Forum OÖ Geschichte

Der "Anschluss"

Im unter Druck zustande gekommenen Berchtesgadener Abkommen vom 12. Februar 1938 schrieb das Deutschen Reich dem Bundesstaat Österreich eine Reihe von Maßnahmen zur BegĂŒnstigung der österreichischen Nationalsozialisten vor. Zwischen dem 12. Februar 1938 und dem Anschluss etablierte sich in Österreich und seinen BundeslĂ€ndern eine Art Doppelherrschaft. Die NSDAP blieb zwar offiziell verboten, dennoch konnten sich die Nationalsozialisten innerhalb der VaterlĂ€ndischen Front legal betĂ€tigen. Lageberichten der Gendarmerie zufolge traten die Nationalsozialisten schon in den Wochen vor dem Anschluss immer offener und aggressiver auf. Vermehrt kam es nun auch zu nationalsozialistischen Demonstrationen. In einer Flucht nach vorn kĂŒndigte Bundeskanzler Schuschnigg am 9. MĂ€rz 1938 fĂŒr den 13. MĂ€rz eine Volksbefragung ĂŒber die UnabhĂ€ngigkeit Österreichs an. Diese AnkĂŒndigung nahm Hitler zum Anlass, gewaltsam gegen Österreich vorzugehen. Im Laufe des 11. MĂ€rz beugten sich Bundeskanzler Schuschnigg und BundesprĂ€sident Miklas den ultimativen Forderungen Hitlers. Schuschnigg setzte die geplante Volksbefragung ab, trat als Bundeskanzler zurĂŒck und hielt am Abend desselben Tages seine Abschiedsrede im Österreichischen Rundfunk. Auch der vorerst noch Widerstand leistende Miklas stimmte schließlich kurz vor Mitternacht der Ernennung des Nationalsozialisten Seyß-Inquart zum neuen Bundeskanzler zu. Die neu gebildete Regierung gelobte er Tags darauf an.

Über all diese VorgĂ€nge war der Gauleiter der illegalen NSDAP in Oberösterreich, August Eigruber, beinahe zeitgleich informiert. An den HĂ€usern der Linzer Landstraße wurden am 11. MĂ€rz die ersten Hakenkreuzfahnen gehisst und am Abend mĂŒndete ein von SA und SS organisierter Fackelzug in eine „Freudenkundgebung“ am Hauptplatz mit tausenden Menschen.
Das Grundmuster des Anschlusses – die militĂ€rische Okkupation durch die deutsche Wehrmacht von außen und die politische MachtĂŒbernahme durch die Nationalsozialisten von innen – war im Wesentlichen in allen BundeslĂ€ndern gleich. Auch die weitere Entwicklung verlief ĂŒberall Ă€hnlich: sofort einsetzende politisch, sozial und rassisch motivierte Verfolgungsmaßnahmen mit zahlreichen Verhaftungen, Entziehung jĂŒdischen Eigentums (Arisierung), Kampf gegen die Kirchen, Volksabstimmungspropaganda, personelle SĂ€uberungen in der Beamtenschaft, Verwaltungsumbau.

Hitlers Aufenthalt in Linz
Trotzdem fallen fĂŒr Oberösterreich einige Besonderheiten auf, die vor allem mit der besonderen Rolle zu tun haben, die Linz einnahm. Durch den Aufenthalt Hitlers in seiner Heimatstadt Linz vom 12. bis zum 14. MĂ€rz 1938 war die Patenstadt des FĂŒhrers fĂŒr 36 Stunden Mittelpunkt des weltpolitischen Geschehens. Hier fiel nicht nur Hitlers Entscheidung fĂŒr den totalen Anschluss, hier vergab er auch die wichtigste Machtposition in Österreich fĂŒr die nĂ€chsten zwei Jahre dem Gauleiter des Gaues Saarpfalz, Josef BĂŒrckel. Hitler ernannte ihn zum kommissarischen Leiter der NSDAP in Österreich. Am 23. April wurde BĂŒrckel dann Reichskommissar fĂŒr die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich.

Hitlers Aufenthalt in Linz bekrĂ€ftigte die ohnehin schon starke Position von August Eigruber noch zusĂ€tzlich. Er ĂŒbernahm noch am Abend des 11. MĂ€rz im Landhaus die GeschĂ€fte von Landeshauptmann Heinrich Gleißner. Im Linzer Rathaus wurde BĂŒrgermeister Wilhelm Bock vom Kreisleiter der illegalen NSDAP, Sepp Wolkerstorfer, abgelöst. Gleißner und Bock wurden wenige Tage spĂ€ter verhaftet und ins Konzentrationslager Dachau gebracht. Dr. Anton Fellner (Schriftleiter des Österreichischen Beobachters) und Dr. Josef Plakolm (spĂ€ter Polizeichef von Linz) organisierten die Übernahme der Bundespolizeidirektion Linz. Der Linzer Rundfunksender wurde ebenso besetzt wie viele Druckereien, die Gleichschaltung der Presse in Oberösterreich war damit eingeleitet. Auch in vielen anderen grĂ¶ĂŸeren Orten Oberösterreichs ĂŒbernahmen lokale Nationalsozialisten am 11. und 12. MĂ€rz die Macht.

