben, 35.000 davon allein in Gusen.

FĂŒr die Entstehung der Lager war das BemĂŒhen der SS ausschlaggebend, ab 1937 in die Baustoffproduktion in Verbindung mit KZ-Zwangsarbeit einzusteigen, um sich als Partner fĂŒr die umfangreichen stĂ€dtebaulichen PlĂ€ne von Hitlers wichtigstem Architekten, Albert Speer, Generalbauinspektor fĂŒr die Reichshauptstadt, anzubieten. Dazu grĂŒndete sie im April 1938 die Deutschen Erd- und Steinwerke GmbH (DESt), die sich um die Übernahme von SteinbrĂŒchen bemĂŒhte.

Der Beschluss, in der NĂ€he von Mauthausen ein Konzentrationslager zu errichten, fiel schon wenige Tage nach dem Anschluss. GĂŒnstig erschienen vor allem die vielen GranitsteinbrĂŒche in der Region, von denen die DESt im Juni zwei pachtete. Am 8. August 1938 traf der erste Transport mit 300 HĂ€ftlingen aus dem KZ Dachau ein. Bis Jahresende folgten weitere aus Dachau und dem KZ Sachsenhausen, die in den ersten Monaten vor allem am Aufbau des Lagers arbeiteten. Bei Kriegsende waren einzelne Bauten des Lagers noch immer nicht fertig gestellt. Die exponierte Lage, die massiven Mauern und TĂŒrme verliehen dem Lager den architektonischen Ausdruck einer auf Sichtbarkeit und ReprĂ€sentation angelegten Burg.

Das Lager Gusen
Die Einrichtung und der Ausbau des Lagers Gusen verliefen Ă€hnlich. Am 25. Mai 1938 hatte die SS einen Steinbruch in Langenstein ĂŒbernommen, wenig spĂ€ter wurde auch der Steinbruch Kastenhof gepachtet. Der Ausbau des Lagers begann im Dezember 1939 durch deutsche, österreichische und ab MĂ€rz 1940 durch polnische HĂ€ftlinge, weil der tĂ€gliche Transport großer HĂ€ftlingsgruppen von Mauthausen zu den Gusener SteinbrĂŒchen zu aufwĂ€ndig war. Ab April 1940 verblieben die ersten HĂ€ftlinge dauerhaft in Gusen, am 25. Mai 1940 wurde Gusen offiziell als neues Lager gefĂŒhrt. Das Lager Gusen, das zeitweilig sowohl von der rĂ€umlichen Ausdehnung als auch von der HĂ€ftlingszahl grĂ¶ĂŸer als Mauthausen war, verfĂŒgte bis 1944 teilweise ĂŒber eine autonome Verwaltung und HĂ€ftlingsnummernregistratur. Ein stĂ€ndiger Ausbau und schließlich die Lagererweiterung Gusen II waren wegen der kontinuierlich steigenden Zahl an HĂ€ftlingen und Wachpersonal nötig. Hinzu kamen die Errichtung von Fertigungshallen fĂŒr Steyr-Daimler-Puch und Messerschmitt und der Ende 1943 begonnene Bau großer unterirdischer Anlagen fĂŒr die Untertageverlagerung der RĂŒstungsfirmen.

Wachmannschaften in den Lagern
Die Zusammensetzung der Wachmannschaften Ă€nderte sich im Laufe der Jahre. Mit dem ersten HĂ€ftlingstransport aus Dachau am 8. August 1938 kamen etwa 80 Angehörige des Dachauer SS-Totenkopfverbandes nach Mauthausen. Die Zahl der SS-Angehörigen im gesamten Lagerkomplex Mauthausen inklusive Außenlager stieg bis zum Winter 1944/45 auf fast 6000 Personen. Die hohe Zahl der Wachmannschaften war auch durch die gegen Kriegsende stattfindenden Evakuierungen vieler Lager im Osten in das von den Fronten noch weit entfernte KZ Mauthausen bedingt. WĂ€hrend im Kommandanturstab der Anteil der Deutschen und Österreicher von 1938 bis Kriegsende hoch blieb, ging der Anteil der deutschen und österreichischen Angehörigen der Wachmannschaften ab 1942 deutlich zurĂŒck. Zunehmend rekrutierte die SS nun Volksdeutsche aus Ost- und SĂŒdosteuropa als Wachpersonal. Ab FrĂŒhjahr 1944 wurden auch zur SS ĂŒberstellte Wehrmachtssoldaten vor allem zur Bewachung der Außenlager herangezogen, am Ende des Krieges auch Schutzpolizisten, Feuerwehrleute und Angehörige des Volkssturms.

