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Die politische "Stimmung" in Oberdonau

Gestapo, Sicherheitsdienst der SS, Gendarmerie und Gerichte verfassten regelmĂ€ĂŸig interne, geheime und vertrauliche Berichte und Meldungen ĂŒber die Akzeptanz von Staat und Partei in der Bevölkerung. Es ist zwar die Rekonstruktion der Meinungsstruktur in einem Klima der systematischen Repression nichtkonformer MeinungsĂ€ußerung, der propagandistischen Steuerung der öffentlichen Meinung und des Zwangs und der Kontrolle schwierig. Aber eine Analyse der politischen und gesellschaftlichen Situation im Reichsgau Oberdonau auf Grund dieser Stimmungsberichte scheint doch legitim zu sein, zumal diese Berichte nicht zu Propagandazwecken verfasst wurden, sondern interne Meldungen waren, mit Hilfe derer das Regime versuchte, die Stimmung in der Bevölkerung einzuschĂ€tzen.
Diese Stimmungsberichte zeigen auch sehr stark, dass sich hinter der vom NS-Regime angestrebten und propagierten harmonischen Volksgemeinschaft Risse und BrĂŒche befanden. Und zwar nicht nur dort, wo Widerstand und Verfolgung war, sondern auch dort, wo bloße Friedenssehnsucht oder Unzufriedenheit, insbesondere in Teilen der streng katholischen Bevölkerung, herrschte, die das Regime zu keiner Zeit grundsĂ€tzlich in Frage stellte oder gefĂ€hrdete.

Es geht um die Stimmung in der Durchschnittsbevölkerung. Und um die Frage: Welche Aspekte des Nationalsozialismus fĂŒhrten zu seiner UnterstĂŒtzung, welche zur Opposition?

Umschwung 1934
Bis 1934 war das politische Leben in Oberösterreich von einem partnerschaftlichen VerhĂ€ltnis zwischen Sozialdemokraten und Christlichsozialen geprĂ€gt. Als Folge dieser gemĂ€ĂŸigten Konsenspolitik agierten Heimwehr und NSDAP in Oberösterreich sogar nach Beginn der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre nur am Rande des politischen Spektrums; auch die bĂŒrgerlichen Deutschnationalen erreichten nie mehr als ein FĂŒnftel der Stimmen. Diese Stimmungsbalance Ă€nderte sich radikal mit 1934. BĂŒrgerkrieg und Austrofaschismus erschĂŒtterten die gemĂ€ĂŸigte Politik und fĂŒhrten zu einem negativen Konsens und einer gewissen AnnĂ€herung zwischen Sozialdemokraten und Nationalsozialisten. Vor allem stĂ€dtische Mittelschichten und ein betrĂ€chtlicher Teil der Industriearbeiterschaft wurden auf diese Weise in die HĂ€nde der Nationalsozialisten getrieben. Etwa ein Drittel der Arbeiterschaft sympathisierte mit der NS-Bewegung. Die schlechte wirtschaftliche Situation und die Bedingungen des autoritĂ€ren StĂ€ndestaates ĂŒberzeugten in der Folge immer mehr Bevölkerungsteile, dass eine Vereinigung mit Deutschland eine Lösung bringen wĂŒrde.