Der Einmarsch deutscher Truppen
Der Einmarsch der deutschen Truppen war alles andere als generalstabsmĂ€ĂŸig geplant. Einige Zeit lang hatte Österreich militĂ€rischen Widerstand erwogen; dies hĂ€tte fĂŒr die deutschen Truppen durchaus verhĂ€ngnisvolle Folgen haben können. Besonders fĂŒr den oberösterreichischen Raum existierten detaillierte VerteidigungsplĂ€ne des Bundesheeres. Doch als am 11. MĂ€rz die von Hitler tags zuvor befohlene deutsche Mobilmachung gemeldet wurde, erhielten die militĂ€rischen Einheiten im Auftrag des Bundeskanzlers Schuschnigg die Weisung, keinen Schuss abzugeben. In seiner berĂŒhmt gewordenen Rundfunkansprache teilte Schuschnigg mit, dass man der Gewalt weiche.
Von MĂŒhldorf am Inn aus wurde der improvisierte und teilweise chaotisch ablaufende Einmarsch der Deutschen in Österreich koordiniert. In den frĂŒhen Morgenstunden des 12. MĂ€rz passierten die ersten grĂ¶ĂŸeren Einheiten der Deutschen Wehrmacht die deutsch-österreichische Grenze. In Linz wurden die deutschen Truppen gegen Mittag begeistert empfangen. Dorthin eilte auch die eben vereidigte neue österreichische Bundesregierung, um Adolf Hitler zu empfangen. Hitler, der um 16 Uhr in Braunau die österreichische Grenze ĂŒberschritt, traf gegen 20 Uhr unter unbeschreiblichem Jubel in Linz ein und hielt vom Balkon des Rathauses eine kurze Rede. Erst hier in Linz beschloss er – beflĂŒgelt von der begeisterten Kulisse – den ursprĂŒnglichen Plan einer „Personalunion“ der beiden Staaten Deutschland und Österreich zugunsten eines sofortigen und vollstĂ€ndigen Anschlusses zu verwerfen. Diesen Entschluss teilte Hitler am 13. MĂ€rz bei einem Mittagessen in seinem Quartier, dem Hotel Weinzinger an der Unteren DonaulĂ€nde, den zehn geladenen „verdienstvollsten“ und „treuesten“ oberösterreichischen Nationalsozialisten mit. AusfĂŒhrlich ging er dabei auch auf die geplante Ausgestaltung von Linz ein. Noch am Nachmittag des 13. MĂ€rz wurde das in Linz konzipierte Gesetz ĂŒber die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich von der österreichischen Bundesregierung in Wien unterzeichnet. Um 17 Uhr trat BundesprĂ€sident Miklas zurĂŒck.

Verhaftungswellen und erste Opfer
Noch wĂ€hrend Hitler bis zum Vormittag des 14. MĂ€rz in Linz weilte, setzten die ersten grĂ¶ĂŸeren Verhaftungswellen ein. ZunĂ€chst waren davon vor allem prominente Vertreter des vaterlĂ€ndischen Lagers und Juden betroffen. Noch im MĂ€rz erging Weisung an die Gendarmerieposten, alle in ihrem Überwachungsrayon wohnhaften Juden zu melden. Auch jĂŒdisches Vermögen fiel kurz nach dem Anschluss RaubzĂŒgen zum Opfer: Bereits Ende MĂ€rz war ein Großteil der jĂŒdischen GeschĂ€fte und Betriebe der „wilden“ Arisierung anheim gefallen und wurde von heimischen Nationalsozialisten kommissarisch verwaltet. Erst wĂ€hrend der nĂ€chsten Wochen fĂŒhrten die Behörden das wĂŒste Treiben dieser „wilden Kommissare“ mehr und mehr einer geregelten Arisierung jĂŒdischen Vermögens (der, wie es offiziell hieß, legalen Entjudung) zu. Die ab Mai 1938 im Wiener Ministerium fĂŒr Handel und Verkehr eingerichtete Vermögensverkehrsstelle sollte diese legale Arisierung koordinieren. In Linz wurde mit der Dienststelle fĂŒr kommissarische Besetzungen eine Zweigstelle eingerichtet.

Unter den ersten Todesopfern der Nationalsozialisten in Oberösterreich waren Polizeiangehörige: Zwischen 14. und 17. MÀrz wurden Dr. Viktor Benz, seit 1934 Linzer Polizeidirektor, PolizeikommissÀr Dr. Ludwig Bernegger sowie Josef Schmirl und Josef Feldmann, beide Kriminalinspektoren bei der Polizeidirektion, ermordet. Insgesamt waren von den Verhaftungen in den ersten Wochen nach dem 12. MÀrz in Oberösterreich einige hundert Menschen betroffen.


Aus: Goldberger, Josef - Cornelia Sulzbacher: Oberdonau. Hrsg.: Oberösterreichisches Landesarchiv (Oberösterreich in der Zeit des Nationalsozialismus 11).- Linz 2008, 256 S. [Abschlussband zum gleichnamigen Forschungsprojekt des Oberösterreichischen Landesarchivs 2002-2008.]


60 Jahre "Anschluss" - Videobeitrag des Archivs der Stadt Linz

Linz stand wÀhrend des "Anschlusses" im MÀrz 1938 im Mittelpunkt des Weltgeschehens. WÀhrend politische, ethnische und soziale Minderheiten verfolgt wurden, sollte der Ausbau der Stadt zur Kulturmetropole erfolgen.

Dauer: 3:05 Minuten
Produktion: Archiv der Stadt Linz / Stadtkommunikation
http://www.linz.at/geschichte/de/989.asp
Lizenz: Standard-YouTube-Lizenz
Veröffentlicht am 01.08.2012

© 2018