So hoch die Personalfluktuation im Bereich der Wachmannschaften war, so sehr war die Besetzung der LagerfĂŒhrung in Mauthausen von KontinuitĂ€t geprĂ€gt. Vor allem die lange Funktionszeit des Kommandanten Franz Ziereis, der auf Albert Sauer folgte, von April 1939 bis Mai 1945 sticht hervor. Anfang Mai 1945 verließ Ziereis Mauthausen, wurde wenig spĂ€ter aber von amerikanischen Soldaten festgenommen und verwundet und starb im amerikanischen Lazarett in Gusen. Die Verantwortung fĂŒr das Geschehen in Mauthausen hatte er bei den Vernehmungen auf die Berliner Vorgesetzten geschoben. LagerfĂŒhrer fĂŒr Gusen – formal Ziereis unterstellt, doch mit außerordentlicher MachtfĂŒlle ausgestattet – war von Juli 1940 bis Ende 1942 Karl Chmielewski. Ihm folgte bis Kriegsende Fritz Seidler.

Einteilung in HĂ€ftlingsgruppen
Entsprechend den politischen und militÀrischen Entwicklungen gestaltete sich die Zusammensetzung der eintreffenden HÀftlingsgruppen.

Ende des Jahres 1938 waren etwa 1000 HĂ€ftlinge in Mauthausen untergebracht, vor allem kriminelle und asoziale Österreicher und Deutsche. Im Laufe des Jahres 1939 kamen Zigeuner, Zeugen Jehovas und erstmals auch politische HĂ€ftlinge aus dem Sudentenland und der Tschechoslowakei hinzu, ab 1940 auch Polen und republikanische Spanier, ab 1941 hollĂ€ndische Juden, Jugoslawen und sowjetische Kriegsgefangene, ab 1942 Franzosen und Belgier, ab 1943 Inhaftierte aus Griechenland und Luxemburg sowie politische HĂ€ftlinge aus der Sowjetunion. Durch die Transporte aus den besetzten LĂ€ndern Europas war Mauthausen zu einem Lager mit internationaler Zusammensetzung geworden.

Entscheidend fĂŒr die Situation der HĂ€ftlinge war neben der nationalen Herkunft auch die von der SS zugewiesene HĂ€ftlingskategorie. Im Rahmen des Dachauer Modells der Selbstverwaltung, also der von der SS gesteuerten FunktionsĂŒbertragung der meisten Überwachungs- und Verwaltungsarbeiten innerhalb des Lagers an HĂ€ftlinge, dominierten zunĂ€chst die deutschen Kriminellen die Lagerhierarchie. Erst ab 1944 konnten die politischen HĂ€ftlinge ihre HandlungsspielrĂ€ume erweitern.

Der stĂ€ndig steigende Bedarf an ZwangsarbeitskrĂ€ften fĂŒr die zu kriegswirtschaftlichen Zwecken eingerichteten Außenlager und die RĂŒstungsfertigungen in Gusen fĂŒhrte zu einem enormen Anstieg der Einlieferungen in den Jahren 1944 und 1945. An die 100.000 HĂ€ftlinge wurden in diesem Zeitraum nach Mauthausen, Gusen und in die Außenlager eingewiesen. Fast die HĂ€lfte davon kam ab Herbst 1944 aus anderen Konzentrationslagern, die wegen des Vormarsches der alliierten Truppen evakuiert worden waren. Immer hĂ€ufiger waren dabei auch Kinder und Jugendliche unter 20 Jahren. Im MĂ€rz 1945 betrug ihr Anteil fast 20 %.