Es gab zwar gewalttĂ€tige Konfrontationen und Demonstrationen (wie etwa jene am 18. Februar 1938, als die SA in voller Uniform durch Linz marschierte), trotzdem kam es in Oberösterreich vor 1938 zu keiner echten Infiltration wichtiger Institutionen durch Nationalsozialisten. Die NS-Bewegung blieb trotz allem relativ schwach. Oberösterreich war in gleicher Weise wie Salzburg und Tirol und im Gegensatz zur Steiermark oder KĂ€rnten keine Hochburg der illegalen NSDAP. Lokalbehörden, Polizei und Gendarmerie hatten die Situation bis zum „Anschluss“ trotz steigender NS-Gewalttaten mehr oder weniger unter Kontrolle. Obwohl sich insbesondere die Landbevölkerung großteils loyal gegenĂŒber dem Austrofaschismus verhielt, nahm die Sogwirkung des Nationalsozialismus in den Wochen vor MĂ€rz 1938 deutlich zu. Mit dem „Anschluss“ kippte in Oberösterreich die Stimmung in eine wahre NS-Euphorie. Der „Anschluss“ war populĂ€r und wurde mit verschiedenen BegrĂŒndungen mit Enthusiasmus gesehen. So existierte beispielsweise die Meinung, der deutsche Einmarsch hĂ€tte einen österreichischen BĂŒrgerkrieg verhindert. Genauso können die Erinnerung an die deutsch-österreichische „Kriegsgemeinschaft“ im Ersten Weltkrieg, die Hoffnung auf eine Verbesserung der LebensumstĂ€nde, antisemitische Reflexe oder das Herbeisehnen der MehrheitsfĂ€higkeit der großdeutschen Idee im Hintergrund gestanden haben. FĂŒr die Bevölkerung gab es kaum Anreize, gegen den „Anschluss“ zu sein, gaben doch auch die österreichischen Bischöfe und Sozialdemokraten wie Karl Renner und Ludwig Bernaschek die Empfehlung ab, bei der Volksabstimmung am 10. April 1938 fĂŒr Großdeutschland zu stimmen. Goebbels Propagandamaschinerie schwankte zwischen angstmachenden Berichten ĂŒber Massenverhaftungen und dem SchĂŒren großer Hoffnungen und tat damit ein Übriges fĂŒr eine positive Haltung gegenĂŒber dem „Anschluss“.

Nationalsozialistische Propaganda
Die NS-Propaganda nach dem „Anschluss“ arbeitet insbesondere mit symbolischen Maßnahmen. Dazu gehörten die Überweisung von 100 Millionen Reichsmark an Österreich, um die Wirtschaft anzukurbeln, ein Versteigerungsverbot fĂŒr die Höfe verschuldeter Bauern, öffentliche Ausspeisungen und das Ausdehnen der deutschen Sozialgesetzgebung auf Österreich mit einer Erweiterung des Kreises der Sozialhilfeberechtigten. Vom StĂ€ndestaat verfolgte sozialdemokratische SchutzbĂŒndler wurden demonstrativ wieder eingestellt, die Kosten fĂŒr ElektrizitĂ€t und Heizung herabgesetzt. Die nationalsozialistische Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ (KdF), eine Unterorganisation der Deutschen Arbeitsfront (DAF), mit der Aufgabe, die Freizeit der deutschen Bevölkerung zu gestalten, zu ĂŒberwachen und gleichzuschalten, bot billige VergnĂŒgungsreisen an. FĂŒr Linz wurden massive industrielle Investitionen angekĂŒndigt. Die Arbeitslosenquote wurde von ĂŒber 37.000 im MĂ€rz 1938 auf knapp ĂŒber 3000 im Oktober gesenkt. Lageberichte aus den Bezirken zeigten, dass die Arbeiterschaft und die Landbevölkerung dem neuen Regime ĂŒberwiegend positiv gegenĂŒberstĂŒnden und sich einen Aufschwung erhofften, wenngleich es dort und da noch Probleme mit dem lokalen Klerus gĂ€be. Die Herrschaft des Nationalsozialismus grĂŒndete sich nicht nur auf die UnterstĂŒtzung von Fanatikern und Opportunisten, sondern auch auf die Sicherung zufriedenstellender LebensumstĂ€nde fĂŒr die breite Masse der Bevölkerung, die Beseitigung der Arbeitslosigkeit und die Befriedigung elementarer KonsumbedĂŒrfnisse. Arbeiterschaft Der Nationalsozialismus versuchte wie kaum ein anderes politisches System der jĂŒngeren Geschichte, das Land zu einigen. Gleichzeitig wurden aus dieser Volksgemeinschaft von Anfang an viele Personen ausgeschlossen, an den Rand der Gesellschaft gedrĂ€ngt, vertrieben, inhaftiert und ermordet. Unter der OberflĂ€che der scheinbaren Volksgemeinschaft blieben die Konturen der traditionellen weltanschaulich-politischen Milieus und Lager intakt. Am wenigsten wohl jenes des deutschnationales Lagers, das weitgehend von der NS-Bewegung aufgesogen wurde. Auch die Arbeiterschaft nĂ€herte sich dem Nationalsozialismus an, erfĂŒllte er doch einige ihrer Hoffnungen, wie etwa die Zerstörung des verhassten StĂ€ndestaat-Regimes, die Vereinigung mit dem Deutschen Reich, die Trennung von Kirche und Staat und die weitreichende Schaffung von ArbeitsplĂ€tzen verbunden mit einer ehrgeizigen Wohnungspolitik. Immerhin fĂŒhrte der enorme Wirtschaftsaufschwung nach dem „Anschluss“ dazu, dass es nach nur sechs Monaten der NS-Herrschaft bereits einen ArbeitskrĂ€ftemangel gab. Zwar blieb die sozialdemokratische Elite dem Nationalsozialismus fern, Gendarmerieberichte des Jahres 1938 informieren aber darĂŒber, dass „unter der Arbeiterschaft die Begeisterung fĂŒr den Nationalsozialismus fĂŒhlbar“ sei. Auch die mit JĂ€nner 1939 eingefĂŒhrte Reichseinkommens- und Lohnsteuer sowie die steigenden Preise und die allgemeine Verknappung von Produkten des tĂ€glichen Lebens konnten der wachsenden AnnĂ€herung der Arbeiterschaft an den Nationalsozialismus keinen Abbruch tun. Zu Kriegsende waren knapp 17 % der Arbeiter Mitglieder der NSDAP. Katholisch-christlichsoziales Lager Das katholisch-christlichsoziale Lager verlor durch den „Anschluss“ zunĂ€chst am meisten, besonders jene Kreise, die den Austrofaschismus unterstĂŒtzt hatten. Viele FunktionĂ€re des StĂ€ndestaates wurden in GefĂ€ngnisse und Konzentrationslager verbracht.

