Forum OÖ Geschichte

„Der Zweite Weltkrieg geht in Oberösterreich zu Ende“, formulierte Harry Slapnicka, denn der Reichsgau Oberdonau gehörte zu jenem Kriegsgebiet, in dem angesichts der zerbrechenden Fronten in West und Ost am lĂ€ngsten Ruhe herrschte.

FlĂŒchtlingsmassen
Deswegen war Oberdonau gegen Ende des Zweiten Weltkrieges auch ein Hort prominenter FlĂŒchtlinge und FlĂŒchtlingsgruppen. Im JĂ€nner 1945 beispielsweise kam die ungarische Nationalbank von Ödenburg nach Spital am Pyhrn. In der Gruft der Stiftskirche wurde der gesamte Goldschatz der ungarischen Nationalbank eingelagert. Am prominentesten war wohl die slowakische Staatsregierung unter StaatsprĂ€sident Tiso, deren Ministern, Abgeordneten, Beamten und Familien im Februar und MĂ€rz 1945 – zu einer Zeit, als die sowjetische Front schon knapp vor Preßburg verlief – das aufgelassene, im April 1941 beschlagnahmte und im November 1941 zugunsten des Gaues Oberdonau eingezogene Stift KremsmĂŒnster als Ausweichquartier zur VerfĂŒgung gestellt wurde. Die slowakische SelbststĂ€ndigkeit war zwar im MĂ€rz 1939 durch freie Entscheidung des slowakischen Parlaments proklamiert worden, doch handelte es sich faktisch um einen Satellitenstaat Großdeutschlands. Nach Kriegsende wurden die slowakischen Politiker von der amerikanischen Besatzungsmacht meist an die Tschechoslowakei ausgeliefert.

In KremsmĂŒnster waren außerdem hunderte FlĂŒchtlinge aus Schlesien und dem Banat, eine Deutsche Heimschule (fĂŒr Kinder, deren VĂ€ter an der Front oder gefallen waren, und Kinder volksdeutscher RĂŒckwanderer), ungarische Gendarmen, Teile der Gestapo und der Sicherheitsdienst aus Linz einquartiert.

Der Oberbefehlshaber der alliierten Invasionstruppen, Dwight Eisenhower, forcierte gegen den Protest Winston Churchills den Vormarsch nach SĂŒddeutschland und Österreich, um den RĂŒckzug deutscher Eliten und Truppenteile in die von ihm ĂŒberschĂ€tzte Alpenfestung zu verhindern. Im Gegensatz dazu wollte Churchill das Augenmerk verstĂ€rkt auf Norddeutschland legen, um die sowjetischen Truppen nicht zu weit vordringen zu lassen. Wenn auch Hitler gelegentlich mit dem Gedanken gespielt haben mag, von den Alpen aus den Krieg weiterzufĂŒhren, bis die erhofften Spannungen unter den Alliierten Deutschland in eine neue und bessere Position bringen wĂŒrden, war die Alpenfestung doch nur ein Phantom. Erst lange nachdem der Begriff aufgetaucht war, erging der Befehl Hitlers zum Ausbau der Kernfestung Alpen: am 28. April 1945, drei Tage vor Hitlers Selbstmord und zehn Tage vor Kriegsende. Mit dem Tiroler Gauleiter Franz Hofer existierte sogar noch ein offiziell ZustĂ€ndiger fĂŒr das Projekt Alpenfestung, doch ausrichten konnte Hofer nichts mehr.

In Oberösterreich standen zur Abwehr nur noch die Division Nr. 487 unter dem deutschen General Paul Wagner, einige desorientierte Truppenteile von Lothar Rendulics Heeresgruppe Ostmark, eine stark geschwĂ€chte Flakbrigade Oberdonau, ein Einsatzkommando der Waffen-SS mit SS-ObersturmbannfĂŒhrer Otto Skorzeny und Einheiten des Volkssturms zur VerfĂŒgung. Eigruber und Rendulic versuchten, Durchhaltewillen und Disziplin durch scharfe Drohungen aufrecht zu erhalten.