Frauenkonzentrationslager Mauthausen

Im September 1944 kam es zur Bildung eines eigenen Frauenkonzentrationslagers Mauthausen, indem innerhalb des Lagers bestimmte Baracken fĂŒr Frauen reserviert wurden.

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Im September 1944 kam es zur Bildung eines eigenen Frauenkonzentrationslagers Mauthausen, indem innerhalb des Lagers bestimmte Baracken fĂŒr Frauen reserviert wurden.

Schon seit Sommer 1942 waren immer wieder auch Frauen ins Hauptlager eingeliefert worden. Bekannt ist etwa, dass zehn weibliche HĂ€ftlinge aus dem KZ RavensbrĂŒck als Zwangsprostituierte im HĂ€ftlingsbordell Bordelldienst leisten mussten, oder ein Transport mit 135 tschechischen Frauen, die wenige Tage nach ihrer Ankunft in der Gaskammer ermordet wurden. Bis zum September 1944 wurden weibliche HĂ€ftlinge nur dann nach Mauthausen eingewiesen, wenn sie hier exekutiert oder von hier aus in andere Konzentrationslager ĂŒberstellt werden sollten. Mit der Einrichtung des Frauenkonzentrationslagers Mauthausen wurde fĂŒr weibliche HĂ€ftlinge auch eine eigene Nummernserie eingefĂŒhrt. Die weiblichen HĂ€ftlinge wurden auch in Außenlager geschickt, etwa in das Lager Lenzing der Zellwolle Lenzing AG.

Ab dem Herbst 1944 kamen tausende Frauen mit Evakuierungstransporten aus anderen Konzentrationslagern in Mauthausen an. Aus dem KZ Groß Rosen kamen im Winter 1945 ungefĂ€hr 3000 Frauen nach Mauthausen, die dann in das KZ Bergen Belsen weitertransportiert wurden. Am 7. MĂ€rz 1945 kam aus dem KZ RavensbrĂŒck ein Transport mit ungefĂ€hr 2000 Frauen an. Ende April 1945 wurden ungefĂ€hr 2200 Frauen aus dem KZ FlossenbĂŒrg nach Mauthausen evakuiert, wobei ĂŒber 2000 Frauen auf dem Transport umgekommen sein sollen, denn in Mauthausen trafen nur ungefĂ€hr 120 bis 200 von ihnen ein.

Insgesamt wurden zwischen 1942 und dem 3. Mai 1945 mindestens 4000 Frauen nach Mauthausen deportiert.

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Vernichtung durch Arbeit
Von 1938 bis Ende 1942 diente der Lagerkomplex Mauthausen-Gusen wie kein anderes Konzentrationslager auf Reichsgebiet der physischen Vernichtung von politischen und ideologischen Gegnern und von als kriminell und asozial angesehenen Personengruppen – ob bei der Arbeit im Steinbruch zu Tode schikaniert, erschlagen, erschossen, mit Injektionen oder durch Badeaktionen im Winter ermordet oder durch die Folgen von UnterernĂ€hrung und Erschöpfung zu Tode gebracht. Mauthausen und Gusen waren Lager der Kategorie III. Dies war die höchste Kategorie und stand fĂŒr Vernichtung durch Arbeit. Die Sterblichkeit war so hoch, dass der Lagerstand trotz stĂ€ndiger NeuzugĂ€nge manchmal ĂŒber Monate konstant blieb. Die vollstĂ€ndige Ausbeutung der Arbeitskraft der HĂ€ftlinge durch systematischen Terror bei gleichzeitiger materieller Unterversorgung fĂŒhrte zur höchsten Todesrate, die ein Konzentrationslager innerhalb des Deutschen Reiches bis Ende 1942 aufzuweisen hatte, und betrug im Jahr 1942 50 %.