Die meisten Katholisch-Konservativen, also die ĂŒberwĂ€ltigende Mehrheit der Landbevölkerung, wurden durch das NS-Regime zunĂ€chst in Alarmstimmung versetzt. Zwar verminderte der Aufruf der österreichischen Bischöfe zur BefĂŒrwortung des Anschlusses diese Sorgen, doch Hitlers Angriffe auf die römische Kirche, die Verfolgung von StĂ€ndestaat-Politikern und Priestern, die Auflösung von katholischen Vereinen und das Unterbinden kirchlicher und religiöser Nachrichten in der Presse bestĂ€tigten die BefĂŒrchtungen.
Klerus und GlĂ€ubige erwiesen sich gegenĂŒber dem Nationalsozialismus im Allgemeinen resistent, doch die öffentliche UnterstĂŒtzung der Volksabstimmung ĂŒber den Anschluss zwang Bischof Gföllner und die GlĂ€ubigen in die Defensive.
In Berichten des Sicherheitsdienstes und der Bezirkshauptmannschaften aus den lĂ€ndlichen Regionen Oberösterreichs in den Monaten nach dem „Anschluss“ werden weitere GrĂŒnde fĂŒr das Misstrauen katholischer Kreise gegenĂŒber dem NS-Regime deutlich. Neben dem tiefen Groll gegen die von den Nationalsozialisten begangene Ermordung des Kanzlers Dollfuß und die allgemeine Kriegsfurcht treten dabei verstĂ€rkt die Unzufriedenheit der Bauern, Übergriffe von NS-Aktivisten auf kirchliche DenkmĂ€ler und BeschrĂ€nkungen im religiösen Alltag wie etwa die Aufhebung des Peter und Paul-Tages als kirchlichen Feiertag.

Bauern und Landbevölkerung

Auf der Seite der Bauern fĂŒhrte die zentrale Lenkung von Produktion, Vertrieb und Preis landwirtschaftlicher Erzeugnisse durch den ReichsnĂ€hrstand zu Unzufriedenheit. Auch brachte das Reichserbhofgesetz einige Verschlechterungen mit sich. So war es praktisch unmöglich, den Hof an weibliche Nachkommen zu ĂŒbergeben oder Kredite aufzunehmen. Ebenso waren die Steuererhöhungen, der Preisverfall bei gleichzeitig steigenden Löhnen fĂŒr Landarbeiter und die Landflucht der Dienstboten durch den ArbeitskrĂ€ftemangel in der RĂŒstungsindustrie hĂ€ufig genannte GrĂŒnde in den Stimmungsberichten aus dem bĂ€uerlichen Umfeld.

