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Außenlager des KZ Mauthausen

Bei den Außenlagern des KZ Mauthausen kann man drei Grundtypen unterscheiden: Lager fĂŒr Zwecke der SS, Lager fĂŒr den Arbeitseinsatz in der Kriegswirtschaft und Lager fĂŒr die Aufnahme von evakuierten HĂ€ftlingen in der Endphase. Hier kann nur auf die 15 im heutigen Oberösterreich gelegenen eingegangen werden.

Lager fĂŒr Zwecke der SS

Bis 1942 wurden nur Außenlager des ersten Typs eingerichtet, in denen die Arbeitskraft der HĂ€ftlinge fĂŒr SS-eigene Firmen oder ihr nahe stehende Institutionen ausgebeutet wurde. Diese Lager waren relativ klein. Im Vergleich zu anderen Außenlagern herrschten in ihnen wesentlich bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen. Im KZ Vöcklabruck im Stadtteil Wagrain arbeiteten von Juni 1941 bis Mai 1942 durchschnittlich ĂŒber 300 HĂ€ftlinge hauptsĂ€chlich im Straßenbau, im KZ Bachmanning bei Wels ab 1942 etwa 20 HĂ€ftlinge fĂŒr das SĂ€gewerk und im KZ Gusen III (Dezember 1944 bis Mai 1945) in der Ortschaft Lungitz im Gemeindegebiet von Katsdorf, das eher ein Sublager des Lagers Gusen denn ein eigenes Außenlager war, fast 300 HĂ€ftlinge in einer GroßbĂ€ckerei.

Lager fĂŒr den Arbeitseinsatz in der Kriegswirtschaft
Der zweite Typ von Außenlagern waren die Lager fĂŒr den Arbeitseinsatz in der Kriegswirtschaft. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion und dem enormen ArbeitskrĂ€ftemangel in der deutschen RĂŒstungsindustrie verschob sich der Schwerpunkt des Arbeitseinsatzes der KZ-HĂ€ftlinge in Richtung Kriegswirtschaft und RĂŒstungsproduktion.

Mehr als in anderen Regionen der Ostmark waren im Reichsgau Oberdonau die Arbeitskraftreserven bereits 1941 völlig ausgeschöpft. Das hatte zur Folge, dass Oberdonau zu einem Schwerpunkt des Arbeitseinsatzes von ZwangsarbeitskrĂ€ften wurde, ob zivile AuslĂ€nderInnen, Kriegsgefangene oder KZ-HĂ€ftlinge. Letztere machten dabei einen erheblichen Anteil der BeschĂ€ftigten im Gau aus, da die Industrie 1943/44 aufgrund fehlender ziviler ArbeitskrĂ€fte verstĂ€rkt auf sie angewiesen war. Die SS verfĂŒgte mit den KZ-HĂ€ftlingen ĂŒber die letzten ArbeitskrĂ€ftereserven. 1942 hatten sich Hitler, Himmler und Speer darauf geeinigt, in Zukunft KZ-HĂ€ftlinge an die Industrie zu vermieten. Die Betriebe sollten nicht in die Konzentrationslager verlagert, sondern Außenlager bei den Industriebetrieben errichtet werden.

Steyr-Daimler-Puch, von 1938 bis 1943 den Reichswerken Hermann Göring eingegliederter grĂ¶ĂŸter RĂŒstungsproduzent der Ostmark, errichtete bereits im MĂ€rz 1942 ein eigenes Außenlager in Steyr-MĂŒnichholz. Durchschnittlich 1000 bis 3000 KZ-HĂ€ftlinge sollten helfen, den akuten ArbeitskrĂ€ftemangel des enorm expandierenden RĂŒstungsgroßunternehmens zu beheben.