Massenvernichtungsaktionen
Nicht nur durch Arbeit und Unterversorgung wurden die HĂ€ftlinge systematisch ermordet. Parallel zur Radikalisierung des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion und zur beginnenden Massenvernichtung der Juden wurden die Mordaktionen quantitativ und qualitativ verschĂ€rft. Einbezogen in die planmĂ€ĂŸigen Massentötungen wurde auch die Tötungsanstalt Hartheim, in der zwischen August 1941 und Ende 1942 und erneut ab FrĂŒhjahr 1944 etwa 5000 kranke und schwache KZ-HĂ€ftlinge, Juden und andere politisch missliebige HĂ€ftlinge aus Mauthausen und Gusen systematisch umgebracht wurden. (Aktion 14 f 13, benannt nach dem Aktenzeichen, das im Behördenschriftverkehr fĂŒr solche Betreffe vorgesehen war). ZusĂ€tzlich kam es ab Herbst 1941 zur Ermordung von mindestens 900 kranken HĂ€ftlingen durch den Einsatz eines Gaswagens, der bis 1943 zwischen Mauthausen und Gusen verkehrte. Ein weiterer Schritt zur Technisierung des Tötens im KZ Mauthausen war die Einrichtung einer so genannten Genickschussanlage und einer Gaskammer ab Herbst 1941. Darin wurden ganze Gruppen, die zur Vernichtung bestimmt waren, ermordet.

Neben medizinischen Experimenten fĂŒhrten auch ansteckende Krankheiten zu einer Erhöhung der Todesrate. Beispielsweise kursierte in Mauthausen und Gusen eine Fleckfieberepidemie, die fast zeitgleich mit dem erstmaligen Eintreffen sowjetischer Kriegsgefangener im Oktober 1941 ausbrach.

Von den Vernichtungsmaßnahmen betroffen waren vor allem einige von der SS-FĂŒhrung genau definierte Gruppen: Juden, Polen, sowjetische Kriegsgefangene, Zigeuner und republikanische Spanier. Von Berlin aus wurden explizit hunderte Exekutionen durch Erschießen angeordnet, die ein Exekutionskommando der SS ausfĂŒhrte. Krematoriumsöfen erhielten das KZ Mauthausen im FrĂŒhjahr 1940 (bis dahin wurden die Leichen in das stĂ€dtische Krematorium nach Steyr gebracht), Gusen Ende JĂ€nner 1941, die grĂ¶ĂŸten Außenlager Ebensee und Melk in der zweiten JahreshĂ€lfte 1944. Die zu geringen VerbrennungskapazitĂ€ten in Mauthausen fĂŒhrten dazu, dass die SS in Marbach ein großes Massengrab anlegen ließ.

Ausbeutung der Arbeitskraft durch Zwangsarbeit
Ab Ende 1942 war es zu einem Funktionswandel der Konzentrationslager gekommen. Nach den Massenmorden der Jahre 1940 bis 1942 ging die Todesrate ab 1943 zurĂŒck und es kam zu einer spĂŒrbaren Lockerung des Lagerregimes. Eine effizientere Ausbeutung der Arbeitskraft im Rahmen der Zwangsarbeit fĂŒr die Kriegswirtschaft und RĂŒstungsproduktion war nun das Hauptinteresse. Das Stammlager Mauthausen wurde immer mehr Verwaltungslager mit angeschlossenem Sterbelager und bekam die Rolle eines Durchgangslagers und einer Steuerungszentrale fĂŒr die ab 1943 rasch wachsende Zahl der Außenlager, in denen sich ab 1944 die Mehrheit der HĂ€ftlinge befand. Die VernichtungsarbeitsplĂ€tze in den Mauthausener und Gusener SteinbrĂŒchen verloren an Bedeutung. Abgearbeitete und kranke HĂ€ftlinge wurden von den Außenlagern ins Stammlager zurĂŒcktransportiert.

1945 bekam das Stammlager zusĂ€tzlich die Funktion eines Auffanglagers. HĂ€ftlinge aus Evakuierungen anderer Konzentrationslager wurden eingewiesen. Auch Transporte ungarischer Juden wurden aufgenommen, die beim Bau des SĂŒdostwalls (Stellungen, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges an der Ostgrenze der damaligen Donau- und Alpenreichsgaue gegen die heranziehenden Sowjettruppen errichtet wurden) Zwangsarbeit verrichten mussten. Dadurch kam es zu einer völligen ÜberfĂŒllung des Lagers.

