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Volksabstimmung und NS-Propaganda

Vor dem Hintergrund der Ereignisse vom MĂ€rz 1938 stellte die am 10. April durchgefĂŒhrte „Volksabstimmung ĂŒber den Anschluss der österreichischen Gebiete an das Deutsche Reich“ lediglich eine – vor allem auch fĂŒr das Ausland bestimmte – nachtrĂ€gliche Legitimierung des bereits vollzogenen Anschlusses dar. Sie fand in einer AtmosphĂ€re aus Enthusiasmus, Fanatismus und Propaganda, Resignation und Terror statt. Mit der Vorbereitung der Volksabstimmung betraute Hitler Josef BĂŒrckel.

Ideologische Vereinnahmung
Unmittelbar nach der ersten Phase der MachtĂŒbernahme startete mit ungeheurem Aufwand ein Propagandafeldzug fĂŒr die Volksabstimmung. Bis hinunter auf die Ebene der Gendarmerie wurden regelmĂ€ĂŸige Stimmungsberichte ĂŒber die TĂ€tigkeit der VaterlĂ€ndischen Front, die Einstellung der Minderheiten, Ablehnungstendenzen und BefĂŒrchtungen der Bevölkerung angefordert, um nichts dem Zufall zu ĂŒberlassen. Das Landesgendarmeriekommando befahl, Personen, die die Volksabstimmung durch Gegenpropaganda gefĂ€hrden könnten, in Schutzhaft zu nehmen und bei der Auswahl dieser Personen nicht kleinlich zu sein.

Der fĂŒr den Nationalsozialismus generell typischen Mischung aus abschreckenden und attraktiven Elementen entsprechend, war fĂŒr die Bevölkerung der Zeitraum bis zur Volksabstimmung gleichzeitig von der Furcht vor Verhaftung und großen Hoffnungen gekennzeichnet. Die Propaganda versprach insbesondere die Beseitigung von Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot. AngekĂŒndigt wurden fĂŒr Oberösterreich die Errichtung eines HĂŒttenwerkes und einer neuen DonaubrĂŒcke in Linz, der Ausbau der Wasserkraft an Enns und Donau, die Wiederaufnahme des Förderbetriebes im verödeten oberösterreichischen Kohlerevier, der Ausbau der Linzer Schiffswerft, Meliorationsarbeiten im Ibmer Moor und Straßenbauarbeiten im Salzkammergut. Dazu kamen sozialpolitische Sofortmaßnahmen und „Wiedergutmachungsaktionen“ an sozialdemokratischen FebruarkĂ€mpfern sowie die Wahlempfehlung der österreichischen Bischöfe, die auch vom Linzer Bischof Gföllner, wenn auch widerwillig, unterzeichnet war. Im Diözesanverordnungsblatt wurde der Aufruf zwar nicht veröffentlicht, doch von den meisten Kanzeln verlesen. Die Zustimmung der Bischöfe rĂ€umte insbesondere bei der Landbevölkerung ebenso Bedenken aus, wie es die entsprechende ErklĂ€rung Karl Renners bei der Arbeiterschaft tat.
Propagandistischen Zwecken diente letztendlich auch die GrĂŒndung des Gauarchivs. Das wird allein schon aus der Unterstellung dieses Parteiarchivs unter das Gaupropagandaamt deutlich. Es sollte insbesondere die FrĂŒhgeschichte der NSDAP in Oberösterreich vor 1938 als Grundlage fĂŒr eine propagandistische Heldenverehrung alter KĂ€mpfer dokumentieren.
Schon im April 1938 erhielt es seine ersten DienstrĂ€ume im Linzer Hotel Schiff, der vormaligen Parteizentrale der Sozialdemokraten. SpĂ€ter ĂŒbersiedelte es in die RĂ€ume der Studienbibliothek am Schillerplatz, dann ins Landhaus, in das Haus Spittelwiese 13 und schließlich fĂŒhrten ab Platznot und Luftgefahr zur Verlagerung des grĂ¶ĂŸten Teiles des Archivs in ein „Luftschutzlager“ in Aschach/Donau, wo es das Kriegsende relativ unbeschadet ĂŒberstand. Doch im Sommer 1945 kam es durch ein MissverstĂ€ndnis zur Vernichtung der BestĂ€nde. Eine eifrige amerikanische Streife gab den Befehl, die Akten zu verbrennen bzw. in die Donau zu werfen.

StĂ€ndig prĂ€sente Parteiprominenz im MĂ€rz und April 1938 und weit reichende AusbauplĂ€ne fĂŒr Linz, Wels und Steyr stĂ€rkten das provinzielle Selbstbewusstsein Oberösterreichs noch zusĂ€tzlich. Linz, die Patenstadt des FĂŒhrers wurde spĂ€ter neben Berlin, MĂŒnchen, Hamburg und NĂŒrnberg zu einer der fĂŒnf FĂŒhrerstĂ€dte im Deutschen Reich ernannt. Hermann Göring machte Wels zu seiner Patenstadt. Bei der Volksabstimmung lauteten in Oberösterreich 99,7 % der abgegebenen Stimmen auf „Ja“, was dem gesamtösterreichischen Schnitt entsprach.

Von einer freien Wahl konnte bei der Volksabstimmung keine Rede sein. Es gab keine offene und öffentliche Möglichkeit zur Gegenpropaganda; die WĂ€hler standen unter Druck. Trotz Propaganda und Verhaftungen, trotz einer vielerorts ĂŒberwachten und manipulierten, jedenfalls nicht freien Stimmabgabe kann eine FĂ€lschung der Wahlergebnisse nicht nachgewiesen werden. Die Zustimmung der Bevölkerung war keinesfalls nur manipuliert.


Aus: Goldberger, Josef - Cornelia Sulzbacher: Oberdonau. Hrsg.: Oberösterreichisches Landesarchiv (Oberösterreich in der Zeit des Nationalsozialismus 11).- Linz 2008, 256 S. [Abschlussband zum gleichnamigen Forschungsprojekt des Oberösterreichischen Landesarchivs 2002-2008.]

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