Der ArbeitskrĂ€ftemangel fĂŒhrte auch zur Errichtung zweier Außenlager fĂŒr die Reichswerke Hermann Göring in Linz. Insgesamt 1700 HĂ€ftlinge wurden ab JĂ€nner 1943 ins Außenlager Linz I eingewiesen, das sich auf einem aufgeschĂŒtteten GelĂ€nde zwischen Werk und Donau befand. Die HĂ€ftlinge kamen hauptsĂ€chlich beim Aufbau und der Produktion der Schlackenfabrik zum Einsatz. Im Juli 1944 wurde das Lager beim ersten großen alliierten Luftangriff auf die Reichswerke zerstört. Die Überlebenden wurden ins Lager Linz III ĂŒberstellt, ein im Mai 1944 im Stadtteil KleinmĂŒnchen eingerichtetes Außenlager. Mit ĂŒber 6700 eingewiesenen HĂ€ftlingen war es das fĂŒnftgrĂ¶ĂŸte KZ in Österreich. Die HĂ€ftlinge arbeiteten insbesondere fĂŒr den Panzerbau der angrenzenden Eisenwerke Oberdonau.

Im Frauenkonzentrationslager Lenzing waren ab Oktober 1944 durchschnittlich 500 bis 600 Frauen untergebracht, die in der Zellwolle und Papierfabrik Lenzing AG hauptsĂ€chlich in der Viskoseabteilung und in der Spinnerei, aber auch fĂŒr Erhaltungsarbeiten eingesetzt wurden.

Aber nicht nur in den kriegswichtigen, mit Ausnahme von Lenzing meist metallerzeugenden und -verarbeitenden Grundstoff- und RĂŒstungsfirmen des oberösterreichischen Zentralraums kamen KZ-HĂ€ftlinge zum Einsatz. Auch beim Bau von Wasserkraftwerken entlang der Enns zur Deckung des Strombedarfs der stark anwachsenden Linzer Bevölkerung und Industrie wurden sie herangezogen. Dazu wurden in Ternberg (ab Mai 1942, durchschnittlich etwa 400 HĂ€ftlinge) und Großraming (ab JĂ€nner 1943, durchschnittlich knapp 1000 HĂ€ftlinge) Außenlager errichtet. Ab Juli 1943 bestand in Dippoldsau zwischen Weyer und Großraming eine Art Nebenlager des KZ Großraming mit 130 HĂ€ftlingen. Im September 1944 wurden die Bauarbeiten eingestellt.

Die meisten KZ-HĂ€ftlinge im Rahmen des kriegswirtschaftlichen Arbeitseinsatzes waren jedoch in der unterirdischen Verlagerung von RĂŒstungsindustrien, insbesondere fĂŒr die Entwicklung und Herstellung neuer Raketen und Jagdflugzeuge, tĂ€tig. Die Errichtung der Außenlager in Redl Zipf, Ebensee und Grein und die Erweiterung des KZ Gusen (Gusen II) standen in Zusammenhang mit der Entscheidung, angesichts der alliierten Luftangriffe Kernbereiche der RĂŒstung in geschĂŒtzte unterirdische RĂ€ume zu verlagern. Neben der unterirdischen RĂŒstungsfabrik des Konzentrationslagers Dora-Mittelbau bei Nordhausen in ThĂŒringen war die Errichtung des KZ Ebensee im November 1943 das zweite große unterirdische Bauvorhaben, das als Kooperationsprojekt zwischen SS und Speers Munitionsministerium abgewickelt wurde.

Nicht nur in Ebensee, auch in Melk (fĂŒr Steyr-Daimler-Puch) und St. Georgen an der Gusen (fĂŒr die Messerschmitt-Jagdflugzeugproduktion) wurden Stollenanlagen durch KZ-HĂ€ftlinge geschaffen. Insgesamt verrichteten im Herbst 1944 fast 50 % aller HĂ€ftlinge des KZ-Systems Mauthausen in der unterirdischen Verlagerung Zwangsarbeit.