KZ-Zwangsarbeiter in österreichischen Unternehmen
Das erste Unternehmen, das in Österreich von der SS KZ-HĂ€ftlinge zugewiesen bekam und einsetzte, war die Steyr-Daimler-Puch AG. Dazu wurde im MĂ€rz 1942 ein eigenes Außenlager eingerichtet und ins KZ Gusen eine GeschĂŒtzteilefertigung verlagert. Auch die Reichswerke Hermann Göring bekamen KZ-HĂ€ftlinge als ArbeitskrĂ€fte zugewiesen, wofĂŒr die Außenlager Linz I und Linz III eingerichtet wurden. Auch die in die luftsichere Ostmark verlagerten Betriebe der Flugzeug- und Raketenindustrie setzten HĂ€ftlinge ein, so etwa der Regensburger Flugzeughersteller Messerschmitt, der nach einem alliierten Luftangriff im August 1943 Teile der Produktion nach Gusen verlegte. 1944 bekam auch die Zellwolle AG in Lenzing weibliche KZ-HĂ€ftlinge aus Mauthausen zugewiesen.

Ab 1944 mussten KZ-HĂ€ftlinge große unterirdische Anlagen bauen, in denen die SchlĂŒsselindustrien der Kriegswirtschaft vor Luftangriffen geschĂŒtzt untergebracht werden sollten. Der Stollenbau kristallisierte sich ab Herbst 1943 als neuer Schwerpunkt der HĂ€ftlingsarbeit heraus, in dem im Herbst 1944 beinahe die HĂ€lfte aller Mauthausen-HĂ€ftlinge eingesetzt war. Der Bau von Stollenanlagen und die Untertageverlagerung der Jagdflugzeug-Produktion von Messerschmitt und der Herstellung von Maschinenpistolen von Steyr-Daimler-Puch unter dem Tarnnamen Bergkristall fĂŒhrte zum Aufbau des Erweiterungslagers Gusen II. Große Untertage-Bauvorhaben gab es auch in Melk fĂŒr Steyr-Daimler-Puch. In Ebensee wurden Raketenforschung und -produktion (V-Waffen) unterirdisch verlegt, in Redl-Zipf errrichtete man eine dazugehörige Sauerstoffproduktions- und Testanlage.

SolidaritÀt und Widerstand der HÀftlinge
SolidaritĂ€t und Hilfe fĂŒr MithĂ€ftlinge oder gar unmittelbarer Widerstand waren in Mauthausen und Gusen nur sehr eingeschrĂ€nkt möglich. Am ehesten war beides im Rahmen der HĂ€ftlingsselbstverwaltung möglich und wurde vorrangig durch politische HĂ€ftlinge ausgefĂŒhrt. Sie mussten dabei vorsichtig die kriminellen HĂ€ftlinge in den Lagerfunktionen umgehen, da diese oftmals der verlĂ€ngerte Arm der SS waren. Es gibt Zeugnisse persönlicher, politischer und vor allem nationaler SolidaritĂ€t. SolidaritĂ€t und Widerstand in einem ĂŒbernationalen Sinne gingen von den republikanischen Spaniern und den Kommunisten aus: die Verbreitung von Informationen ĂŒber den Kriegsverlauf, um den Lebenswillen der HĂ€ftlinge aufrechtzuerhalten, Lebensmittel- und Kleidersammlungen, die Rettung einzelner gefĂ€hrdeter HĂ€ftlinge durch Nummerntausch und die Überstellung in Außenlager gehörten dazu.