In vielen Berichten der Sicherheitsorgane wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass ein Teil der Landbevölkerung sich misstrauisch zurĂŒckhalte und irritiert sei. Es war aber auch die Rede davon, dass Hitlers „friedliche“ Machtergreifung in Prag am 15. MĂ€rz 1939 die PopularitĂ€t des Regimes merkbar erhöhte. So nahmen an den Feierlichkeiten zu Hitlers 50. Geburtstag am 20. April 1939 außergewöhnlich viele Menschen auch in den entlegensten Ortschaften teil.

Zu einer deutlichen Verschlechterung der öffentlichen Meinung insbesondere auf dem Land kam es Ende Mai 1939 (GrĂŒnde waren der steigende ArbeitskrĂ€ftemangel, der RĂŒckgang des bĂ€uerlichen Einkommens, die verschĂ€rfte Reglementierung der landwirtschaftlichen Produktion und eine neue Welle von Angriffen auf kirchliche Feiertage und Symbole) und mit Kriegsausbruch im September 1939. Von einer Kriegsbegeisterung wie im August 1914 war im Jahr 1939 nichts zu spĂŒren. Die latente Unzufriedenheit und der andauernde Groll der katholischen Bevölkerung auf dem Land ĂŒber die antikirchliche Politik des Regimes wurden in den Kriegsjahren nicht weniger. Gegen die antiklerikalen und agrarpolitischen Maßnahmen des Regimes herrschte also eine starke passive Resistenz. Doch der Angriff Hitlers auf die Sowjetunion – den gemeinsamen kommunistischen Feind – neutralisierte sie zum Teil, wenn auch der Gegner als ĂŒbermĂ€chtig eingeschĂ€tzt wurde. Landbevölkerung und Bischöfe unterstĂŒtzten das Regime bis zum Ende.

Antisemitischer Konsens
Der Antisemitismus war fĂŒr alle drei Lager ein wichtiger Faktor fĂŒr das Vorantreiben der Vereinigung mit Deutschland. Der antisemitische Konsens war in der Politik und in der Bevölkerung Österreichs schon lange vor dem Anschluss mehr oder weniger erreicht und wurde vor allem auch durch die Feindseligkeiten der katholischen Kirche genĂ€hrt. Die Eliten aller drei politischen Lager Oberösterreichs waren im Wesentlichen im deutschnationalen Linzer Milieu der Jahrhundertwende sozialisiert.

Trotz dieses traditionellen Antisemitismus beteiligte sich die breite Masse der Bevölkerung Oberösterreichs an den antijĂŒdischen Maßnahmen und Pogromen der ersten Wochen nach dem Anschluss viel weniger als dies etwa in Wien der Fall war. Der antijĂŒdische Terror wurde vor allem von der oberösterreichischen NSDAP, der SA, der Gestapo oder der SS organisiert. Sehr wohl geht aus Gendarmerieberichten aber hervor, dass die antijĂŒdischen Maßnahmen von der Bevölkerung akzeptiert und begrĂŒĂŸt wurden.

Auch das spurlose Verschwinden von Zigeunern und Bettlern, fĂŒr die ebenfalls kein Platz in der Volksgemeinschaft vorgesehen war, wurde vom Großteil der katholischen Landbevölkerung kaum bedauert. Die Haltung der Bevölkerung zu den tausenden Fremdarbeitern, die in der Landwirtschaft und Industrie Oberdonaus arbeiteten, schwankte hingegen betrĂ€chtlich. Das Spektrum reichte von der wohlwollenden Aufnahme in Bauernfamilien bis zum Ärger ĂŒber die „billige Konkurrenz“. StĂ€ndiges Thema waren auch die intimen Beziehungen, die sich zwischen Deutschen und auslĂ€ndischen ArbeiterInnen anbahnten. Es gibt Zeugnisse von öffentlichen Anprangerungen, DemĂŒtigungen und sogar Lynchjustiz durch Teile der Bevölkerung und SA, wenn Einheimische Rassenschande begingen. Der Großteil der Bevölkerung und sogar die Behörden waren aber derart empört ĂŒber solche Praktiken, dass Ende 1941 öffentliche Anprangerungen verboten wurden, nicht jedoch die Vollstreckung von Todesurteilen an den fremdlĂ€ndischen Liebhabern.