In Eigrubers Rundspruch Nr. 64 heißt es:

„Ich bin nunmehr entschlossen, gegen flĂŒchtige politische Leiter, Dienststellenleiter des Staates sowie gegen höhere MilitĂ€rstellen und Offiziere, welche sich anmaßend benehmen, selbst Beschlagnahmen durchfĂŒhren oder gar zersetzend wirken, brutal einzuschreiten. Ich ermĂ€chtige die Kreisleiter und LandrĂ€te mit Hilfe der Gendarmerie und des Deutschen Volkssturms, in allen diesen FĂ€llen selbstĂ€ndig einzuschreiten. Diese sind entweder sofort dem Standgericht zu ĂŒberantworten oder in besonderen FĂ€llen sofort zu erschießen.“

Rendulic gab die Weisung aus:

„Ab 15. April Mittag sind alle Soldaten aller Wehrmachtsteile, die abseits ihrer Einheit auf Straßen, in Ortschaften, in Trossen oder Ziviltrecks, auf VerbandsplĂ€tzen, ohne verwundet zu sein, angetroffen werden, standrechtlich zu erschießen.“

Der Vormarsch der Alliierten
In den April- und Maitagen 1945 hatte Oberösterreich die Funktion einer Etappe hinter der Ostfront und wurde zugleich Westfront und noch immer FlĂŒchtlingsdurchzugs- und Aufnahmeland. Es herrschte ein chaotisches Durcheinander von militĂ€rischer, Partei- und VerwaltungszustĂ€ndigkeit. Politische und militĂ€rische Maßnahmen von Rendulic und Eigruber, der ja auch Reichsverteidigungskommissar von Oberdonau war, ĂŒberschnitten sich.

Die Alliierten hatten bereits verschiedene PlĂ€ne zur Teilung und Besetzung Österreichs. MilitĂ€rischer Widerstand konnte ihnen kaum mehr geleistet werden. Und so wurde das diplomatische Tauziehen um die kĂŒnftige Österreich-Politik bald von der militĂ€rischen Entwicklung und der De-facto-Besatzung ĂŒberholt.

Ende April 1945 standen die Sowjetarmee und die Amerikaner vor den Grenzen Oberösterreichs. Die sowjetischen Truppen hatten bereits am 29. MÀrz 1945 österreichischen Boden betreten, stellten ihr rasches Vordringen und ihre Westoffensive zunÀchst aber Mitte April mit Erreichen der Traisenlinie in Niederösterreich ein.

Die amerikanischen Truppen marschierten zwar erst einen Monat spĂ€ter (am 28. April in Tirol) in Österreich ein, besetzten aber noch vor den sowjetischen Truppen in der ersten Maiwoche (zwischen 30. April und 7. Mai) mit Ausnahme der östlichen Landesteile ganz Oberösterreich. Dabei drangen die ersten Divisionen von der bayerisch-oberösterreichischen Grenze aus vorwiegend ĂŒber das MĂŒhlviertel (Kollerschlag – Neufelden – Walding bzw. Zwettl – Haselgraben) nach Linz vor. Vereinzelt kam es zu kleineren lokalen KĂ€mpfen. Der Linzer Kreisleiter Franz Danzer und der wegen seiner Englischkenntnisse beigezogene Chirurg Fritz Rosenauer fĂŒhrten am 4. Mai in Rottenegg mit den Amerikanern GesprĂ€che zur Übergabe von Linz. Die gewĂŒnschte bedingungslose Kapitulation der militĂ€rischen FĂŒhrung durch den Linzer Stadtkommandanten General Alfred Kuzmany fand nicht statt. Dennoch blieb ein Angriff auf Linz aus. Am 5. Mai gegen Mittag nahmen die ersten US-Truppen die Stadt kampflos ein.

Das Ende des Krieges - AuszĂŒge aus der Pfarrchronik Vorchdorf

"1945 - 2. Mai: Die Ereignisse scheinen sich zu ĂŒberstĂŒrzen. Hoffentlich zeigt sich der Gauleiter den Interessen der Bevölkerung gewachsen. Seine Rede heute gegen 8 h abends war nicht sehr durchsichtig. Heute morgens neuer SS-Zuzug, Truppen marschierten nach SĂŒdosten durch, viel SS aber bleibt bis dato hier liegen."

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"1945 - 2. Mai: Die Ereignisse scheinen sich zu ĂŒberstĂŒrzen. Hoffentlich zeigt sich der Gauleiter den Interessen der Bevölkerung gewachsen. Seine Rede heute gegen 8 h abends war nicht sehr durchsichtig. Heute morgens neuer SS-Zuzug, Truppen marschierten nach SĂŒdosten durch, viel SS aber bleibt bis dato hier liegen. Der Kommandierende Leutnant des WehrertĂŒchtigungslagers meldete sich gestern an die Front und ging heute ab! FĂŒr den Klerus sicherlich eine Erleichterung der Lage."