Eine Form des individuellen Widerstandes konnten auch Fluchtversuche sein. In Mauthausen und Gusen gab es davon 30, die wenigsten allerdings erfolgreich. Als grĂ¶ĂŸte Widerstandsaktion ist wohl der Ausbruch von 500 sowjetischen Kriegsgefangenen aus dem isolierten Block 20 am 2. Februar 1945 zu betrachten, meist Offiziere, die besonders brutalen Haftbedingungen ausgesetzt waren,. Von ihnen ĂŒberlebten weniger als 20 die Flucht. An der dreiwöchigen Großfahndung nach den GeflĂŒchteten, von der SS zynisch MĂŒhlviertler Hasenjagd genannt, nahmen der SS-Kommandanturstab, Gendarmerie, Einheiten der Wehrmacht und der SA, die örtliche Hitler-Jugend und der Volkssturm teil. In den ersten Tagen wurden im Raum Mauthausen ĂŒber 100 HĂ€ftlinge aufgegriffen und meist an Ort und Stelle getötet. Einzelne Bauernfamilien (etwa die Familie Langthaler in Schwertberg) und zivile auslĂ€ndische Zwangsarbeiter in der Umgebung versteckten geflĂŒchtete HĂ€ftlinge oder versorgten sie mit Nahrungsmitteln. Dadurch konnten sich mindestens elf HĂ€ftlinge retten. Sechs oder sieben weitere wurden nicht gefasst und ĂŒberlebten vermutlich auch.

Auch die erfolgreiche Befehlsverweigerung von 500 Frauen, die sich im MĂ€rz 1945 gegen ein AusrĂŒcken ins bombardierte Außenlager Amstetten weigerten, blieb einmalig in der Geschichte des KZ Mauthausen.

Ermordungen bis in die letzte Kriegstage
Die relative Ferne des Reichsgaues Oberdonau von allen Frontlinien bis in die letzten Kriegswochen hinein machte die hier gelegenen Konzentrationslager zum Hauptziel der Evakuierungstransporte ab 1944. Ziel der SS war es, den vorrĂŒckenden Alliierten keine HĂ€ftlinge zu ĂŒberlassen. Ab Herbst 1944 verschlechterte sich die Versorgung der HĂ€ftlinge infolge der völligen ÜberfĂŒllung der Lager gravierend. Zu völlig chaotischen organisatorischen und hygienischen Rahmenbedingungen kam es ab Jahresbeginn 1945 und endgĂŒltig im MĂ€rz mit der Ankunft ungarischer Juden, die von den Lagern des SĂŒdostwallbaues nahe der ungarischen Grenze nach Mauthausen getrieben wurden. Diese FußmĂ€rsche forderten mindestens 8000 Tote.

Eine Evakuierung des Lagers Mauthausen selbst kam nicht mehr in Frage, da sich die Alliierten von allen Seiten nĂ€herten. Trotz oder gerade wegen dieser ausweglosen Situation gab es gezielte Tötungen bis zum Schluss. Noch am 20. April 1945 beispielsweise gab es eine letzte große Mordaktion an alten und geschwĂ€chten HĂ€ftlingen. Insbesondere politisch besonders UnerwĂŒnschte und GeheimnistrĂ€ger wurden noch in den letzten Tagen gezielt getötet. Davon betroffen waren etwa die 33 Mitglieder der sozialdemokratisch-kommunistisch-antifaschistischen Welser Gruppe, die auf Anordnung Eigrubers am 28. April hingerichtet wurden, „damit die Alliierten in den Alpengauen keine aufbauwilligen KrĂ€fte vorfinden.“

In den letzten April- und ersten Maitagen ließ die SS die technischen Einrichtungen der Gaskammer demontieren und belastendes Material verbrennen, um am 2. und 3. Mai das Lager zu verlassen und die Bewachung der Wiener Feuerschutzpolizei zu ĂŒbergeben. Die Macht im Lager ging in diesen Tagen auf ein internationales HĂ€ftlingskomitee ĂŒber. Am 5. Mai erreichten und befreiten amerikanische Einheiten das Lager. Mehr als 20.000 Erkrankte mussten in den öffentlichen KrankenhĂ€usern der Umgebung oder in Feldlazaretten behandelt werden. Trotzdem starben tausende in den Monaten nach der Befreiung an den Folgen der Haft.


Aus: Goldberger, Josef - Cornelia Sulzbacher: Oberdonau. Hrsg.: Oberösterreichisches Landesarchiv (Oberösterreich in der Zeit des Nationalsozialismus 11).- Linz 2008, 256 S. [Abschlussband zum gleichnamigen Forschungsprojekt des Oberösterreichischen Landesarchivs 2002-2008.]

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