Schock und allmÀhliche Euphorie durch Kriegsausbruch
Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges war ein großer Schock fĂŒr die Zivilbevölkerung. Aus fast allen Gebieten Oberdonaus berichteten die LandrĂ€te und die Gendarmen von allgemeiner Kriegsfurcht, großer Besorgnis und einer pessimistischen Haltung zum Krieg. Das Ă€nderte sich mit den spektakulĂ€ren Siegen im Westen im FrĂŒhjahr 1940. Vor allem die Eroberung Frankreichs löste Begeisterung und Euphorie aus.

Die militĂ€rischen Erfolge im FrĂŒhjahr 1940 gaben dem NS-Regime eine gute Gelegenheit, ihre Kampagne gegen die Kirche, den so genannten Kirchenkampf, zu intensivieren. Kirchenglocken wurden demontiert und eingeschmolzen, fĂŒnf kirchliche Feiertage wĂ€hrend des Krieges aufgehoben (Dreikönigstag, Peter und Paul, Maria Himmelfahrt, Allerheiligen, Maria EmpfĂ€ngnis), katholische Privatschulen aufgelöst und zahlreiche Klöster und Konvente beschlagnahmt. Eine Welle der EntrĂŒstung ging daraufhin durch die GlĂ€ubigen. Die Kirchenbesucher am Land wurden immer zahlreicher, die Teilnehmer an den Prozessionen in katholischen Dörfern verdoppelten sich mancherorts. Sogar die UnterstĂŒtzung von lokalen Nationalsozialisten wurde teilweise gewonnen.
Den grĂ¶ĂŸten Einfluss auf die Formierung der öffentlichen Meinung ĂŒbte jedoch nicht der Krieg, sondern die materielle Situation aus, die den Alltag der Bevölkerung bestimmte.

StĂ€ndige Beschwerden ĂŒber Lebensmittelknappheit und den wachsenden Mangel an Haushaltsartikeln waren eine Konstante in den Stimmungsberichten. Frauen stĂŒnden bereits vor Sonnenaufgang Schlange, um Schuhe zu kaufen, hieß es etwa in einem Bericht.

Das Jahr 1941 brachte durch die Mobilisierung der RĂŒstungsindustrie und anderer kriegswichtiger Industrien Verbesserungen der materiellen Lebensbedingungen fĂŒr den durchschnittlichen Volksgenossen in Oberösterreich. In Linz allein wurden zwischen 1938 und Anfang 1944 2700 GebĂ€ude mit ĂŒber 11.000 modernen Wohnungen gebaut. Dies schlug sich auch in den Stimmungsberichten positiv nieder.

Erfolgreiche Blitzkriege sorgen fĂŒr Euphorie
Mit großem Enthusiasmus begrĂŒĂŸte die öffentliche Meinung auch die blitzkriegartige Eroberung Jugoslawiens und Griechenlands im April 1941. Die Siegeszuversicht schien unerschĂŒtterlich. Erst der Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 brachte die Stimmung zum Kippen. Aus Berichten des Sicherheitsdienstes geht hervor, dass weite Teile der Bevölkerung Russland als ĂŒbermĂ€chtigen Gegner einschĂ€tzten und befĂŒrchteten, dass durch die Ausweitung des Kriegsschauplatzes der Krieg entscheidend verlĂ€ngert und nicht erfolgreich zu Ende gefĂŒhrt werden könne. In hunderten Versammlungen versuchte das Gaupropagandaamt die öffentliche Zustimmung fĂŒr den Krieg im Osten zu erreichen, mit begrenztem Erfolg. Trotzdem war das Vertrauen in den FĂŒhrer noch relativ groß und die ersten Sondermeldungen ĂŒber die Erfolge der Truppen trugen wesentlich zur Hebung der Stimmung bei. Doch spĂ€testens Ende 1941 verbreiteten sich starke Zweifel in der Bevölkerung, ob der Krieg gegen die Sowjetunion zu gewinnen sei. UnabhĂ€ngig davon wird immer wieder von einer geradezu unglaublichen Opferbereitschaft bei Sammlungen fĂŒr Soldaten und Heer berichtet.

