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Deutsche Landfrauen

Das zentrale Anliegen der NS-Wirtschaftspolitik im agrarischen Sektor war, das Deutsche Reich in ernĂ€hrungswirtschaftlicher Hinsicht autark zu machen, um im Kriegsfall die Versorgung der heimischen Bevölkerung sicherzustellen und Devisen in die RĂŒstungsindustrie umleiten zu können. Nur durch eine weitgehende Identifikation der Bauern und BĂ€uerinnen mit Staat und Politik konnte dieses Ziel erreicht werden. Doch galt den NS-Machthabern die traditionell katholisch-christlichsoziale Bauernschaft als unsicheres Klientel.

Die Skepsis der Bauern und BĂ€uerinnen versuchte man durch eine Idealisierung ihres Berufsstandes, konkrete Modernisierungsangebote und finanzielle Anreize zu ĂŒberwinden.

Um die sozialen Differenzierungen innerhalb der weiblichen Landbevölkerung im Konstrukt der Volksgemeinschaft aufgehen zu lassen, wurde der Begriff der deutschen Landfrau eingefĂŒhrt, der auf die GroßbĂ€uerin ebenso wie fĂŒr die Landarbeiterin zutreffen sollte.

Landes-, Kreis- und OrtsbauernfĂŒhrerinnen
Die Bauernschaft des Dritten Reiches (ReichsnĂ€hrstand) war territorial in Landesbauernschaften eingeteilt. Die interne Organisationsstruktur der Landesbauernschaft setzte sich auch in Oberdonau in den Kreis- und Ortsbauernschaften mit ihren Kreis- und OrtsbauernfĂŒhrern fort. Die weibliche Parallelstruktur mit Landes-, Kreis- und OrtsbauernfĂŒhrerinnen (die jedoch nicht in allen Ortschaften ernannt werden konnten) war hierarchisch unter der mĂ€nnlichen positioniert. Ihre Aufgabe war es, den Frauen mit VortrĂ€gen und Schulungen die frauenspezifischen AnsprĂŒche des Regimes nahe zu bringen. Da sich NSF und DFW in den Dörfern oft nicht entsprechend etablieren und verankern konnten, sollten die BauernfĂŒhrerinnen fĂŒr eine Politisierung der deutschen Landfrauen sorgen.

Ab Ende 1939 wurde vermehrt intensives Organisationsleben mit vielen gut besuchten frauenspezifischen Veranstaltungen des ReichsnĂ€hrstandes demonstriert: OrtsbĂ€uerinnentagungen, lokale Landfrauentage, Schulungen der Kreisbauernschaften. Der „Erste Landfrauentag Oberdonaus“ am 19. MĂ€rz 1940 schloss den Aufbau der Organisationsstruktur der Deutschen Landfrauen in Oberdonau vorlĂ€ufig ab.

Von der Hausfrau und Mutter zur produktionsverantwortlichen Frau
Mit Fortdauer des Krieges begannen die BĂ€uerinnen und Landarbeiterinnen unter dem Abgang der MĂ€nner zu leiden. Das hatte Auswirkungen auf ihr Engagement in den frauenpolitischen Organisationen. Die NS-Frauenpolitik reagierte darauf mit einer Neudefinition des Frauenideals: weg von der Hausfrau und Mutter, hin zur berufstĂ€tigen produktionsverantwortlichen Frau. Eine Erleichterung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Frauen durch moderne technische Hilfsmittel und staatliche Hilfen (ErntekindergĂ€rten der NS-Volkswohlfahrt, Landjahr, Reichsarbeitsdienst) sollten damit einhergehen. Auch eine Verbesserung der Ausbildung durch den Ausbau des landwirtschaftlichen MĂ€dchenschulwesens wurde angestrebt, in Oberdonau aber nur bruchstĂŒckhaft verwirklicht. SpĂ€ter sollten die Landfrauen durch den Einsatz von Zwangsarbeiterinnen entlastet werden. All diese Maßnahmen sollten dazu fĂŒhren, die Landfrauen weiter positiv gestimmt zu halten. Da die Agrarproduktion auf die KriegsverhĂ€ltnisse umgestellt und der ReichsnĂ€hrstand in die Kriegswirtschaft eingefĂŒgt wurde, war man auf die LoyalitĂ€t der Landfrauen angewiesen.