„1945 – 5. Mai:  Sehr bald nach meinem Weggehen brachte die SS in Bergern 1 GeschĂŒtz und 2 Maschinengewehre in Stellung. Das Kommando wurde in das Haus des BĂŒrgermeisters [
] gelegt, wie mir dessen Tochter [
] bereits eine Stunde spĂ€ter weinend erzĂ€hlte. Inzwischen war ich auf Nachschau gegangen, traf vor der BrĂŒcke [
], die im Parrhof meldeten, dass ich nicht, wie ursprĂŒnglich beabsichtigt zu Familie [
] in Hörbach gegangen war, sondern  in der MĂŒhle zu Messenbach mich aufhielt. Etwa um 10:00 Uhr vormittags war das 1. Amerikanische Auto in Vorchdorf eingerollt. Als ich gegen 11:00 Uhr ĂŒber den Platz ging, war die Entwaffnung des MilitĂ€rs und der SS in vollem Gange. P. Heinrich berichtete mir, dass er mit Dr. [
] eine Rote-Kreuz-Station fĂŒr 1. Hilfe im Speiszimmer errichtet hatte und das alles secundum quid wohlauf sei. Es wehten auch bereits die ersten rot-weiß-roten Fahnen neben manchen weißen; eine Anzahl von HĂ€usern hatte ĂŒberhaupt noch nicht beflaggt. Herr [
], der neben dem Volkssturm-Kompagnie-Kommandanten [
] von der SS wegen Entfernung von Panzersperren am hĂ€rtesten bedrĂ€ngt u. durch einen Schlag mit einer Maschinenpistole  an der Hand verwundet war, kam in den Pfarrhof und wurde, so gut als möglich betreut. Gegen  12:00 Uhr ging ich nochmals in die MĂŒhle und holte das Allerheiligste heim. Das Ärgste war gut vorĂŒbergegangen. Deo gratias!“

Quelle: Auszug aus der Pfarrchronik der Pfarre Vorchdorf 1936-1950, verfasst von Dr. Rudolf Hundstorfer, OSB, ehem. Pfarrvikar in Vorchdorf, KremsmĂŒnster 1946/1947.

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Um den 1. Mai 1945 hatten sich Amerikaner und Sowjetarmee auf eine Demarkationslinie durch Oberösterreich geeinigt, die die Besatzungszonen voneinander trennte. Diese verlief entlang der Bahnlinie Mauthausen-Freistadt und weiter entlang der Enns und teilte somit die Stadt Steyr. WĂ€hrend die Amerikaner von Westen her bereits Anfang Mai bis an diese Demarkationslinie vorgedrungen waren, betrat bis Kriegsende kein sowjetischer Soldat oberösterreichischen Boden. Erst zwischen dem 10. und 12. Mai besetzten sowjetische Einheiten das Gebiet östlich der Demarkationslinie: 42 Gemeinden im MĂŒhlviertel, acht Gemeinden östlich der Enns sowie die Steyrer Stadtteile MĂŒnichholz und Ennsleiten. SpĂ€ter erreichten die sowjetischen Truppen durch lokale Verhandlungen noch eine Verschiebung der Demarkationslinie im MĂŒhlviertel nach Westen bis zur Bundesstraße Linz-Freistadt, wodurch die Gemeinden Wartberg und Neumarkt geteilt wurden. Diese Demarkationslinie war bis Ende Juli die gĂŒltige Zonengrenze. Die von der Zonengrenze zerschnittenen Bezirke Perg und Freistadt sollten verwaltungsmĂ€ĂŸig Niederösterreich angegliedert werden. Die provisorische Landesregierung Niederösterreichs setzte einen Bezirkshauptmann fĂŒr Perg ein. Am 5. Juni wurde der Übergang an der Enns gesperrt.

Doch die sowjetischen Truppen strebten die Besetzung des gesamten MĂŒhlviertels an, um die tschechoslowakische Grenze und die Donauschifffahrt kontrollieren zu können. Am 9. Juli beschloss die EuropĂ€ische Beratungskommission in London die endgĂŒltige Aufteilung Österreichs in vier Besatzungszonen. Das ganze MĂŒhlviertel wurde nun sowjetische, das Gebiet sĂŒdlich der Donau amerikanische Besatzungszone. In den letzten Julitagen rĂ€umten die amerikanischen Truppen das MĂŒhlviertel und die sowjetischen Truppen das Gebiet östlich der Enns. In der ersten Augustwoche besetzten sowjetische Soldaten das gesamte MĂŒhlviertel und sperrten die NibelungenbrĂŒcke. Die Zonengrenzen konnten von der oberösterreichischen Bevölkerung zunĂ€chst gar nicht, spĂ€ter nur mit Passierschein und schließlich mit einem viersprachigen IdentitĂ€tsausweis ĂŒberschritten werden.