Auch in Redl Zipf wurde im September 1943 unter der Tarnbezeichnung Schlier ein Konzentrationslager mit einem Höchststand von fast 2000 HĂ€ftlingen wenige hundert Meter außerhalb des Ortes eingerichtet. In Stollen und den ausgebauten Kellern der Brauerei Zipf wurde Raketentreibstoff fĂŒr die V2-Raketen hergestellt und getestet. Anfang Mai wurden die HĂ€ftlinge nach Ebensee evakuiert.

Das Konzentrationslager Ebensee war im November 1943 als typisches Baulager zur Errichtung zweier Stollenanlagen fĂŒr die Raketenforschung, Treibstofferzeugung und andere RĂŒstungsfertigungen eingerichtet worden. Die Stollen sollten die Einrichtungen der Raketenversuchsanstalt PeenemĂŒnde und PrĂŒfstĂ€nde der V2-Raketen aufnehmen. ZunĂ€chst waren die HĂ€ftlinge in der ehemaligen Weberei am Ortsrand untergebracht. Ab Februar 1944 wurden sie in das neu errichtete Lager vier Kilometer außerhalb des Ortes verlegt. Die Zahl der HĂ€ftlinge – die grĂ¶ĂŸte Gruppe stammte aus Polen – betrug bereits nach wenigen Monaten knapp 10.000 und stieg durch das Hinzukommen der HĂ€ftlinge aus den evakuierten Lagern im Osten in den letzten Kriegswochen auf knapp 20.000. Da der Einsatz der Raketen auch im Sommer 1944 noch nicht absehbar war, entschied Hitler, dass die bereits fertig gestellten Stollen in Ebensee anders verwendet werden sollten: fĂŒr eine Raffinerie und als RĂŒstungsproduktionsstĂ€tten der Steyr-Daimler-Puch AG und der zum Steyr-Konzern gehörenden im niederösterreichischen St. Valentin angesiedelten Nibelungenwerke.

Anfang Mai 1945 wurden Vorbereitungen zur Sprengung der Stollen getroffen. Offensichtlich war die Ermordung aller HĂ€ftlinge geplant, da sie aufgefordert wurden, in die Stollen zu gehen. Doch sie weigerten sich kollektiv; die SS verließ am 5. Mai das Lager. Schrittweise ĂŒbernahm nun ein internationales Lagerkomitee, das sich im Sommer 1944 als geheime HĂ€ftlingswiderstandsgruppe gebildet hatte, die Macht. Am 6. Mai wurde das Lager von amerikanischen Einheiten befreit. Im Laufe des Monats starben noch ĂŒber 700 Menschen an den Folgen der Haft.

In Redl Zipf und Ebensee herrschten mörderische Arbeits- und Lebensbedingungen. Die Arbeitskraft der KZ-HĂ€ftlinge wurde ohne jede RĂŒcksicht ausgebeutet. Um die hohe Anzahl der Toten zu bewĂ€ltigen, ging Ende Juli 1944 in Ebensee ein eigenes Krematorium in Betrieb. Insgesamt starben hier ĂŒber 7000 HĂ€ftlinge.

Hier ist auch noch das im Februar 1945 eingerichtete Außenlager Grein anzufĂŒhren. 120 HĂ€ftlinge sollten fĂŒr die unterirdische Verlagerung von elektrischen Anlagen der LuftrĂŒstung bombengeschĂŒtzte KellerrĂ€ume ausbauen, wurden jedoch nach zwei Wochen aus bislang unbekannten GrĂŒnden wieder abgezogen.

Lager fĂŒr die Aufnahme von evakuierten HĂ€ftlingen in der Endphase
Den dritten Außenlager-Typ, der fĂŒr die Aufnahme von evakuierten HĂ€ftlingen in der Endphase eingerichtet wurde, reprĂ€sentiert das KZ Gunskirchen (Wels I) als Auffanglager fĂŒr ungarische Juden.