Die Verordnung ĂŒber die öffentliche Bewirtschaftung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen regelte die Erfassung, Verteilung und den Verbrauch der landwirtschaftlichen Produkte, legte die Eigenversorgung der landwirtschaftlichen Betriebe fest und erklĂ€rte das darĂŒber hinaus Produzierte fĂŒr ablieferungspflichtig.

Mit Kriegsbeginn wurden die immer mehr in der Verantwortung der BÀuerinnen liegenden Bauernhöfe zur Heimatfront und die Hauswirtschaft zum integralen Bestandteil der Erzeugungsschlacht, wie die NS-Propaganda die kriegswichtige Steigerung der landwirtschaftlichen ErtrÀge nannte.

Reichserbhofgesetz (REG)
Das im Deutschen Reich seit September 1933 wirksame und in der Ostmark mit August 1938 in Kraft getretene Reichserbhofgesetz (REG) sah fĂŒr Bauernhöfe zwischen 7,5 und 125 Hektar, deren BesitzerInnen von deutschem oder stammesgleichen Blut definiert und als bauernfĂ€hig eingestuft wurden, den Titel „Erbhof“ vor. Erbhöfe durften nicht verkauft, finanziell belastet oder aufgeteilt werden. Die Anerbenordnung war das geschlechtsspezifische KernstĂŒck des REG. Sie legte die Reihenfolge der Erbberechtigten bei der ungeteilten Vererbung von Höfen fest. Dabei fand die Ehefrau keine ErwĂ€hnung, die Tochter folgte als erste weibliche Anerbin erst auf Platz neun. De facto bedeutete dies ein Ende der freien VerfĂŒgung ĂŒber bĂ€uerliches Eigentum und den Ausschluss der Frau als Besitzerin von Hof und Grund.

Die Orts- und KreisbauernfĂŒhrer und die Anerbengerichte hatten einen Handlungsspielraum zwischen den ideologischen Vorgaben und den lokalen Erfordernissen und konnten die Anerbenordnung in gewissem Maße aufbrechen. So wurden ErbhofĂŒbergaben auch an Töchter oder Nichten dann genehmigt, wenn eine WeiterfĂŒhrung des Hofes im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie durch mĂ€nnliche Erben nicht gegeben schien.

Die KriegsumstĂ€nde fĂŒhrten dazu, dass im Oktober 1943 die Erbhoffortbildungsordnung erlassen wurde. Dieses pragmatische Regelwerk hob die alleinige mĂ€nnliche Erbfolge auf, reihte die Töchter vor den BrĂŒdern und gab auch der Ehefrau den Status einer Erbberechtigten. Eine zentrale Intention des REG, nĂ€mlich die VerdrĂ€ngung der Hofbesitzerin, war damit durch den Kriegsverlauf gescheitert. Der zu starke Widerspruch zum traditionellen bĂ€uerlichen Eigentumsbegriff tat ein Übriges dazu.

WÀhrend die Aufwertung, Professionalisierung und Mechanisierung der landwirtschaftlichen Frauenarbeit ein Angebot an die deutsche Landfrau darstellten, wurden die öffentliche Bewirtschaftung der Landwirtschaft mit dem Selbstvermarktungsverbot und die vaterrechtlichen Bestimmungen des REG als Zumutung empfunden.


Aus: Goldberger, Josef - Cornelia Sulzbacher: Oberdonau. Hrsg.: Oberösterreichisches Landesarchiv (Oberösterreich in der Zeit des Nationalsozialismus 11).- Linz 2008, 256 S. [Abschlussband zum gleichnamigen Forschungsprojekt des Oberösterreichischen Landesarchivs 2002-2008.]

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