Im Gegensatz zur sowjetischen Besatzungsmacht begannen die Amerikaner in ihrer Zone gleich nach Kriegsende mit der DurchfĂŒhrung einer rigiden Entnazifizierung. Sie erließen den „automatischen Arrest“ ĂŒber bestimmte Personengruppen nach Position und Rang innerhalb des NS-Systems. Die Inhaftierungen erfolgten im „Camp Marcus W. Orr“ in Salzburg, dem so genannten Lager Glasenbach ab September 1945. Ab Anfang 1946 ĂŒberließen auch sie der österreichischen Regierung die Entnazifizierungskompetenz fĂŒr das ganze Land und zogen sich auf eine Kontrollfunktion zurĂŒck. Das Lager Glasenbach ĂŒbergaben sie jedoch erst im August 1947 den österreichischen Behörden.

Die Entnazifizierung auf Grundlage von österreichischen Gesetzen (Verbotsgesetz 1945, Kriegsverbrechergesetz 1945, Nationalsozialistengesetz 1947) wurde sowohl politisch-bĂŒrokratisch wie auch justiziell durchgefĂŒhrt.

Die politisch-bĂŒrokratische Entnazifizierung basierte vor allem auf der Registrierung der Nationalsozialisten mit SĂŒhnefolgen und betraf in Oberösterreich knapp 90.000 Personen. Auf strafrechtlich-justizieller Ebene bediente man sich so genannter Volksgerichte an den Landesgerichten Wien (fĂŒr die sowjetische Zone), Graz (fĂŒr die britische Zone), Linz (fĂŒr die amerikanische Zone) und Innsbruck (fĂŒr die französische Zone).

Die Volksgerichte wurden eigens zur Aburteilung von NS-Verbrechen eingerichtet. Sie bestanden bis 1955 und fĂ€llten in ganz Österreich ĂŒber 13.600 SchuldsprĂŒche, darunter 43 Todesurteile, von denen 30 vollstreckt wurden. Vor dem im Mai 1946 eingerichteten Volksgericht Linz wurden 6000 Personen wegen vermuteter NS-Verbrechen angeklagt und 4300 verurteilt. Darunter waren zwei Verurteilungen zu lebenslanger Haft und drei Todesurteile, von denen eines vollstreckt wurde.

Ab 1948 kam es durch mehrere Amnestie-Gesetze zu EntschĂ€rfungen der Entnazifizierung. So waren die noch 1945 vom Wahlrecht ausgeschlossenen „Minderbelasteten“ bei den Wahlen 1949 wieder stimmberechtigt. Der Kalte Krieg, die Etablierung der sozialpartnerschaftlichen Konsensdemokratie in Österreich und das Buhlen von SPÖ und ÖVP um die Stimmen der „Ehemaligen“ fĂŒhrten dazu, dass die Auseinandersetzung mit Österreichs NS-Vergangenheit mehr und mehr aus dem gesellschaftspolitischen Diskurs verschwand. 1949 kandidierte erstmals der Verband der UnabhĂ€ngigen (VdU), der vehement gegen die Entnazifizierung auftrat und sich in der Folge zum Sammelbecken des nationalen Lagers entwickelte. Viele Belastete wurden in den Folgejahren durch den BundesprĂ€sidenten begnadigt. 1957 erfolgte eine generelle Amnestie, die rechtsgĂŒltige Verurteilungen nach dem Verbotsgesetz (AusĂŒbung einer höheren Funktion in den nationalsozialistischen Organisationen, ohne dass die betreffende Person ein tatsĂ€chlich mit Strafe bedrohtes Verbrechen begangen hatte) und dem Kriegsverbrechergesetz (wenn die verhĂ€ngte Strafe nicht mehr als 5 Jahre betrug) tilgte.


Aus: Goldberger, Josef - Cornelia Sulzbacher: Oberdonau. Hrsg.: Oberösterreichisches Landesarchiv (Oberösterreich in der Zeit des Nationalsozialismus 11).- Linz 2008, 256 S. [Abschlussband zum gleichnamigen Forschungsprojekt des Oberösterreichischen Landesarchivs 2002-2008.]

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