Seit Herbst 1944 trafen immer mehr HĂ€ftlinge aus den evakuierten Konzentrationslagern in Mauthausen ein. Das Hauptlager war bereits völlig ĂŒberfĂŒllt, als Ende MĂ€rz 1945 ungarische Juden eintrafen, die beim Bau des SĂŒdostwalles an der Grenze zu Ungarn arbeiteten. In Mauthausen wurden sie in einem Zeltlager unmittelbar neben dem Hauptlager untergebracht. Bereits nach wenigen Tagen mussten die geschwĂ€chten HĂ€ftlinge den Fußmarsch nach Gunskirchen antreten. Die TodesmĂ€rsche fĂŒhrten ĂŒber die DonaubrĂŒcke bei Mauthausen, Ennsdorf, Enns, Kristein, St. Florian, Fleckendorf, Ansfelden, Pucking, Samersdorf, Weißkirchen, Schleißheim, Thalheim und Wels nach Gunskirchen. Viele starben an Erschöpfung oder wurden als marschunfĂ€hig von den begleitenden Wachmannschaften erschossen. Insgesamt erreichten bis Anfang Mai an die 20.000 HĂ€ftlinge Gunskirchen.

Der Aufbau des Lagers in einem Wald auf dem Gemeindegebiet von Gunskirchen ab Dezember 1944 hatte vor allem den Zweck, kurzfristig und vorĂŒbergehend ein Auffanglager zu schaffen. Am 12. MĂ€rz 1945 war das Lager mit der Bezeichnung Wels I offiziell eingerichtet worden und bestand bis zur Befreiung durch amerikanische Truppen am 5. Mai. Im Lager selbst herrschten unvorstellbare ZustĂ€nde. TĂ€glich starben etwa 150 Menschen. Die Toten wurden zum Teil in einem Massengrab beerdigt oder blieben einfach auf den Lagerstraßen liegen. Die Amerikaner trafen auf etwa 15.000 HĂ€ftlinge, die noch am Leben waren. In den MassengrĂ€bern und im Lager befanden sich ihren SchĂ€tzungen nach etwa 3000 Leichen. Tausende wurden nach der Befreiung auf die KrankenhĂ€user und Lazarette der Umgebung aufgeteilt. Dennoch starben noch viele Befreite an den Folgen der Haft, allein im Krankenhaus Wels noch ĂŒber 1000.

KZ Linz II und KZ Wels II
Nicht ganz in den Rahmen der drei Typen von Außenlagern passen das KZ Linz II und das KZ Wels II.

Linz II wurde im Februar 1944 im MĂ€rzenkeller in der Bockgasse im Rahmen von Luftschutzmaßnahmen eingerichtet. Die höchste Anzahl an dort Inhaftierten betrug 300. Die Wein- und Bierkellereien, die sich in den Linzer Stadtbergen Bauernberg, Froschberg und Schlossberg befanden, sollten vergrĂ¶ĂŸert und zu einer einzigen großen Luftschutzstollenanlage umfunktioniert werden. Bereits nach wenigen Wochen wurde allerdings der zivile Luftschutzbau zugunsten der unterirdischen Verlagerung der RĂŒstungsindustrie eingeschrĂ€nkt.

Wels II wurde erst Ende MÀrz 1945 eingerichtet und bestand nur knapp drei Wochen. Etwa 2000 HÀftlinge arbeiteten bei AufrÀumungsarbeiten am Bahnhof Wels, der durch alliierte Luftangriffe stark in Mitleidenschaft gezogen war. Mitte April wurden die HÀftlinge nach Ebensee evakuiert.


Aus: Goldberger, Josef - Cornelia Sulzbacher: Oberdonau. Hrsg.: Oberösterreichisches Landesarchiv (Oberösterreich in der Zeit des Nationalsozialismus 11).- Linz 2008, 256 S. [Abschlussband zum gleichnamigen Forschungsprojekt des Oberösterreichischen Landesarchivs 2002-2008.]

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