Niederlage von Stalingrad: Stimmungsumbruch und KriegsmĂŒdigkeit
Trotz aller Zweifel ĂŒber die Wahrscheinlichkeit eines Sieges stabilisierte der Krieg gegen die Sowjetunion das NS-Regime. Gerade durch das katholische Lager wurde der Kampf gegen den Bolschewismus unterstĂŒtzt. So wurde im November 1941 ein Hirtenbrief verlesen, in dem die Bischöfe ihre UnterstĂŒtzung fĂŒr Hitlers Krieg gegen die Sowjetunion erneut bekrĂ€ftigten. Zwar berichteten die Sicherheitsorgane in ihren Stimmungsberichten aus dem Jahr 1942 immer wieder von der KriegsmĂŒdigkeit der Bevölkerung, doch sei die Siegeszuversicht noch relativ ungebrochen. Der milde Winter und eine spĂŒrbare Verbesserung der ErnĂ€hrungslage durch höhere Zuteilungsrationen, mit der das Regime von der sich verschlechternden Situation an der Front ablenken wollte, trugen zusĂ€tzlich dazu bei. Dass zwischen 19. und 23. November 1942 die 6. Deutsche Armee in Stalingrad eingeschlossen worden war, war in der Zivilbevölkerung kaum – und wenn, dann vorrangig durch GerĂŒchte – bekannt. Erst im JĂ€nner 1943 verbreiteten sich die Meldungen ĂŒber Stalingrad wie ein Lauffeuer. Der Sicherheitsdienst schrieb in seinem Bericht von der wachsenden Sorge der Angehörigen. Als am 3. Februar die „Sondermeldung“ ĂŒber den Fall von Stalingrad ĂŒber das Radio verlautbart wurde, war die Reaktion in der Bevölkerung von Schock, Kummer und Depression gekennzeichnet. Der Umfang der Katastrophe war jedoch fĂŒr die Zivilbevölkerung in der Heimat so schwierig zu fassen, dass die Stimmung von absoluter KriegsmĂŒdigkeit bis zur unbedingten Zustimmung zum totalen Kriegseinsatz schwankte. Jedenfalls begann sich nun der Gedanke zu verbreiten, dass all die Opfer vergeblich gewesen sein könnten. Auch das GerĂŒcht, dass in Stalingrad nur OstmĂ€rker gekĂ€mpft hĂ€tten, kursierte. Das militĂ€rische Debakel vergrĂ¶ĂŸerte die Kluft zwischen Partei und Bevölkerung nachhaltig. In Grieskirchen ohrfeigte die Mutter eines gefallenen Sohnes den Ortsgruppenleiter, der sein Beileid ausdrĂŒcken wollte. Und das war kein Einzelfall. Trotzdem blieb die emotionale Bindung an Hitler großteils bestehen. Es gab die Tendenz, den FĂŒhrer von der Kritik auszuschließen. Als Hitler am 4. April 1943 in Linz öffentlich auftrat, fĂŒhrte das zu einem dramatischen Stimmungsanstieg in Oberdonau.

Zwar sank die öffentliche Moral nach der Katastrophe von Stalingrad, doch der Anschluss, der Nationalsozialismus an sich und vor allem Hitler standen weiterhin weitgehend außerhalb der Kritik der breiten Masse. Selbst die UnterstĂŒtzung der deutschen Kriegsanstrengungen schien ungebrochen, wie der begeisterte Empfang von Soldaten am Linzer Bahnhof zeigte. Auch die Kapitulation in Nordafrika im Mai 1943 wurde in der öffentlichen Meinung dem laschen BĂŒndnispartner Italien in die Schuhe geschoben.

Immer mehr flackerten nun aber gerade angesichts der sich verschlechternden militĂ€rischen Lage auch österreichisch-patriotische und antideutsche Gesinnungen wieder stĂ€rker auf. In der Bevölkerung war die Hoffnung verbreitet, dass österreichische Kriegsgefangene besser behandelt werden wĂŒrden als reichsdeutsche und dass die Alliierten österreichische StĂ€dte nicht bombardieren wĂŒrden. Die Alliierten ĂŒberschĂ€tzten die Berichte von den Friktionen zwischen Österreichern und Deutschen und erhofften sich von der Moskauer ErklĂ€rung vom 1. November 1943 ein SchĂŒren dieser Gesinnungen. Sie versprachen darin, nach dem Krieg die österreichische UnabhĂ€ngigkeit wieder herzustellen und ermahnten die österreichische Bevölkerung gleichzeitig dazu, an ihrer Befreiung selbst mitzuwirken. Im Rahmen der alliierten Kriegspropaganda regnete es tausende FlugblĂ€tter. Der Widerhall darauf in der Bevölkerung blieb aber gering. Zwar wurde die Hoffnung wiederbelebt, dass Österreich insbesondere von der anglo-amerikanischen Bombenoffensive verschont bleiben wĂŒrde, doch wirkten sich die amerikanischen Luftangriffe auf Steyr und Wels im FrĂŒhjahr 1944 wie „ein reinigendes Gewitter fĂŒr österreichisch verseuchte Gehirne“ aus, wie der Generalstaatsanwalt in Linz berichtete.

Ohne Zweifel setzte sich aber nach den militĂ€rischen Niederlagen ab 1943 die öffentliche Meinung – bei aller grundsĂ€tzlichen UnterstĂŒtzung fĂŒr das Regime und seiner Kriegsanstrengungen – immer mehr aus einer Mischung von Apathie, KriegsmĂŒdigkeit und Angst zusammen, wie das der Sicherheitsdienst in Linz im Juni 1943 berichtete. Eine Intensivierung der Zwangsmaßnahmen unterdrĂŒckte die offene Kritik, konnte aber die dĂŒstere Stimmung in der Bevölkerung gegen Ende des Zweiten Weltkrieges nicht verhindern. Der Terror des Regimes wurde nun auch fĂŒr die Zivilbevölkerung deutlicher und ĂŒberall sichtbar. KZ-HĂ€ftlinge wurden durch die StĂ€dte und Dörfer getrieben und verrichteten in den Nebenlagern von Mauthausen Sklavenarbeit in der Industrie, beim Bau von Luftschutzbunkern oder bei AufrĂ€umarbeiten nach Bombenangriffen.
Zwar zermĂŒrbten die vielen Fliegeralarme und Luftangriffe die Bevölkerung, war die Friedensehnsucht eine Konstante der öffentlichen Meinung und lösten Berichte vom Vordringen der Alliierten Entsetzen aus, doch blieb der NS-Konsens und die UnterstĂŒtzung des Regimes wĂ€hrend des ganzen Jahres 1944 immer noch auf hohem Niveau relativ stabil. Man glaubte auch an den Erfolg der angekĂŒndigten neuen Waffen.

Auch das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 stieß laut Bericht des Linzer Generalstaatsanwalts in der Bevölkerung auf keine Sympathie und die freudige Erleichterung, dass Hitler wie durch ein Wunder ĂŒberlebt hatte, war groß. Das ohnehin schon belastete Vertrauen der Bevölkerung in die Heeresleitung, die in das Attentat verwickelt war, wĂ€re allerdings neuerlich erschĂŒttert worden.
Vor allem der stĂ€ndig zunehmende FlĂŒchtlingsstrom aus dem Osten nĂ€hrte die von der NS-Propaganda geschĂŒrte aggressive Angst vor dem Bolschewismus und der Roten Armee und veranlasste viele Oberösterreicher dazu, trotz KriegsmĂŒdigkeit die deutschen Kriegsanstrengungen weiterhin zu unterstĂŒtzen. So schlossen sich auch viele Zivilisten der SS an, als es darum ging, die am 3. Februar 1945 aus dem KZ Mauthausen entflohenen sowjetischen Kriegsgefangenen aufzustöbern und zu erschießen.


Aus: Goldberger, Josef - Cornelia Sulzbacher: Oberdonau. Hrsg.: Oberösterreichisches Landesarchiv (Oberösterreich in der Zeit des Nationalsozialismus 11).- Linz 2008, 256 S. [Abschlussband zum gleichnamigen Forschungsprojekt des Oberösterreichischen Landesarchivs 2002-2008.]

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